Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die ״Antisemitische Korrespondenz״ des Herrn Liebermann v. Sonnenberg ist ohne Angabe von Gründen von der russischen Censurbehörde fdr den ganzen Umfang der russischen Monarchie verboten worden. Kolberg. Sonntag, den 25. Juli, fand die Feier des 25jährigen Bestehens |des hiesigen jüdischen Curhospitals in Gegenwart vieler Gönner und Freunde der weithin segensreich wirkenden Anstalt im Betsaale daselbst statt. Ausgezeichnet war die Feier durch die Anwesenheit eines ■^ohlthäters, der das Comite zur Herstellung eines Neubanes durch opferwillige Begeisterung in seinem Bestreben ermutigt und unterstützt. Nach einleitenden liturgischen Gesängen betrat Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt die Ranzel. In weihevollen herzbewegenden Worten schilderte der Festredner das Entstehen und stetige Wachsen des mit kleinen Mitteln begonnenen humanen Werkes und widmete allen Wohlthätern nah und fern warme Dankesworte. In Anlehnung an Jesaia 54, 2: ״Verbreitere den Raum deines Zeltes und weithin sollen die Teppiche deiner Wohnung sicji spannen“, wies er auf die Notwendigkeit hin, an die Stelle des jetzigen, nicht mehr zweckdienstlichen Baues, der dem Verfall entgegeneilt, einen Neubau zu errichten, der allen hygienischen Anforderungen der Gegenwart entsprechen soll. Wie er mit freudiger Genugthuung, das bisher von edlen Menschenfreunden Geleistete anerkenne, so hege er auch das volle Vertrauen, dass das Werk der Barmherzigkeit einer schönen Vollendung entgegengeführt werden würde. Strassburg i E. Die Ausstellung der Bilder aus dem jüdischen Leben, welche der aus dem Eisass stammende ausgezeichnete Zeichner Levy bei Musikalienhändler Wolf in der Meisengasse veranstaltet hatte, ist viel besucht worden und hat lebhaftes Interesse erregt. Conservator Dr. Seyboth hat für die Stadt eine Sammlung der interessanten Arbeiten erworben, welche ihren Platz im Museum finden werden. Als Muster von Typen aus dem elsässischen Volksleben der vergangenen Generation haben sie bleibenden Wert, da sie uns mit Figuren bekannt machen, welche zum Teil jetzt schon verschwunden, zum Teil im Verschwinden begriffen sind. Wem die Schilderungen aus dem elsässischen jüdischen Leben bekannt sind, mit denen Alexander Weill, der Freund Heines, vor jetzt fünfzig oder sechzig Jahren einst seinen schriftstellerischen Ruhm begründete, oder wer Berthold Auerbachs Typen aus dem jüdischen Leben in Schwaben kennt, der wird bei der Betrachtung der Zeichnungen Levys manche ihm vertraute Gestalt wiederzufinden glauben. Der liebenswürdige Künstler darf mit dem Erfolge, den seine Arbeiten, die in Paris seitens der tonangebender Kritiker mit Lob überhäuft wurden, auch hier in seiner elsässischen Heimat gefunden haben, vollauf zufrieden sein. St. Petersburg. Zu der Verleihung der Rechte des erblichen Adels an den jüdischen Millionär und Philanthropen wirkl. Staatsrates und Ritter des Stanislaus- und Annenordens 1. Klasse, Jakob Samuelowitsch Poljakow drückt Fürst Meschtscherski in seinem Tagebuche seine Freude aus. Hier wird, sagt er, Ehre erwiesen nicht dem Golde, hier wird nicht der Reichtum belohnt, den fremde Hände erworben, sondern das langjährige Leben eines Mannes, der weniger sein Geld, als vielmehr sein Leben, seine Seele, seinen Verstand und sein Gewissen in den Dienst jener Interessen gestellt hat, welche denen des Adels am meisten entsprechen: des Landes, seiner Bevölkerung. Ich habe in meinem Leben viele jüdische Millionäre gesehen, die nach dem Adel strebten, indem sie grosse Spenden zu wohlthätigen Zwecken machten, im Grunde aber nichts weiter wollten, als ihrer Eitelkeit fröhnen. Wer kennt sie nicht, die jüdisichen Millionäre Petersburgs, die ihre ganze Seele aufs Geld gesetzt haben? Und weil das bei meinem alten Freunde J. 8. Poljakow nicht der Fall ist, darum habe ich mich so sehr gefreut über die ihm auf seine alten Tage zu Teil gewordene grosse Gnade. Budapest, 1. August. Unter dem Schlagwort, ״Eine Nonne aus jüdischem Stamm,“ berichtet der nP. LI“.: Die von ihrem Mann geschiedene Frau Schönhauser, eine Jüdin, erhält sich von Schneiderarbeit. Ihre einzige Freude bildet ihre Tochter Ilona, ein sehr hübsches Mädeben. Vor zwei Jahren erkrankte Ilona an einem Herzleiden und wurde in die Universitätsklinik aufgenommen. Während ihres Aufenthalts in der Klinik wurde Ilona nahegelegt, ihre sündige Seele zu retten, Ohristiu und Nonne zu werden; einen Mann werde sie in Folge ihres Herzleidens nicht bekommen. Das Mädchen leistete schliesslich das Gelöbnis, sich taufen zu lassen. Nach ihrer Entlassung aus der Klinik nahm Ilona Schönhauser in der Theresienstädter Pfarrkirche im Geheimen Unterricht in der katholischen Religion; nach wenigen Monaten erfolgte ihr Uebertritt zum katholischen Glauben. Die Taufe fand in der Innerstädter Pfarrkirche statt; das Mädchen erhielt den Namen ״Maria“. Die Mutter hatte von dem Uebertritfc ihrer Tochter nicht die geringste Ahnung. Wie gross muss daher der Schmerz der Mutter gewesen sein, als das Mädchen eines Tages vor die Mutter hintrat und ihr mitteilte, dass sie Christin geworden sei, und dass es ihr in der Zukunft keine Freude mehr bereite, neben einer Mutter, die Jüdin sei, zu leben. In ihrer grenzenlosen Liebe zu ihrem einzigen Kinde verzieh die Mutter der Tochter diesen Schritt, ja sie machte auch keine Einwendung, als Ilona den Entschluss kund gab, jein Kloster aufzusuchen. Thatsächlich fand die Konvertitin in dem hiesigen Marienkloster Aufnahme. Von hier kam das Mädchen nach Raab in ein Kloster, wo es bis Mitte Februar d. J. verblieb. Am 16. Februar erhielt die Mutter von ihrer Tochter eine in Bruck-Ujfalu aufgegebene Postkarte. Das Mädchen heginnt seine mit Bleistift hingeworfenen Zeilen mit den Worten: ״Auf dem Zuge“, und schreibt: ״Ich bin auf dem Wege nach Wien, wo wir auch ein Kloster haben, was ich bisher nicht wusste. Ich bitte Dich, mir nicht mehr so oft zu schreiben, höchstens einzweimal des Jahres. Ich werde es sehr gut haben. Wenn Du mir etwas schicken wirst, so sende die Sachen nur nach Raab ins Kloster; man wird sie mir nachschicken. Ich bete zu Gott alltäglieh, dass er Dich, Mutter, erleuchten möge.“ Unterzeichnet ist das Schreiben mit ״Schwester Maria“. Frau Schönhauser hörte seither nichts mehr von ihrer Tochter. Sie wandte sich wiederholt an die Nonnenklöster in Szatmär, Graz und Raab um Auskunft bezüglich ihres Kindes. Die Oberinnen erklärten aber, von dem Verbleib des Mädchens keine Kenntnis zu besitzen; aus Raab dagegen kam die Nachricht, dass das Mädchen wirklich in Oesterreich in ein Kloster gebracht worden sei, das näher zu bezeichnen man sich jedoch weigerte. Unter solchen Umständen sah die Mutter sich veranlasst, von dem Verschwinden ihrer Tochter die Anzeige bei der Budapester Oberstaatshauptmannschaft zu machen. Die Polizei hat auch bereits die entsprechenden Nachforschungen eingeleitet. Von der Polizei wurde folgende Kurrente ausgegeben: ״Vermisst wird: Ilona Maria Schönhauser, 17 Jahre alt, nach Budapest zuständig, römisch-katholisch, angeblich Nonne, spricht ungarisch und deutsch, ist von hoher Statur, korpulent, hat ein rundes Gesicht, gesunde Gesichtsfarbe, blonde Haare und blaue Augen“. Eine Photographie des Mädchens — das Bild zeigt das Mädchen in der Kleidung der ״Märien-Schwestern“ — erliegt bei der Polizei centrale. Bficherschau. Unter den deutschen Philologen klassischer Richtung ist zweifellos eine der eigenartigsten, anziehendsten Erscheinungen Professor Max Schneidewin in Hameln. Gleich seinem Vater eine Zierde der Altertumsforschung, ist er auch ein Mann des öffentlich modernsten Lebens, der mit gereifter Weltanschauung den Fragen des Tages auf den Grund geht. Seine Schrift ״Die jüdische Frage im Deutschen