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Berliner Vereinsbote · 1897-08-06 · Heft 32 (6.8.1897) · page 6

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 32 (6.8.1897)
Date
1897-08-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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weihevollen Gottesdienst am Sonntag . . . so lautet der Aufruf einiger Männer an die Mitglieder unserer Gemeinde. Ob der angegebene Zweck in dieser Form löblich zu nennen, ich weiss es nicht, erlaube mir auch kein Urteil — das Mittel zur Förderung wahrer Religiosität, die Befestigung des anscheinend schwindenden Glaubens in der Gemeinde ist nur durch Euch zu erreichen, Ihr Mütter in Israel. Voll und ganz steht Ihr in geistiger Beziehung auf der Höhe des Fortschritts; Ihr beginnt mit Langmut und Geduld dem zarten Kindermund die ersten deutlichen Laute zu entlocken, Ihr versteht, in der eben empfindenden Seele das Gefühl der Zugehörigkeit zu den Eltern zu erwecken, das der Ewige in des Kindes Herz gelegt. Ihr übergebt es Lehrern und Erziehern, die es in allem ausbilden, Was wir für die Zeit, in und mit der wir leben, für erforderlich erachten. Ihr lehrt dem Kinde früh, mittags und abends ein Gebet in der Landessprache sagen, Ihr lasst es in einer Religionsschule ״zur Einsegnung vorbereiten“ und glaubt damit allem, was Euch als Pflicht erscheint, genügt zu haben. Ihr lasst die Jugend am Versöhnungstage bis Mittag fasten, nachdem sie vielleicht früh das Frühstück eingenommen; es bewegt Euch freilich recht schmerzlich, denn der Arzt erklärt, es sei der Gesundheit nachteilig. Nun gar das Mazzothessen — überwundener Standpunkt! ״Das alles ist nicht Religion“, so sagt Ihr, ״ist gar nicht zeitgemäss, wir sind religiöser als Andere“, beschwichtigt Ihr damit das nicht so ganz ruhig klopfende Herz, oder riehtiger, die mahnende innere Stimme der Wahrheit, die den Verstand übertönen will. Voll und ganz steht Ihr auf der Höhe, denn Eure Kinder verstehen in den Umgangssprachen gleich gewählt zu plaudern, wie in ihrer Landessprache; ihr Benehmen in Gesellschaft und auf der Strasse, im Foyer des Theaters oder beim Eislauf ist formvollendet; Ihr staunt über die Findigkeit und Schlagfertigkeit ihres Geistes, über angeborenes und erzogenes Talent, kurz, Ihr seid entzückt. Nur Eines, Ihr Mütter, hat den Wert für Euch verloren, es ist Euch in der schnelllebigen Zeit so unter den Händen abhanden gekommen, ״die Kinder müssen allem zuvor erlernen, was ihnen späterhin eine Rolle in der Ge- Seilschaft verschafft, sie sind so furchtbar angestrengt, dass sie kaum das Erforderliche leisten können; sie noch mit ״Anderem“ quälen? — nein!“ Das ist der Vorwurf, der Euch, Ihr Mütter, belastet mit erdrückender Schwere, und es könnte nur die eine Entschuldigung geben, dass schon Generationen vor Euch dieser Vorwurf trifft. ״Wir selbst haben es nicht gelernt, wir verstehen es nicht“. Die eigentümliche Anschauung unserer Zeit zwingt zu der Mahnung, dass Ihr Euch aufrafft aus dieser Gleichgültigkeit gegenüber unserer Religion. Giebt es denn Erhabeneres, als die Kenntnis unserer Glaubenslehre, etwas inniger zum Herzen Dringendes, als Unsere Gebete in der Sprache unserer Väter? Freilich, man muss sie verstehen, diese Sprache, um den Reichtum und die Vielseitigkeit Ihres Ausdrucks richtig zu erfassen. Deshalb, Ihr Mütter, lehrt Eure Söhne und Töchter im Hause beten, wie Eure Ahnen es gethan; nehmt den Kiddur selbst zur Hand und betet und übersetzt ihnen das ״Ma tauwu“, den herrlichen Inhalt des ״Adaun aulom“, vertieft Euch in die reinen Satzungen der ״Schemaunoesre“ und lehrt ihnen die verschiedenartige Bedeutung des ״disgadal“, der Gebete alle, durch die das junge Gemüt verstehen lernt, dass der Mensch streben soll nach Vollendung sittlichen Denkens und Schaffens. Ihr erzählt den Kleinen von schönen Märchengestalten, die ihre Phantasie verwirklicht zu lebenden Wesen und habt in der Geschichte Eures Volkes so unendlich viel patriarchalische Männer und Frauen, die alle Zeit leuchtende Vorbilder sind für jedes empfindende Wesen. Beginnt Euch selbst wieder mit der Geschichte Eurer Väter vertraut zu machen, und stützt Euch nicht darauf, sie in Eurer Jugend nicht gelernt zu haben. Was könnten wir wohl mit grösserem Eifer und edlerer Begeisterung uns und unseren Kinder zu eigen machen, als die bedeutaugsvollen Ereignisse, die unsere Geschichte erzählt? Beginnt wieder, in Eurem Heim die Weisen erklingen zu lassen, die uns den Freitag-Abend, den Sabbat und all diese festlichen Zeiten des Pessach, Schownaus, Sukkot, des Roschhaschanoh und Kol Nidre, der Ghanukkah-Weihe so traulich gestalten, wenn der Lichterglanz sich wiederspiegelt in den andächtig schauenden Kinderaugen; wenn der Vater den Segen spricht über Brot und Wein, wenn er mit Euch und ihnen dem Schöpfer dankt für seine Gnade. Glaubt mir, nichts Beseligenderes kann es geben, nichts kann ein höheres Gefühl erfüllter Pflichten in Euch hervorrufen, als wenn ihr Euch bethätigt in Eurem Beruf als jüdisches Weib und jüdische Mutter! So viele Aufgaben der Tag für Euch auch mit sich bringt, dennoch muss er ausreichend sein, Euren Kindern den Glauben zu erhalten als die Basis für Sitte und Charakter. Ist es der Schule wegen unmöglich, sie am Sonnabend vormittags das Gotteshaus besuchen zu lassen, geht Freitag Abend in die Synagoge, lasst sie Sabbat nachmittags dorthin gehen. Der Erfolg wird Eure Vornahme lohnen, denn über Euch selber, die Ihr vielleicht sie nicht gekannt, vielleicht sie fast vergessen, wird die Weihe der Stunde des Gebetes kommen, die ich Euch nicht beschreiben kann, aber die mich mit jeder Faser des Herzens bewegt. Der mit seinen tausendjährigen Wurzeln in die Erde gegrabene, ewig grünende kraftvolle Baum, — er ist das Sinnbild unseres Volkes; werden einzelne seiner Blätter dürr und fallen ab, — kein Schaden ist es für sein Gezweig, kommt Sturm und Ungewitter, rauscht es auf in seinem Laub, wie eine Klage, — es ist die elementare Gewalt, die erforderlich ist, zu erhöhter Kraft des Wachstums und der Säfte. Ihr Priesterinnen des Hauses, hütet das heilige ewige Feuer unsres Glaubens, und nährt es mit dem köstlichen Oel des Wissens und der Begeisterung in den Herzen Eurer Sprösslinge. Tief wurzelt im Gemüt des Kindes die Liebe fürs Vaterhaus; entfremdet Ihr selbst Euch nicht der Stätte, die uns geheiligt ist durch unser Gebet zu dem, der uns seine Verheissung gegeben. Belehrt Euch aus den Büchern und lehrt aus ihnen Euren Kindern, und Ihr werdet eine Saat aufgehen sehen, die sich wunderbar entfaltet. Kommt dann der Abend unseres Lebens und wir erblicken die gereifte Frucht unseres Waltens, dann möge unsre irdische Hülle dahinsinken, denn unsre Seele wird sich aufschwingen zum Vaterhaus mit dem Wort der reinen Erkenntnis: ״Schema jisroel!“ Frau E. H. Umschau. Berlin. Einbruch in einer Synagoge. Einbrecher haben am Sonntag der in der Gollnowstrasse belegenen Privatsynagoge von Lippman-Taus einen Besuch abgestattet. Als die Gemeinde sich gegen Abend zum Gottesdienste versammelte, fand man die Thüren gewaltsam geöffnet. Inmitten des Beetsaales aber lagen die beiden Sammelbüchsen, die zur Aufnahme wohlthätiger Spenden bestimmt waren, erbrochen und ihres Inhaltes beraubt. Da eine der Büchsen nur alljährlich geöffnet wird, was erst im September wieder geschehen sollte, so dürften den ungebetenen Gästen 100 Mk. in die Hände gefallen sein, verdächtig der Thäterscbaft ist ein Mensch, der sich am Sonnabend Vormittag in der in dem nämlichen Hause belegenen Gastwirtschaft nach der Synagoge erkundigte, ohne, wie ermittelt worden ist. an. der Andacht teilgenommen zu haben.

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