Mannheim
Compact Memory

Berliner Vereinsbote · 1897-08-06 · Heft 32 (6.8.1897) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 32 (6.8.1897)
Date
1897-08-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3019627-3019628-3019660--677-3020149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

OberhemdenReparatarWerkstatt, Alte »ntaserstr. 40 Halspriesen 20, Paar Handpriesen 25, Leinen-Einsatz m. Einsetzen 50 Pfg־. Neuanfertig־. z. billigst. Preisen. Abholung1 frei. Reich“ (Hameh), Fündeliug) ist das Beste, was seit sehr langer Zeit auf einem Gebiete erschienen ist, auf dem wertloses oder gemeinschädliches Geschreibsel so masslos vorherrscht. Ein gerechter Richter hält die zwischen Anklage und Verteidigung schwebende Wage in seinen Händen; er prüft, fast bis zur Selbstpeinigung, alles was für und gegen gesagt worden und der Wahrspruch, den er zuletzt fällt, wird nicht nur vor dem höheren Richterstuhle der Zukunftentwickelung bestehen, — er ist schon für die Gegenwart eine That vornehmen, adligen Mannessinnes. Die Lösung der ״Frage“ liegt für Professor Schneidewin in der zuversichtlichen Erwartung des völligen Aufgehens des jüdischen Volks bestandteils Deutschlands in der grossen nationalen Gesamtheit. Das Mittel, das er zur Herbeiführung und Beschleunigung dieses Zustandes fordert, heisst: Freiheit, also Wegräumung jener Schranken, die der ganzliehen Verschmelzung noch entgegenstehen. Schneidewin beschönigt keinen der Verstösse auf der einen oder der anderen Seite; Gerechtigkeit sucht er, und seinem ernsten Suchen ist sie zu Teil geworden. — Die Schrift massigen Umfangs, die auch ihrer edlen, überzeugenden Sprachgewalt wegen gerühmt werden muss, darf Jedem warm empfohlen werden, der nach all dem wüsten Lärm endlich einmal die Stimme eines Berufenen hören will. Bei dieser Gelegenheit sei zugleich hingewiesen auf das soeben erscheinende grosse Werk ״Die antike Humanität“ (Berlin, Weidmann) von Max Schneidewin. Es enthält die Dar- Stellung des römischen Geisteslebens, vorzugsweise des zu Roms Blütezeit, also etwa zur Zeit Ciceros, und darf als eine der bedeutsamsten Erscheinungen der Altertumskunde bezeichnet werden. Neben der bekannten ״Sittengeschichte Roms“ von Friedländer, dessen ebenbürtige und notwendige Ergänzung es bildet, wird es sich schnell seinen Ehrenplatz erobern. *— ״Der Jude im modernen Roman“ heisst ein Aufsatz von Dr. Carpin im Juniheft der ״Monatsschrift für neue Litteratur und Kunst“.,Man begegnet so häufig jüd. Romanfiguren, meint der Verfasser, dass es sich .verlohnt, die besondere Eignung des Juden als Darstellungsobjekt zu untersuchen. Schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts hat man ihn dafür angesehen und ihn teils gehässig und spöttisch als komische Episodenfigur, teils in Erkenntnis seines tragischen Geschickes ernsthaft als Romanhelden verwendet. In vereinzelten Fällen wurde der historische Jude aus der Zeit des Untergangs seiner Nation oder der babvloni&chen Gefangenschaft beschrieben, die meisten Schrifsteller aber zogen es vor, ihn als Paria der modernen Gesellschaft zu schildern und die inneren Conflikte darzustellen, die dadurch in dem gebildeten, auf der Höhe der Zeit stehenden Juden entstehen musste. Ausgestossen aus der gesamten culturellen Menschheit, einer politisch toten, aller äusseren Macht beraubten Nation angehörend und doch erfüllt von dem Bewusstsein, ein Mitglied des auserkorenen Volkes zu sein, in ungebrochener Kraft und Treue an einer verlorenen Sache festhaltend und alle Leiden und Demütigungen dafür in Kauf nehmend, war der Jude aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts eine Gestalt von gebietender Grösse und gewaltiger innerer Tragik. Auch der Conflikt zwischen glaubensstarren Vätern und abtrünnigen Söhnen bot dem Schriftsteller jener Epoche ein interessantes psychologisches Problem. Mit ihrer Emanzipation aber, die ihre Stellung so gründlich umgestaltete, verloren die Juden den romantischen Nimbus, und statt der heroischen Eigenschaften machten sich zahlreiche Fehler und Schwächen geltend. Der Indifferentismus gegen den altehrwürdigen Glauben, die Verleugnung der Abstammung, die Sucht, sich in andere, namentlich adlige Kreise zu drängen, forderten zu Spott und Geringschätzung heraus und dienen heute vielfach zum Gegenstand der Darstellung. Mehr noch als der Jude, der meist ziemlich nüchtern und uninteressant sei, bietet die moderne Jüdin einen dankbaren Vorwurf. Empfänglich und müssig, nach allen Sensationen lüstern, leidenschaftlich und kühl erwägend zugleich, bildet das moderne jüdische Weib aus den Finanzkreisen thatsächlich einen dankbaren Stoff für den Cultur-Schilderer und Psychologen. Sie ohne Gehässigkeit aber treu zu charakterisieren, wäre nach Dr. Carpin die dankbarste Aufgabe für den Romancier von heute, welcher trotz mehrfacher Anläufe noch keiner annähernd gerecht geworden ist. — Den Schaden, welchen der Antisemitismus dem rassischen Volke und Staate gebracht hat, beleuchtet Professor Chmerkine in seinem soeben auf Grund amtlicher Quellen veröffentlichten Buche: ״Les consequences de l'Antisemitisme en Russie, par N. Chmerkine, professeur ä l'Institut Rudy.“ An der Hand amtlicher Documente und mit ausführlichen Daten beweist Professor Chmerkine, dass der auf die Zeit der grossen Reformen in Russland, in der das Städteleben einen erfreulichen Aufschwung nahm und die nationale Industrie blühte, folgende wirtschaftliche Niedergang Russlands Hand in Hand ging mit den hemmenden Beschränkungen, welche den Juden seit dem Jahre 1884 auferlegt wurden, und dass die ersten Anzeichen jenes Niedergangs sich schon unmittelbar nach den ersten Juden- Verfolgungen nach dem Tode Alexanders II. bemerkbar machten. Die Hungersnot, welche einen Teil Russlands heimsuchte in einem Jahre, wo die Ernte genügend ansgefallen war, war, wie Chmerkine zeigt, hauptsächlich die Folge der unvorhergesehenen Verbannung einer Klasse der arbeitsamsten und fähigsten Vermittler, die sich zur Aufgäbe gemacht hatten, zu billigen Preisen die Lebensmittel von Orten des Ueberflusses in solche, an denen Mangel daran herrschte, überzuführen. Die erste Folge der Austreibung der jüdischen Kaufleute, der Vermittler des Handels und Credits, war die Schaffung des gefährlichen Monopols zu Gunsten einer kleinen Anzahl übrig gebliebener orthodoxer Kaufleute, welche die Herren des Marktes wurden und die Preise in exorbitantem Masse erhöhten. Die Hungersnot traf lediglich die ,judenreinen“ Bezirke, während da, wo die Juden geduldet wurden, wie im Gouvernement Cherson, trotz der geringen Ernte nichts von ihr zu merken war, was selbst vom Kaiser Alexander HI. anerkannt wurde. Seit dem Jahre 1881 zeigte sich in Russland auch eine stetige Abnahme des bebauten Ackerlandes, und zwar am meisten in denjenigen Bezirken, aus denen die Juden ausgewiesen waren, ebenso eine Abnahme der indirekten Steuern in den Jahren 1882 bis 1896, und zwar betrug der Rückstand in den ,judenfreien“ Zonen 83 Kopeken pro Kopf, in den den Juden freigegebenen Bezirken 26 Kopeken. Mehr als die Hälfte der Bauern besitzt in den letzteren Anlagecapital und zahlreiches Vieh, sie sind dem Tranke weniger ergeben, auch die Criminalität unter ihnen ist geringer als in den den Juden versagten Bezirken. Den Grund für diese Erscheinungen sieht Professor Chmerkine darin, dass durch die Vermittelung der jüdischen Kaufleute sich die Triebkraft des Handels und Credits natürlich entwickelt, der Bauer aufhört, lediglich der Gnade des Capitalisten ausgeliefert zu sein, während er in den anderen Bezirken ohne "Weiteres den Bedingungen derer unterworfen ist, die das Monopol in Händen haben. Russland zählt gegenwärtig 6 Millionen beschäftigungsloser Arbeiter, was, wenn man die Familien mitrechuet, 15 Milhonen erwerbsloser Einwohner ausmacht. Diese Erscheinung bildet einen traurigen Gegensatz zu dem wirtschaftlichen Aufschwung, den Russland zur Zeit der Emancipation der Juden und bevor die Schwenkung nach der Reaction hin erfolgte, genommen hatte, wo die Industrie blühte, der Ertrag des Bodens stieg, der Verkehr der Eisenbahnen sich verzehnfachte, und am meisten da, wo den Juden der unbeschränkte Aufenthalt gestattet war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.