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Berliner Vereinsbote · 1897-08-06 · Heft 32 (6.8.1897) · page 4

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 32 (6.8.1897)
Date
1897-08-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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schichte unserer Glaubensgemeinschaft geworden. Wiederholt drohte dem Judentum «n diesem Tage völlige Vernichtung. Nebukadnezar, Titus und Julius Severus führten an diesem Tage mit wuchtiger Faust den Todesstreich gegen die Juden aus. Die Zerstörung Jerusalems war von jammervollen Ereignissen begleitet, die ihre traurigen Folgen für Israel bis in die neueste Zeit hinein geübt. An jener Wunde, die damals dem -Volke, dem Gesamtkörper Israel'8 geschlagen ward, bluteten die einzelnen auseinandergerissenen Glieder noch lange, lange Jahrhunderte. Die Klagelieder Jeremias und die Elegieen Juda Halevis, die wir am 9. Ab lesen, sind mit den trüben Ereignissen auf dem geweiheten Boden des einstigen Israel nicht erschöpft. In diese Klagen mischen sich die schmerzliehen Jammerrufe des 9. Ab des Jahres 1492, da die Juden Spaniens zum Wanderstabe greifen mussten und das Land, wo sie länger als die Christen gewohnt, an dem sie mit allen Fasern ihres Herzens hingen, ihr zweites Vaterland, für dessen Grösse sie so unendlich viel gethan, verlassen mussten. Und unser an Jubiläen so reiches Jahr gemahnt uns an die 400. Wiederkehr desjenigen 9. Ab, an welchem im Jahre 1497 die aus Spanien vertriebenen Juden auch aus Portugal, wohin sie sich geflüchtet, verstossen wurden. Auch ein Jubiläum! Doch wer jubiliert? Die spanischen und portugisischen Juden, die sich noch heute mit mehr als verdienter Anhänglichkeit an ihre unnatürliche Stiefmutter nach dieser Nation benennen, haben keine Ursache zum Jubel über jenen Auszug vor 400 Jahren. Vielmehr sehen sie die langen unzählbaren, düsteren Reihen der durch Ferdinand, Isabella, durch Johann, Manuel und Isabella II., durch Peter Arburz und Torquemada gemordeten Juden und Marannen, die Hekatomben finstere Religionsfanatismus und unmenschlicher Tyrannei gepaart mit bodenloser Habgier an sich vorüber ziehen. Wahrlich ein höllischer Jubiläumszug! Hat etwa Spanien und Portugal nach 400 Jahren Ursache zum jubilieren? Was ist aus Spanien, dem Reiche, wo die Sonne nicht unterging seit 400 Jahren, geworden! Und was ist Portugal trotz seiner mit Gewalt getauften Juden und deren Reichtümer! ״Das 8 ich tum Spaniens und Portugals feiert sein 400jähriges Jubiläum seit dem Auszuge der Juden aus der pyrenäischen Halbinsel.“ Zu allen Zeiten ist man geneigt gewesen, die Juden verantwortlich zu machen für alle unwillkommenen Ereignisse in dem Leben einer Nation, in deren Mitte sie lebten. Wenn wir am 9. Ab die wehmutvollen Töne der Klagelieder Jeremias vernehmen, da hören wir im Geiste das Rieseln des von mörderischer Hand vergossenen Blutes unserer Glaubensbrüder, sehen wir im Geiste die zum Himmel emporsteigenden Flammen der Scheiterhaufen, die Unwissenheit und Fanatismus den treuen Anhängern des Judentums errichtet. Die alles ausgleichende Gerechtigkeit hat sich den Peinigern und Bedrängern Israels mehr als einmal offenbart. So hören wir z. B. heute schon Klagen aus denjenigen Länderstrichen Russlands, aus denen 1882 die Juden vertrieben wurden, wie ein vor kurzem veröffentliches Buch des Professor Chmerkine beweist. So wollen wir den 9. Ab in hergebrachter Weise begehen als einen Tag der Trauer, ob der Leiden die unsere Väter getroffen, aber auch als einen Tag der Hoffnung, die ihnen die Kraft zum Ertragen gegeben hat und uns noch jetzt aufrecht erhält. Wenn wir auch heute keine Ursache zum Jubilieren haben, wenn heute wieder wie dereinst Wolken des Hasses unseren Lebenshimmel verdunkeln, so dürfen wir dennoch der ewigen Gerechtigkeit vertrauen, die des Hassers Pläne zu schänden machen und der Unschuld zum Siege verhelfen wird. Die Erinnerung an die Vergangenheit drückt uns darnieder, so dass wir Speise und Trank uns versagen und jeder Freudelaut in unserer Kehle erstickt wird, aber sie hebt uns andererseits hoch empor. Ein Volk, dass solche Leiden, wie sie der 9. Ab uns gebracht, nicht nur ertragen, sondern auch überwunden hat, ein solches Volk hat dadurch allein schon seine Daseinsberechtigung bewiesen, das ist für alle Ewigkeit nicht verloren. Das Reich Israel ging in Trümmer, das Heiligtum, von kunstgeübten Händen aus Stein und Holz und Erz erbaut, ist der rohen Gewalt zum Opfer gefallen; aber an seine Stelle sind Heiligtümer getreten, die allen Versuchen der Vernichtung Trotz bieten werden: unsere Bethäuser, unsere Schulen und unsere Familien! So lange hier das heilige Feuer des wahren Gottesglaubens brennt, so lange hier die Lehren vom Einig- Einzigen verkündet und Lieder zu seinem Lobe angestimmt werden, so lange hier unsere unvergleichliche Geschichte gelehrt wird, — so lange wird keine Macht der Erde vermögen, den Bestand der jüdischen Glaubensgemeinschaft zu erschüttern. Die jüdischen Vereine Berlins. (Nach den Angaben der p.p. Vorstände.) (Etwaige Ungenauigkeiten bitten wir gefl. berichtigen zu wollen.) Nachdruck verboten. 44. ״Palästina“. Um die Kolonisation in Palästina zu fördern, hat sich Ende 1896 der Verein ״Palästina“, Verein zur Unterstützung jüdischer Bauern gebildet, der bereits 200 Mitglieder zählt. Der Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren : /Wilhelm Goldschmidt, (1. Vorsitzender) Linienstrasse 112, W. Kelln, (stellv. Vorsitzender), Willy Steinbach, (Schriftführer), Dr. W. Boehlendorff, Louis Unger, Sally Brilles,!Adolf Prager, Juda Bamberger, Isidor Wechsler. 45. ״Mädchenhaus Pankow“ Eine der edelsten Handlungen des in {diesem Jahre verstorbenen Justizrat Makower ist die Gründung des ״Mädchenhaus Pankow“ (16. November 1894). Hier werden arme deutsche Mädchen jüdischen Glaubens, insbesondere Waisen zu dienstlichen Stellungen erzogen. Der Verein zählt 250 Mitglieder. Er unterhält eine eigene Anstalt in Pankow Mühlenstr. 86. Der Vorstand des Vereins setzt sich zusammen aus den Herren R.-A. B. Breslauer, Kaiser J)Vilhelmstr. 3 (Vorsitzender), Emil Mosse, Bendlerstr. 33 a _jstellv. Vorsitzender), Heinrich Eisner, Bellevuestrasse 14, Direktor Grunwald, Pankow, Berlinerstr. 121 und R.-A. Felix Makower. Victoriastr. 26. 46. ״Verein für jüd. Geschichte und Litteratur.“ Die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Litteratur in den weitesten Kreisen zu verbreiten, ist die Aufgabe des 1891 von den Herrn Dr. Karpeles, Katz und Bambus, begründeten Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur Der gegenwärtig 550 Mitglieder zählende Verein sucht seine Aufgabe durch regelmässige Vortrags- resp. Diskussionabende, sowie durch Publikationen zu erfüllen. Von letzteren, die den Mitgliedern gratis zugestellt worden sind, seien erwähnt: Divan des Jehuda Halevi, Iberia, Ein kurzer Gang durch die jüdische Geschichte, Die religiöse Poesie der Juden und Die Zionsharfe. Der Verein subventioniert die jüdische Lesehalle und den Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland. Durch Veranstaltung einer Purim- resp. Chanukkahfeier will der Verein den jüdischen Geist beleben. Vorsitzender des Verj eins ist Dr. G. Karpeles, Kurfürstenstr. 21/22, stellv. Vor-J sitzender Commerzienrat Jul. Isaac, Schriftführer Alb. Katz׳! und Dr. M. Lewin, Schatzmeister M. Heymann. Ferner'! gehören zum Vorstande als Beisitzer die Herren Dr. H.J^ Hildesheimer, W. Bambus, Benas Levy, Dr. Rosenzweig, Professor Philippson und Oberlehrer Dr. Schäfer.

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