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Berliner Vereinsbote · 1897-07-30 · Heft 31 (30.7.1897) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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aber geschah? Die Saat, die ein Treitschke und ein Wagner säeten, wuchs üppig heran und allmählich sah man, dass die grösste Anzahl der jetzigen akademischen Jugend thatsächlich antisemitisch gesinnt ist. Bald brach die Burschenschaft mit ihren glorreichen Traditionen, und in cynischer Offenheit beschloss sie, die Juden in ihrer Mitte nicht mehr zu dulden. Es erhob sich freilich im Kreise der alten Herren ein Protest dagegen, aber er vermochte nichts in einer Zeit wo wilde Leidenschaft die Gemüter beherrscht. Es entspann sich eine Polemik iu den studentischen Fachzeitungen, die aber wenig Fruchtbares erzeugten. Nun hielten es diejenigen Männer, in deren Brust das Gefühl für Freiheit und Gerechtigkeit nicht ganz erstorben ist, mit ihrer Ehre nicht vereinbar, in den Burschenschäften zu bleiben. Jetzt erklärt der Archivar Dr. Winter in Magdeburg, ein Mann, der um die Sache der Abwehr sehr grosse Verdienste sich erworben hat, öffentlich seinen Austritt aus der Burschenschaft. Die Gründe, die er für diesen Schritt anführt, sind sehr charakteristisch, denn sie werfen ein grelles Licht auf die Gegenwart. Wahrlich derjenige, der gewohnt ist, über den Zusammenhang der Dinge und die Erscheinungen der Zeit nachzudenken, schaut ernst und trübe in die Zukunft. Was soll daraus werden, wenn diese Jünglinge, in denen der Hass und das Vorurteil wurzeln, einst die Leiter und Führer des Staates werden? so fragen wir abermals. Mail kann sich, wenn man diese Dinge vor Augen hat, nicht gerade zu der Erkenntnis aufschwingen, dass die Kultur stets fortschreitet und die Menschen veredelt. Ein Lessing und ein Humboldt würden sich geschämt haben, wenn man gesagt hätte, dass am Ende des 19. Jahrhunderts all die alten Vorurteile wieder ausgegraben und Unheil anrichten werden. Es ist die höchste Zeit, dass alle Männer, ohne Unterschied der Parteistellung und geistigen Richtung, die das sittliche und geistige Wohl der Menschheit wünschen, sich zusammenthun, um durch eine gesunde Aufklärung und durch die Waffen der Wahrheit die gefährliche Strömung der Gegenwart zu bekämpfen. Umschau. Berlin. Durch den am IG., wie schon kurz gemeldet, in Wilhelmshöhe nach langen Leiden erfolgten Tod des Geheimen Justizrates, Professors Dr. Levin Goldschmidt hat die deutsche Rechtswissenschaft einen schweren Verlust erlitten. Goldschmidt war einer der hervorragendsten Lehrer und Forscher auf dem Gebiete des Handelsrechts und übte zeitweise auch als Richter und zu gesetzgeberischen Arbeiten berufen auf dessen practische Ausgestaltung Einfluss aus. Geboren am 30. Mai 1829 in Danzig, habilitierte er sich 1855 in Heidelberg, wo er 1866 ausserordentlicher Professor wurde. Schon 1858 begründete er die ״Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht“, deren seither erschienene (fast 50) Bände er bis in die jüngste Zeit redigiert hat. In Heidelberg schrieb er eine ״Kritik des Entwurfs eines Handelsgesetzbuches für die preussischen Staaten“ (1857) und ein ״Gutachten über den Entwurf eines deutschen Handelsgesetzbuches“ (1860), und sein Hauptwerk, das ״Handbuch des Handelsrechts“. Im Jahre 1870 folgte er einem Rufe als Rat beim Bundes-, späteren Reichs-Oberhandelsgerichte in Leipzig. Hier war er fünf Jahre als Richter thätig, um dann den Lehrstuhl für Handelsrecht an der Berliner Universität zu übernehmen. Im Jahre 1873 wurde er vom Kaiser zum Schiedsrichter zwischen England und den Vereinigten Staaten in der S. Juan-Angelegenheit ernannt, 1874 wurde er Mitglied der Reichscommission zur Begutachtung vom Plan und Methode eines Bürgerlichen Gesetzbuches, und in derselben Zeit verfasste er das vom Institut du droit international angenommene Reglement für internationale Schiedsgerichte. Von 1875—1877 vertrat er die Stadt Leipzig als Mitglied der nationalliberalen Partei im Reichstage. Von seinen handelsrechtlichen Arbeiten, die zum grössten Teil in seiner obengenannten Zeitschrift erschienen sind, nennen wir noch ״Erwerbs- und Wirtschafts-Genossenschaften, Studien und Vorschläge“ (1882), ״Die Haftpflicht der Genossen und das Umlage verfahren“ (1888), das System des Handelsrechts“ und die 1892 begonnene ״Universalgeschichte des Handelsrechts“. Neben seinen Arbeiten auf dem Gebiete des Handelsrechts interessierten ihn auch juristische Tagesfragen. So griff er mit den Schriften ״Das dreijährige Studium der Rechts- und Staatswissenschaften“ (1878) und ״Rechtsstudium und Prüfungsordnung“ (1887) in die Discussion über die Ausbildung der Juristen ein. Berlin. Dem neuen Staatssekretair des Reichspostamts v. Podbielski trauen die Antisemiten einstweilen noch nicht. Sie freuen sich, dass der Unterstaatssekretair Fischer nicht Reichspostmeister geworden ist, weil er, abgesehen von andern Untugenden, eine jüdische Frau hat. ״Leider hat — so schreibt die ״Antis. Corresp.“ — auch Herr von Podbielski, wenn auch nicht verwandtschaftlich, so doch geschäftlich stets recht nahe Beziehungen zu Juden gehabt. Sein besonderer Geschäftsfreund ist ein reicher Berliner Jude, der Geh. Commerzienrat Herz. Hoffentlich überträgt aber der neue Reichspostmeister die Vorliebe, seine Privatgeschäfte mit Juden zu machen, nicht auf die Vergebung von Postlieferungen und dgl. Darauf bitten wir unsere Freunde im Lande für die Folge ihr Augenmerk zu richten.“ Jetzt kommt die ״Bresl. Morgenztg.“ mit der Meldung, dass der gegenwärtige Staatssekretair des Innern doch mit einer jüdischen Familie in Breslau nahe verwandt ist. Die antisemitischen Agrarier werden von dieser Enthüllung nicht sehr erbaut sein. — Den Herren Dr. Steinhard an der Realschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M., Dr. Kracauer an der Realschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. ist das Prädikat ״Professor“ beigelegt worden. Berlin, lieber das Frauenstudium an der Universität Berlin giebt die neueste Chronik der Hochschule eine Reihe von Nachrichten. Die Vorlesungen der Universität wurden im Sommerhalbjahr 1896 von 39 und im Winterhalbjahr 1896/97 von 95 Frauen besucht, darunter eine grosse Anzahl jüdischer Studentinnen. Ueber Fleiss und Begabung der studierenden Frauen geben die Berichte vieler Seminarlehrer Auskunft, Für uns von besonderem Interesse ist der Bericht des Litterarhistorikers Prof. Dr. Erich Schmidt, der einer Hörerin seines Seminars ein wahrhaft glänzendes Zeugnis ausstellt. Er schreibt in seinem Bericht über die moderne Abteilung des germanischen Seminars: ״Ausnahmsweise ist einer Dame (Russin) auf Grand ihrer Berner Dissertation die Beteiligung gestattet worden; ihre Referate waren die besten.“ Diese Dame ist Frl. Dr. Anna Tumarkin aus Kischineff in Südrussland. — Ahlwardt & Co., so wird im Gesellschaftsregister des Amtsgerichts I. in Berlin das Cigarrengeschäft bezeichnet, in dem Ahlwardt künftig Cigarrenhandel betreiben will. Merkwürdigerweise sind als Gesellschafter augegeben der minderjährige Erich Ahlwardt zu Gross-Lichterfelde und der Gastwirt und Kaufmann Emil Bodek zu Berlin. Zur Vertretung der Gesellschaft ist nur der p. Bodek berechtigt. — Der verstorbene Kanonikus und Ehrendomherr Hugo Simon aus Schweidnitz war, wie in Ergänzung der bisherigen Mitteilungen noch erwähnt sei, Sohn eines jüdischen Arztes in Berlin. Der Vater zog später nach Schlesien, und so besuchte der getaufte Knabe die Gymnasien zu Oppeln und Neisse, In Breslau studierte er Theologie. 1853 wurde er ordiniert und ward dann Caplan in Rosenberg und Oppeln. Als Feldgeistlicher beteiligte er sich 1863 an der Besetzung der polnischen Grenze. Von 1887 bis 1894 war er Erzpriester und seit 1895 Domherr. Kaiser Friedrich III. schenkte ihm sein Bild mit der Unterschrift: ״Mut und Tapferkeit bewiesen vor dem Feinde.“ München. Durch die jüngsten Forschungen Koch’s in Südafrika hat eine medicinische Anschauung des Talmuds, wie Dr. Max Calvarv in einem geistvollen Aufsatze in der

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