Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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kämpfen haben. Und doch sind gerade diese Leute, denen der Verlust einiger Arbeitsstunden wahrlich nicht gleichgültig sein kann, zur Stelle. Welche Beschämung für ihre grossen und reichen Glaubensgenossen, denen des Himmels Segen Kisten und Kasten gefüllt hat, und die Schriftstücke in die Welt hinaussenden, welche des Sabbats Heiligkeit verleugnen und ein fremdes Glied in den Körper des Judentums einfügen wollen! Jene oben gekennzeichneten Kreise waren es ja immer, seit den Tagen Moses Mendelssohns bis auf den heutigen Tag, welche dem Judentum, das sie genährt und erzogen, Lauheit und Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Hass und Verachtung entgegenbrachten. Von solcher Gleichgiltigkeit und Abneigung bis zum offenen Bruch mit dem Judentum ist es nur ein Schritt, was dann kommt, ist ja leider nur zu bekannt, der Uebertritt zur herrschenden Religion, damit nur ja die Herren Söhne Offiziere werden können, wozu sie Talent und Taille befähigen. Es gehört nicht ZU den Seltenheiten, dass gerade in jenen Kreisen, in denen nur bisweilen ein offenes Herz und eine offene Hand für alles zu finden ist, was das Interesse der Judenheit erheischt, all das systematisch ferngehalten wird, was an unsere Religion erinnern könnte. Wenn es nach ihnen ginge, brauchten wir weder Synagogen noch jüdische Religionsschulen, weder jüdische Pensionate, noch rituell geschlachtetes Fleisch und ״koschere“ Restaurants; denn statt der Beteiligung am Gottesdienst wird allen möglichen Sports gefröhnt, der geringfügigste Grund reicht aus, um das Kind dem Religionsunterrichte zu entziehen. Bedarf der ungeratene Sohn einer strengeren Ueberwachung, so schickt man ihn beileibe nicht in eine ״jüdische“ Pension. Wir können dergleichen Momente, die das Verhalten jener Kreise zum angestammten Glauben charakterisieren, in grösserer Menge anführen; allein wir dürfen sie als bekannt betrachten und wollen ihrer nur erwähnen, um zu zeigen, wie wenig gerade diese Kreise berechtigt und berufen sind, dem Judentum aufhelfen zu wollen, zumal die von ihnen vorgeschlagenen Mittel von sehr zweifelhaftem Wert für uns sind. Schreiber dieses glaubt nicht zu weit zu gehen, wenn er seine Meinung dahin ausspricht, dass alles, was aus jenen Regionen kommt, mit Vorsicht aufgenommen werden müsse. Ja, man wird sich schliesslich daran gewöhnen müssen, jene Kreise ausser Betracht zu lassen, das Juden tum wird sich stützen müssen auf die mittleren und unteren Volksschichten, und aus diesen seine Kraft ziehen. Und doch würde es nicht richtig sein, die gesamte jüdische Aristokratie, wenn in diesem Falle der Ausdruck gestattet ist, mit ein und demselben Massstabe zu messen. Was wir an dieser Stelle und bei dieser Gelegenheit bekämpfen, ist speziell Berliner Gewächs, mit der Spree geduldigem Wasser getränkt, wobei wir freilich dankbar anerkennen wollen, dass wir unter unseren ״Oberen״ recht ertreuliche Beispiele wahrer Frömmigkeit und weitgehender Hochherzigkeit in unserm Sinne aufzuweisen haben, freilieh in einem für diese Behauptung ungünstigen Verhältnis zu der Gesamtheit. An anderen Orten ist es glücklicherweise vielfach anders. Wir denken dabei an Frankfurt a. M., wo gerade die Reichen ihren Stolz darein setzen, als gesetzestreue Juden sich ZU bethätigen, an Hannover, wo heute noch am Sabbat fast sämtliche Bank- und Engrosgeschäfte geschlossen sind, und ganz besonders an England, wo die reichsten Juden gleichzeitig die frömmsten sind. Es wäre unseren Berlinern Grossen dringend zu raten, bevor sie das Judentum mit ihren Reformplänen beglücken, erst das Judentum in ihren eigenen Kreisen besser und nachhaltiger pflegen zu wollen. Charity begins at home, sagt ein englisches Sprichwort. Solange die Herren für das Judentum im günstigsten Falle höchstens platonisch schwärmen, viel öfter aber kühl und kalt ihm gegenüber stehen, wird man ihre Mitarbeit in Fragen des Judentums mit kühler Höflichkeit oder entschiedenem Protest zurück weisen müssen. Die jüdischen Vereine Berlins. (Nach den Angaben der p. p. Vorstände.) /,Etwaige Ungenauigkeiten bitten wir gefl. berichtigen zu wollen.) Nachdruck verboten. 38. Syn&gogen-Verein .,N'weh scholaum־ Im Jahre 1889 haben die Herren Dr. Grünfeld und Kamnitzer den Verein ״N’weh scholaum“ ins Leben gerufen, der den Zweck hat, eine Synagoge (Lothringerstr. 48) wo täglich Gottesdienst abgehalten wird, eine Religionsschule und eine Talmud-Toraschule für arme Kinder zu unterhalten. Vereinsrabbiner ist Herr Dr. Grünfeld, der zugleich Leiter der Religionsschule ist. Der Verein zählt 80 ordentliche, 20 ausserordentliche und 2 Ehrenmitglieder. Den Vorstand bilden die Herren: L. Abraham, (Vorsitz.) Weinbergsweg 8, L. Stargard und Beerwald. 39. ״Schomere schabbos.“ Der Zweck dieses am 12. Dezember 1896 von Louis Becker, Max Schmeller und Heinrich Weil begründeten Vereins ״Schomere schabbos“ ist, Glaubensgenossen beiderlei Geschlechts, die den Sabbat und die Feiertage halten möchten, Stellung resp. Beschäftigung zu verschaffen. Soweit die Mittel reichen, sollen die Stellungssuchenden auch unterstützt werden. Die Mitgliederzahl beträgt gegenwärtig 40. Versitzender des Vereins ist Herr Louis Becker, Linienstr. 71, Cassierer Heinrich Weil, Rosenthalerstr. 13 und Schriftführer Max Schneller, Rosenthalerstrasse 20/21. Bei letzterem sind die Gesuche um Stellung resp. Beschäftigung mündlich oder schriftlich abzugeben, Sprechstunden täglich (ausser Sonnabend) vorm, bis 9 Uhr, nachm, von 7—8 Uhr. 40. ״Talmud-Verein D5״P חכר ח" A Am 14. Oktober 1852 ist der ״Talmud־Verein“ begründet worden, um das Studium und die Kenntnis des Schrifttums der jüdischen Religion, besonders des Talmuds zu fördern und zu verbreiten. Der Verein unterhält im Hause Oranienburgerstr. 64 eine Synagoge, in welcher täglich Gottesdienst abgehalten wird. Ferner sorgt der Verein in ergiebiger Weise für die jüdisch-religiöse Ausbildung der Jugend, wozu Lehrer der orthodoxen Richtung angestellt Änd. Ausserdem betrachtet es der Verein als eine heilige Pflicht, das Andenken seiner Wohlthäter durch die Erfüllung jüdisch-religiöser Liebespflichten zu ehren. Die Leitung des etwa 300 Mitglieder zählenden Vereins (darunter 7 Ehrenmitglieder) liegt in den Händen des Herrn W. Gold- Schmidt, Linienstr. 112. Es gehören ferner zum Vorstand die Herren; A. Prager. (Beisitzer), G. Löwenb3rg, (Rendant), 8. Wedell, (Schriftführer), J. Cliaim, Dr. Rawitzki, M. J. Schragenheim, (Monatsvorsteher). 41. Vereinigung jüdischer Frauen und Mädchen ״Judas Töchter.“ Die Vereinigung hat sich die Aufgabe gestellt, durch Verbreitung jüd. Wissens, durch Wohlthätigkeits- und Geselligkeitspflege die Liebe zum Judentum zu wecken und neu zu stärken. Begründer des Vereins (30. 1. 95.) sind Frl. Magarethe Sachs, Herr Rudolf Hartmann und Frl. Rosa Tonn. Die Vereinigung zählt gegenwärtig 69 Mitglieder und zwar 57 ordentliche und 12 ausserordentliche. Unterstützungen erhalten Kranke und Reconvalescenten, die nicht in Krankenhäusern aufgenommen werden. Arme Kinder werden zu Chanukka beschenkt. Nach der Teilung der Vereinigung im October 1896 bildet den Vorstand Frau C. Behrend, Zionskirchstrasse 44, Frl. R. Tonn. Grenadierstr. 1, ferner Herr Rudolf Hartmann (Beirat), Frl. S. Kunz (Schriftführerin) und Frl. B. Behrend (Cassiererih).