Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Unterstützung der kurzsichtigen Verwandten. Durch Unterrieht musste er sich den Lebensunterhalt gewinnen und schrieb auch schon kleine Artikel für die Journale. Im Jahre 1848 befand er sich im Comite der Akademischen Legion. Nach der Niederwerfung des Aufstandes floh er nach Deutschland, von wo er nach längerem Aufenthalte in die Heimat zurückkehrte, hier aber vor ein Kriegsgericht gestellt und zu fünf Jahren Kerker verurteilt wurde. Nachdem er zwei Jahre seiner Haft auf dem Spielberg ״abgebüsstu, gab ihm eine kaiserliche Amnestie die Freiheit wieder, worauf er sich ausschliesslich der Schriftstellerei widmete, und mit der Publizierung seiner populären Volksgeschichten 1m Vogl?schen Volkskalender begann. Später erschienen dieselben in besonderen Ausgaben als ״Dorfschwalben“ und ״Hochlandsgeschichten“. Dann trat er auf das weitere Gebiet des sozialen Romans über, und in kurzen Zwischenräumen folgten dem humoristischen Roman ״Herkules Schwach“ die ״Alpenrose von Ischl“ und ״glänzende Bahnen“. Auch als Lyriker bethätigte sich Silberstein in einigen Bänden von Gedichten. Eine grosse Zahl seiner Gedichte wurde von hervorragenden Komponisten, wie Abt, Bruckner, Strauss, Suppe und anderen vertont. Wien. Hier und da beginnt bei unseren jüdischen Mitbürgern allgemach das Gefühl der Erbitterung Platz zu greifen, und es werden Beschlüsse gefasst, um den Angriffen, denen die Wiener Judenheit in allen ihren Rechten ausgesetzt ist, entgegenzutreten; allein zumeist scheitern alle Beschlüsse an der Intoleranz der besser situierten Glaubensgenossen; u. a. hat der Verein ,,Union“ gleichfalls folgenden Beschluss gefasst: ״Die Versammlung erhebt entschieden Protest wider das den jüdischen Staatsbürgern gegenüber beobachte Verhalten der Majoritäten des niederösterreicliisehen Landtages, des Wiener Gemeräderates und Stadtrates. Dieses Verhalten, welches sich insbesondere gegen die Armen und Wehrlosen kehrt, stellt sich als eine fortgesetzte Reie planmässigen Rechtsverletzungen und Rechts- Verhöhnungen dar. Die Versammlung erwartet, das? alle gerecht denkenden Mitbürger im Wiederstande gegen diese Missachtung von Recht Und Gesetz thatkräftig zusammenstehen werden.“ - Der Appell an die Oeffentlichkeit, jenen armen israelitischen Schülern des Leopoldstädter Kommunal-, Real- und Obergymnasiums, denen der Wiener Stadtrat die Schulgeldbefreiung grossmütig verweigert hat, durch freiwillige Beiträge zu helfen und so den beabsichtigten Schulboykott der Armen jüdischer Konfession zu hintertreiben, war von einem überaus günstigen Erfolge begleitet. Nun veröffentlicht Gemeinderat Dr. Alfred Stern das Ergebnis der Sammlung und die Verteilung der Spenden an die armen Schüler. — Um die Aerztekammer gleichfalls antisemitisch zu gestalten, hat der antisemitische Stadtrat Dr. Räder 425 Aerzte, grösstenteils Juden, aus den Wählerlisten der Aerztekammer gestrichen, worauf diese den Rekurs ergriffen, dem von der Statthalterei Folge geleistet wurde. Pest. Graf Hangwitz. Ein ergötzliches Ereignis ist einem deutschen Antisemiten passiert: Bekanntlich besuchten kürzlich deutsche Vollblut-Arier Ungarn. Auf ihrer Reise kamen sie nach Szegedin, wo Dr. J. Rosza de Varhelyi die Aufgabe übernahm, den Gästen als Führer zn dienen. Graf Haugwitz richtete im Gespräch an seinen Führer dis Frage: ״Wohnen auch Juden in der Stadt?“ ״Ja“, war die Antwort Rozsa’s, ״sie bilden hier eine grosse Gemeinde.“ ״Gereichen sie den Ungarn nicht zur Schande?“ fragte der neugierige Graf weiter. Dr. J. Rozsa erwiderte: ״Sb. Mäjcstät hat mich durch Verleihung des Adels ausgezeichnet: ich bin Präsident der Advocatenkammer, ich bekleide viele andere Ehrenstellen und bin auch Präsident der hiesigen jüdischen Gemeinde.“ — Tableau! Paris. (Eine Millionenstiftung der Baronin Hirsch.) Vor drei Monaten schon hat die hochherzige Frau eine Millionen- Stiftung ins Leben gerufen und erst vor einigen Tagen hat die hiesige Stadt durch einen blossen Zufall hiervon Kenntnis erhalten. Eine Witwe, welcher von Seite der hiesigen ״Philanthropischen Gesellschaft“ eine Jahresrente ausgesetzt wurde, weigerte sich nämlich, dieselbe anzunehmen, bevor ihr nicht der Name des Spenders bekanntgegeben würde. Die Verwaltung der Gesellschaft sah sich nicht veranlasst, noch länger Stillschweigen zu beobachten, und so wurde es denn bekannt, dass Frau Baronin Hirsch die jährlichen Zinsen eines Kapitals in der Höhe von dritthalb׳ Millionen Francs als Jahresrente für 24 Wittwen bestimmt habe. Die Summe soll alljährlich der ״Philantropischen Gesellschaft“ überantwortet werden, und die Gesellschaft wird die Spenden zur Verteilung gelangen lassen. Die Stiftung gilt nur jenen Wittwen, welche einst bessere Tage gesehen und nicht durch eigene Schuld, sondern durch Schicksalsschläge, Armut und Elend kennen lernen mussten. St. Petersburg. Einen späten Abschluss haben die Judenunruhen in Kutais nun endlich vor Gericht gefunden. Am 16. und 17. Oktober 1895 griff eine zahlreiche Menge der örtlichen christlichen Bevölkerung, ״getrieben“, wie es in der Anklageschrift heisst, ״durch das Gefühl des religiösen und nationalen Hasses“, das jüdische Quartier an, zerstörte viel Hab’ und Gut und verletzte viele Juden mehr oder weniger empfindlich. Am 17. Oktober liess der Militärgouvemeur Truppenabteilungen eingreifen, da die Polizei sich als zu schwach erwies, Ruhe zu schaffen, wobei mehrere Soldaten durch Steinwürfe verletzt wurden. Es wurden schliesslich 39 Haupträdelsführer verhaftet und vor das Kutaiser Bezirksgericht gestellt; von diesem wurden 28 Personen freigesprochen, die übrigen 11 zur Entziehung aller Rechte und zur Ansiedlung nach Sibirien verurteilt. Die 11 Verurteilten appellirten an die Gerichtspalate in Tiflis, und auch der Staatsanwalt legte gegen die Freisprechung eines Angeklagten Protest ein. Die Gerichtspalate hat jedoch den Erotest des Staatsanwaltes zurückgewiesen und für 10 Verurteilte das Urteil erster Instanz bestätigt; nur einer erhielt eine geringere Strafe: ein Jahr Gefängnis. CzernOWitZ. Herr Professor Dr. M. Hilberg, ein Enkel des berühmten Hebraisten Isak Erter, ist für das nächste Studienjahr zum Rektor der hiesigen Universität gewählt worden. Sofia. Der ״Targowski Vestnik“ der hier erscheint, veröffentlicht folgende Notiz: Bei Gelegenheit des Osterfestes haben die bulgarischen Bischöfe die Popen versammelt und ihnen die Entscheidung mitgeteilt, die jüngst die heilige Synode über die Anklagen von Ritualmord, den man mit Unrecht den Juden vorwirft, gefasst hat. Wir erfahren aus sicherer Quelle, dass der Metropolit von Sofia, ein sehr toleranter Mann, den Priestern energisch eingeschärft hat, allen ihren Einfluss zu benutzen, um aus ihren Gemeinden das berüchtigte Vorurteil zu entfernen, dass die Juden Menschenblut für gewisse Ritualceremonien bedürfen. Mit Recht glaubt man, dass die anderen Prälaten des Fürstentums in demselben Sinne und Geiste gehandelt haben, da dies Jahr ausnahmsweise nirgend in ganz Bulgarien eine Anklage wegen Ritualmordes erhoben wurde. Süd-Afrika. Aus Buluwayo kommt die Nachricht, dass die dortigen Juden schon ca. 300 an Zahl sich zu einer Gemeinde konstituiert haben und daran gehen, eine Synagoge zu errichten. Während die Minderheit für die Erbauung eines provisorischen Gebäudes war, um die weitere Ent- Wickelung der Stadt abzuwarten, beschloss die Majorität sofort ein stattliches Haus zu erbauen, das seiner Zwecke würdig ist. Am 24. Juni ist der Grundstein feierlich gelegt worden. Der Oberrabbiner Adler wird gebeten werden, der Gemeinde in Buluwayo einen geeigneten Geistlichen zn senden. — Die vereinigten jüdischen Gemeinden von der Kapkolonie, Natal und Rhodasia haben am 22. Juni dem Gouverneur ein schönes Album überreicht mit der Bitte, dasselbe der Königin als ein Zeichen ihrer Loyalität zu übermitteln.