Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— Das im Soolbad Eimen bei Gross-Salze errichtete Kinderheim, bestehend aus einem Wohnhause mit Hinterhaus und Garten, ist — wie wir bereits berichtet — vor kurzem seiner Bestimmung übergeben worden. Der Eindruck, den das Haus von aussen macht, ist ein äusserst frreundlicher, noch angenehmer wird man beim Betreten der inneren Bäume überrascht. Die Bäume sind nicht prunkhaft, aber so schön und freundlich eingerichtet, dass man sofort den Hauch der Hiebe fühlt, welche das Ganze schuf. Für 30 Kinder ist vollkommen ausreichender Baum zum Schlafen im Haupthause vorhanden. Im Hintergebäude ist die Küche nebst einer schönen als Speisesaal und Aufenthalt bei schlechtem Wetter dienenden, mit Schiebefenstern verschliessbaren Veranda vorhanden, dahinter liegt der mit Turngeräten, Lauben und Bänken versehene Garten. Die Schlafräume zu ebener Erde und im ersten Stock belegen, haben vorzügliche Ventilationen und Wasserleitung. Ein eigenes Waschzimmer sowie im Hinterhause eine Badeeinrichtung sind auch vorhanden. Unter dem auf das denkbar zweckentsprechendste und in reichlichster Anzahl vorhandene Inventar, sind noch vorzugsweise die vorzüglich eingerichteten und ausgerüsteten Lagerstätten hervorzuheben. Nachdem die Anwesenden ihre vollste Zufriedenheit über das Geschehene ausgesprochen, wurde das Grundstück dem Vertreter des Vereins für häusliche Gesundlieitspflge übergeben, dabei von dem Boaenstiel?$chen Ehepaar aber ausdrücklich zur Bedingung gemacht, dass die Wohlthat der Stiftung nur solchen armen, kranken oder schwächlichen Kindern ohne Unterschied der Confession zu Gute kommen sollte, welche in Berlin ortsangehörig, deren Angehörige aber nicht im Stande sind, die für deren Gesundheit erforderlichen Aufwendungen für eine Kur ausserhalb Berlins aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Die Unterhaltung und Verwaltung des Hauses, sowie die Unterhaltung der dort verpflegten Kinder muss das Comite für Ferien-Colonien aus dem Ergebnis seiner Sammlungen bestreiten. Hoffentlich finden sich Wohlthäter, welche auch noch das erforderliche Kapital stiften. — Am 27. Juli c. feiert das Markus und Bertha Lichtenstein’sche Ehepaar in Bromberg das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Das greise Jubelpaar, das sich bis ins höbe Alter ums tägliche Brot redlich gequält und einen tadellosen Lebenswandel geführt hat, lebt in dürftigen Verhältnissen. Es wäre zu wünschen, dass edle Menschen־־ freunde den Tag nicht vorübergehen liessen, ohne dem würdigen Paare den Lebensabend verschönen zu helfen. — Aus Bingen schreibt man uns: Am Sonntag den 11. Juli fand hier eine Versammlung deutscher Zionisten statt. Vertreten waren Delegierte aus Berlin, Bingen, Frankfurt a. M., Heidelberg und Köln. Die Versammlung konstituierte sich zu einem Verbände deutscher Zionisten und beschloss, einen Beferenten zum allgemeinen Kongress nach Basel zu schicken. Ferner wurde zum Beschluss erhoben, die Grundzüge eines Programms auszuarbeiten und dem BaselerKongress als Entwurf vorzulegen. Bezugnehmend auf die allgemeine Erklärung betonte man in der Versammlung, dass die Zionisten treue Staatsbürger seien und es mit ihren Pflichten als solche sehr ernst halten. Ebenso wies man den Vorwurf zurück, dass die Ideen des Zionismus mit dem Geiste des Judentums nicht zu vereinbaren wären. Karlsruhe i. B. Der ״Badischen Landes-Zeitung״ vom 13. ds. entnehmen wir über die Bürgerausschusssitzung nachstehenden Bericht: Bei Pos, 11. Verbreiterung der Krieg- und der Kronenstrasse, Ankauf des alten israelitischen Friedhofs und Anlage eines öffentlichen Platzes daselbst mit Polizeistation, Erheberhäuschen, Brückenwage und Bedürfnisanstalt spricht Stadtv. Ettlinger gegen die Genehmigung. Die Vor- Schriften der israelitischen Beligion gebieten die dauernde Erhaltung der Friedhöfe. Früher habe man dieser religiösen Vorschrift Bechnung getragen. Beligiöse Gefühle sollte man nur im äussersten Falle verletzen. Dieser Fall treffe hier aber nicht zu. Die Kronenstrasse könne verbreitert werden, wenn das Erheberbäuschen und der Abort entfernt werden. Oberb. Schnetzler: Es liege selbstvertändlich dem Stadtrat durchaus fern, Mangel an Bücksicht auf die Pietät gegen irgend welche religiöse Ueberzeugung an den Tag zu legen. Der Vorredner habe den Beweis nicht geliefert, dass eine Aenderung des bisherigen Zustandes nicht dring־ lieh sei. Einen geeigneten Platz für Erheberhäuschen, Brückenwage und Abort könne man in jener Gegend nicht finden. Es handle sich um einen dauernden Nutzen für die ganze Stadt. Es sei unmöglich durchzuführen, dass ein Friedhof allem Wechsel der Zeit trotzt und in Ewigkeit bleibt. Viele alte Friedhöfe sind verschwunden, und Bedner glaubt nicht, dass das im mindesten der Seligkeit derer Eintrag gethan hat, die in ihnen ruhten. Auch hier vor dem Bathause war ein Friedhof und jetzt wird Markt daraugehalten. Bedner erinnert ferner an den östlichen Friedf hof, der jetzt als öffentliche Anlage dient. Ob der Vorredner glaube, wenn auf dem Marktplatz ein israelitischer Friedhof gewesen wäre, dass die Entwicklung der Stadt davor Halt gemacht hätte. Auch er sei der Ansicht, dass nur in dringenden Fällen Friedhöfe geräumt werden sollten, aber hier bestehe Dringlichkeit. Es sei unthunlich, dass mitten im wirren Getriebe des Tages auf die Dauer ein Friedhof erhalten bleiben könne. Wenn sich auch Einzelne verletzt fühlen werden, schliesslich werden sie doch noch sagen: Es ist notwendig gewesen. Stadtv. Boos weist darauf hin, dass er einmal eine israelitische Familie aus dem Friedhofe habe entfernen lassen, die sich dorthin habe Bier bringen lassen. Man brauche deshalb nicht so ängstlich zu sein. Bürgermeister Krämer hebt hervor, wie gefährlich die gegenwärtigen Strassenzustände seien. Infolge Zusammenstössen gebe es fortgesetzt Entschädigungsklagen. Es handle sich an der fraglichen Stelle um den Schutz der Lebenden. Stadtv. Heimburger: Er nehme den Israeliten ihre Gefühle nicht übel, allein wir müssen uns auf einen anderen Standpunkt stellen. Wo notwendige allgemeine Interessen in Frage kommen, müssen die Gefühle eines kleinen Teils der Bevölkerung zurückstehen. Vielleicht sei nur ein Teil des Friedhofs notwendig. Bedner will übrigens keinen Antrag in diesem Sinne stellen. Oberbürgermeisters chn e tzier: Die Sache ist eingehend geprüft worden, man könne aber das Erheberhäuschen und den Abort nirgends anders liinthun. Uebrigens gehöre ein Friedhof schon aus ästhetischen und Pietätsrücksichten nicht in die fragliche Stadtgegeud. Stadtrat Homburger erklärt, dass er aus religiösen Bücksichten immer gegen die Beseitigung des Friedhofs gestimmt habe. Der Stadtv. Boos habe in dem erwähnten Fall dankenswert gehandelt, wenn die Sache auch nicht ganz so schlimm gewesen sei. Stadtv. Schaler. Mau könne den Friedhof nicht belassen. Das sollten die Israeliten einsehen. Die Pos. wird mit allen Stimmen gegen 3 (Homburger, Ettlinger und Dr. Weil) angenommen. Hamburg: Bei einer Ersatzwahl zur Bürgerschaft in Eimsbüttel wurde der bekannte antisemitische Agitator Baab als erster Antisemit in die Bürgerschaft gewählt. Bääb erhielt von 869 gütigen Stimmen nur ein reichliches Drittel, nämlich 313 Stimmen. Da im Ganzen 5 Kandidaten aufgestellt waren und die relative Mehrheit entscheidet, so ist er trotz dieser geringen Stimmziffer gewählt. Wien. Am 5. d. M. feierte August Silberstein den 70. Geburtstag. Zu Ofen als Sohn eines Kaufmannes geboren, wurde er mit zwölf Jahren vaterlos, die ursprüngliche Absicht, ihn der Gelehrtenlaufbahn zu widmen, musste aufgegeben werden, und Silberstein wurde durch Verwandte nach Wien in ein Handlungshaus gebracht. Doch heimlich besuchte der unfreiwillige Merkurjünger die Vorlesungen an der Universität und verlor, als dies an den Tag kam, die