Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3019627-3019628-3019658--651-3020121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
sich in dem immer mehr zunehmenden Mangel an religiöser Gesinnung und religiösem Empfinden in unliebsamster Weise bemerkbar. ״Es muss etwas geschehen“, ertönt es von vielen Seiten, ״um dem verheerenden Indifferentismus Sl steuern.“ Nur muss man in der Wahl der Mittel zur Förderung der Religiosität vorsichtig sein, damit nicht womöglich das Gegenteil von dem erreicht werde, was wirklich erstrebt werden soll. Ich zweifle nicht einen Augenblick daran, dass die Herren Commerzienrat Isaac, Renas Levy u. 8. w. den redlichen Willen haben, dem JudentrÄh einen Dienst zu erweisen; denn diese Herren haben bei anderer Gelegenheit ihr gutes ״jüdisches Herz“ zu erkennen gegeben. Aber trotz der Anerkennung, die ich ihrer jüdisehen Gesinnung rückhaltlos zolle, lautet mein Urteil über deren Versuch, das religiöse Gemüt besonders der heranwachsenden Jugend zu beleben, dennoch ״Fehlgegriffen!“ Bei der heutigen Zusammensetzung der Gemeindevertretung ist erfreulicher Weise keine Aussicht, dass ein Versuch, wie dasjenige um Einführung eines Sonntagsgottesdienstes unmöglich. Mit Recht hat man zum Beweise für die Un- Zweckmässigkeit einer derartigen Einrichtung auf die hiesige Reformgemeinde exemplificiert. Und ich stehe nicht an, zu erklären, dass ich es geradezu für ein Unglück für unsere Glaubensgemeinschaft halte, den Gedanken, einen Gottesdienst am Sonntag einzurichten, weiter auszuspinnen, um ihm eine grössere Anhängerschaft zuzuführen — ein Unglück, das in seinen Folgen uns weit verderblicher werden kann, als der Druck der gegenwärtigen Verhältnisse. Ich glaube den Herren Unterzeichnern voll und ganz, wenn sie erklären: ״Wir wollen nicht, dass an dem Sabbath, der ״heilig ist, und der eine der Grundvesten des ״ Judentums bildet, gerüttelt werde. aber durch die in Rede stehende Einrichtung würde der Sabbath seiner Heiligkeit und Würde nach und nach ganz beraubt werden. Auf der andern Seite würde aber nichts gewonnen werden, denn der Sonntag wird nie und nimmer im Stande sein, uns den Sabbath zu ersetzen. Nach einem Ausspruch unserer Alten ist ״Israel nicht verwaist.“ In den schwersten Zeiten des Niederganges haben sich immer Mittel und Wege finden lassen, Israel aufzurichten und die ihm drohenden Gefahren abzuwenden. Gestatten Sie nun, geehrter Herr Redacteur, einem Laien, seine Ansichten über einige zur Förderung religiöser Gesinnung und Beihätigung ihm zweckmässig erscheinenden Mittel in Ihrem gesch. Blatte zum Ausdruck zu bringen, wobei ich mich grösster Kürze befleissigen will. Ich bin der Meinung, dass unsere Herren Rabbiner infolge zu grosser Inanspruchnahme durch Amtsgeschäfte ausser Stande sind, eine in die breiten Massen unserer Glaubensgemeinschaft eindringende und deren Gemüt hefruchtende seelsorgerische Thätigkeit zu entfalten. Ferner: Der Religionsunterricht würde nach meiner Meinung weit bessere Resultate aufzuweisen haben, wenn er mehr das Gemüt der Kinder berücksichtigen würde, und wenn die Herren Lehrer sich von zu weitgehender Freigeisterei im Unterrichte und — sagen wir es frei heraus — in ihrer Lebensweise fernhalten würden. Freilich werden die Unterrichtserfolge nicht wenig dadurch beeinträchtigt, dass die Religionsschule im Hause des Kindes nicht dem Grade von Achtung begegnet, den man den öffentlichen Schulen gegenüber zu verletzen sich scheut. Ja das Haus! Diese Quelle allen Glückes sollte auch die Quelle religiösen Lebens sein. Die Eindrücke, die die religiösen Uebungen auf das Herz des Kindes ausüben, sind unverwischbar. Bedächten die Eltern, welchen Schatz sie ihren Kindern übermitteln, wenn sie sie mit den Einriehtungen unserer Religion bekannt machen, sie würden wahrlich nicht ihre ganze Aufmerksamkeit der allgemeinen Ausbildung des Kindes zuwenden, sondern ihnen — und erforderte dies auch schwere Opfer — den Born rechten jüdischen Lebens erschliessen! Lehrlingen, Commis und sonstigen Angestellten müsste nach meinem Dafürhalten die Möglichkeit gegeben werden, wenigstens an jedem vierten Sabbat und an grösseren Festtagen das Gotteshaus zu besuchen. Die hierdurch entstehende Versäumnis von etwa zwei Stunden sollten die Chefs resp. Arbeitgeber sich gern gefallen lassen. Die Verwertung der hier angedeuteten Mittel zur Hebung religiöser Gesinnung und Förderung religiösen Lebens, durch deren Erörterung in Ihrem Blatte Sie, geehrter Herr Redacteur, sich ein grosses Verdienst erwerben würden, macht die Einführung eines Gottesdienstes am Sonntag überflüssig, und ihre Segnungen werden sich bald in ertreulichster Weise zeigen. Hochachtungsvoll E. B. Die jüdischen Vereine Berlins. (Nach den Angaben der p.p. Vorstände.) ("Etwaige Ungenauigkeiten bitten wir ge£L berichtigen zu wollen.) Nachdruck verboten. 33. ״Jung-Israel“. Der Verein ״Jung Israel, jüdisch-nationaler Verein“ bezweckt, das Bewusstsein der nationalen Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes zu wecken, jüdisches Leben und jüdische Wissenschaft zu pflegen. Dieser Zweck wird erreicht durch: a) Vorträge, Referate und Discussionen; b) Verbreitung geeigneter Lektüre; c) Pflege der hebräischen Sprache und eventuelle Errichtung von hebräischen Lehr- und Lesezirkeln. Der Verein ist am 10. März 1892 von Willi Bambus begründet worden. Er legt besonderes Gewicht auf die Anregung zur Gründung von Sammenlpunkten. Durch sogen. Dichterabende soll auf die belletristische Leistung der Juden im 19. Jahrhundert hingewiesen werden. Der Verein ist korporatives Mitglied der ״Jüd. Lesehalle". Den Vorstand bilden die Herren: Dr. Thon (jetzt Rabbiner in Krakau), Theod. Zlocisti, Willy Bambus, Lonis Leopold, Rud. Hartmann und Max Jungmann. 34. ״Iiehrlingsheim Pankow“. Bedürftigen, würdigen jungen Leuten, insbesondere Waisen, die ein Handwerk erlernen, nicht nur Unterhalt, Kleidung, Handwerkszeug etc. während ihrer Lehrzeit zu gewähren, sondern sie' auch durch einen zugleich ihre Erziehung und Fortbildung fördernden Leiter beaufsichtigen zu lassen, ist die Aufgabe des Vereins ״Lehrlingsheim Pankow“, den die Herren J. Bodenstein und Jos. Frankel im Jahre 1891 begründet haben. In den ersten Jahren hatte der Verein für seine Pfleglinge ein Heim in gemieteten Räumen. Dank der Hilfsbereitschaft edler Menschenfreunde besitzt der Verein jetzt sein eigenes Heim in Pankow, Mühlenstr. 20. Das Gebäude, das 50—60 Zöglinge zu heherbergen im Stande ist, ist gegenwärtig mit 20 Lehrlingen belegt, die sich den mannigfachsten Berufsarten widmen und Fleiss und gutes Betragen an den Tag legen. Der Verein zählt bereits 72 immerwährende und 254 Mitglieder, die einen Jahresbeitrag (von mindestens 10 M.) entrichten. Das Grundstück mit Baulichkeiten, Inventar und anderem Zubehör repräsentiert einen Gesamtwert von 180,000 Mark. Direktor der Anstalt ist Herr Max Wilinsky. Das Curatorium des Vereins ״Lehrlingsheim Pankow‘‘ besteht aus den Herren Jos. Frankel, Beruh. Kraft, Dr. A. Stelitz, Julius Bodenstein, Isidor Löwe. Adolf Ginsborg, Dr. M. Jutrosinski, Rud. Mosse, Marcus Adler, M. D. Feilchenfeld. 35. ״Monbijou“. Am 3. März 1893 ist die Vereinigung Monbijou von dem jetzigen Ehrenmitglieds des Vereins Herrn D. Wolfs zum Zwecke der geistigen Fortbildung auf jedem Gebiete