Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau. — In diesen Tagen wurde das Kinderheim in Eimen seiner Bestimmung übergeben. Dem schlichten Akte wohnten bei: Herr Sanitätsrat Dr. Ehrenhaus als Delegierter des ״Vereins für häusliche Gesundheitspflege“, die Herren Bischof und Sekretär Bennert als Deligierte der Grossen Berliner Ferien-Colonien und Herr Adolf Meyer als Vertreter für das ״Comite der Ferien-Colonien für jüdische Kinder.“ Ausserdem waren Herr Consul Simon-Hannover und der bekannte Philanthrop Alphonse Jacobsohn-Leipzig erschienen. — Der geschäftsführende Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland: Dr. Maybaum, Berlin, Dr. Horowitz, Frankfurt, Dr. Guttmann, Breslau, Dr. Auerbach, Halberstadt, Dr. Werner, München, veröffentlicht folgende Erklärung: ״Durch die Einberufung eines Zionistenscongresses und durch die Veröffentlichung seiner Tagesordnung sind so irrige Vorstellungen über den Lehrinhalt des Judentums und über die Bestrebungen seiner Bekenner verbreitet worden, dass der Unterzeichnete Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland es für geboten erachtet, folgende Erklärung abzugeben: 1. Die Bestrebungen sogenannter Zionisten, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat zu gründen, widersprechen den messianischen Verheissungen des Judentums, wie sie in der heiligen Schrift und den späteren Religionsquellen enthalten sind. 2. Das Judentum verpflichtet seine Bekenner, dem Vaterlande, dem sie angehören, mit aller Hingebung zu dienen und dessen nationale Interessen mit ganzem Herzen und mit allen Kräften zu fördern. 3. Mit dieser Verpflichtung aber stehen nicht in Widerspruch jene edlen Bestrebungen, welche auf die Colonisation Palastinas durch jüdische Ackerbauer abzielen, weil sie zur Gründung eines nationalen Staates keinerlei Beziehungen haben. — Religion und Vaterlandsliebe legen uns daher in gleicher Weise die Pflicht auf, alle, denen das Wohl des Judentums am Herzen liegt, zu bitten, dass sie sich von den vorerwähnten zionistischen Bestrebungen und ganz besonders von dem trotz aller Abmahnungen noch immer geplanten Gongress fern halten.“ Berlin. Die Kreuzzeitung brachte dieser Tage eine höchst interessante statistische Arbeit von Prof. Dr. Gemss über die ״Frequenz der höheren Lehranstalten Preussens im Schuljahr 1895/96“. Die Zahlen, die in dieser Artikelserie über die jüdischen Schüler an den höheren Lehranstalten Preussens angegeben werden, sind ein beredter Protest gegen die antisemitischen Klagen, die von einem Heberhandnehmen des jüdischen Elements in diesen Anstalten faseln. Professor Gemss berichtet: Von den 138 803 Schülern zu Ostern 1893 waren 97 805 — 70,5 pCt. evangelisch, 28 836 — 20,77 pCt. katholisch, 341 — 0,2 pCt. dissidentisch, 11821 — 8,6 pCt. mosaisch. Für Ostern 1896 stellte sich das Verhältnis hingegen folgendermassen: Wenn auch die Zahl der Evangelischen auf 98 589 stieg, so ist bei der Gesammtzahl von 41584 doch eine relative Abnahme festzustellen, da der Procent- Satz sich jetzt auf 69,7 beläuft, die katholischen Schüler sind von 28 836 auf 31 169, also von 20,77 pCt. auf 22jl pCt. gestiegen, die Zahl und der Procentsatz der Dissidenten ist fast gleich geblieben, sie betrug 1893 341 — 0,2 pCt. und ist nur auf 394 gestiegen, ebenfalls 0,2 pCt. Eine erhebliche Einbusse haben hingegen die jüdischen Schüler erlitten. Die Gesamtzahl sank seit Ostern 1893 von 11 821 auf 11 432 zu Ostern 1896, der Procentsatz von 8,6 auf 8 pCt. Wenn nun auch die geringe Zunahme der jüdisehen Gesamtbevölkerung, die am 1. December 1890 373 059, am 2. December 1895 379 716 Seelen zählte, eine ebenfalls geringe Zunahme in der Schülerzahl erwarten liess, so ist doch dieses Zurücktreten des jüdischen Elements, unter den Schülern der höheren Lehranstalten, denen unsere jüdischen Mitbürger doch mit Vorliebe ihre Söhne anzuvertrauen pflegen, weil sie den Vorteil höherer Bildung zu schätzen wissen, im hohen Grade auffallend, und dies umsomehr, als alle Schularten davon betroffen sind. Auf den Gymnasien sank der Procentsatz von 8,75 auf 8,34, auf den Real-Gymnasien von 9,08 auf 8,66, den Ober-Realschulen von 8,2 auf 6,09, auf den Realschulen von 9,48 auf 8,80, den Prorealgymnasien von 5,8 auf4,2 und ist nur auf den Progymnasienum eine Wenigkeit, von 7 auf 7,14pCt. gestiegen, gerade auf den Anstalten, die ausschliesslich in kleinen Städten, aber nicht blos im Osten der Monarchie, sondern auch am Rhein liegen. Dieser Niedergang der jüdischen Schüler ist in den letzten vier Jahren ein sich gleich bleibender gewesen und beruht nicht blos etwa auf besonderen Eigentümlichkeiten der beiden herangezogenen Jahre. Während 1892/93 der Procentsatz 8,6 betrug, sank er 1893/94 auf 8,4 und 1894/95 auf 8, und selbst die absolute Gesamtzahl verminderte sich von 11,821 auf 11,432. Dieselbe Erscheinung lässt sich auch an der Zahl der jüdischen Abiturienten beobachten. 1892/93 waren unter den 3825 Gymnasialabiturienten 315 8,2 pCt. mosaisch, im folgenden Jahre zwar 326, aber bei der Gesamtzahl von 4143 nur 7,8 pCt., 1894/95 312 — 7,5 pCt. unter 4169, 1895/96 285 — 6,8 pCt. unter 4168 Abiturienten. Aehnlich ist es bei den Abiturienten der Realgymnasien und Oberrealschulen, die bei grossen Schwankungen in den einzelnen Jahren doch mit einem Minus abschliessen. Wir heben diese Erscheinung deshalb hervor, weil aus der Tbatsacbe, dass die Zahl der jüdischen Abiturienten in Berlin zunimmt, falsche Schlüsse auf die Gesamtmonarchie gezogen werden können und wirklich gezogen sind, denen entgegenzutreten wir für unsere Pflicht halten. Auch die Frage, wie sich die Schülerzahl ihrem Glaubensbekenntnis nach auf die einzelnen Schularten verteilt, erörtert Prof. Gemss in interessanter Weise: Nach der Zählung 1895 waren unter den Einwohnern Preussens 63,9 pCt. evangelisch, 34,5 pCt. katholisch, 1,5 pCt. jüdisch, 0,1 pCt. gehörten anderen Religionen an, unter den Schülern aller höheren Lehranstalten waren die Evangelischen mit 69,7 pCt., die Katholiken mit 22,1 pCt., die Juden mit 8 pCt., Andersgläubige mit 0,2 pCt. vertreten. Die jüdischen Schüler sind nicht etwa, wie man allgemein vermuthet, mit dem höchsten Satze auf den Gymnasien vertreten, sondern auf den Realschulen mit 88 v. T., hierauf mit 86 auf den Realgymnasien, dann erst mit 83 auf den Gymnasien. Auf den Progymnasien sind 71, den Ober-Realschulen 60, den Prorealgymnasien 42 unter 1000 mosaischer Religion. Man darf eben nicht von den Verhältnissen in Berlin und einigen anderen Gressstädten auf die allgemeinen Verhältnisse im ganzen preussischen Staate schliessen. Gegen 1893 haben die evangelischen Schüler im Procentsatz, das heisst: thatsächlich, zugenommen, nur auf den Realschulen und Prorealgymnasien, die katholischen überall mit Ausnahme der Realschulen und Prorealgymnasien, die jüdischen nur auf den Realschulen, sonst haben sie überall teilweise bedeutende Verluste erlitten. Antisemitismus in den Burschenschaften. Nach einem antisemitischen Organ soll ״die Ablehnung der judenfreundliehen Agitation alter Burschenschafter an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Es hätten damals bei der entscheidenden Berathung in Eisenach einige wenige Burschenschäften einen formellen Vorbehalt gegen den vorjährigen Beschluss gemacht, aber ganz offenbar nur zu dem Zweck, um ihren nach wie vor feststehenden Beschluss, hinfort keine Juden mehr aufzunehmen, gegen ihre Alten Herren, welche über die Judenfrage anders denken, möglichst wenig verletzend zu gestalten. Auch eine Breslauer Burschenschaft, die in der Form dieser Verwahrung am weitesten gegangen, habe zweifellos nicht die Absicht, den Grundsatz zu durchbrechen. Gerade diejenigen beiden Breslauer Burschenschaften aber, unter deren Alten Herren die judenfreundliche Agitation begann, hätten aus diesem Anlass ihren Antisemitismus auch für die Zukunft grundsätzlich betont, und endlich hätten zwei andere Burschenschaften sich ausdrücklich gegen die Annahme verwahrt, dass die von einigen ihrer Alten Herren betriebene judenfreundliche Agitation im Einverständniss mit ihnen oder auch nur mit