Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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fühl wieder zum vollen Bewusstsein gelangen werde“, so meine ich, dürften sich die Dinge grade umgekehrt entwickeln. In der ersten Zeit wird die Sache noch den Reiz der Neuheit ausüben und infolgedessen Zuspruch erhalten und später wird es ihr ergehen wie der Reformgemeinde, ein Prediger, ein feierlicher Gottesdienst und viele, viele leere Bänke. Die Herren sollen sich doch nur keinen Hinsionen hingeben; diejenigen Kreise, für welche der Gottesdienst am Sonntag eingerichtet werden soll, werden sich auch nach wie vor von der Mühsal der Sabbatarbeit Sonntags am Skattisch oder im Grunewald erbauen. Die Unter- Zeichner sind selbstverständlich ausgenommen. Der unternommene Versuch, gewissermassen auf Umwegen neben dem von der jüdischen Religion gebotenen dem Ruhetag unserer nichtjüdischen Umgebung die Synagoge zu erschlieseen, der hier im religiösen Gewände auftritt, ist meiner Meinung nach nichts weiter, als ein neuer Vorstoss, ein neues Glied in der Kette jener Bestrebungen einer seichten und flachen Rationalistik, einer zur prunkhaften Manie gewordenen Assimilationssucht, die erst in den letzten Jahren im Judentum aufgetreten ist. Wir Juden fühlen uns mit Stolz als Bürger des deutschen Vaterlandes, unsere Sprache ist die seine, unsere Moral ist keine andere als die unserer Umgebung. Das ist wahrlich Assimilation genug. Ein Gebiet sollte billigerweise von diesen Fanatikern eines sonst löblichen Bestrebens verschont bleiben, unsere religiöse Eigenart nämlich. Was unser Glaube, unser ritueller Brauch uns vorschreibt, das sollten wir uns rein und ungemischt erhalten, hier hat kein Staat, keine anders geartete Umgebung uns etwas hineinzureden. Nur jene oben gekennzeichneten Kreise, die am liebsten auch unsere Nasen, die man bekanntlich beim Aristokraten aristokratisch, beim Juden jüdisch nennt, wenn es anginge, auf orthopädischem Wege umgestalten möchten, würden auch unsere spezielle jüdisch-religiöse Eigenart verwischen und unkenntlich machen zu Gunsten ihrer Assimilation«- theorien, im Interesse einer öden, flachen Gleichmacherei. Und dazu würde die in Vorschlag gebrachte Einrichtung des Sonntags-Gottesdienstes dienen, wenngleich ich gern glauben will, dass den Herren Unterzeichnern solches nicht in der Absicht gelegen hat. Nie und nimmer darf es dahin kommen, auch wenn uns versichert wird, dass ״selbst die Orthodoxesten unserer Glaubensgenossen״ hiergegen nichts einzuwenden haben können, wie hervorragende Rabbiner uns bestätigten. Dieser Passus war mit der interessanteste in dem ganzen Schriftstück, nicht um dessentwillen, was er besagt, sondern um dessentwillen, was er verschweigt. Was wissen jene Herren von der Orthodoxie, die sie nur vom Hörensagen kennen, mit der sie sich nur dann beschäftigen, wenn sie vor den Wahlen die Orthodoxie den Wählern als den schwarzen Mann hinstellen? Und wer sind die ungenannten ״hervorragenden Rabbiner“? Heraus mit Euerem Fiederwisch, Ihr Herren! Warum nennt Ihr nicht ihre ״hervorragenden“ Namen? Wenn im geschäftlichen Leben jemand Oredit beansprucht auf Grund ungenannter Referenzen, mögen dieselben auch seiner Versicherung noch so ,,hervorragend" sein, jeder Unterzeichner des Aufrufs würde den Mann für verrückt erklären. Die Herren sollten doch unsere Gemeindemitglieder, denen sie ihren Aufruf ins Haus geschickt haben, etwas höflicher behandeln. Hoffentlich hat man den Herren auch mitgeteilt — sie selbst werden .es wohl nicht mit angehört haben — dass zwei unserer ״hervorragenden“ Rabbiner bereits auf der Kanzel sich in der schärfsten Weise gegen ihre Projektenmachereien ausgesprochen haben. Wir haben im Laufe der Zeit Erfahrungen genug gesammelt betrübendster Art, die hervorgerufen wurden durch jene radikalen Reformbestrebungen, die Gotteswerk abschafften, um Menschenwerk an seine Stelle zu setzen. Eine Privatgemeinde, wie es die Reformgemeinde ist, mag sich zum Sabbat stellen, wie es ihr beliebt—was so geschieht, kommt eben auf das Privatconto jener Gemeinde, und die jüdische Allgemeinheit als solche hat nichts damit zu schaffen. Nie und nimmer aber darf die offizielle Vertretung einer jüdischen Gemeinde zu derartigen privaten Liebhabereien ihre Hand bieten, nie und nimmer darf sie es unternehmen, an dem Sabbat, diesem Haupt- und Grundfundament des Judentums zu rühren und fremdartige Surrogate dem jüdischreligiösen Leben heimischen. Thäte sie das, so hätte sie sich ihres Charakters als einer jüdischen Gemeinde entkleidet. Ich habe nur ein Lächeln für die Behauptung jener schon so oft erwähnten Kreise, ״für diejenigen sorgen zu wollen, die, ohne auf dem Boden der Reform-Gemeinde zu stehen, nicht in der Lage sind am Sabbat das Gotteshaus zu betreten.“ Wer in seinem religiösen Radikalismus bereits soweit vorgeschritten, dass er ohne religiöse und Gewissensbedenken den jüdischen Sabbat für den christlichen Sonntag zu opfern bereit ist, der wird auch an dem Gottesdienst der Reformgemeinde in der Form, wie sie heute besteht, keinen Anstoss nehmen. Also immer hineinspaziert, meine Herren, Platz ist ja da in Hülle und Fülle. Noch eines rein äusseren Umstandes möchte ich Erwähnung thun, der allein vielleicht schon hinreicht, das ausgeheckte Planeben zu schänden zu machen. Wir hatten bis vor kurzem 5 Rabbiner und 4 Synagogen. Heute haben wir 4 Rabbiner und binnen kurzem werden wir 5 Synagogen haben, und der fünfte schon lange gesuchte Rabbiner wird noch lange auf sich warten lassen. Es ist uns zur Zeit nicht vergönnt, dass an jedem Sabbat in jeder Synagoge gepre• digt wird, ein billiger Wunsch, der überall gehegt wird und dessen Erfüllung sich die Gemeindeorgane nicht mehr lange werden entziehen können. Kann man es denn einem Prediger zumuten, ausser am Sabbat auch noch am Sonntag zu predigen, zumal wenn der eine oder andere am Sonntag auch noch Religionsunterricht zu erteilen hat? Oder sollen etwa um jener handvoll Leute willen, die den Sonntags-Gottesdienst besuchen, vier besondere Prediger angestellt werden? Das werden die Herren selber nicht verlangen. Ich bin der festen Ueberzeugung, dass der gesunde religiöse Sinn der grossen Mehrheit unserer Gemeinde mit Entrüstung jenes Attentat gegen den Sabbat weit von sieh abweisen wird. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde kann allein gar keine Neuerungen im Gebiete des Kultus und der Religionsübang treffen, dazu bedarf es der Zu- Stimmung der Repräsentanten, und die Zusammensetzung dieses Kollegiums bietet die sichere Gewähr, dass den Herren, die den Sonntagsgottesdienst eingeführt wünschen, dringend empfohlen werden wird, in Zukunft ihre freie Zeit einer nützlicheren Beschäftigung zu widmen. Hochachtungsvoll L. M. Aus der Gemeinde. Berlin, Als erfreuliches Zeichen der begonnenen Fürsorge für den jüdischen Religionsunterricht seitens der königlichen Unterrichtsverwaltung sei gemeldet, dass von dem Brandenburgischen Provinzial-Schulkollegium der Rabbiner Dr. Kroner als Lehrer in der jüdischen Religion am Charlottenburger Reformgymnasium bestätigt, dabei auch die Erhöhung der einstweilen festgesetzt gewesenen Remuneration für die Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts an der bezeichneten Anstalt veranlasst worden ist. — Die in der letzten Sitzung der Repräsentanten beschlossenen baulichen Veränderungen in der Synagoge Kaiserstrasse schreiten rüstig fort. Bis zn ihrer Vollendung bleibt das Gotteshaus geschlossen. Vereins- Schau. Am verflossenen Dienstag fand das Sommerfest des Wohlthätigkeits-Verein ״GemilillS Chassodim“ statt, das von schöner Witterung begünstigt, sich eines ausserordentlich zahlreichen Besuches erfreute. Schon von frühen Nachmittagsstunden an herrschte in den Gartenlokalitäten bei Puhlmann, Schönhauser-Allee ein fröhliches Treiben; die gebo-