Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Schrift wird zweifellos zur Orientierung in der Ausstellung wesentlich beitragen. Um 1 Uhr mittags wurde die letziere dem Publikum geöffnet, und das Gebäude war bis zum Abend stets mit Besuchern gefüllt, welche mit dem grossten Interesse, ja mit einem gewissen Staunen das Bargebotene in Augenschein nahmen. Wenn man bedenkt, dass in der Hamburger Ausstellung Californien durch eine Aus- Stellung seiner Landesprodukte so grossartig und reichhaltig, wie man es in Deutschland überhaupt noch niemals gesehen hat, vertreten ist, so darf es immerhin als ein namhafter Erfolg betrachtet werden, dass das Publikum sich schon am ersten Tage in so eingehender Weise mit den Produkten der jüdischen Colonien beschäftigte und unsern wackeren Ackerbauern so reiches Lob widmete. Mit einem Gefühl aufrichtiger Genugthuung hörte Schreiber dieser Zeilen, wie zwei Herren, dem Anschein nach Landwirte, sich in sachverständiger Weise mit den ausgestellten Früchten beschäftigten und nach genauer Prüfung der ausgestellten drei Sorten Kartoffel und Spargel ihr Urteil in die Worte fassten: ״Vorzüglich, kaum glaublich.“ Dieses kurze Urteil sagt vielleicht mehr als die zahlreichen Schriften, welche sich mit der Frage beschäftigen, ob Palästina zur Landwirtschaft geeignet ist, und ob die Juden fähig sind, den Boden des Landes zu bearbeiten. Die Ausstellung präsentiert sich in glänzendstem Rahmen. Beim Eintritt in das Gebäude, das ein Kolonisten-Haus zur Darstellung bringt, überrascht ein Diorama, welches von der Künstlerhand des Herrn Lütckens in Hannover hergestellt, im Vordergründe die Strasse (Jakobstr.i einer Kolonie zeigt f im Hintergründe sieht man Theile von Jerusalem, im Vordergründe Palmen-, Oliven-, Orangen-, Mandel- und Granatbäume in voller Blüte. Der Raum zur Rechten des Dioramas enthüllt Baumwollen ge webe, die von Schülern der Ackerbauschule Mikweh-Israel angefertigt sind, ferner Seidenraupen-Cocons, Seide, Teppiche und ein prachtvolles Arrangement von Schnitzereien aus Oliven- und Cedernliolz, welche äusserst kunstvoll ansgeführt sind und das Bedauern erwecken, dass dieselben nicht in der Ausstellung käuflich zu erwerben sind. Der Raum links vom Diorama dient zur Ausstellung der Landesproduckte; man sieht dort verschiedene Getreidesorten, Weizen, Gerste, Sesam, Durrali: ferner Lupinen, Erbsen, Bohnen, Linsen und verschiedene Arten ganz vortrefflicher Kartoffeln. Weiter sehen wir Proben von Orangen, Honig, Oliven-Oel, Eau de Cologne, verschiedene Weinsorten, Weintrauben, Liqueure, Frucht- Säfte etc. Leider war die Ueberführung von Traubenstöcken nicht möglich, weil mit der Türkei keine Convention in Betreff Vorbeugungsmassregeln gegen die Reblaus besteht, doch hofft man, vielleicht noch im August reife Trauben hierher zu bekommen. An Gemüsen befinden sich Carotten, 2uckererbsen und Bohnen. Die Cultur des Spargels ist erst seit vier Jahren in Angriff genommen, trotzdem lassen die ausgestellten Proben auf eine sorgfältige Behandlung schliessen und grosse Hoffnung für die Zukunft auf kommen. Die grösseren Bäume haben leider auf dem Transport durch Seewasser gelitten, wie überhaupt der Transport aus den Colonien bis zur Küste, die Verschiffung von Jaffa bis nach Alexandrien und von dort nach Hamburg, vor allem aber die Verladungsschwierigkeiten und ungünstigen WitterungsVerhältnisse der Eröffnung der Ausstellung besonders hinderlich geworden sind. Aber wenn auch verspätet, ist das Comite dennoch auf dem Platze erschienen, um innerhalb des grossartigen Gesamtunternehmens seinen Platz auszufüllen. Nach »J. P.“ Dresden. Der Antisemit Zimmermann wurde am Sonntag aus Böhmen ausgewiesen. Eine sicher ganz willkommene Reklame, die von der Tetschener Bezirkshauptmannschaft da für Zimmermann gemacht wird. Ziujmermann war bekanntlich der Arrangeur des Antisemitenzuges aus Dresden, der an den Aussiger Festivitäten teilnehmen sollte. In Aussig war neben dem Festrummel noch eine ״Volksver- Sammlung“ geplant, in der Zimmermann die Gemeinbürg־ schaff; der Dresdner Spiesser und Radau-Antisemiten mit den Deutschen in Böhmen, die gegen den tschechischen Ansturm kämpfen, verkünden sollte. Leider hat die kurzsichtige böhmische Behörde den Spass verdorben. Denn ein hübscher Spass ist es, die engherzig-kleinliche Bewe* gung der neidzerfresseneu Antisemiten auf die antislavische Bewegung der Deutchen in Böhmen zu pfropfen. So dumm sind die hiesigen Leiter des Rummels schliesslich auch nicht, dass sie das nicht einsehen, aber die Gelegenheit ist so günstig, einmal Leben mit ״oberflächlichem Radau und verbrauchten Schlagworten zu machen“ — wie der Antisemit Förster sagen würde — dass man eben mit beiden Händen zugriff. Die Wacht“ wird wieder losdonnem über die unerhörte Handlungsweise der böhmischen Behörde, sie wird alle deutschen Mannen aufrufen zum Protest gegen die Freiheitsberaubung und Ausweisung. — Nun, wir billigen, sicher solche polizeilichen Praktiken nicht, aber wir würden der ״Wacht“ raten, über den Protest gegen das Ausland auch die Heimat nicht zu vergessen. Hier werden bekanntlich schon Ausländer ausgewiesen, wenn sie ihrer Gewerkschaft angehören, oder wenn sie sich ein paarmal in sozialdemokratischen Versammlungen sehen lassen. Also verehrte ״Wacht“: Hic Rhodos, hic salta! — In dem jüngsten, bis jetzt vorliegenden Bande der von ihm gegenwärtigen herausgegebenen ״Deutschen Wirtschaftsgeschichte im Mitteialter“ hat der bekannte Historiker Professor Carl Lamprecht einen besonderen Teil dem Einfluss der Juden auf Handel und Cultur im Mittelalter gewidmet. Seine durch wissenschaftliche Objectivität sich auszeichnenden Ausführungen, die an sich schon deswegen höchst wertvoll sind, weil sie die spärlichen Nachrichten, die wir bisher über die materielle Lage der Juden im Mittelalter haben, durch ein reiches Material vermehren, enthalten eine Auslassung von besonderem Interesse. Nachdem er nämlich gezeigt, wie die Juden keineswegs von jeher Bankiers oder Wucherer waren, sondern anderen Besehäftigungen obgelegen hatten, wie vielmehr der Coutrast zwischen dem Aufblühen ihrer materiellen Lage und ihren privat- und staatsrechtlichen Verhältnissen zu höchst abnormen Erscheinungen führen musste und die Juden gegenüber den gegen sie geübten Brandschatzungen gezwungen waren, va banque zu spielen, d. h. herauszuschlagen, was herauszuschlagen war, beleuchtet Professor Lamprecht die di recte Ausbeutung des Wuchers zu Gunsten der Landesherreu, jenes ^raffiniert durchdachte System, den Juden das Odium des Wuchertreibens zu überlassen, den Vorteil der Wucherfrüchte aber selbst nach Belieben einzuheimsen“, und kommt zum Schluss auf die Einwirkung der Juden auf die Finanzverwaltung zu sprechen, wobei er sich in folgender bemerkenswerter Weise äusserte: ״Wenn sich auch auf dem Gebiete der Finanzverwaltung Spuren einstiger jüdischer Einwirkung verwischen liessen, so blieb diese Einwirkung doch jedenfalls in der Gesamm!geschieh te der Territorialbilduug nicht ohne tief eingreifende Ergebnisse. Wohl schwerlich wird sich in anderen deutschen Territorien die Bedeutung des jüdischen Einflusses bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts in ebenso sicherer Weise veranschaulichen lassen, wie z. B. in Trier, indess wird es doch möglich sein, in den meisten Territorien einzelne Spuren einer in analoger Weise ausgebildeten Einwirkung aufzuweisen. Ist dies aber der Fall, so kann den Juden ein bemerkenswerter, wenn auch erzwungener Anteil an der Entwickelung des deutschen Territoriums und damit des modernen deutsehen Staates nicht abgesprochen werden.“ Wien. In dem galizischen Städchen Dorna kam es zu einem argen Excess gegen die Juden. Infolge eines Wort- Wechsels mit einem jüdischen Schankwirt überfielen Soldaten des dortigen Infanterie-Regiments die jüdischen Häuser und die Synagoge, und in dem sich entspinnenden Kampfe wurde ein Jude getödtet und ein zweiter tödtlich verwundet. Zahlreiche andere Juden wurden verletzt. Budapest, 27. Juni. Durch allerhöchste Entscbliessung wurde für den erledigten Lehrstuhl der höheren Mathematik an der Klausenburger Universität der ausserordentliche Professor in Bonn, Dr. Ludwig Schlesinger berufen.