Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sein diesjähriges Sommerfest feierte unter grosser Beteiligung der Mitglieder und vieler Gaste der Synagogen- Verein ״Beth Zion“ in Noacks Garten am 23. Juni. Für Belustigung aller Art für alt und jung war reichlich gesorgt durch Theatervorstellung, Concert und Tanz. Das Gartentheater, Brunnenstr. 16, eines der besten im Norden Berlins bietet recht beachtenswerte Leistungen, und so waren auch diesen Abend die zahlreichen Gartenbesucher von den Darbietungen recht befriedigt. Auch der materieile Erfolg für die Vereinskasse soll ein befriedigender sein. Zum Besten seiner Kasse veranstaltete der ״Lippman- Tauss-Synagogen-Verein“ ein Sommerfest in Dräsels Etablissement am letzten Sonntag. Dass die Veranstaltung einen den Erwartungen entsprechenden Erfolg hatte, glauben wir aus der grossen Beteiligung annehmen zu dürfen. Die vielen Festteilnehmer haben auch ihre!Rechnung gefunden. Nicht nur ein von der Kapelle des Herrn Max Schmerl ansgeführtes Concert, sondern auch Vorträge aller Art waren geeignet, selbst verwöhnte Personen zu unterhalten. Umschau. Berlin. Am Montag, den 28. Juni, mittags 12^/2 Uhr, fand auf dem Israelitischen Friedhof, Schönhauser Allee, eine Gedächtnisfeier und Denkmalsenthüllung am Grabe der vor Jahresfrist verstorbenen Gründerin und Vorsitzenden des Vereins zur Speisung armer Kinder und Notleiden־ der, Frau Agnes Blumenfeld, statt. Der Denkstein ist vom Verein in Gemeinschaft mit dem Vorstande des Vereins der Volkskindergärten von Berlin gesetzt worden. — Am 1. Juli feierte Herr Emil!Riese, Inhaber der bekannten Wäschefabrik in der Leipzigerstr. 72, das Fest des 25jährigen Bestehens der Firma. — Dem Privatdozenten in der medizinischen Fakultät der Universität zu Berlin Dr. Gustav Behrend sowie dem Privatdozenten an der technischen Hochschule zu Berlin Dr. Georg Galland ist das Prädikat ״Professor“ beigelegt worden. — Der Kaiser von Oesterreich hat dem Geheimen Kommerzienrat Goldberger den Orden der Eisernen Krone dritter Klasse und dem Kommerzienrat Jacob das Kitterkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. — Ein wahrhaft erschütterndes Ereignis hat eine unserer angesehensten Familie in namenlose Trauer versetzt. Der Student der technischen Hochschule in München, der 23jährige Bruno Magnus, Sohn des ganz kürzlich verstorbenen Fabrikanten R. Magnus, Karlsbad 4a verunglückte bei der Ersteigung des sogen. Totenkirchl im Kaisergebirge. Dienstag wurde die Leiche des Verunglückten über Kufstein nach Berlin und sogleich in die Leichenhalle, Schönhauser Allee gebracht. Unter zahlreicher Teilnahme fand noch an demselben Tage nachm. 5 Uhr die Beerdigung statt. Nach einleitendem Gesänge des Synagogenchores hielt Herr Rabbiner Dr. Maybaum die Gedenkrede, die einen ergreifenden Eindruck auf die Trauerversammlung machte. Berlin, 24. Juni. Die diesjährigen Wahlen zur akademischen Lesehalle in Berlin haben sieh nur zwischen zwei grossen Parteien unter den Studierenden abgespielt. Auf der einen Seite steht der antisemitische Verein Deutscher Studenten, der ein Bündnis mit dem Verband farbentragender Turnvereine und mit dem ״Wingolf“ abgeschlossen hat, auf der andern Seite das ״Reform-Komitee“, das von dem Sozial wissenschaftlichen Verein und der Freien Wissenschaftliehen Vereinigung gebildet wird. Die Wahlen selbst fanden in der Zeit vom 15.—17. Juni statt. Von den bisherigen Vertretern gehörten 4 zur ersten, 3 zur zweiten Gruppe, den Vorsitz hatte der V. D. St. Bei den Neuwahlen wurden je zwei Kandidaten von jeder der beiden Gruppen gewählt; im ganzen waren 546 Stimmen abgegeben, 287 für Mitglieder des V. D. St., 289 für ״das Reformkomitee.“ Aus jeder der beiden Parteien wurde ein Mitglied in den Vorstand kooptiert. Da nach den Satzungen, bei gleicher Zahl der gewhälten Direktorialmitglieder von jeder Partei, der Vorsitz derjenigen Gruppe zufällt, welche die meisten Stimmen auf sich vereinigt hat, so wurde der bisherige Vorsitzende cand. jur. Nehring vom V. D. St. wiederum gewählt. Bei der Wahl des zweiten Vorsitzenden erhoben sich heftige Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der entscheidenstell Kimme des Vorsitzenden; es wurde daher die weitere Verteilung der Aemter vertagt, und es soll inzwisehen der Rektor über seine Rechtsansicht in diesem Punkte befragt werden. — Es sind jetzt gerade fünfzig Jahre her, seitdem der preussische Landtag sich zum ersten Male mit der ״Judenfrage“ beschäftigte. In den Verhandlungen, welche damals über die bürgerliche Gleichstellung der Juden geführt wurden, ist von mehreren Abgeordneten eine reiche Fülle von Material beigebracht worden, wovon einzelnes noch jetzt ein gewisses Interesse beanspruchen dürfte. Nach einer von einem Abgeordneten des vereinigten Landtags aufgestellten Berechnung waren in den Befreiungskriegen gegen 6000 Juden auf den Schlachtfeldern geblieben, und wenigstens sechs Berliner jüdische Freiwillige mit dem Eisernen Kreuze ausgezeichnet worden, darunter Angehörige der Familien Mendelssohn, Oppert, Benda. Der letztere, von Beruf Arzt, richtete nach der Schlacht bei Dennewitz in seiner Wohnung in der Stralauer Strasse auf eigene Kosten ein Lazareth für die Verwundeten ein. Der erste, welcher das Eiserne Kreuz erhielt, war ein Jude namens Günzberg. Der jüdische Freiwillige Bnng wurde später Major und Lehrer an der Artillerie- und Ingenieurschule. In einer Denkschrift, welche später der Minister des Innern über die Ausdehnung der Heerespflicht auf die Juden ausarbeitete, heisst es, dass im preussischen Heere die Juden sich in nichts von den Soldaten christlichen Bekenntnisses erkennbar unterscheiden, dass sie sich im Kriege gleich bewährt haben und auch im Frieden diesen nicht nachständen. Ein anderer Abgeordneter gab eine Zusammenstellung derjenigeu Juden, welche sich damals in anderen Ländern in hohen amtlichen Stellungen befanden. Danach waren der Sherif von London, der Cabinetssekretär des Königs von Holland, der Director im holländischen Justizministerium, der Friedensrichter von Amsterdam Juden. In Frankreich waren Cremieux, Wormeer, Fould Deputierte, Wolff Generallieutenant. Als dort im Jahre 1830 die Kosten des jüdischen Cultus auf die Staatskasse übernommen wurden, wodurch die Gleichstellung der Juden ihren Abschluss erhielt, sagte der Minister Merilhou, dass die Juden in den öffentlichen Aemtern, zu denen sie seit einem Vierteljahrhundert zugelassen waren, unter den Fahnen, in den Künsten, Wissenschaften, der Litteratur und der Industrie das edelste Dementi gegenüber den Verleumdungen ihrer Gegnei־ gegeben hätten. In derselben Verhandlung des vereinigten Landtags richtete der Prinz von Preussen an den damaligen Cultusminister Eichhorn die Frage, ob an jüdisehen Schulen in Berlin christliche Lehrer angestellt wären. Der Minister wich der Beantwortung dieser Frage aus, aber mehrere Abgeordnete erklärten, dass an den fünf jüdischen Schulen in Berlin vier christliche Lehrer und ebensoviele an dem Rabbiner- und Lehrerseminar des damaligen Vize-Oberlaudesrabbiners Weyl angestellt wären. Wie bekannt, wurde damals die völlige Emanzipation der Juden von dem vereinigten Landtage abgelehnt und erst das folgende Jahr 1848 brachte sie. — In einem Gymnasium der Provinz Westpreussen ist einem jüdischeu Schüler russischer Staatsangehörigkeit die Aufnahme verweigert worden und zwar nach einer Mitteilung des ״Berl. Tagebl.“ mit der Begründung von dem Oberpräsidenten v. Gossler, dass ״das Gymnasium dort schon von einheimischen jüdischen Schülern nicht nur zahlreich besucht, sondern mit diesen Schülern weit über da>