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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-16 · Heft 3070 (16.9.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3070 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3070 Wien, Freitag Wiener . L-cj-^mber 1SS7 hr zum nornralen parlamentarischen Regime als notwenig erachtet. Monatlich sollen fünf Sitzungen cb ge halten werden. Zur Erledigung der praktischen lrbeit wird die Versammlung in zwanzig Sektionen untergeteilt, die wöchentlich dreimal zusammentreten. Die Plenarversammlungen dürfen, höchstens sechs 9 Stunden dauern, wobei die Redezeit beschränkt ist. Zugelascu werden nnr acht Pressevertreter. Die Reden unterliegen d e r Z e n s u r. Die Nationalversammlung wird auch über die Tätigkeit früherer Regierungen verhandeln Wnnen. Ihre Beschlüsse werben der in drei Jahren einzuberufenden neuen Versammlung vorgelegt werden. Re polnischen Sozialdemokraten entdecken die jüdische Fräse. El» iitteteRtttrter AuIIatz »es Mutterte» MedztulE Im „Robot»»". In Polen wcht wieder Wahlluft und die Parteien, begürnen bereits in ihren Organen Hilfstruppen zu Ivtzrben. Als eine der ersten tritt die P. P. dis polnische sozialdcmvkvatifchs Partei auf den Plan und sucht die Juden anzulockeu. Gleich der österreichischen hat auch die polnische sozialdemokratische Partei bisher dis Judeufrage in ihrer Presse glatt verschwiegen und die nationalen Wünsche der Jrrdeu einfach igrwriert. Um so größeres Aufsehen macht es, Daß der Führer der Partei, Sejmdeputierter Niedzialowski, im offiziellen Parteiblatt „Robotnik" unter dem Titel „Die Schwierigkeiten der Judenfvag^ sich in einer auf dieser Seite ungewohnten Offenheit mit dem s iidischnationalen Problem anseinanderfetzt. Nach.einem Hinweis darauf, daß die P. P. G. betreffend die sogenannten territorialen Minderheiten sich auf ek-e bestimmte Stellungnahme festgesetzt haben, stellt Niedzialowski fest, daß dies hinsichtlich der Judenfrage nicht der Fall sei. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen die polnischen progressiven und sozia- Mischen Kreise den Standpunkt der Assimilation ein. Man hielt die Juden für eine besondere Konfession, eine cigei« Rasse, aber nicht für ein eigenes Volk. In den letzten Jahrzehnten trat nun eine Tatsache in di« Erscheinung, die tvvder umgangen noch unterschätzt werden darf; es entstand eine jüdische nationale Massenbewegung. Millionen Menschen semitischer Rasse und mosaischen Glaubens oder Religionslose bekannten sich als eine eigene Nation. Die Bezeichnung „Jude"" hörte auch für sie auf, der Begriff bloß von Rasse und Glauben zu sein und verwandelte sich in den Begriff eines Volkes. Dev Führer der polnischen sozialdemokratischen Partei befaßt sich nunmehr mit den einzelnen jüdischmationalen Strömungen, dem Zionism us, den P oale-Zion und dem Bund, Weist ans die unter diesen. Gruppen ^herrschenden Parleikämpfe hin und gesteht, daß die polnische Oeffentlichkeit eigentlich sehr wenig von der jüdischen Gesellschaft wisse. Das innere Leben des jüdischen Sozialismus zum Beispiel sei den polnischen Sozialisten weit fremder als die englischen, französischen, italienischen Arbeiterbewegurrgen. Dieser Zustand könne «aber nicht ewig dauern. Zahlreiche jüdische Gruppen stellen die Forderung der n a t i o n a lknlturellon Autvnvmiie auf. Dies ist saber für viele noch ganz unklar. Welche Kriterien sollen als Beweis dafür dienen, daß man der jüdischen nationalen Minderheit zugerochnst. werden könne? et ii. a» ..... .... Ziveifellos — setzt Niedzialowski sene AuiseinandersetzunF fort — begegnet die gerechte Organisation d^r jüdischen Minderheit bedeutenden SHvierigkeiten. Aber die polnisch-sozialistische Idee kann sich nicht mit der billigen Methode des Verschweige ns ab finde». Die Judeufrage muß nicht nur die Inden, sondern auch di« Polen irrte?- efsieren, weil sie ja in Polen trotz allem und allem besteht. Aus all diesen Gründen ist ßs Pflicht des polnischeu Sozia lks m u s, ein ausführliches und erschöpfende Programm zur jüdischnationalen Minderheitsfrage auszuarbeiten. Schließlich gibt Nied^alowski der NeLerzeugung Ausdruck, daß der nächste Kongreß der P. P. S. sich eingehend mit der Judenfrage befassen werde und daß es deshalb notwendig sei, dieses Problem im Parteiorgan zu ernster Diskussion zu stelle,'. Turati zu zehn Monaten Kerker« verurteilt. Savona, 15. September. (Stefan«.) Der Prozeß gegen den ehemaligen sozialistischen Mgeordrreten Philipps Durati wegen dess«r Flucht Und der Beihilfe zu dieser wurde hier beeirdet. Der Gerichtshof hat die An klag!« geändert und den ehemaligen Abgeordneten und feilte fünf Komplizen zu zehn Monate Kerker, einen weiteren Konrplizen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Andere vier Angeklagte wurden wegen Mangels an Beweisen. freiMprochen. (Tuvati befindet sich im Ausland.) zwangsversicherung. 8», SeleMMms I« Mnesiark. Berlin, 15. September. Nach einer Meldung ans Kopenhagen soll dort in der kommenden Reichttagssession ein Projekt beraten werden, das darauf hinausgeht, durch ein Gesetz eine zwangsmäßige Versicherung des ganzen dänischen Volkes yerbeizuführen, so daß das jetzige System der Altersgrenze in Fortfall kommen kann. Der Name dieser Einrichtung soll in SwangSmaßige Bolkspcnsioniernng umgeändert werden. Nach der Borlage sollen alle dänischen Staatsangehörigen, die im Augenblick des Inkrafttretens noch nicht das 4L. Lebensjahr erreicht haben, miter das Gesetz fallen. Der Versicherungsbeitrag soll zwei Krönem im Monat betragen. Diese Pensionierung soll dem Staate Wie der Bevölkerung zugute kommen, indem einerseits der Staat und die Gemeinden die im Augenblick sehr hohen sozialen Ausgaben herab setzen können, während andererseits die Bevölkerung sich für eine nicht erhebliche jährliche Ausgabe eine wertvolle Beihilfe Kr Kr Mer verschaffen kann. QCX^fXXXX»0CCX)00«%X»00CX>tXX)00000C»00GeCK)0CXXXXX>XXXX)0PC»000Q000QQg»0CaCO^ Zsadora Stumm tödlich verunglückt. Bom Schal erwürgt. Paris, 15. September. Die Tänzerin Jsadora D un can hat gestern abends in Nizza einen Plötzlichen und tragischen Tod erfahren. Sie hatte noch einen kleinen Spaziergang unternommen und traf dabei einige Bekannte, die sie im Automobil mit nach Hause fahren wollten. Ein unglücklicher Zufall wollte es, daß der Schal, den die Künstlerin um den Hals trug, sich am Hinterrad des Automobils verfing und sich darauf aufroll! .'. Bevor die Duncan einen Schrei ausstoßen konnte, hatte sich der Schal schon so eng um ihren Hals zusmnmengezogen, daß sie auf der Stelle erdrosselt wurde. Durch den scharfen Zug, hervorgerufen durch das aufgerollte Band am Rad, wurde der entseelte Körper der Tänzerin aus dem Wagen heraus auf die Straße geschleudert. Eine Warnung an die Tänzerin. Nizza, 15. September. Jsadora Duncan wollte ein sehr schnell fahrendes Automobil kaufen, eine RenntYPe, und hatte sich mit einem Automobilhändler wegen einer Probefahrt besprochen. Als das Auto zur vereinbarten Stunde beim Hotel vorfuhr, spielte sich eine ergreifende Szene ab, die erst nach dem Tode der Duncan ganz zu erfassen ist. Eins intime Freundin der Duncan, die mit ihr zusammen wohnt, beschwor sie, den Wage» nicht zu besteigen. Sie ries ihr zu: „SSenn Sie nicht auf mich Hörens wird Ihnen ein Unglück zu stoßen. Ich habe die Vorahnung einer Katastrophe. Ich beschwöre Sie, steigen Sie nicht in diesen Wagen." Jsadora Duncan machte einen Scherz, und trotz aller Bitten der Freundin war sie nicht abzuhalten, in dem Wagen Platz zu nehmen. Sie trug eine improvisierte Autodreß und hatte um d.cn Hals einen venezianischen Schal gewickelt. Diese Schals sind ungewöhnlich lang und haben am Emde lange, leichte Fransen. Das eine Ende des Schals hing ein ziemliches Stück aus dem Wagen. Kaum war der Motor angegangen, der Ehauffeur stellte gleich eine große Geschwindigkeit ein, gerieten die Fransen des Schals zwischen Kotflügel und Karosserie und rollten sich um die Speichen des linken Rades. Jsadora Duncan versuchte mit einem raschen Griff sich zu befreien, aber der Schal wickelte sich so vehement um ihren Hals, daß sie in wenigen Sekunden aus idem Wagen geworfen war, zu Goden stürzte und tot liegen blieb. Sie war erstickt, außerdem wurde ein Bruch der Mrbelsäule festgestellt. Moses Montchore. zur MdeüMseier seiner ersten Nesucher iß WM«. Jede Epoche hat ihren Helden, der mit ihr in der Erinnerung der Nachfahren unlöslich verwächst. Mvntesiore war der Held unserer vorzionistische», aber doch schon zionistisch gerichteten Zeit. Dieser Abkömmling einer spanischen Flüchilingsfamilie, der im frühkapitalistischen England eine führende Stellung erpang, war — vor einem Jahrhundert — ein Nationaljude int vollen, im besten Sinne dos Wortes. Sein erster Besuch in Erez Israel fiel zeitlich mit dem ersten Aufstand der Griechen zusammen, der die Reihe der nationalen Befreiungskämpfe einlertete. Jrjj Palästina spielte sich danmls, anno 1827, eine merkwürdige geschichtliche Episode ab: Die krrrze ägyptische .Herrschaft des Muhamed Ali, der dem reichen und Ungewöhnlichen englischen Gast den Charter verliehen hat, «ärnül Palästina zu gründen. Freilich kam es nicht $u diesem lief; „die Erlaubnis", mehrere hundert jüdischer Siedlungen SiMungswerke, aber Moses Montefrore trifft keirre Schuld daran, daß diese jüdische Kolonisation unterblieb. Tie traurige Lage des russischen Judentums hat ihn damals schleunig nach dom Norden abbernfen. Er wußte bei dem Despoten in Petersburg vorsprechen, um das gegenblicklich größere jüdische Uebel durch seine finanzielle und moralische Machtstellung als hervorragender Staatsbürger Englands abzuwalzen. Zum drittetr Male lvectte Monteftove im Jahre der Damaskus-Greuel im Lande der Vater. Damals gründete er He erste Orangerie bei Jaffa und die erste hebräische Buchdrllckerei itt Jerusalem. Hier, an der Stätte der religiösen Sehnsucht, wur^: er dorr den jüdischeir Massen als Retter gefeiert, denn er hat sich damals bekanntlich um die teuerste jüdische Reliquie, die Klagemauer, väterlich gekümmert, indem er den umgrenzenden Boden durch Eü>cmfschüttung um zwei Meter erhöhen ließ, ivodurch die betenden Juden vor Insulten des Pöbels geschützt wurden. Unliebsame Episoden aus jüngster Zeit bringen diesen Akt der Fürsorge Moses Montesiores in Erinuenmg. Ter Besuch Montesiores fct Erez Äftael, ssm echtzr vor hundert Jahren, war auch der erste Weckruf eines Westjubeit zur nationalen Wiedergeburt. In der Kette der Vorläufer des Zionismus ist diesem großen Manne eür Ehren- M MchMt.' @xmm Ahoitil M «M. m« Samstagmargen in der Shnasage zu Ramrgate. 3v der Stadt Mosteflores. Rämsgate, eilt kleiner Ort im östlichen Kent, <mt Meere gelegen, hat eine kleine orthodoxe ^Gemeinde. Ein reizendes Plätzchen Erde dürfen diese Juden ihr Eigen nennen. Wseits vom Lebert und Treiben des Ortes, in der veiiren Umgebung von Natur itvnd Himmel, inmitten eines wundervollen Parks, steht ihre Synagoge. Es ist ein glatter, emster Steinban, der sich ganz eigenartig von der tiefgrünen Umgebung abhebt. Ungeschmückte graue Wände streben von denr sattgrünen Rasen, zu ihren Füßeit, auswärts und finden in einer glatten Kuppel ihren Abschluß, Sie ist klein) diese Synagoge, und doch bmmt sie den Fremden mit wuchtiger Strenge. Vertraute Klänge umfangen den NeUanköntncking beim Betreten des ^Gotteshauses. Eine schmale Treppe führt hkmürf Mir Frauengalerie, biß durch ein Gitter von denn' übrigmr Raume getrennt: ist. DaS Innere dieser geweihten Stätte ist ebenso glatt und einfach, wie das Lleußere des!Gebäu!des. Die weißuich rötttchmarmoruen Wände sind jedes Schmuckes bar. Der Mmemor in der Mitte des Raumes, — der Dhorafchrern an der Ostwand. Und ebenso einfach ist auch der Gottesdienst, NW Orgelklänge begleiterr die srormnen Gebete der Gemeinde. >Der Chor der Mnsimim trügt sie himmelwärts. » Eine Fremde in diesern Lande, führte mich der Wmsch, m. den Juden, die hier leben, zttsaMwmKckommen, zu dieser Stätte. Ein wohliges Gefühl des Zuhauseseins bentächttgte sich meiner, als ich die Frauengalerie betrat und auf einer der ivenigen Bänke Platz nahm. Ich vergaß, daß ich mich in dem geschäftigsten aller Lättter Europas befürd«. Ach vergaß, daß ich allein int framidett Lande weile. Die Ivarmen, tiefen Stimmen des Chores holten die berito* *}» gensten Gefühle aus der Brust und trugen sie empor. Und es kaut mir vor, als ob ich schon ecnmial & Wimm Leben so hmg«Gen wvrdeir wäre vwr drestn «M» giösen Ltederit. — Es war damals, als die Kabmtah uns ihren Dybuck gab. Auch dort taten die Ballanim ihre Gefühle in Liedern kund. Jette tiefempfundetteu chassidischru Lieder, wie auch die Gesänge dftfir Gemleinschäst von Menschen waren groß mrd ergreifend. Kein Schmerz ist zu ttef und keine Freude W stark, um in diesen Liedem nicht Ausdruck zu sirrden. Nach Schluß des GvttesdLenstes warttte der Rabbilier dieser Kernen ^Gemeinde am Fuße der schmälen' Treppe, die die Frauen von ihrer Galerie hertmterbrachte. Er wcrrtetc, um ihneir allen zu Ehren des Sabbats ein herzliches i^chalom z« wünschen. machte kernen Unterschied, ob fremd oder nicht fremd, ob bekannt vder unbekannt. * Es schsmt ein Keines Paradies zu sein, dieses Ettdchen Erde, uck> ein großer Schatten schüE über dieser ktemeu Well. iMoses Mmttefiore hat die letzten Jahre seines' Lebens hier verbracht und hier liegt er auch begoaberr. Gegenüber der Synagoge, auch innerhalb dieses Parks, steht das Mausoleum, das die Geberne dieses ^großM Mannes urä>' senrer Gattin birgt. Aürch das W-Menkmial ist ein Kuppelbau, nur twch Keiner als die Synagoge, und ist ebeäfo versteckt rM Grütr von Bäumen und Rasen. Und dort, wo Moses MoUtesüae gelobt hat, findett wir auch noch viele liebe Erinndruttgtzn att tfjn. Mr brcMchett Nur das Kettle Stückchen Rasen zu überqueren, um zu dem Montefivre-Mnseum Ki gelangen, in denr «Gegetrftätrde aus dem Besitze dieses gvoßen Märschen, deren er sich täglich bediente, mrfbewcchrt sind. Das Mrfeumsgebände mit ein paar tlouietr Wohnhäusern, in denen Me meisten Mitglieder dieser spärlichen Gemsbrde wohnen, bildet den Abschluß dieses kleinetr Reiches. Es ist eür typisch englischer, roter Ziegelbau, der in enrenr Halbkreis den grünen Rasen umgibt. Das MrseNm — Mvntefiore--Evllege genannt — bildet das Mttelsiück, «rr das sich etwa sechs Wohnungen <A jeder Seite urmckttelbar . ..» *\L* -it Wundervolle Ruhe herrscht in dieser Keinen Wett. Wz« -SchrMnor. ' ***#&'•'

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