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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-16 · Heft 3070 (16.9.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3070 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Ae Ergebnisse des IS. Limiftenkongreffes. 8i» Gespräch mit dem Präßkienten des zionistischen Lauderkomttess jiir Sesterreich Ir. Leo Goldhammer. anwesend mar und der finan^Mlitsschen sowie der Eeziehungskommissivn des Kongresses arrge- Der ^JMerwewcr^ fragte Dr^ Aaü-eit. President ^Idhcmvmer Veanstnovtete diese Frage wie folgt: Wie Ihn ei: bekannt ist, habe ich als Delegiertet: auf dem Kougrcß der Opposition angehört. Wir gingen zum Kongreß in Lern Bewußtsein, daß die zionistische Bewegung sich in einer doppelten Krise befindet: in einer Krise der Organisation in aller Welt und einer Krise der Kolonisation in Palästina. Das wertvolle Ergebnis dieses Kongresses ist, daß diese beiden Krisen gegenwärtig im Stadium der Besserung und Ueberwindung stehen. In politischer Hinsicht war auf den Kongreß, wie es ein Delegierter ausdrückte, eine harmonische Unzufriedenheit mit der bisherigen politischen Tätigkeit der Exekutive zu konstatieren. Der Kongreß hat nun dieser seiner Unzufriedenheit — und nur Unzufriedenheit schafft neue Arbeitsenergien — in kraftvoller Weise Ausdruck gegeben: sie tritt in den Resolutionen der politischen Kommission deutlich zutage. Die Präambel dieser Resolutionen, welche den Lesern ihres Blattes bereits im vollen Wortlaut bekannt ist, stellt fest, daß die Mandatarmacht ration unzulänglich erfüllt hat. Die Resolution über die die Palästina-Einwanderung einschränkende Verordnung der Regierung vom 25. August ist ein Dokument energischer Sprache gegenüber unserem Vertragspartner. Der Kongreß hat aber auch gezeigt, daß er sich nicht mehr rmter ein Diktat stellen lassen will. Es hat nicht mehr genügt, daß Mitglieder der Exekutive die Ablehnung oder Annahme eines Antrages gefordert haben, damit diesem Diktat gehorcht werde. Der Kongreß. hat g-e^-en den Willen der Exekutive das K-o-n troll a mt: geschaffen. Er hat die von der Exekutive gewünschte Uebertragung eines Budgetr-achte-s an das Aktionskomitee abgelchnt und ebenso di-e Vergrößerung des Bureaus rm London, für welche ein Mitglied der Exekutive eingetreten ist. Auch das von der Exekutive vorgelegte Budget Wirde nicht akzeptiert, sondern der Kongreß hat nach eigenem Urteil einen neuen Budgetrrchmen geschaffen. Der- Antrag, auf E-i n füh r ung de r I nk o mpa t i-ö-i-- ln*bäck b-e-zmglich der Beamten ist erst in züv-eiä-A: L-esung gefallen, nachdem ein großer Teil der Delegierten bereits abgereist Ivar. In der ersten Lesung ist er gegen das Verlangen der Exekutive und ge - Te n den Lärm derBeamten angenommen worden, und es ist zu erwarten, daß die Mitglieder des- Kongreßgerichtes, dem dieser Antrag vom Aktionskomitee überwiesen wurde, ihn auch aufrechterhalten werden, da ja die Mitglieder des Kongreßgerichtes aus der Mitte der Delegierten gewählt find, welche in der Majorität ihren Willen auf Einführung der Jnkompatibilität bereits bekundet haben. Es ist auch unbedingt notwendig, daß der Gnfluß der Beamten auf die politischen Angelegenheiten gebrochen wird. In dieser Haltung des Kongresses erblicke ich gute Anzeichen für die Gesundung der Verhältnisse innerhalb der Organisation. Die Organisation hat durch ihre Delegierten gezeigt, daß sie so weit lebensfähig ist, um eine klare Wnllensbildung herbeizujühren. Nr VerantwortliHleitsgefuhl und das Bewußtsein, daß produktive Arbeit geleistet werden muß, hat die Organisation durch ihre Delegierten vor allem in den Kommissionen bewiesen. Die Arbeit der Kommissionen auf diesem Kongreß war so gründlich und gut, wie es Wohl in keinem Parlament der Welt der Fall ist, obwohl doch in den Parlamenten die Kommissionen ständig tagen. Die Arbeit, die bewältig wurde, war riesig und war gründlich. Demgemäß standen auch die Beschlüsse des Kongresses sachlich voll auf der Höhe. In organisatorischer Beziehung ist der Beschluß, daß sämtliche zionistischen Fraktionen in jedem Lcmde eine Art Arbeitsgemeinschaft zu bilden hätten, iiberaus wertvoll. Dieser Beschluß bedeutet die Fortbildung des schon vom Wiener Kongreß eingeführten Einheitsschekels. Für die Kongreßdclegiertenwahl wurde das briefliche Wahlrecht a-bgeschafft; auch dies bedeutet em wichtiges Moment für die Festiglmg der. Organisation; nur ein persönlich ausgeübtes Wahlrecht ist Kennzeichen einer engen Verbindung des einzelnen Individuums mit der Bewegung. Durch die Schaffung des KontrollamtrS wurde ferner Gewähr gegeben, daß die Beschlüsse des Kongresses streng durchgeführt werden; die Vertreter der Organisationen werden es nicht mehr dulden, daß ihr Wille, der auf dem Kongreß zrrm Ausdruck gebracht wnrde, übergangen wird. Bon größter^Bedeutnug für die Festigung der Grundlagen der Bewegung waren die Beschlüsse der finanzpolitischen Kommission. Vor allem wurde eine den können nach einer genauen Schätzung der Einnahmen, so daß nicht, wie bisher, Ausgaben ins Budget gestellt wcr4 den können, ohne daß man die Sicherheit oder Wahrscheinlichkeit auf Eingang der betreffenden Beträge hat. Die Ausgaben haben sich von nun ab strikte an die früheren Schätzungen der Einnahmen zu halten. Einer der wichtigsten Punkte in den Beratungen der finanzpolitischen Kommission war die Anleihefrage. Von den vorgelegten Anleih cprojekten sind wohl nur einige diskutabel, doch ich bin der Ansicht, daß die größte Möglichkeit auf Realisierung die Anleihe durch den Völkerbund hat, für welche eine Reihe von Vorbesprechungen gepflogen wurden, besonders in Frankreich und England. Dieses AnleiheprojekL ist auch deshalb das akzeptabelste, well die Anleihe ausschließlich zur Ansiedlung von jüdischen Familien in Palästina verwendet werden soll, also im Endeffekt einen Fortschritt in derBildung derjüdischen Majorität in Palästina bcdcü-! ten würde. Aus den Darlegungen des britischen Kolonial-! Ministers Amery, welche Sie in der Donnerstag-Nummer Ihres Blattes wiedergegeben haben, scheint auch hervorzugehen, daß dieses Anleiheprojekt tatsächlich in englischen Kreisen ziemlich ernst erwogen toird. Für bedauerlich halte ich die Kürzung des ErziehungsbudgetZ von 32.000 Pfund, die ursprünglich beantragt waren, auf 62.000 Pfund; denn es steht zu erwarten, daß die durch diese Budgetkürzung unvermeidliche Einschränkung im jüdischen Schulwesen Palästinas einer großen Zahl von jüdischen Kindern dortselbst die Möglichkeit benehmen wild, die jüdischen Schulen zu besuchen, so daß sie genötigt sein werden, Missionsschulen Zn frequentieren. Da jedoch das jüdische Gemeindegesetz in Palästina bereits in Kraft getreten ist. so ist zu hoffen, daß der Waad Lemni alle Anstrengungen machen wird, damit die Mittel für eine unverminderte und entwicklungsfähige Führung des jüdischen Schulwerkes aus der eigenen Bevölkerung Palästinas gedeckt werden. Die hier kursorisch dargelegten Beschlüsse des Kongresses zeigen, daß die Grundlagen zur Ueberwindung der Krise in der Organisation gegeben sind. Was nun die Krise in der Kolonisation, in Palästina selbst anlangt, so sind alle, die aus Palästina gekommen sind, und auch die anderen Delegierten, einhellig der Meinung, daß der Höhepunkt der Palästinensischen Krise bereits überschritten ist. Die zu gewärtigende Inangriffnahme der Hafenbauarbeiten in Haifa, der Ausgestaltung des Ruthenberg-Projektes und der Ausnützung der Nowomejski- Konzession für die Ausbeutung der Mineralschätze des Toten Meeres im Zusammenhang mit der Erklärung des Präsidenten Weizmann, daß er alle Anstrengungen machen werde, um für die Arbeitslosen in Palästina 200.000 Pfund aufzubringcn, lassen hassen, daß die Krise in Palästina in absehbarer Zeit zur Liquidierung kommt. Unsere Situation ist allerdings gegenwärtig so, daß wir alb: unsere Kräfte auf die Ueberwindung dieser Krise konzentriert haben, so daß im Augenblick von einer Erweiterung des kolonisatorischen Programms aus eigener Kraft ab gesehen wurde. Tie neugewählte Exekutive verspricht sich von der Expertenkommission und von dem auf Grund des Berichtes dieser Kommission zu gewärtigenden Abschluß des Jewish- Agency-Ueüereinkommens die Möglichkeit der Weiterführung der Kolonisationstatigkeit. Ich bezweifle di« B e rechtigung dieser Hoffnungen, und der Kongreß hat auch selbst diesem Zweifel starken Ausdruck verliehen. Die Abstimmung über die Jewish-Agency-Nesolution, welche von der Minorität eingebracht wurde und die Einberufung eines Kongresses vor dem Abschluß des Jewish- Agency-Abkommens verlangte, ergab eine ganz knappe Mehrheit für die Exekutive. Gerade aus dieser Abstimmung ist zu entnehmen, daß Lei einer wachsenden Zahl von Zionisten der Glaube an die Resultate der Jewish-Agency-Er- Weiterung noch mehr schwinden wird. Zu Bedauern ist immerhin, daß das Festhalten an der Illusion, die Verbindung mit de» Nichtzionisten werde genügend Mittel für die Erweiterung der Kolonisation freimachen, gerade auf diesem Gebiet, dem der Auf- -rivsmrs der Mittel für weitere Kolonisation, zu einer Lähmung der Anftrengimgen des Kongresses geführt hat. Znsammenftrffend möchte ich bemerken: Der 16. Zionrsterckongveß hat die Existenzberechtigung de^s Aoongr etz.ge d a n k e n s aufs glänzendste bewiesen, und allen denen, welche irr der Absicht, den Kongreß zu beseitigen oder ihn zu einem Nebeninstrument herabzudrücken, eine Art Kongretzdefaitismus in die Welt zu setzen versuchtem den offenkundigen Beweis gegeben, daß er imstande ist, wirkliche Initiative zu haben und zu geben. Man wird nach den Erfahrungen dieses Kongresses über den Kongreß nicht mehr hinweggehen können. Der Kongreß hat bei Problemen, deren LSfnng geradezu übermenschliche Kräfte erfordert, eine umgeheure Willenskraft gezeigt. Diese Willenskraft auf die Organisation zu übertragen», ist gogen- Morgen Larastas, *7. Soxtsvrdsr 1S27, um 8 UM sbäs, im neurenovierten k^estsssl äe8 Solol VonttLvninl, lb, prsterstrsss 7 (ttinganx l'sborsIrsLe) „ver XV. TronislenkonZrek in vssel." Referenten: Oberbau mt S. Strloksr, vr. I,so voLLLauunsr rmck Vr. LoovoLL L»1asoLLso. keglebeitrag. Zum Schluß noch eine kleine Beobachtung, die ich gerade den österreichischen Zionisten nicht vorenthalten mochte: Die Jugend, welche diesem Kongreß Leiwohnte und ihr lebhaftestes Interesse an feinen Verhandlungen bekundete, rekrutierte sich hauptsächlich aus Oesterreich. Präsident Sokolow hat in seiner Schlußansprache auch auf diese, an sich vielleicht nebensächlich erscheinende Tatsache hingewiesen, indem er sagte, daß auf dem erste» Baseler Kongreß die Anwesenheit der Jugend aus Wien und Oesterreich soviel Hoffnmlgsfrcude gab und daß auf dem Jubiläumskongveß in Basel wieder die Jugend aus Wim und Oesterreich so stark vertreten sei. Ich sehe in dieser Erscheinung eine Art Symbol: Die Jugend Oesterreichs ist seit dreißig Jahren immer mit Eifer und Anteilnahme bei der zionistischen Sache. Sie hat den zionistischen Glauben, und das ist von hoher Bedeutung: denn solange wir die Jugend haben, kann unsere Bewegung nicht verdorren. Und die jüdische Jugend Oesterreichs war wieder, wie stets, beim Kongreß; sie ist Lei uns und wird es bleiben. Das gibt auch Vorläufig leine neuen MnwanderuWs- Seschcankukgm ln Palästina. Eine irrige Meldung. B e rl in, 16. September. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Jerusalem: Die Regierung hat neue Cinwanderungsbestimmungen ausgearbeitet, die die Msicht zeigen, die durch die Wirtschaftskrise hervorgerufene Stimmung zu einer Abschnürung der Einwanderung zu benützen. Die Einwanderung auf Grund von Zertifikaten der Zionistischen Organisation wird danach gänzlich eingestellt. Das Zionistische Exekutivkomitee erhält keine Zertifikate mehr zur Verteilung. Den Fabrikanten wird das Recht genommen, für ihre Betriebe Arbeiter aus dem Ausland kommen zu lassem Nur wenn es sich um Facharbeiter handelt, wird eme Ausncchme gemacht. Zn dieser Meldung ist folgendes zu bemerken: Me politssche Kommission des Baseler ZiomstenkongcesseZ hatte mit Bezug auf diese angeblichen neuen Einwanderungs- Lestimmungen eine Protestresolution beschlossen und dem Plenum des Kongresses unterbreitet. Namens der Zionistischen Palästina-Exekutive erbat sich Colonel Kisch das Wort und klärte den Kongreß dahin auf, daß neue einschränkende Einwanderungsbestimmungen noch nicht vorliegen, vielmehr habe die Palästina-Regierung mit der Zionistischen Exekutive zunächst Fühlung genommen rmd ihr die Absicht mitgeteilt, derartige Bestimmungen zu erlassen, mit der Aufforderung, die zionistische Leitung möge zu diesem Vorhaben der Palästina-Regierung Stellnng nehmen. Di« Antwort der Exekutive ging dahin, daß vorläufig, nämlich bis zum Amtsantritt der neuen Exekutive, in diese). Angelegenheit nichts unternommen werde. Es kann daher von derart einschränkenden EmwanderuUgsLestnmnmrgen, wie ste das „Berliner Tageblatt" meldet, bis auf weiteres nicht die Rede sein. SK neue spanische Ratiaml- Versammlung. SN« «srtzUkZUr lMer» nur berateM WrtzeMast zcnlm. Wie wir gHtorn melde-Leu. hat der König vo- Spa n ie« -das EinLernIfmrgSdskret der Nationalversa-nmÄung Kr Mitte Oktober mrterzsichnet. Die neue spanische Nationalversanunlnng wird etwa 3L0 Mitglieder zählen, di« zum grüßten Telle durch königlichen Erlaß ernannt werden. Gewählte Mitglieder senden nur die Stadtverwaltungen. Der Präsident, zwei Vizepräsidenten und zwei Sekretäre werden v on d e r Sde-gnerring ernannt:. Je zwei weitere Vizepräsidenten und Sekretäre werden von der Versammlung bestimmt. Die Versammlung hat keinö gesetzgeberischen Vollmachten, sondern nur konsultativen Charakter. Sir wind dir ihr vorgelegtrn Projekte prüfen, sie dann aber an die Regierung znrückgehen lassen, welche sie in Gesetzesvorlagen mnwandeln wird. Allerdings kann die Versammlung auch selbst Projekte vorlegen. Doch steht es der Negierung frei, diese anznnehmen, a-Mündern oder abzulehnen. Das Einbecufungsdekret Mertr 'gt der Versammln»« fernen'die Aufgabe, einen B e rs-a f's wrtOff zu redigieren» und das Budget für 1938 zu beratM, Die Versammlung wird zunächst für d r e.t J-ach-r-e chWfi berufen,, dadie >Regierrrng diesenvZettcchschnrttrsiKM^MW

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