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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-16 · Heft 3070 (16.9.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3070 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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| Polen: SS gfoszy | Wien: Znm Abholen indei Expedition, II., Taborstr. 1-3 oder in cinorVcrsehleißstelle (Trafik) monatl.5 Schilling Strnßenvorkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied. 1., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien Und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tschecho Slowakei; Mon. K 22. Jugoslawien: Mon. Din. 60. Polen :Mon. 6 Zloty Deutschland: Mon. Gm.4.Frankr eich, Belgien: Mon. Pres. 35 Nstehiahlmngon bei Frei*• arhßhanjyon ro r be h » 1 ton. Wiener | Preis | England:Mon.4 Schilling Italien: Monatl. 20 Lire Rumänien: Mon. 170Lei Bulgarien:Mon.lOOLewa S e hw e i z und das fibrige Ausland monatlich Fr cs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. 1 Telephon: 44-0-38. 43-3-19 Ab 6 Öhr abends* Telephon Nr. 31-0-86 VH., Lerchenfelderstraße 1 (Druckerei „Inva“) Oesterreichisches Postsparkassenkonto Nr. 150.693 Nr. 3070 Wien. Freitag, 10. September 1927 9. Jahrgang Zer neue Bötterbnudral. Belgiens Wiederwahl abgelehnt. Im redaktionellen Tel! enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorartgesetztes E gekennzeichnet. sca«ssTR*?a«agi Folgen und Ursachen. —y, Wien, 16. September. Tie kleine Entente hat beschlossen, von einer Alt ton geg:tt den Lord Rotherinere abzusehen. Sie macht ihn nicht zum Heros, da er nicht den politischen Einfluß besitze, der ihm zugeschrieben wird. Lord Rothermere hatte, wie be iannt, eine Kampagne gegen das Vertragswerk von Vor saiiles begonnen und sich insbesondere zwei Teile herausgesucht, die ihm seine Ideen von einem Weltfrieden störten. Er widmete seine Aufmerksamkeit zwei scheinbar lveltettweit von einander entfernten Gebieten: dem PalästiiuvMandat und der Restaurierung des alten Ungarn. Dar erstere hat er all Italien angeboten und zugunsten Ungarns soll der Vertrag von Trianon revidiert werden. Was diese zweite Angelegenheit anbetrisst, so ist inzwischen die pikante Mitteilung aufgeflogen, daß der Lord im Interesse eines Metallkonzerns auf gewisse Nickelvorkommen bedacht ist, die sich heute infolge des Friedensvertrages auf tschechischem Gwiet befinden und dem besagten Konzern unerreichbar sind. Kämen sie wieder an Ungarn, so läge die Sache einfacher. Das ist eine sehr nüchterne und materialistische Veranlassung, für den warmen Altruismus, den der Lord in einer Menge von Artikeln und offenen Briefen fi'rr das Recht der magyarischen Minoritäten ans freie nationale Entfaltung und ans die Angliederung an das 'Muitervolk an den Tag geleigt hat. Vielleicht liegt ein ähnliches Motiv für die Rothermers- Propaganda bezüglich des nahen Orientes vor. Es ist ja dt der letzten Zeit viel die Rede von den Wdmeiralschützerr m der Gegend des Toten Meeres und da wäre es gar nicht so ausgeschlossen, daß eine italienische Kapitalsgrnppe die Hindernisse überwinden könnte, die in den von England als Mandatsmacht bereits erteilten Konzessionen liegen. Älns kleinen Ursachen entstehen große Wirkungen iwb sie wachsen, je größer die Ursachen werden. Es ist naheliegend, auch diese zweite Frage nach dem Analogon zu betrachten. Aber sie hat mit Ungarn auch noch einen anderen Zusammenhang und sie ist darum sehr lehrreich, weil sie einen Einblick in das Winkelwerk des internationalen Antisemitismus bietet, der kein Gebiet aus den Augen läßt, wo er jüdische Bestrebungen treffen kann. Lord Rothermerv hat sich im Frühjahr über die ungarische Frage gründlich orientiert. Er war in .London von Aristokraten ausgesucht worden, die sich bemühten, das Interesse des mächtigen ZeitungsherausgeÜers für die Politische (und wie man merkt, auch 'für die wirtschaftliche) Seite der Frage zu erwecken. Sie luden ihn nach Budapest, der Lord kam und war in drei Tagen gewonnen. Bei dieser Gelegenheit traf er auch mit der Komtesse .Louise Esztevhazy zusammen, einer maßgebenden Persönlichkeit der ungarischen Jrredenta. Diese Konrtesse, die vor zwei Jahren wegen der Vorbereitung eines Aufstandes in der Slowakei verurteilt tvorden war, ist glühende Judenhasserin. Sie ist erfüllt von den Gedanken, die in den Protokollen der Weisen von Zion in ansehnlicher Menge angehäuft sind und schon bessere Gehirne verdorben haben als das einer magyarischen Lldeligen. Die Inden haben den Krieg herbeigeführt und sie sind schuld an der Niederlage Ungarns. Deshalb ist ein Generalpogrom rwtlvendig und die Komtesse halte ihn in ihre Pläne ausgenommen. Sie reiste in Judenmord und suchte sogar bei Warschauer und Krakauer Adelskreisen Unterstützung und Verständnis. Eine längere Kerkerstrafe, die ihr ein tschechoslowakisches Gericht zudiktierte, unterbrach diese menschenfreundliche Propaganda. Nachher scheint die Komtesse sich von dem 'Massenmord abgewendet zu haben. Da das Judenproblem ein politisches ist, so sucht sie einen politischen Weg, um das Judentum ins Herz zu treffen. Im Frühjahr war sie in .London, traf den Lord Rothermare und im Mai begannen die Artikel irn „Daily Mail", in denen mitgeteilt wurde, daß über das Palästina-Mandat und seine Abtretung an Italien verhandelt wird. Es wurde nicht verhandelt, aber diese Artikel erzeugten doch eine gewisse Beunruhigung, zumal angesehene italienische Zeitungen die Sache sofort aufgriffen. Seither sind einige Dementis erfolgt, bis vor kurzem sogar die spaßhafte Nachricht austauchte, daß sich auch Deutschland um das Mandat bewerbe. Es ist eine ganz hübsche Jntrigue, die nicht auf sofortige Wirkung,, als vielmehr auf die Stimmungsmache in der Öffentlichkeit abgestellt ist. Sie soll vor allem in England selbst Unruhe erzeugen, wo ja die öffentliche Meinung über Mandat und Zionismus noch viel zu rvMig Genf, 15. September. (Wolfs.) Die heutige Vormittagssihung des Völkerbundes galt ausschließlich der Erledigung des belgischen Antrages aufWiederrvählbarkeitserklärung. Bei der Abstimmung hat Belgien die notwendige Zweidrittelmehrheit von 32 Stimmen nicht erreicht, sondern nur 29 von 48 Stimmen für seinen Antrag auf sich vereinige:: können. Dieses Ergebnis macht die sofortige Wiederwahl Belgiens in den Völkerbund unmöglich. Nach Verkündigung des Abstimmungsergebnisses betrat Vandervelde die Tribüne, um eine kurze Erklärung abzugeben. Er sagte, Belgien habe seine Kandidatur nach Ablauf feiner Natsperiode auf Wunsch einer Anzahl anderer, besonders der Locarno-Mächte ausgestellt. Die Mehrheit, sagte Vandervelde, hat sich dagegen entschieden. Die belgische Delegation ist aber durchaus überzeugt, daß das negative Votum auf Grundsätze zurückgeht, die d u r ch a ns achtungswert sind und nichts mit irgendwelchen unfreundlichen Gefühlen gegen Belgien zu tun haben. Weiters mochte ich erklären, daß dieses Abstimnnmgsergebnis uns in keiner Weise hindern wird, in der aktivsten, aufrichtigsten und entschiedensten Mitarbeit an dem großen Werke des Völkerbundes wie in der Vergangenheit fortzufahren. Die Erklärungen Vandervelides wurden mit «rußer-- oie-d endlichem Beifall aufgenommen. FlSchtlrugsanIeihen. Die Vormittagssitzung der Bölkerb » « d v e r s a m m l u n g wurde um 11 Uhr abgebrochen, da der Dölkerbundrat zu einer Sitzung zusammentrat. Er besprach zunächst den Antrag der Freistadt Danzig aus Verlegung des polnischen Mnnitionsdepots von der Westerplatte. Durch verschiedene Formalitäten, welche die juristische Kommission vorgeschrieben hat, wivd Danzig diese Frage nochmals vor dem Völkerbund Vorbringen müssen. Der Rat befaßte sich ferner ziemlich eingehend mit einer Reihe von FÜrchttingsfrageu. Dabei wurde die griechische Auslandsanleihe i» der Höhe von neun Brillionen Pfund, davon drei Millionen für das Flüchtlingswerk, drei Millionen für die Stabilisiervng der griechischen Währung und drei Millionen zur Deckung der Defizite der letzten Jahre e n d g i l t i g genehmigt. Eine gleichartige Anleihe, für die vor einigen Tagen von dem bulgarischen Ministerpräsidenten und dem bulgarischen Fmanzminister dem Völkerbundrat schriftlich um Genehmigung ersucht wurde, ist heute vom Rate zunächst dem Finauzkomitee des Völkerbundes zur Begutachtung überwiesen worden. Me heitere Wahl. Kein mohammedanischer Vertreter im Rat. Genf, 16. September. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die Völkerbund Versammlung wählte heute abends drei neue nichtständige Mitglieder in den Völkerbundrat. Aus dem Rate sind, wie bekannt, heute Belgien, die Tschechoslowakei und San Salvador ausgeschicden, und es wurden an ihrer Stelle Finnland, Kanada und Kuba gewählt. Als Stimmenzähler amtierten Sir Austen Chamberlain Und Dr. S trese man n. Das Wahlresultat war folgendes: gültige Stimmen 49, das absolute Mohr 25. Es erhielten: Kuba 40, Finnland orierllicrt ist und wo die M.inung verbreitet ist, daß der britische Steuerzahler, der ewige Schrecken in der Politik, den Juden ihre Ansiedlnng zu bezahlen hat. Man weiß in England nicht viel davon, daß es auch einen jüdischen Steuerzahler gibt, der sogar Kriegsvorschüsse tilgt. Und da man dies auch anderwärts nicht weiß, da die zionistische politische Llusklärungsarbeit sehr mangelhaft und zu wenig in den Landessprachen betrieben wird, so ist es dcr antijüdischen Agitation leicht, auch auf diesem Gebiet Schaden zu stift'n i«"d im Trüben zu fischet!. . 33, Kau a d a 26 Stimmen. Ferner wurden Stimmen abgegeben: für Griechenland 23, Portugal 16 und einige vereinzelte Stimmen für andere Länder. Das Wahlrelsultat wurde mit lebhaftem Beifall begrüßt. Nach der Abstimmung gab der Führer der persischen Delegation, Mohamed Ali Khan Forughi, eine Erklärung ad, worin er sein Bedauern dariider aussprtcht, daß die mohammedanische Welt noch immer keine Vertretung im Rate besitze. Er sprach die Hoffnung ans, daß der Anspruch Persiens bei der nächsten Gelegenheit gebührend berücksichtigt würde. Die Wahlsitzung hat mit einem kleinen Zwischenfall begonnen. Als Dr. Stresernann und Chamberlain, die zu Wahlprüsern ernannt worden waren, sich gemeinsam auf die Rednertribüne be- . gaben und, das Profil zum Saale gewendet, auf fünfzig Zentimeter Abstand, gleichsam, als ob sie sich zu einem der in diesen Tagen viel kritisierten Großmächte-, konventikel niederließen, einander gegenüber an den kleinen Tischchen Platz nahmen, auf >denen die Stimmen gezählt wurden, (. bemächtigte sich der Versammlung derartige Herterkeit, daß sie in Lachen aAsdvach. Diese Heiterkeit steigerte sich noch, als bei der namentlichen Abstimmung Briand an ihrem Tischchen vorbeikam und. Chamberlain anstatt «der ihm entgegen gestreckten Hand Bviands dessen Rock zip fei ergriff. Sie 46. Tagung geschlossen. Nie 47. beginnt. G e n f, 15. September. Um 5 Uhr nachmittags wurde die 46. Tagung des Völkerbundrates vom Präsidenten Billegas geschlossen. Er verabschiedete sich von den drei ausscheidenden Mitgliedern mit den Worten: „Auf Wiedersehen!" Ihm antwortete Benefch, er habe es nicht nötig, den Ruf zu erwidern, denn er werde stets im Geiste mit dem Völkerbund verbunden bleiben. Die letzte Angelegenheit, die behandelt wurde, war em griechisch-deutscher Streit um den Dampfer „Salamis". Politis hielt eine e i n st ü n d i g e Rede zur Begründung und Erörterung der Beschwerde, die «darin besteht, daß Deutschland den ans der Vulkanwerft gebauten Dampfer unter Berufung auf das Ausfuhrverbot für Kriegsgeräte nicht ausreisen lassen will. Der deutsche Vertreter, Schubert, erklärte, daß die Angelegenheit nicht in die Kompetenz des Völkerbund« rates falle. Die 47. Tagung beginnt am Samstag. Auf der Tagesordnm!g dieser Sitzung steht der Antrag C h a m - berlains auf Verringerung der Zahl der Ratstagungen. Es ist zweifelhaft, ob sich für diesen Antrag eine Mehrheit finden wird. Las Hotel Imperial in Franzensbad in Flammen. Nelimisrlvs »erloreii. Franzens bad, 15. Septencher. Seit acht Uhr abends steht das „Hotel Imperial" in Flammon. Das Riesengebäude gilt als verloren. Zahlreiche Feuerwehren sind ansgerückt und arbeiten an der Lokalisierung des Brandes. Aus Eg er ist Militär abgegangen. (Das „Hotel Imperial" ist eines der schönsten und modernsten Hotels der Knrstadt.) Ler Weltflug aufgegeben. Tokio, 15. September. (Reuter.) Die amerikanische« Weltflieger Brock und Shlee haben auf Bitten von Freunden- und Verwandten, darunter der Kinder Shlae-, beschlossen, von ihrem Welt fl ug über dem Stil freit Ozean A b st a n d zu nehmen. Die Flieger tverden mit dem nächsten Schiff nach Amerika zurückkehren.

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