Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-09-14 · Heft 3068 (14.9.1927) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3068 (14.9.1927)
Date
1927-09-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982156--31291-3019594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 30Ö8 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzetturrg 14. September 192? Sekte 8 „Ae Hormcn proimwver Wischer Fürsorge in Deutschlmrd." Bortras ö. Adler-Rodel (Berlin). Ein Bankier von seiner Frau erschossen. Aus Hamburg' d. M. lvird gemeldet: Heute vormittags wurde der Hamburger Bankier Allvin Lorf von seiner Frau erschossen. Die Polizei fand den 32jährigen Bankier in seinem Wohnzimmer auf dem Boden liegend und aus mehreren Wunden blutend tot auf. Seine 30jährige Frau Hertha gab an, ans ihren Mann, von dem sie in letzter Zeit w i e d e r h o l t mißhandelt worden sei und mit dem sic in Scheidung lebe, heute früh, als er durch einen MobeltranSporteur den Hausstand aüholcn lassen wollte, ans einer Brolvning-Pistole mehrere Schüsse abgegeben zu haben. Die Absicht einer vorsätzlichen Tötung habe ihr seritgclegen. Die Frau wurde dem Gerichtsgefängnis zugeführt. Der Erschossene ist der Sohn des Harnburger Bankiers Alwin L o r f. Trotz seiner Jugend galt Lorf an der Börse und in Hamburger Vankierkreisen als ein sehr tüchtiger Vankfachmmui, den man wegen seines Wesens und seiner steten Hilfsbereitschaft schätzte. Der Erschossene galt als ein häuslicher Mensch, der eine unglückliche Ehe ftchrte, weil seine Frau den häuslichen Sinn nicht teilte. Das Bankgeschäft Lorf soll fiir den zehnjährigen Sohn des Erschossenen fortgeführt werden. Sie falsche VrKmtdozentw. Ein Gast des Exkaisers Wilhelm. ^us Berlin wird geschrieben: Die Hohenzollernbegeisterung in der deutschen Provürz hat wieder einmal eine Hochstaplerin in einer für sic sehr gewinnbringender Weise auszunützen verstanden. Seit fünf Jahren kam aus Berlin eine gewisse Ottilie G e r l a ch jeden Sommer nach Äl-twasser im Waldenburger Berglande, wo sie sich als Privatdozentin der Berliner medizinischen Fakultät ausgab und durch ihr sicheres Auftreten Eingang in die Häuser der angesehenen Fabrrksbesitzer, Gutsbesitzer und Kaufleutc erhielt. Es gelang ihr, eine umfangreiche Praxis als Aerzttn auszuüben, denn in den dortigen Rechtskreiscn machte man sich eine Ehre daraus, von der „Privatdozentin" behandelt zu werden, die, wie sie erzählte, öfter als Ga st des ehemaligen Kaisersin Doorn geweilt hatte. Auch ihre Erzählungen von einem auf geheimnisvolle Art in ihren Besitz gekommenen Radiumschatz vermehrten nur ihren Nimbus, und sie konnte für chre „radioaktiven" -Medizinen ganz exorbitante Preise fordern. Endlich erregte sie doch mit ihrer über das ganze Waldenburger Gebiet ausgebreiteten Sommerpraxis das Mißtrauen der Kriminalpolizei. Man stellte Ermittlungen an, die zu dem Ergebnis führten, daß die angebliche Privatdozentin eine bekannte Hochstapler in ist. Alle find Freimaurer. BchchuMguayM gLMn Ludondorff und Fritsch. DaL flicmb' zu. erwarten: die Hakenkrenzür! wüten gegeneinander und schimpfen sich Freimaurer. ($3 ist, wie bekannt, eine LieblingÄhesc der Pogromisten aller Völker, daß die Juden, die doch die Welt beherrschen, sich den Freimaurerorden gemietet haben. Da aber in jedem Lande die politischere Ansichten differieren, so wird überall den Juden, respektive den Freimaurern, immer eine andere Stellung zugemütet. Für die Alldeutschen sind sie antideutsch, für die Panflawen antislawisch. Und der Schluß ist dann der, daß die Herrschaften über einander herfallen,' wohl in Beherzigung des letzten Punktes der Protokolle der Weisen von Zion, der da verkündet, daß — das steht wirklich! dort — auch der Antisemitismus von!Wlk-, juda für seine Tendenzen geschaffen wurde. Man kami niemandem mchr trauen. Ludendorff, der tief in die freimaurerischen Tüpfo geguckt hat, beschuldigt in einer letzthin erschienenen Broschüre die deutschen judeurein.cn .Logen, daß sie die Christen unmerllich« in Juderr verwandeln. Das hat ihm eine entrüstete Verwahrung dieser Logen eingetragen. Nun erzählt in der „Vossischen Zeitung" ein russischer Journalist, daß die jetzt in Kopenhagen lebende Zarin-Mutter im Mittelpunkte des Kampfes gegen die Freimaurerei gestanden hat und noch steht. Sic lebt in der Einbildung, daß, die „Judeo-Freimaurerei" (russisch,: schido-massony) Wilhelm H. zum Führer des Vernichtungskrieges gegen RuWand bestellt habe. Der Journalist schließt aus einer Ankündigtmg Lrckendorsfs, daß er auch der Zarin-iMutter seine Fveivraurerbroschüre geschickt hat, ist aber überzeugt, daß sie ihm nicht antworten wird, da sie in ihm den ersten Handlarrger des Kaisers und der „schido-massony" sicht. General .Ludendorff hat seine Broschur', auch dem jAntisenvitenhäuptlrng Theodor Fritsch, dem Herausgeber des „Hammer", geschickt. Dieser aber hatte sich tadelnd über sie geäußert. .Vudendvrff schrieb darauifhin an Fritsch einen Brief, in wachem er ihn einen verkappten Freimaurer nennt und Met, den Kammer" nicht mehr in sein Hans $u schicken. Die „Deutsche Zeitung" nennt Ludendorffs Verhalten gegen Fritsch „ungerecht, ja empörend". Wir wollen uns in diesen Streit nicht einmengen und koastatteven nur, daß er schon Angst fällig ivar, daß er aber nicht lange dauern wird. Pack schlügt sich, Pack verträgt sich Siebzehnte österreichische Klnssenlotterie. Bei der gosterii abzehaileen Ziehung des ersteu Ta^seS «der vierten Klasse geiwaimcn: 30.000 Schilling das Los Nummer 26.010; 10.000 Schilling das Los Nr. 87.668; 5000 SclMiug das Los Nr. 13668; je M!0 SchMug die Lose »Nr. 2283, 21.673 und 30.356; je 1000 Schilling die Lose Nr. 26.014, 22 326, MZSl, 62.060, 00,247, 78.341 und 07-104. Außerdem wurden IE iGewmue Mschsrc 600 und IM SchiMng autzeiast. Bor eurem zahlreichen Publikum, das sich hauptsächlich aus Fachleuten der jüdischen Wohlfahrtspflege zusammensetzte, Hielt, wie berichtet, Montag abends im Sitzungssäle der Wiener Kultusgemeinde der Geschäftsführer der Hauptstelle für jüdische Wanderfüvsorge und Arbeitsnachweise in Berlin, Herr S. Adler-Rudel, einen Vortrag über das Thema „Die Formen produktiver jüdischer Fürfto r g e i n D e u t s ch l a n d." Einleitend bemerkte der Vortragende, daß die karitative Tätigkeit in Deutschland seit dem Kriege eine grundlegende Aenderung erfahren und einen nie geahnten Umfang angenommen habe. An Stelle der bis dahin ehrenamtlich ausgeübten Für» sorgetätigkeit mußte die beamtete treten, weil man Menschen, die im Berufsleben stehen, nicht zumuten könne, chre Zeit in den Dienst einer Wohltatigsarbeit zu stellen, die den ganzen Menschen den ganzen Tag übar erfordert. Trotz der jetzt cingeführten bösmtewn Fürsorge nimmt noch immer die eh re na m t l i cha F ürs o r ge einen breiten Raum ein. Das zweite Charakteristikum der jüdischen Fürsorgetätigkeit nach dem Kriege ist, daß sie, die früher ausschließlich war, jetzt nur mehr ergänzend ist. Wo Stadt und Staat in der Fürsorge versagen, da muß die jüdische Wohltätigkeit helfend eingpcisim. Dies ist hauptsächlich bei Leuten der Fall, die in Deutschland nicht dasHeimatsrecht besitzen, und infolge- »dessen von den staatlichen Fürsovgestellen nichts zu erwarten haben. Das dritte Merkmal der Neuorientierung der Fürsorgetätigkeit ist die Prophylaxe. Wir ergreifen Präventivmaßnahmcn, um zu verhüten, daß wir späterhin noch mehr in Anspruch genommen werden. Die vorbeugenden Maßnahmen müssen schon beim Kä m-d e emsetzeu. Da ist es vor allem die Bewrfsbevatung, die notwendig ist, um der Heranwachsenden Jugend eine Existenzmöglichkeit zu schaffen, und sie so dem Kreise der Fürsorgebedürftigen zu entreißen. Wir haben dÄchcttb, so führte Redner aus, einen jüdischen Arbeitsnachweis ^schaffen, der den Arbeitnehmer zum geeigneten Arbeitgeber bringen soll. Eine Lehrstelleuvermittlung verschafft den der Schule Entwachsenen geeignete Lehrstellen, und eigene Werthcime bieten stellenlosen Arbeitern Arbcitsmöglichkeit und Unterkunft. Boi der herrschenden Arbeitslosigkeit ist es in Deutschland unendlich schwer, eine Stelle zu finden. Für jeden freien Posten kommen dreißig Bewerber in Frage. Dajzu kommt noch, daß im Reich eine starke Propagpiwdla gMn djün jüdischen Arbeitnehmer oMgesetzt MN RatmyettmstttM, AuS' Bww l i n wird uns gemeldet: Dieser Tbtze wwrden hier die Nattrrheittundigen Paul Bergl und Doktor Ernst Berg verhaftet. Die Untersuchung der Polizei hat ergeben, daß dieser Ernst Berg weder promoviert, noch überhaupt studiert hat. Sr hat den Doktortitel von seinem verstorbenen Bruder Paul geerbt. In seinem Naturheilinstitut wurden unerhörte Zustände festgestellt. Er hat rurter anderem im Speisezimmer der Woh-r nnng aus dem Tisch Op-erationen v-o-r.gea omrm-em. Ku Poftaugestellter Mildert AuÄaadrlirkese. Die Brivfmarkmhänldlerin Küthe GaLaiovic, Gumperckwrferstrahe, zeigte dem PoLizeA-ommiffariat MariaWf an, daß zwei eingeschriebene Briossendu ngen mit Mart-em im Werte von 30t>00 französischen Francs, tue beim Postamt 66 m der Gwmpendovfsrstraße 70 hätte« einlangen «solle», ihr nicht -ugeycmgen seien. Der Bewacht richtete sich gegen den ADHrigen PostangestMen Karl Klinke, der mit der AuskllÄrg vonPüstsendungen betraut war. Bei einer in seimr Wohnung vorgeiwmmene» Hausdnrchfuchuwg wurden 46 spoliierie Briese, darunter acht eingeschriebvne, eine Anzahl nicht abgelieferter BriefznstoMrrten und mchr als ICK) Postsendungea, zum großen Teil wertlose Drucksorten, gefunden. Klinke Hat, wi« sestgesteWt werde» komrte, den Briefen 80 Dollar, 3 englische Pfund, 60 tschechische Krönen, 10 dänische Kronen und etwa 50 Schilling entnornMerr. Auf den ZustÄ-llarteri der emgsschriebenen Briese hatte er die Uuterschristen von zehn Adressaten gefälscht. Merkwürdigerwerse sind die beiden eingüschrielenen Postserrdvugeir mit den wevtv ollen Marken Frau Galatovics am 12. d. M. durch die Post FUgestellt worden, während andere Värrkenfendirngen nicht eingelangt find. Mn»ke wuvde dem Landesgericht ciiigeiiefert. lM, bk wir den ,Mto» Pogrom" srrvneu. Ohne Mut zu vergkchsn, wird 8er jüdische ArbÄttrehnrer la-ugfmrr vernichtet. Nicht mir nichtjüdische Firmen verlMsn sich gegen den jüdischen Arbeitnehmer ablehnend, auch jüdische Firmen nehme« leider diesen Standpunkt ein, weil sie befürchte«, die christliche Kundschaft zu verüoren. Der füÄschc Arbeitsnachwets hat nun eine rege P r o-; ,t n :b a t a 11 g 1111 für den Mischen Arbeiter be- . ,i. Jüdische Chefs nicht nur im Zentrum, sondern auch in der Provinz werden besucht, und ihnen die Not der jüdischen Arbeiter geschil'dert. Ein weiteres Mittel zur Bekämpftmg der jüdffchen Arbeitslosigkeit ist die Vergebung von NotstandSarbeiton, für die nach den geltenden Gesetzen Stadt und Staat B e it r ä ga zu leisten haben. Nach Beendigung dieser Arbeiten haben die meisten Arbeitnehmer, die im Gesetz vorgeschriebene Arbeitszeit bereits absoliviert, und können Anspruch auf die Arbeitslosenunterstützung erheben. Auch für die Landwirtschaft werden jüdische Arbeiter ausgebildet, doch ist die Tätigkeit in der deutschen Landwirtschaft für jüdische Arbeiter wenig verlockend. Hier kommt hauptsächlich die Au sw am d erun g in Frage. Eine Neueinführnng auf dem GeArte der Fiirsortz. ist die sogenannte „Brockenfammlusg". In jedem HauZhall befinden sich alte Kleid-e-r, alte Möbel und B o d e n k r a m, >den der Eigentümer nicht verkaufen will, der ihm nur im Wege stcht und den er gern für wohltätige Zwecke hergibt. Wir haben einen Sammeldienst organisiert, besuchen die einzelnen Haushalte und bringen diese ,^Brocken" in mrsero Werkstätten, wo sie verarbeitet werden und dann den Bittstellern als Geschenke ausgefolgt werden. Wir ersparen auf diese Weise die Neuanschaffung dieser Gegenstände, und so machen sich die 80 bis 100 Menschen, die wir zum Emsammeln des Hausrates verwenden, reichlich bezahlt. Sie sehen, so schloß der Vortragende seine Ausführungen, daß wir doch Mttel und Wege finden, um die herrschende Not zu lindern. Freilich leicht fft es nicht, doch wo ein Willen ist, da ist auch ein Weg. Der Vizepräsident der Wiener KultusgemÄrrde, Dr^ Ornstein, dankte dem Vortragenden Kr seine lehrreichen Ausführungen, die bei den Zuhörern, llechh cuDt-e-s In t e r-e ss e ausgelZjt hatten. Zu unserem gestrigen Bericht über Äie Errichtung einer Zentralstelle für südische Wand-erfürsvrge in Wien, haben wir noch nachzutragen, daß an den Beratungen außer den bereit genannten Gemeinden Vertreter der Kultusgemornden Bratislava, Brünn urrd Lundenburg, ferner 'Vertreter der Israelitischen Allianz rmd der Z-errtwa.bstelle für j Ldichchie m Wien terlnaHmen. Ser Lmz 1« Re Scheid«o g. Das smgalestfche Abentener einer HochKeitsrorsiendelt. Mrs. Elis Joe May wollte nicht die übliche Hochzeitsreise nach Europa machen, sondern veranlagte ihren jungen Gatten, einen „Trip" nach exotffchen Ländern zu unternehmen, da sie durchaus nicht alltägliche Eindrücke sammÄu wollte. Tatsächlich schenkte dem Paare daS Schick-.' sal recht ungewöhnliche Emotionen, ans die beide wahrscheinlich gerne verzichtet hätten. Im dritten Monat ihrer Reise kam das Paar auf eine von Singalesenbewohnte Insel und war Augenzeuge eines Festes zu Ehren der Göttin der Fruchtbmckeit. Mit dieser Feier find religiöse Tänze verbunden. Bei dieser Gelegercheit nehmen die jungen Sirrgaleseu die Wahl ihrer Gattinnen vor. Nach Landessitte trägt der Danzer das Mädchen, mit der er den Reigen getanzt hat, eiligen Laufes in seine HWe, und sie gilt dann cäS ferne rechtmäßige Frau. WM die Maid nicht die Gattin des Lanzers werden, so muß sie diese ^Aufforderung zum Tanze" ablehnen. Diese Sitte sollte Mrs. May zum Verhängnis werden. Ein HäuptlingSsohn näherte sich der Amerikanerin, die von diesen Gebräuchen nicht die blässeste Ahnung hatte, und forderte sie zum Tanze cnif, womit er seinen Willen kundgab, sie als Hausfrau heimzu führen. Die junge Frau tanzte also mit dem Jüngling, und die Zuschauer begrüßten die Wahl des Sohnes ihres Stammeshäuptlings mit lauten Zurufen. Die Musikanten verübten einen ohrenzerreitzenden Lärm und bmchten einen Tusch nach dem u.i* dern aus. Die Grazie der jungen Notv Aorkerm begeisterte die Menge, und als Mrs. May ermüdet aufhören wollte, trug sie chr Tänzer auf seinen Schultern eMgen Laufes in feine HAte. Trotz aller Proteste des verzweifelten Gatten war cm der Sachlage nichts zu ändern, beim hie Eingeborenen erklärten ihm, daß nach Landesrecht seine Fra« die rechtmäßige Gattin ihres Königssohnes geworden wäre. SQQfe DMuMN. mrd K-LayMkrk wa-asr rMkmMws. pnnnQttxan6x>aoooaogxx»oooot»nniQnriamnc!flflQQfi«ooQirexamaBm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.