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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-14 · Heft 3068 (14.9.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3068 (14.9.1927)
Date
1927-09-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Mm, Mittwoch Wiener Morgerr-ettmtg 14. September E M, TV6K Die Affäre Schwarzbatth. Ae Snavetr der Liga für Menschenrechte. Die französische Liga für Menfärenrechte hat, wir bereits kurz berichtet wurde, die letzte Nummer ihres Organes ausschließlich der Affäre Schwarzbarth und den seinerzeit igen Judenpogromen in d e r U k r a i n c gewidmet. Anger einer Reihe von Artikeln und historischen Dokumenten über die Judenpogrome enthalt das Blatt auch die Antworten hervorragender Persönlichkeiten über die Frage der Verantwortlichkeit Peiljuras für dZe Judenpogrome im der Ulroiite und die BerantwortlichMt Schwarzbarths für seinen tödlichen Schuß auf Petljura. Wir veröffentlichen einige dieser Aeußernngen: Romain Rolland schreibt: „Die schrecklichen Pogrome in der Ukraine — eine A.ngernlkg der Bestie im Menschen, die durch den Krieg der Jahre 1916—1918 von der Kette losgelassen wurde, und anch das Ergebnis des aufgereizten Rassenhasses — würden schon hinreichen, die ukrainische Nation des Rechtes auf Unabhängigkeit verlustig werden zu lassen, sollte das ukrainische Volk diese Geschehnisse nicht öffentlich verurteilen und die Schuldtragenden an den Pogromen der Bestrafung zuführen. Dieses Verbrechen bedeutete nicht nur einen Schlag für die Tausende von Opfern, sondern auch für die Ukraine selbst und die Ukraine m u s; f i c verurteile n. Das crtvarte ich von ihr." Mit besonderer Schärfe tritt der populäre französische Romancier Viktor Marguprite hervor: „Petljura und seine Kosaken sind e i n e Schande <wir wollen keinen entmutigen, und sagen eine der Schanden) des menschlichen Geschlechtes." In gleicher Weise urteilt der Schriftsteller F-ordrna-nd Herold über Petljura: „Jeder ehrliche Mensch empfindet einen 'Schrecken, wenn er von Pogromen hört und verurteilt die Regierung, die so etwas geschehen ließ. Petljura aber begnügte sich nicht damit, Pogrom? zu dulden, er ergötzte sich noch an der Ermordung unschuldiger Menschen. Man vermag den Namen dieses Atamans der Mörderbande -nicht ohne die tiefste Verachtung auszusprecheu." Der Schöpfer der allweltlichen kooperativen Bewegung, Charles Gide, sagt, daß die Frage ihm überflüssig und fast beleidigend klinge. „Wer von den Mitgliedern der Liga für Menschenrechte vermag die Pogrome als etwas anderes denn als Mt der Wildheit zu betrachten? Der Schwerpunkt der Frage liegt daher nicht in der allgemeinen Beurteilung der Pogrome, sondern in ihrer Beziehung zur Tat Sch-warzbarths. Hat eine solche einzelne Tat eine Berechtigung? Wie ivird die Ermordung von Petljura beurteilt? Die Pogrombanditcn sind eben nur gewöhnliche Banditen, aber das bedeutet nicht, daß man sie aus der Straße ohne Prozeß und Urteil ermorden dürfe, so sehr man auch die Haltung Schwarzbarths und seine seelische Verfassung begreifen kann." Der Historiker Professor Okard schreibt: „Was den Mörder PetljuraS betrifft, so ist sein Verbrechen nicht so schwer im Vergleiche mit den Verbrechen, die auf Befehl Petljuras ausgeführt wurden." Interessant ist die Stellungnahme des Professors der Medizin Charles Richet: ,Keiner hat das Recht, irgendwen eigenmächtig zu strafen. Es ist unerläßlich, daß der Beschuldigte sich verteidigen könne. Das Lynchgesetz ist etwas Wildes, weil dabei leicht Jrrtümer usw. entstehen können. Die schrecklichen V«:- brechen, die man an SchwarAbarths Stammes- und Glaubensgenossen begangen hat, rechtfertigen ihn moralisch, ich würde ihn verurteilen, aber ke ine Sekunde z ö g e r n, i h m die Hand zu r-eicheit." Aehnlich beurteilt Proftffor Fernand die Frage. „Ohne den politischen und sozialen Mord, dem Petljura zum Opfer gefallen ist, zu verherrlichen, entschuldige ich ini Innern meines Herzens vollkommen Schwarzbarth, der als Rächer seiner gepeinigten und ermordeten Brüder auftrat und einen der Schuldigen an diesen schrecklichen Verbrechen tötete, die die Menschheit mit Schande bedecken." Aufsehen erregt die Antwort des Dichters Panatt Jstrati: „Mich wundert überhaupt nicht, daß so ein Schwenkbar th ein Mörder wider Willen geworden ist. Im Gegenteil, angesichts der Gleichgültigkeit und Indolenz unserer verbrecherischen Zivilisation frage ich mich, warum nicht täglich solche Akte wie Schwarzbarths Mord geschehen, seitens der durch Verzweiflung zum Mord Getricbenenl" Der bekannte französische Schriftsteller Pierre Galeppe gibt folgendes Urteil ab: „Hat Petljura in der Tat hunderttausende Juden in der Ukraine massakrieren lassen, so ist es begreiflich, daß Schwarzbarth ihn getötet hat. Ich bedauere bloß, daß -diese schone Geste nicht schon früher erfolgt ist. Glauben Sie etwa, daß Petljura und seine Bande den Anschauungen und Argumenten der Liga für Menschenrechte gefolgt wären? Gin Mord, durch den taufende andere Morde verhütet werden, ist in hohem Maße eine gewünschte Verminderung des meiffchlrchen Geschlechtes. SchwarAarth tat es zu spät, ich Sitte Sie, machen' Sie ihm hiefür einen Vorwurf." Ser Flug in den Tod. „Lld Glory" und „Sir 3M karliug" als MsSs mtf. geluaveu. New P o rk, 13. September. Das Wrack der „Old< Glory", mit >der Berthaud und James HilLs undder Chefredakteur Philipp Pay n e am vorigen Dienstag zum Flug nach Rom gestartet waren, rst KX> Meilen von. der Stelle-entfernt, von der die Flieger dffr letzten SOS-Ruft aussandten, aus 51 Grad 17 Minuten nördlicher Breite und 39 Grad 23 Minuten westlicher Länge aus dem Meere treibend gesunden worden, und zwar durch den v on dem Blatte Paynes ans die Suche nach den Vermißten ausgesandten Dampfer,Kylc". Bon der Besatzung -er „Old Glory" konnteckÄneSpnr entdeckt werden. Aus den bishevigeu Meldungen von Bord der ,Kyle" ist nicht zu ersehen, ob das ganze Flug.zewa Ä»er nur dessen Tragflächen gefunden worden find. Augeschwemmte Trümmer. London, 13. September. Bei New^quai an der Küste von Cornwall wurden gestern nachmittags we b e rr e st e eines Fl u g z e u g e s, und zwar TeiLe eines Steuers und einer Tragfläche angetrieben. Die zm^ Nachforschung ausgesandte Küstenwa che berichtete, daß sie in einer größeren Entfernung vom Strande weitere Flugzeugteile sichten konnte, , die jedochwon dev oinfetzvnderr Flut wieder avgvtritSöM worden seien. Die geborgenen Flügelteile haben einen stilvergrau c n Ueberzug. Nach näherer Prüfung kam man zu dem Ergebnis, daß die Fl ü gelte ile von dem vermißten Flugzeug „S i r I o h n Carl! n g" herrühren dürften. Hundert Frau en wall«» mch Amerika Wege». Levwes AteUulsur. - Aus L'o wL^om wird ^schrieben: Charles L-erMave ' erklärte in einem Interview' mit dem Berichterstatter eines Londoner Mattes, daß er von Leuten beiderlei Geschlechts bestürmt werde, sie um jeden Preis den geplanten Flug mrtmachen zu lasten. „Unter ihnen," erklärte Levine, Gesinden sich rund hundert Fra wem. Bkrle BewerbungsschveiLen sind recht amüsant. Go schreibt eine unternehmungslustige Dame: „Ich hoffe, Sie werden mich mitnehmen, denn ich möchte für mein LGen gern zum Film gehen." Eine andere erklärt: „SBerot Sie mich durchaus nicht uütnehmen können oder wollen, so »rachen Sie wenigstens von meinem Wnnsche, den Allantifflug rnitzumachen, den Blättern Mitteilung, damit etwas Reklame für mich gemacht wird." Ich glasbe übrigens, daß auch bei vielen Vertretern des stmcken Geschlechts der Wunsch, im Film zu erscheinen, der Vater des Naggedankens ist. Ein junger Londoner Friseur, der mir sein Bild schickte und dabei darauf hinwies, daß so schöne Menschen für Hollywood besonders geeignet seien, richtete an mich die Frage: ,M»nen Sie mich nicht direkt nach Los Angeles befördern, -damit ich gleich meine FUmlaufbahn beginnen kann?" Unter den Bewerbern bezeichnen sich auch zwei als ,Mandervöge-I"; sie schräben: „Wir haben die Reise um die Welt auf dem Wasserwege gemacht und möchten jetzt gern nach Mowyork zurückkehren, aber wir haben k>ePn R-e-i^e'ge'l'd. Wollen Sie uns nicht mitnehmen?" Dutzende von englischen und deutschen Piloten wollten „Miß Columbia" steuern, darunter auch ein Sleflt Bi smar.ck s. Nicht wenig erstaunt war ich, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, wie viele Leute mit mir verwandt sein wollen. Ich hätte nie geahnt, daß ich so viele Verwandte habe. Biele Griese gelangen anch an mich von Personen, die mich als ihren Landsmann ansprechen. Ein besonders liebenswürdiges Briefchen erhielt ich von einer Jrlünderän, -die nur schreibt: „Es ist unser .grotzevMmwer, daß wi^MkdcherMe nW.zu unieren Landsleuten zählen können." Sie sandte mir gleichzeitig einen Erikaziveig, der mir Glück bringen sollte. Ich antwortete ihr: „Wenn es Ihnen cinen Trost gewähren kann, jo H>iil ich Ihnen verraten, daß ich am Tage St. Patricks, des Schutzpatrons Ihres Landes, das Licht der Welt erblickt habe." Im übrigen erhalte ich von überall her Glücksbringer, angcsnngcn vom vierblätterigen Kleeblatt bis zu Figuren des heiligen Raphael, des Schutzheiligen der Flieger. Ein alter Herr sandte mir ein Stück Metall, das meine Maschine gegen den Blitz schützen soll, wenn cs an chr als Blitzableiter befestigt wird. Eine Gräfin schickte mir ihre Photographie i m Badeanzug. Da sie den Wunsch ausdrückte, mit mir nach Newyork zu fliegen, muß ich wohl annehmcn, daß sic den Badeanzug als unentbehrlichen Ausrüstungsgegenstan-d ansieht. Ich habe im übrigen ungezählte Ratschläge für meinen nächsten Flug erhalten. Ein ängstlicher Mann rät mir beispielsweise dringend, einen „S i ch e r h e i t S k o f f e r", den er erfunden hat, mit auf die Reise zu nehmen. Sollte ich irden Ozean stürzen, so brauchte ich mich nur in -den Koffcn einguschließen, um sicher auf dem Wasser zu schwimmen/ Ar HSchffe Brnüe der Wen. 7S Millionen Dollar Baukosten. Gin Brückenbau von geradezu phantastischen Aus« matzen ist jetzt in den Vereinigten Staaten in Angriff genommen worden: die e r st e New Uorker.Hudsonbrücke. Sie führt von Fort Lee im Norden von Manhatitm nach Fort Washington im Staate New Jersey und erschließt dort ein bis jetzt völlig unbebautes Gelände. Die Hauptspannweite zwischen den beiden Strompfeilern wird mit 1067 Meter Lange die bisher größten Spannweiten von Hängebrücken um das Doppelte übertreffen. Sie wird zwei übereinanderliegende Fahrbahnen von je 32 Meter Breite besitzen, und zwar soll das obere Deck demreinenStraßenverkehr dienen, wobei acht Reihen Automobile zu gleicher Zeit die Brücke befahren können, während das Unterdeck den Schnellbahn verkehr aufnimmt, für den zunächst vier Geleise gelegt werden. Die beiden Strompfeiler reichen mit 216 Meter Höhe über dem Wasserspiegel sehr nahe an das höchste Bauwerk der Vereinigten Staaten, das 66stöckige Woolworth--Bmlding, hinan. Offen ist noch die Frage, ob das tragende Hauptelement aus Kabeln oder AugenstaÜketten gebildet werden soll, es wären entweder vier Kabeln von je 91 Zentimeter Durchs mester nötig oder aber zwei AugenstaKketten aus je acht Gruppen von zwölf breiten Stäben, die in vier Rechen ubereinanderliegen. In beiden Fällen kommen noch me. üagewesene Grötzenverhältniste in Frage. Um auch d en größten Ozeandampf^-n div Möglichkeit zum Unterfahren der Brücke zu bieten, ist diese sehr hoch gelegt, und zwar beträgt die Entfernung vom Wasserspiegel bis zur Unterkantc der Brücke 61 Meter. Wie in chren Ausmessungen, so übertrifft die Hudsonbrücke auch in den Kosten das bisher größte Bauwerk ähnlicher Art in Amerika, die erst voriges Jahr eröffn etc Delaware-River-Brücke, um das Doppelte. Der Aufwand ist auf rund 76 Millionen Dollar veranschlagt. Die Fertigstellung wird für 19T2 -evtvartet. Kn verschwundener Zvdnftrkellsr. Wo Aachforschrmgou nach DÄMor Kalman resultatloS. Aus P r-e tz b'U-r g wird uns berichtet: Das Verschwinden des Direktors der Rrma-Muranyer Eisenwerke, Dsstder K-alman, ist noch immer nicht aufgeklärt. Kalma», der im GefchLflsleben der Stadt eine große Rolle spielte, entfernt« sich, wie gemeldet, vor einigen Tagen aus seinem Bureau, ohne jemanden rmtzuteileu, wohin er gehe. Er ist setther weder ins Bureau, noch in seine Wohnung zurückgek-ehrt. Direktor Kalman hatte in der letzten Zeit unter einer schweren geistigen Deon zu leiden. ^Seine Familie hat 10.000 Tschechenkrouen als Prämie für seine Auffindung ausgefetzt. Man nimvkt au, daß Kalman entweder in gePigec Umnochtrmg in den WäLdern der Umgjrüang «chmtvrt, oder Selüstmord verübt hat. Die bKhevigM Nachforschungen der Polizei in der Umgebung der Strcht blieben erfolglos. Kalman lebte in vollklmun-en geordneten finanziellen Verhältnissen, so daß «in Selbstmord aus wirtschaftlichen Grüßen ausgeschlossen erscheint. Dagegen ist es nicht unmöglich, daß er e i n -e m Ber-d-r-e^e n zum Opfer gefallen ist. LeW««kd »es Badener Sausmanms MüLer. UnschuMg du Verdacht dve Hehlerei. Aus Wi^an e r-«-N e ust ad t wird uns gemeldet: Der fett acht Tagen abgängige Sportgeschäftsinhaber Haus M nller wurde im Waü>e bei S o o s erhängt aufgesunden. Er stand in Strafuntersuchung, weil er angeblich Schmuckgegenstände und Juwelen, die aus der ZM der mrgarischm Riitemgiernng stanunten, und gestohlen waren, angekauft mrd sich dadurch bereichert haben soll. Müller hatte, als sr Baden verließ, keine KennttliS davon, daß die Untere suchung eingestellt worden sei.

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