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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-14 · Heft 3068 (14.9.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3068 (14.9.1927)
Date
1927-09-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nv. 3063 Wien, Mtkwoch Wiener Morgenzettrmg 14. September 1987 Seite 3 /jimtütf auf Schadenersatz au den Griechen Mawromat i s für die Entziehung der ihm vor dem Kriege von der türkischen Regierung erteilten Konzessionen betreffend Licht- und Verkehrsanlagen in Jerusalem. Schon im Marz 1026 fällte der Haager Gerichtshof ein Urteil zugunsten des Mawromatis, woraufhin die britische Regierung in Verhandlungen wegen Erneuerung der Konzessionen einging. Es scheint aber, das; Mowromatis^garnicht in der Lage ist, d i e K o nzession auszu nutzen, weswegen die Palästina- Regierung keine Verträge mit ihm ab schloß. Der Haager Gerichtshof soll nun Mer das Recht des Mawromatis, eine Entscheidung z lt verlangen, ein Urteil Ile Verfolgung der Zionisten in Rußland. Ae Protestresolution der ziontftenkongreffer. Wie berichtet, hat der Zionistenkongreß in seines Schlußsitzung nach einem Referat der Frau Henriette S z o l d eine gegen die Verfolgung der Zionisten in Rußland gerichtete Resolution angenommen. Sie lautet: Der 16. Zionistenkongreß begrüßt die russische.. Zionisten, die, ständigem Terror ausgesctzt, dennoch in Treue den Kampf um unser Ideal innerhalb des russischen Judentums fortführen, in allen ihren Gruppen. Der 16. Zionistenkongreß begrüßt alle Zionisten, die in russischen Kerkern schmachten, die Helden der nationalen Bewegung, die Märtyrer der Mischen Befreiung. Der 16. Ziomsterckongretz protestiert gegen die unmenschlichen Verfolgungen, welche die Sowjetregierung gegen alle Teile der zionistischen Bewegung unternimnrt, deren Ziel die Zerstörung unserer nationalen Bewegung ist. Der 16. Zionistenkongretz fordert die Regierung der S. S. R. auf, die verhafteten Zionisten zu befreien und den Verfolgungen des Zionismus in Rußland ein Ende zu machen. Der Kongreß ist von der Hoffnung erfüllt, daß die Juden der ganzen Welt sich unserem Protest anschlietzen und die Befreiung der verhafteten Zionisten fordern werden. Diese Resolution wurde mit allen gegen zwei Stimmen angenonnnen. Die zwei Delegierten, die sich gegen den Beschluß stellten, heißen Ben Gurion und R e m e s. klndrücke von der Wkzo-Konserenz. Von Lady Herbert Samuel. Die Konferenz in Basel war die erste Monistische Konferenz, an der ich teilnahm, und ich muß, gestchen, daß ich sehr froh darüber bin, daß ich nach Basel ging, ivo ich gleichzeitig Gelegenheit hatte, dem Zionistrwkongreß boizuwohnen. Die Eirckrücke und Erfahrungen, die ich gesammelt habe, werden mir in meiner künftigen Arbeit sirr Palästina von größtem Nutzen sein. Der Geist, in dem die Konferenz der Wizo geführt wurde, war sehr harinonisch; man verständigte sich über die meisten Angelegenheiten gut, leistete wertvolle Arbeit, so daß die Delegierten schließlich mit dem Gefühle gegenseitigen Verständnisses und warmer Freundschaft für einander heimkehrten. Nur durch solche Zusammenkünfte der Delegierten aus aller Welt kann unsere Arbeit in der Richtung, die Palästina ivahrhaft verlangt, geföHert »vorden, und ich möchte daher der Hoffnung Ausdruck geben, daß wir bei künftigen Konferenzen Delegierte aus noch mehr Ländern begrüßen können und die Basis unseres Gedankenanstansches noch verbreitert wird. - Nicht leicht werden wir den „Blauen Saal" vergessen; wir werden an die ivarme und anregende Atnrosphare, die uns verband, gern zuriickdenken, wir luetten zurückdenken an den Davidstern vor dem Fenster, an die blau-weiße Fahne draußen auf dem Platze, in deren Zeichen rvir arbeiteten. Als wir zusammenkamen, waren viele von uns einander ftemfo; aber wir schieden als Freunde. Was mich betrifft, so habe ich von der selbstlosen, aufopfernden Arbeit so vieler Fraueni für Erez Israel tieft Eindrücke erhalten. Alles spvichidafür, daß die Pläne, die bei dieser Konferenz sorgfältig ausgearbertet ttnttbctt, bei der nächsten Konferenz zur Reffe gelangt sein rverden, und es ist zu erwarten, daß wir von neuen Erfolgen, von fruchtbringender Weiterentwicklung unse-ver Institutionen, die soviel zur Erziehung und Ausbildung unserer Frauen und Mädchen in Palästina beitragen, zu berichten Hecken werden. Wir hoffen, daß unsere Idee sich mehr und mehr ausbreiten wird. Wir versprechen uns viel von unserem ntugeschaffeuen Arbeitszenrtum in Palästina und rechnen auf die Zusammenarbeit mit allen denjenigen Frauenorganisationen, die Seite an Seite mit der Wizo Neues schaffen, jede auf ihrem selbstgewählten Arbeitsfeld, alle unter der Idee des lAnteils der Fvart am Mffbau von Erez Israel. Der Mandatsbericht vor dem Bölkerbundsrat. Lhne Debatte znr Kenntnis genommen. Genf, 18. September. (I. T. A.) Dem Mlkerbundsrat lag der Bericht der Ständigen Mandatskommission des Völlerbundes über das Ergebnis ihrer 11. Sitzung, in der die Angelegenheiten Palästinas behandelt wurden, vor. Der Rat stimmte den Ergebnffsen des Kommiffionsberrchtes ohne jede Debatte zu. Der Rat beschloß, der britischen Negierung und der Bevölkerung Palästinas über die Erdbebenkatastrophe, von der Palästina im Juli d. I. heimgesucht wurde, das tiefste Mitgefühl auszudrücken. Ser Völkerbund und die Wischen Flüchtlinge. Genf, 13. September. (I. T. A.) Das Internationale Komitee der Gesellschaft zum Schutze der Auswanderer und Einwanderer begann in Genf unter dem Vorsitz von Albert Thomas, Direktor des Internationalen Atbeitsamtes des Völkerbundes, seine Tagung. Zunächst wurde die Lage der armenischen und der jüdischen Flüchtlinge erörtert. Hierauf behandelte das Komitee die Frage der Ausdehnung des Völkerüundschutzes aufdieStaatenlosenin allen Ländern Europas. Von jüdischer Seite wohnen der Tagung unter anderen Herr Lucien Wolf im Namen der Anglo-Je-wish Association und der Alliance Jsraelite Universale und Herr Z. A b e r s o n im Namen des Council on the Rights of , _>cri FCHJMA-WIIH MIT £l¥C0 the Jewish Minorities und der Vereinigten Emigrationsgesellschaften bei. Herr Aberfon erstattete auf der Tagung Bericht über die Rechtslage der Staatenlos e^n. Re Standgerichte in Manen. 11 Tovesurtelle. K owno, 13. September. Zur AburttzLÜrng deran Wur Putsch in Tauroggen beteiligten Person«» wurden Standgerichte eünMcht; diese havon gföstern sechs Studenten zum Tod« verurteilt; das UrMI wurde heute früh voll st rockt. Hou-ste wurden neue fünf Todesurteile gesprochen. «r»n Todesmkelle wegen Spionage ln Leningrad. Mosk-au, 13. September. Im Prozeß gegen 26 Spione und Terror!stcn vor dem Leningrader Gerichtshof wurden neun Angeklagte zum Tode und dreizehn zu Gefängnisstrafen von sechs Monaten bis zu acht Jahren verurteilt. Vier Angeklagte wurden freigesprochen. Meder ein VekfaffnngslonWt in Polen. Wesen der Einberufung des Parlnmenls. Warschau, 13. September. Zwischen dem S e, m und der R e g ie r u n g ist in der Frage des S e l b st v e rwaltungsgesetzes ein Verfassungskonflikt ausgebrochen. Der Sejm, der im Sinne seiner bereits früher gefaßten Beschlüsse den Selüftverwallungskörpern ein größeres Maß von Autonomie gewähren will, hat unter Berufung auf den Wortlaut der Verfassung von der Regierung die rascheste Einberufung des Parlaments verlangt. Die Regierung hat daraufhin de n Sejm siüw den 30. d. M. einberufen. In parlamentarischen Kreffen wird dies alZ eine Ueberschreitung der in der Verfassung vorgeschriebenen Frfft ausgelegt. Heute fand eine Versammlung der Führer sämtlicher Parteien statt, die eine P r o t e st d e k l a r a t i o n gegen die verfpAete Einberufting des Sejm beschloß. Ftalieu führt keine BolkrgerWte ein. Rom, 3. September. Die Regierung hat eine Novelle zur Reform des Strafgesetzbuches und der S t r a fprozeßordnung ausgearbeitet und sie an alle Gcrichtsstellen versendet. In dem Entwurf wird auch die Einführung der V o l k g e r i ch t e, die noch vor kurzer Zeit geplant war, aufgelassen und an ihrer Stelle das Schöffengericht angeregt. Ich schreibe ein Feuilleton. Von -Heinrich B. Kranz. Mmrchmal muH ich mich entschließen, cm Feuilleton zu schreiben. Das ist natürlich nur eure Geldangelegenheit, obwohl man von derartigen Stilübungen nicht leben kann. Aber icfji sage mir, besser ein gedrucktes Feuilleton, als ein ungedruckter Roman. Heute erliege ich wieder einer derartigen Gedankenfolge, setze mich daher vor die Schreibmaschine, spanne einen Bogen Papier ein und — hier stocke ich schon. Ich würde nämlich vorerst einen Stoff benötigen, eine Idee, einen Einsall. Er ist das Wesentliche des Feuilletons. (Der Stil ist nur die Würze.) Und er fehlt mir gerade. Der einzige Einfall, den ich augenblicklich aufzeichiren kann, ist, daß mir niemals ein Einfall kommt, wenn ich einen solchen am dringendsten herbeiwünsche. Ich habe ihn manchmal, wenn ich gerade dabei bin, einer hübschen, jungen Dame den Hof zu machen, aber ihre Augen lassen mich ihn bald vergessen. In solchen Situationen ein Notizbuch hervorziehen, würde nicht gut aussehen. Zuluftfcn habe ich auch einen Einfall, wenn ich schlafen gehe. Aber dann erinnere ich michdaß vor kurzem in der Zeitung stand, ein gesunder, sechsunddveißigjähriger Stationsvorstand Hütte sich schlafen gelegt und sei dann nicht mehr erwacht. Ein Herzschlag hatte ihm den nächsten Morgen und alle Plackereien erspart. Ich denke also daran, mir könnte ein gleiches Schicksal öefcljhben sein und dann würde ich das Honorar für das Feuilleton nicht mehr zu Gesicht bekommen, da die Post in die Hölle noch nicht eingerichtet ist. Nachdem ich dies ausgezeichnet habe, überlege ich den Fall nochmals und komme zu dem Schluß, daß heute der einzige Einfall der sei, daß ich keinen habe. Mer dann fällt nur ein, dies schriftlich festzulegen und zu erörtern, sei vielleicht bereits ein würdiger Einfall für einen Feuillotonisten, und so vermerke ich ihn, bevor ich chn vergesse. Ich bill mir aber auch schon sofort bewußt, daß es nicht genügen dürfte, keinen Einfall zu haben, oder vielmehr nur den Einfall, keinen zu haben, um ein richtiggehendes, lluges Feuilleton auszufüllen.' Denn ein solches Feuilleton darf vor allein. nicht mehr als 120 Zeilen, aber auch nicht weniger haben. Das ist ein Gebot aller Redakteure, von dem sie nicht abgehen. (Vielleicht verpflichtet sie ein geheimer Kartell vertrag hierzu.) Außerdem stich die Leser von heute sehr anspruchsvoll, ivollen unterhalten werden und ahnen nicht im mindesten, daß die Ausarbeitung eines kurzen Feuilletons dem Autor die Nachtruhe rauben kann. (So grausam können sie nicht sein.) Sie gleiten mit den Blicken, wenn sie einige übrig haben, über die paar Zeilen hinweg und haben in einigen Sekunden die Speise verschlungen, zu deren: Bereitung Stunden qualvoller Schreibmaschinen arbeit nötig sind. Ich muß also darangehen, obigen Einfall ein wenig breiter auszubauen und ihn zu vertiefen. Ich zähle vor allem die Zeilen, die vor mir auf dem eingespannten Bogen Papier stehen und komm« zu der erschreckend niedrigen Zahl 50. Das ist sehr wenig. Was mm? Ich gehe zum Bücherschrank, ziehe einen .Lexikonband hervor und greift aufs Geratewohl nach: Russisches Reich .bis Syrte. Ich erinnere mich, daß mir das Wort Syrte völlig unbekannt ist. Ich beginne mich zu schämen. Einem Fcuilletonisten darf nichts Menschliches fremd sein. Und vielleicht könnte man gerade darüber etwas schreiben. Ich schlage also die letzte Seite auf und finde hier: Syrte, siehe Molken!! Jetzt bin ich gerade so llug lvi« zuvor. Was ist das für ein Wort: Molken? Es geht mir mit dem Lexikon, wie es dem Leser dieses Feuillotons ergehen dürfte, warn er es gelesen hat. Ich fürchte nämlich schon, es wird nichts als einen Hrntveis auf ein Feuilleton enthalten, das er vergeblich suchen kann. Doch ich will klüger sein und es vermeiden, bei Molken zu finden: siehe Schmunwem, oder ein ähnliches Wort, wovon ich mir als bescheidener Fenilletonift kaum einen Begriff machen kann. Ich greise daher zu einem tauglicheren Buch, dem Handlverk sämtlicher Journalisten, Gymnasiastelr und Liebesbriefschreiber, zunr „Büchmann". Es wäre doch, traurig, sage ich mir, lvenn die „Geflügelten Worte" nicht den Hinweis auf irgendeinen passenden Stoff oder einen ergiebigen Einfall enthalten sollten. Es müßte mir doch unschlver gelingen, aus dem Extrakt der Weisheiten tausender Dichter und Philosophen aller Weltteile urck Zeiten einen einzigen Tropfen aufzusaugen, der mich genügend befruchtet, um ein Feuilleton zu produzieren. Ich schlage daher das Buch auf und mein Auge fällt auf Goethes Worte: „Greift nur hineilt ins volle Menschenleben, und wo ihr's anpackt, da ifts interessant." O wch, ich fühle mich beschäntt, einen Augenblick lang, und dann beleidigt. Mer dann denke ich: Die lustige Person, die diese Worte spricht, ist doch nur eine lustige Person und daher nicht ernst zu nehmen. Sie will mir weism-achen, wie man eine solche Sache zu machen hat? Sie ahnt ja nicht, daß das überlMe Ansichten sind. Jeder junge Gymnasiast weiß heute bereits, daß der Naturalismus als geistige Strömung in der deutschen Dichtung längst dahin ist und Nur in einigen muffigen, längst veralteten Ronranen hernrngeistert. Jeder weiß heute, daß der Naturalismus vielleicht noch Sache des Films, aber beileibe nicht der Literatur ist. Ich schlage daher das Buch wieder entrüstet zu, Kttvatcr Goethe (beinahe hätte ich gesagt: Geßler) möge mir verzeihen, und ich begebe mich auf die Suche nach einem glücklicheren. lEinfall. Vielleicht finde ich chn unter alten Aufzeichnungen. Wirklich sälll wir ein alter, vergilbter Zeitungsausschnitt in die Hand, Beleg eines vor vielen Jahren erschienenen Feuilletons, das, wie ich mir damals eine Stunde lang einbildete, Aufsehen erregt haben dürste. Es heißt: Wienerwald im Frühling. Jetzt habe ich endlich den heißersehnten Einfall. Ich schreibe ein Feuilleton: Wienerwald im Herbst. Oder deutlicher gesagt, ich schreibe dieses Feuilleton nicht, es ist nicht mehr nötig, ich ändere nur das Frühlingsfeuilleton und stutze es ein wenig zurecht. Der Einfall begeistert mich wahrhaftig. Endlich. Ich will an die Arbeit ngchen. Das alte Feuilleton begann: Schon verrät sich das Erwachen des Jahres (im Frühling): Ich schreibe nun: Schon verrät sich das Neigen des Jahres (im Herbst). Hurra,,es geht. Das ist einmal ein Einfall. Und dabei stimmt alles vortrefflich. Es ist ja wahr, daß sich das Neigen des Jahres verrät. Auch der nächste Satz läßt sich umformen. Hurra. Jetzt heißt es arbeiten»!?lber — da stürzt in meine Begeisterung wie ein kalter Wasserstrahl die Erkenntnis, daß bereits die 130 Zeilen erreicht sind, vor die der Schweiß gesetzt ist, und ich muß daher das Feuilleton beenden — bevor ich dazu komme, eines zu schreiben. Und da bemerke ich — zu meinem größten Vergnügen —, daß ich ja nun doch eines geschrieben habe. Ich bin gerettet. Das war einmal ein glücklicher Einfall. Wenn der Herr Redakteur es nur einsehen lckrd. Und der Titel für das Ganze U auch unschwer zu finden. Er stcht an der Spche bfc&ft Zeilen.

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