Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3067 (13.9.1927)
- Date
- 1927-09-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982155--31280-3019582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3007 Wien, Dienstag Wiener Morgsnzettung IS. September 1927 Sette 8 Jumper-Kleider S 35’— > Kinder '" Herren-Pullover S 19*50 I Kinder-Pullover . S 8 50 Prüfen Sie überall - Sie häufen doch im Spezialbaus nir strldcmoden M. Mlrer VI., MaVlahllfenir. SO (neben Floltenkfrvo) | II., Taborsil*. LS (Hotel National) Karlsbad, Alle wiese. M QOEfi Mutige Ereigniffe Ln Litauen. Cin Aögeorvneter erfchoffen. — 100 Verhaftungen. Memel, 12. September. Die Regierung führt ihre Aktion zur Verfolgung der Teilnehmer an dem sogenannten Kommunistenputsch weiter. Bisher wurden 100 Personen verhaftet, die beschuldigt werden, den Putsch organisiert zu haben. Einer der Führer des Putschcs, der frühere sozialistische Sesmdeputiertc M i k u l s f t ist auf seinem Gut e rschaffen worden. Bei ihm .lmrrden 60.000 Lit. von dem aus der Staatskasse geraubten Betrag gefunden. Eine Flaschenpost von Coli «ad Rängest«? Angeblich an der französischen Küste gefunden. London, 11. September. Nach einer Neuter-Meldung aus Halifax hat der französische Generalkonsul in Montreal von dem französischen Außenminister ein Telegramm erhalten, das; in einer Flasche, die in der Bucht von Gironde aufgefunden wurde, eine Mitteilung von Coli und Nungcsser enthalten war, daß sie 20 Meilen von Sable Island entfernt gelan" d e t seien. Nmrgeffcrs Mutter habe die Schrift ihres Sohnes als richtig erkannt. Die Behörden werden gebeten, eine Suche um die Insel, die 20 Meilen von Halifax entfernt liegt, anzustellen. Die Regierungsbehörden von Halifax verhalten sich gegenüber der Glaubwürdigkeit der Nachricht sehr skept i s ch, da es nicht sehr ivahrscheinlich sei, daß eine von den Fliegern in das Meer geworfene Flasche die Küste von Frankreich innerhalb so kurzer Zeit erreicht haben kann. Lrvine gibt den Amerikaflvg ans. London, 11. September. L e v i n e hat seinen Plan, mit der „Miß Columbia" von England nach Amerika zu fliegen, für dieses Jahr a u f g e g e b e n. Er beabsichtigt, im nä ch st en Jahre mit einer stärkeren Maschine den Transozeanflug zu unternehmen. t0taaryjsxs£iagtBimrn nwii i nr—r n rmasmmmmtamtammmatmammmmn i^wumwii ■ihm i i \\m tban Der Hund. Bon Kurt Münzer. Es ist nur ein kleines Begebnis, aber es hat sich mir wie eine böse Hand ums Herz gelegt, hat es zusammengedrückt, seine krummen 'Nägel hineingepreßt, daß' ich die Einbindung hatte: es blute. Und das tut atemraübend weh. . . . Vielleicht werdet ihr lachen — denkt nur daran, wie oft das Publikum vor der Bühne lacht, wenn der tragische Held ivahnsinnig starrt. Das blöde Parterre sieht chn sich krümmen, aber nicht die Ursache; es hört ihn lachen, aber nicht den Schlag des brechenden Herzens, dessen Schrei übertönt werden soll. So vielleicht bei nrir. Nun, lacht mur! Das nimmt der Träne tveder Salz noch Wahrheit. Wir haben schließlich beide recht: dem: es ist Mini Weinen komisch. Und das ist's: Ich zog in ein Hans, das einen Papierladen hatte, was mir lieb war. Ich brauchte ihn oft. Denn da ich mit beschriebenem Papier handle, habe ich großen 'Bedarf. So ging ,•) viel da hinein. Es bediente ein Mann, der Junggeselle war. Hager war er, blaß/ ein dünner fahler BartÄtnrgab' sein wü>- riges Gesicht. Keine Spur Farbe war an ihn:. Er trug stets graue Wrzüge und schwarze Krawatten. Das Uebelste waren seine Augen: Augen des Feiglings. Scheu und frech, verschlagen NNd demütig, furchtsam und listig. Er hätte wir das Kaufen verleidet. Alber ■#- er hatte einen Hund! Ein deutscher Schäferhund tvar es, etwa ein Jahr alt. Ein herrliches, ebte3 Tier. Der Kopf noch weich, ein wenig töricht, die Augen noch unerfahren, lebensfremd; sie hatten noch nicht den schmerzlichen, vorwurfsvollen, sehnsüchtigen Ausdruck, deu alte Hunde haben. In jedem Hundegesicht ist Kummer und 'Grübelei, Hoffnungslosigkeit und lÄusamkeit. Aber dieser schöne junge Hund war noch ein glückliches, ahnungsloses Kind — und hätte doch allen Givund gehabt, an Menschen zu verzweifeln, zu leiden daran, daß er Mleuschendiener Und Herrenknecht war. Denn — Denn sein Herr schlug ihn. Statt mit Worten ider Liebe behandelte er ihn mit der Peitsche. Feder Ruf, jeder Befehl: ein Schlag! Immer lag ihm die Peitsche zur (Hand. Oder er nahm ein Stock, einen "Niemen.'Selbst mit der "Faust schlug dr dem Unglück ichen 'Wesen ins Gesicht, zwischen'die Augen, in die Flanken. Sine zentralstelle für jüdische Wanderfürsorge in Men. Ae Snichtnng r« Beginn der «Schften Fahre« bevorstehend. — Leber Initiative drr Wiener Knltnsgemeinve. Auf Veranlassung der Präsidiums der Wiener Kultusgemeinde fand Sonntag im Sitzungssaals der Seitenstettengasse eine Enquete über die Errichtung einer Zentralstelle für jüdische Wanderfürsorge statt, die mit einem Referat des Geschäftsführers der Hauptstellc für jüdische Wcmderfürsorge und Arbeitsnachweis in Berlin, Herrn S. A dler-Rudel, eingeleitet wurde. Wie bekannt, wird die Gründung einer solchen Zentralstelle leit langem von der zionistischen Fraktion im Wiener KnltuSvorstand betrieben. An der Beratung nahm die Wiener Kultusgemeinde durch ihre Vizepräsidenten Dr. O r n st e i n und Dr. L öw c n h e r z sowie durch den Obmann der Fürsovgekommission Herrn Engel teil. Ferner waren vertreten der Verband der österreichischen Kitltusgemeinden durch seinen Präsidenten Baumeister Winkler (Groß-Cnzersdorf), die Kultusgemeinden Graz, Linz, Innsbruck und Salzburg sowie ein Funktionär der jüdischen Laudesfürsovge in der Tschechoslowakei. Nach dem eingehenden Referat des Berliner Gastes, Herrn Adler-Rudel, wurde über die M„glichkkeiten des Anschlusses an die bereits bestehenden ähnlichen Institutionen Deutschlands, der Tschechoslowakei, Polens, Hollands und Belgiens eine mehrstündige Debatte abgeführt, in deren Verlauf der Vizepräsident der Wiener Knltusgemeinde, Doktor L ö w e n h e r z, namens der Wiener Kultnsgemeinde die Erklärung ab gab, daß diese bereit fei, eine solche Zentrale für Wanderfürsorge zu gründen und an ihre Spitze zu treten. Dr. Löwenherz gab dem Wunsche Ausdruck, daß es gelingen möge, wie dies in Deutschland der Fall ist, Bund und Gemeinden zur Beitragsleistung für diese Zentralstelle heranzuziehen. Der Obmann der Fürsorgekommisfion, Herr Engel, schlug folgende Resolution vor, die von den Teilnehmern der Enquete angenommen wurde. „Die heutige Versammlung empfiehlt die Schaffung einer Organisation der Wanderfürsorge für Oesterreich im Anschluß an die bereits bestehenden ausländischen Organisationen. Die Organisation ist im wesentlichen nach den für Deutschland geltenden Grundsätzen, jedoch unter voller Rücksichtnahme aus die besonderen österreichischen Verhältnisse und mit der Einschränkung durchznführen, daß zunächst nnr die eigentliche Wanderfürsorge im engeren Sinne zu berücksichtigen ist. Es hat als Grundsatz zu gelten, daß die L a sten der Wanderfürsorge nach einem einvernehmlich sestznstellenden Schlüssel auf die Gesamtheit der österreichischen jüdischen Gemeinden aufznteilen sind. Dagegen ist die Wiener Kultusgemeinde zu ersuchen, bas für die Organisation in Wien erforderliche Personal und die Bureaus auf ihre Kosten beizustelleu. Das Präsidium der Wiener Knttusgemeinde wird ersucht, die Vorarbeiten für die Schaffung der Organisation zu übernehmen und derart zu ve« schleunigen, daß die Aktivierung t u n l i ch st m i t B e* ginn des Jahres 1928 erfolgen kann. Vor der endgültigen Festlegung der Organisationsbestimmnngen ist wieder das Einvernehmen mit den in Betracht kommenden Gemeinden und Korporationen zu pflegen." Diese Sonntag gefaßte Resolution wird demnächst dem Plenum des Wiener Kultusvorstandes zur Annahme vorgelegt werden; dann wird unverzüglich an die Schaffung der proponicrten Zentrallstclle für Wanderfürsorge geschritten werden. * Herr S. Ad ler-Rudel hielt gestern im Sitzungssaal der Wiener Kultusgemeinde vor einem zahlreich erschienenen Publikum interessierter Kreise einen bemerkenswerten Vortrag über das Thema „Die Formeln produktiver Fürsorge in Deutschland", auf den wir noch eingehend zurückkommen werden. Ja« Verfahren gegen Bekesty eingestellt. Die Bndapester Staats« novalisHaft hat das Verfahren wegen Erpressung gegen den gewesenen Herausgeber und Chefredakteur der ,-Stunde", Emerich Be kess y, eingestellt. Bekessy, der sich als ungarischer Staatsbürger betrachtet, hat sich freiwillig den ungarischen Behörden gestellt und gegen sich die Einleitung einer Untersuchung deantragt. Die ungarischen Gerichte haben an das Wiener Landesgericht das Ersuchen um Ausfolgung der Prozeßakten gerichtet, die aber mit dem Hinweis darauf verweigert wurde, >daß Bekessy österreichischer Staatsbürger sei und infolgedessen nur vor österreichischen Gerichten abgeurteilt werden könne. Die Buda« pefter Slaatsanwa>Itschas>t hat nun wegen Verweigerung der Akteuausfolgung das Verfahren gegen Bekeffy eimgasteMt. ßrbbebemneldungen. Die Meteorologische Zenbralanstalt in 'Wien verzeichnete in der Rächt vom 11. auf den 18. d. M. vier Erdbeben, die domsebben Herd Weinasien) angehören dürften. Das erste war das stärkste und erreichte auf dom Wiener Bebenstreifen einen maximalen Ausschlag von 175 MM'metev. Für das betroffene Epizei^rälgeVivt ist es daher KwHadsdr-vP-h-a l zu bezeichnen. Nach einer Meldung aus Kvnstxrm.t'lWo^ckL wurde das Baben dort verspürt; es dauerte vier Gekmd«m Schaden wwrde nicht angerichtet. So etiva: ich kanr iit den Laden, etivas zu holen. 2lber vor dein Regal, in dem'das 'P'apier'lag,'(toariter"HmÄ hingestveckt. Und dann sagte der feige rohe Kerl nicht: „Sich auf, inein Freund, mach' Platz!" Sondern er nahm die Peitsche vom Tisch — der Hund scch's, zuckte schon, wollte fliehen —> da hatte er den zischender:, sausenden, pfeifenden Hi^> weg. Ein markerschütternder Schrei — Winseln —>. jammervolles Heulen — sich ducken, kriechen, zittern. — Und dieser Hieb hatte auch mein Herz getroffen. Eme Schwiele zog sich mir über das Herz, es brannte wie ein dumpfer Schnitt. An feinern Hunde fühlte der Etendü sich Herr >und Meister, om ihm entschädigte er sich für sein SichfeiigMleu den Menschen gegenüber. Hier rvar er der Stärkere. So'stellte er jÄn Gleichgewicht her, um sich auf feinen Beinen behalchten zu können. s Und der HmÄ> — o Seele! — Hing dennoch an ihm, folgte ihm, floh nicht, leckte feinst Hände, statt sie zi: zerfleischen. . . . Rätsel der Kreatur, .Geheimnis des Hundebluts. I Bor: meinem "Fenster sah ich : tvenn er den'KmL» auf die Straße ließ, geschaht mit einem Fußtritt. Wenn er ihn zurÄckvief, empfing 'ihm ein Hieb über die 'Schnauze. 'Mle Stundei: hörte ich den Aufschrei der nrißhandelten Kreaturv— durchs ganze Haus hindurch bis hock, hinauf zu mir — nachts weckte mich das Winseln. . . . "vielleicht'träumte ich es nur... Warum konnte dies geschehen? Wv «in Sinn, wo Gerechtigkeit, wv Liebes Air nur ging der Hund urrenrPfiiMch vorbei. Er spürte nicht, daß ich ihn liebte. — Aber, freies nrir ein, wie konnte!er auch? Warum verlangte ich, daß ers in meinem Herzen lesen sollte? Er mußte meine Liebe sehen, «inen SSteföefe, eine Wöbe! Gut, er sollte sie haben! Auch begriff ich nicht, daß' urenwird ittt-Hause'vberln der Mchbarschast gegen den gwusamen Feiglürg emschrvtt. Mer ivarum sollte ein anderer tun, toas ich nicht tat! Gut, üH iverde hie Menschheit vertreten und für das Tier'dve Lanze brechen! Es war ein Sonntag, da ststllt« ich den Mann. M drr Dämnrerung begegnete ich ihn in der stillen Straße. Dßr Hund war zurückgeblieben. Sern Herr rief — und er gehorchte anfs Wort. Ein pfeifender Hieb mit der 'Peitsche emp» ßng ihn. Er ürvch Wstmynen, schrie! gellend ml »Ätzt« fM auf dem Rücken, erwartete so sein nnverdrentes Schicksal, tief winselnd, dazwischen aufheulerrd. —Dstß die! Stemtz imcht aus ihren "Fugerr"sprangen uns öeu DirWer ze^chlugen! 'Daß die Ziegel nicht vom Dache stürzten nnd nn 'Gehirn Mquetfchten, das so grausame Daten eutliestl >Da spielte ich Gerechtigkeit! Ich Mrzt'e! Mß twn Wann zu, entriß ihm die Peitsche —> nrerir Mut WerftrMe'nAh wie eine heiße Welle von außen, uKrn Herz 'brannte —'»ch schwang 'däe Geißel, das Folteriverk, und schrick: „Jetzt bekommst du die Peitsche, verfluchter Mensch!" Seme Augen waren tödlicher Haß, sein ^Gesicht wurde grün, er duckte Mi wie fein! Huck»' — bsts sah ich noch, idie Miksche gegen ihn erhoben. — >Da geschah das Furchtbare; der Hund sprang! auf, ein Mgenblrck, Augenftmkeln, em Wrfbellen, eür Krünmten! des Mckens, dann sprang er mich M. Die Datzen auf meinen Wnlteru, Mug er fedr jrmges starkes Gebiß ür meine Drusr. 'Ah ließ die Witsche fallen, wankte, stel gegen eme IMarrer, schrie auf und sah: das Gesicht rneüres Feindes färbte M rot vor Erttzücken, er hob die Urme wie ein Tänzer und er lachte — d aß man so lachen staun! Lacher:, des Merrschen höchster Vorzug —■ ein Höherer als der Her Sprache, 'die so viel Unglück scheust! ^—. Dieses Lachen war 'tiefste' MenschengemeinhcÄ, denn Ä war Hohn des Menschen auf de» WLerchheN, Triumph des Bösen über dörr Wnierr, SW des Haftes Mer'diie LüBe. — , Der Hund yrett muH, er verteidrgtst^seüvtzp Herrrr.,. iz. Gr W mich, 'der .ihn retten: wollte —— lMt höchster Kraft stieß ich ihn fort. Sern Herr rief: „Da haben 'We^K! Mas geht's Mean, was 'ich mit meisten: Hn'rrd wachst? Aber W tveÄe"Siq anzmgeu. 'Bk Wen mich überfallen. Wh tM's Ahnei: eiirtränken. "Warten 'Sie nurt" Damit lief er. Er hatte schon wieder Angst. Er lM die Witsche aus, rief deilHuiG, zog^hm sausendems Ader — uSd der Hund lief chm bei Fuß, leckte chm idre^Harld — rch.scch^. Mein Rock war zerrissen, 'mein Hemd war zerrissen, meü: war zerrissen^ Md meine Wunde blutete —^Mne MurLe hat Mich je tiefer und brennender geschmerzt. . » O,.Hnnd, dt: Treue! Fluch, Adel ünd Schinach der Kree»» Drü 52