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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-11 · Heft 3065 (11.9.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3065 (11.9.1927)
Date
1927-09-11
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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€dte 10 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitnng 11. GepkemVer 1E7 M. -MN DER flMERIKÄMUDE (Eine Diebsgeschichle) Von J. Tiger \i Man schämte sich seiner, die Eltern, die Geschwister, ja sogar die entferntesten Verwandten verleugnten ihni wie einien Renegaten oder Aussätzigeu. Er war der Schandfleck der Familie; wollte man frei anfatmen ur«d je eine Hoffnung haben, die zahlreichen erwachsenen m«d heran.-- wachsenden Mädchen mticr die Haube 31t bringen, so inußtc man seiner, ans welche Art ailch immer, los irwrden. Chaskele Hop, das mißratene Kind seiner Eltern, tmchte, was ihm von seiner Sippschaft drohte und war beständig aus der Hut. Von anderer Seite drohte chm ja keine Gefahr, im .Gegenteil, der stets lustige Bursche war überall wohlgelitten, und «venn hier und da von Küche und Keller oder vom Laden ettoas abhanden kam, nachdem Chaskcl kurz vorher dort geweilt hatte — drückte man cm Auge zü: der zugeftigte Schadeil «var ja nie nennenswert und Ehaskel hatte den Diebstahl mit solch glänzender Geschicklichkeit verübt, daß mar« ihnr die Kleinigkeit von«! Herzen gönnte. Marr war gegen ihn überaus tolerant, doch er nützte dies nicht aus, sckndern stahl irur, so Viel er augenblicklich brauchte. Durch das Beispiel älterer „Marwicher" angeeifert, versuchte er sich manchmal auch an größeren Experimenten; auch diese gelangen ihm, aber er gab den Gegenstand ohne viel Federlesens heraus, sobald der Bestohlene ihn darum anging. Solange er klein und jung toar, war Ehaskel Amateur; er kannte seine Fähigkeiten und das befriedigte seinen Ehrgeiz. Seine Eltern hoffteir noch, sein Sinn werde sich ändern und er werde schließlich doch noch das Schneiderhandwerk erlernen und guf ehrsame Weise sein Brot verdienen. Aber, achs die Hoffn'nng war trügerisch.. - Tenn als Ehaskel älter lind starker wurde, schwand sein zahmes Benehmen und es zeigte sich seine wahre Natur. Als kleiner, jMger Dieb war er gleichsam als lustiges Spielzeug betrachtet wvrden, erwachsen wurde er gefährlich. Denn KuN stahl .er nicht bloß einige Spillen Zwirn oder eine Handvoll Kürbiskörner, sondern verübte große Einbrüche, hätte seine Hehler und ließ.sich nie erwischen. ZUdem wurde er noch dreist und derb; je mehr er verfolgt Und verachtet wurde, desto entschlossener nahm er den Kampf mit dem Städtchen .auf — und er blieb Sieger! Denn was konnte man gegen ihn äusrichteu? Ten einzigen Polizisten des Städtchens, der einen doppelten LeistenbrUch hatte, prügelte er einmal, als jener ihm 'ins Handwerk pfuschen wallte, so gründlich durch, daß er wie ein Hund zu winseln begann, sobald er.Ehaskel erblickte. Den nächsten Gendarmerieposten zu Hisse zu rufen, war zu umständlich, überdies fürchtete man-Chaskels Rache; die kleinen, hölzernen Häuschen waren unversichert, und Chaske! rauchte sogar am Samstag!... Man ließ ihn .also gewähren und verwünschte ihn täglich ünd stündlich. Soweit ging es noch; als Ehaskel jedoch an die Zwanzig kam, erwachten -in ihm noch andere wilde Triebe und er wurde ein Missetäter, den Man mit Stumps und 'Stiel «äusrotten mußte, wollte man, .daß die Frauen und Mädchen von seinen rohen Anrempelnngen unbehelligt blieben. Darüber war man sich ba,ld einig und es waren auch eht'ige Söldlinge bei der Hand, die es schon lange ans Ehaskel scharf hatten und in dunkler Nacht mit ihm Abrechnung halten wollten. Sie verdienten sich ihr -Geld mit blutigem Schweiß; denn alle drei, ebenfalls zweifelhafte Existenzen, unterlagen im ungleichen Karnpfc, als sie sich mit Chaske! eiuließen. Der eine, Wolf der Pferdedieb, begann kurze Zeit darauf Blut zu spucken und überlebte den Sommer nicht mehr. Er 'hinterließ eine Frau mit zwei Kindern, und oft sah man Ehaskel mit einem vollen Sack auf dem Rücken in ihrer Wohnung verschwinden; er tat es am hettichten Tage und fürchtete niemand! D^e anderen zwei ließen sich in seiner Nähe nicht mehr blicken und er beachtete sie nicht weiter. Aehnliche Ueberfälle auf Ehaskel in dunkler Nacht mißlanger« ebenfalls, und man gab es auf, ihm auf diese Weise beizukommen; nun versuchte man es im guten. - Samstag, als Ehaskel mit dem kleinen zersetzten Siddur in der Hand, auf seinem Platze ganz sn.der Nähe'des Ausganges stand und die Segenssprüche des Vorbeters mit einem lauten „Amen" begleitete, trat auf ihn der Schames zu und zeigte auf die „Misrach"-Wand; der Rabbiner Reb Nuchem Ire habe Ehaskel zu sich befohlen. Ehaskel folgte, ohne -zu zanderu. Hier versagte seine Kraft vollends, als sich .um beti Rabbiner noch einige angesehene Juden der Gemeinde gruppierten und mit vereinten Kräften auf ihn einredeten. Ehaskel stand da nrit seinen starken, breiten Schultern, zerknüllte fein kleines 'Gebetbuch und sprach kein Work. Hier konnte er sich nicht zur Wehr setzen, obwohl es in ihn: gewaltig kochte und er nicht übel Lust verspürte, mach rechts und links Maulschellen ausMcklen.. * Jedoch er schdrg uicht um .sich, im > Tempel war er ein Gefangener, ohne «eigenen Willen, ünd mnrds mürbe; so legte er seine Rechte, in die pes Rabl'nnrs .und tuurde endlich entlassen. Ohne das Gebet hu beenden, perließ er fluchtartig das 'Bethaus. ' k „Das kann schön werden, wenn ich sv writer^achgche"" — dachte er 'bei sich km "stillen; aber er schaitke keine Frau und keine Mädchen an, als trüge er Scheuklappen. Arrd es wurde tatsächlich „schöner""; denrr die jährliche Assentier.imgszeit -nahte 'heran, die in Betracht kämmenden jungen Lewe „plagten"" sich traditionsgemäß den ganzen Witter hindurch und die Pater hielten oci« letzten Gülden bereit, um die Söhne!««ötigenfalls von der Kommission loszukaufen. Manche, die keine vermögenden Eltern hasten, aber sonst ohne Fehl waren, stachen sich ins Ohr, verstümmelten der« rechten Zeigefinger, andeve wiederum hptteir — noch so jung! — bereits über L«istenbrüche zu klagen... Nur für Ehaskel gab cs keine Hoffnung; er sollte der Lückenbüßer, der Sündenbock für alle fein. Obwohl er — und das wußte ein jeder — russischer Untertan i»»v und keiner seiner Brüder zur Assentierung ging, rvar mit! '- «viltiger Zustimmung seines eigenen Vaters beschlösse«'. worden, ihn an die Soldaten zu übergeben, koste es, was cs wolle! Man kalkulierte, und mit vollem Recht, daß dieses „Geschäft"" sich beim betreffenden Militärarzt billiger stellen würde als ein Loskauf. Nun gab es für Ehaskel kein Entrinnen mehr, und das Städtchen jubelte in« Vorgefühls der nahen Befreiung. Mer Ehaskel hatte einen Hellen Kopf mb offene Augen; er roch Lunte'und faßte seinen Entschluß. Er liebte das Städtchen sehr; nichts, kein Versprechen, keine Verlockungen konrrten ihn je von chier wegbringen; er wurzelte in diesem kleinen Nest, obwohl er so viele Feinde darin hatte! Jetzt aber beschloß er zu fliehen. Kurz bevor er diesen, seinen Plan aussührte, „passierte"" etwas mit der einzigen Tochter Reb Rachmiels, des gefährlichsten Feindes unseres Ehaskel. Man sprach darüber sehr viel im Städtchen, Mütter ließen ihre Töchter nicht aus dem Hause, überall tuschelte mau, sogar.die Kinder im „Cheder" wußten einander et«vas zu erzählen, .— wir aber wollen uns darüber nicht rveiter auslassen. „Wie ein Stein ins Wasser gefallen!"" sagten die Leute und verwünschten ihn. Ehaskel machte inzwischen eine «reite Reise, er führ nämlich bis nach Amerika. Von dort schrieb er zwar keine Briefe, aber in gewissen Zeitabstände«« konnten seine Eltern mit großer Bestimmtheit auf eine Geldsendung rechnen. Diese, die Geldsendungen. nämlich, kamen so regelnräßig und pünktlich, tvie der alte Row mit seinen Schames i«( die Schule kam, «und man «rar darob nicht «venig erstaunt. Allmählich fanden die Eltern für ihren mißratenen Sohn auch ein gutes Wort, die nahen Verwandten,'die eine Geldsendung sehnsüchtig erhofften, schlosse«« sich dieser Meinung bereitwillig an und auch die übrigen Einwohner blieben nicht zurück. Ein Sohn, der seinen Eltern aus Amerika Geld schickt!... Aber niemarcd wollte wissen, woher er es nahm. Wen ging das auch etwas an? Nur Reb Zorn und schwieg—? m, So ging es Mehrere Jahre: Bon' Amerika >kam'' Gelb und überall hörte Man bas Lob des chvaven Ehaskel. Der aber tauchte plötzlich, ohne vorher zu fchreiben, .im Städtchen auf. Chaskele Hop ist da, der stadtbekarmte^GaneW! Wavüm hat er das goldspendende Ainerik« verlassen.? Niemand wußte es; am meisten zerbrachen sich seine Eltern jdarüber feen Kopf, beult nun hatten sie kein Geld,mtzhr zu erwarten; aber — der „Kadisch"", der Ganew, wird j«viederüm sein wahres Gesicht zeigen! > Ehaskel jedoch hatte nicht km entferntesten die Absicht, seine einstige Lebenstveise fortzusetzen. Die zahlreichen goldener« Zähne, in seinem Mmrde ließen ahnen, Paß er in sich gegangen «var und seine unschöne Vergangenheit,nicht nrehr Heraufbeschwörei« rvürde. Diese Annahme schier« sich bestätigen zu «vollen; denn er ««inkreiste oft.das Haus des Reb Rachmiel und fand eine günstige Gelegenheit, ^mit dessen Tochter — aus gewissen Gründen hatte sie.keinen Mann bekommen — z«« sprechen. Reb Rachmiel schwor, daß Chaskele-Gane«v nie sein Schwiegersohn werden wiirde, aber.das «var bloß Angenauswischerei, im Herzen «var er froh über diesen Ausgang. Tenn tvas sollte eine ledige Tochter nrit einen« Kinde in« ehrbaren Hause des Reb Nachunel?. „w, Es dauerte nicht lairge und Chaskcl trug'ein „Strajmel"" und einen breiten Tallis, wie alle Juden, ließ sich auch' Bart und Schläfenlocken «vachsei« urrd nur die.Goldzähne — die einzigen, bk es im ganzen Städtchen gab — ließen den „Amerikaner" erkennen. Er aber schimpft« über Amerika, «vährend er Heringe in seinem kleinen Laden verkaufte, fluchte, was das Zeug hielt. Wie schlecht muß doch dieses Amerika sein — dachten die Leute —, wenn sogar Ehaskel es verflucht! Es fuhr daher bloß das gemeine Volk nach Amerika, die anderen blickten mit Bedauern und Verachtung auf die Auswanderer ««nd blieben daheim, ans der Scholle, der Väter. Und so vergingen die Jahre. Ehaskel wurde tzin angesehener Mann, fein Wohlstand vergrößerte sich und er führte überall das große Wort, in „seiner.Schul'"" würde er sogar zum Gabbe gewählt. Mai« «nmrkelte wohl verschiedenes über ihn, aber niemand« war in einer Not hilfsbereiter als Ehaskel;'gar «venu es sich ün« eine«« Di«b-' stahl handelte, da brauchte man sich bloß vertrauensvoll an ihn «venden und die Angelegenheit «var i«r kürzester Zeit a««fgeklärt. In Chaskels Abwesenheit konnte man sich auch an seine Frau, die Tochter von Reb .Rachnnel, «venden, sie wußte in alle«« Geschäften ihres Mannes Bescheid und war liebenswürdig und entgegenkommend. Jedoch ihr Mann wurde bevorzugt, denn er war billiger, ließ nrit sich rebelt,; und eine Träne verfehlte auf ihn nie ihre Wirkung..^ So oft er aber über Amerikas sprach, schimpfte Chaskele Hop, daß feine Zornadern anschwöllen, und niemand wußte «varum. Viel später erst wurde das Geheimnis,— es «var auch für feine eigene Frau ein Geheimnis >— gelüftet. Man sprach verschiede>«es herum, aber w.ir wollen uns darüber Nlcht ««weiter mrslassei«.. 3 AAA UNIVERSITÄTSPROFESSOR EUGEN LERCH SCHREIBT IN DER „KÖLNISCHEN ZEITUNG“ ÜBER ROMAN ROLLAND MUTTER UND SOHN „Mit reifer Meisterschaft hat der Dichter in, Annette eine Frauengestalt geschaffen, die zu den schönsten gehört in der ganzen Weltliteratur, voll Reinheit und Größe, Gute und Mütterlichkeit . . IN HALBLEINEN GEBUNDEN S 1-3*50 IN GANZLEINEN GEBUNDEN S 1530 BUCHHANDLUNG R. LOWIT WIEN R O ENTURMS TRASSE NR 2*2 vvv

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