Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3065 (11.9.1927)
- Date
- 1927-09-11
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. ZÜS6 Mm- Gomlts§ W1e«er Msr-e«zsttrt«s 1-1. September 1987 Seite. 9 X 0^8 kvcn DER LITERATURBEILAGE DER .'WIENER MORGENZEITUNG' Amte« Sortiment. Systeme find notwendig, gut und nützlich; aber der große ReLz liegt jenseits der Regeln. Es ist eine Art sittlicher Befriedigung, seine Lektüre durch innerlichen Zusammenhang zu festigen. Aber ein Rausch des Lesens entsteht erst in der Wahllofigkeit. Auf Reiesn durch die Phantastischen Zusammenstellungen des Bcchnhof-Bücherwägens, zu Haus durch den Postboten, der die Drucksachen in entzückender Ahnungslosigkeit bringt, durch das Wohlstollen der Freundinnen, die uns ihre Lieblinge leihen. Und so steht nun eine. Woche des Zufalls aus: I o h n D o s P a f s o s: „Drei Soldaten" (Malik- Berlag, Berlin). Eines unserer besten und schönsten Kriegsbücher. Denn es ist nicht nur dieser Krieg darin, sondern auch der einzelne Mensch, das hochherrlichc ^rdividuum in so heißer Gestalt, wie nur ein Dichter sie hinstellen kann. Ein Büch voll wilder Spannungen und poetischer Bezauberungen. Zuletzt: der Krieg ist kaum so furchtbar wie der Mensch; der Schmerz der Schlacht kaum soschauerlich, wie der Abgrund einer Seele. Ein Buch zum lieben! ~ A. M. F re y: „Biel Lärm um Liebe" (Drei-Masken- Verlag, München). Dieser übermütige Schriftsteller hat hinreißendere Bücher geschrieben, witzigere und tiefsinnigere. Aber auch diese Geschichte um eine gestohlene Krone hat Ironie, Tempo, Lustigkeit und Verwicklungen genug, um zu ergötzen.' A r n o l d- Ben net t: „Leben, Liebe und gesunder Menschenverstand" (Grethlein, Leipzig). Ein neuer Band in der. Folge der Lebenskunstbände..des amüsanten, ebenso wie Lugen Verfassers. Ich glaube nicht an die Lehrbarkeit von. Liebe, Daseins.freude und Vernunft. Mcr wer sich aus eine solche imarginäre Schulbank des süßen Lebens setzt, wird in Bonnett einen reizenden, milden, weisen Lehrer finden. Sogar über Ehe und Kinder weiß er euch Regeln zu geben. So wenig „Schulmeister", daß er verkündet: weise leben, heißt voll leben!... Verlaine. Deutsch von Martin Hahn. (Würfcl- Pertag, Berlin.) Hier .hat ein Mann — einmal Advokat in Berlin, seit Jahren tot. — unendliches. Schönheits-- gefühh inbrünstige Sprachkunst, -tiefste Versenkung in eine Dichtertvelt aüfgeboten, um vollendete /Nachdichtungen unsterblicher Gesämze zu geben. Vielleicht sind es Gedichte von Martin Hahn, aber aus dem Geiste Vcrl'aines. Wer die-Originale kennt, wird sie doppelt genießen. Es ist wirklich „deutscher Verlaine", •' <. Gert Buchhoi t: ' „Der Totentanz" (Wolkenwanöerer-Verlag, Leipzig), Kunsthistorisch ein vorbildliches Buch, indem sein Thema schöpferisch entwickelt.ist, aus dem Urgrund des Mythus durch seine zeitlichen Vevwandlungen zu seiner tiefsten! Idee. Nicht nur das bildnerische, auch das. literarische. Material hat der so fleißige wie künstlerisch einsichtige Verfasser ganz zu eigen, und so gelingt 'ihm,'im Verlauf der Kunst ein entwicklüngsgeschichtliches Gesetz zu finden, das sich in der H'olbeinschen Synthese verklärt. Kurt Singer: „Platon" (C. H. Beck, Münchens, Platon erlebt seine Renaissance. Das Singersche Buch gibt dem Schatten eine Seele. Lebendiger Ge-ist steigt leuchtend aus ihm — wie fremd ist er uns!. Me not täte er uns! Gestalt und Werk: beides steht strahlend da. Und wenn auch das staatenbildende Prinzip der Platonschcn Leistung betont und .ausgebaut wird, seine Idee des Staats plastisch am stärksten herausgearbeitet wird, so erschließt sich doch seine Gesamt'philosophie ebenso dem ernsten Leser. Denn -den Ernst, aus dem es entstanden ist, verlangt auch das Buch von' seinem Leser. Verschollene Zeiten?... Leider. Aber, in.sie hinabzutauchen, ist wie ein Läuterungs- und Gesundungsbad. Unter den philosophisch, Worisch, philologisch ausgezeichneten Büchern des vorzüglichen Berlages ist das Singersche eines der geistesfchönsten und -reinsten,' Es i st platonisch!... Ro y H o t u i m a nt. ,Arael Rank" (H. Paetel, Finkenkrüg-Berlin). Ein achtfacher Meuchelmörder schreibt seine Lebensgeschichte — die man nur mit viel gutem Willen ernst nehmen kann. Die Kaltblütigkeit des Werkes Mt nicht warm werden, und sie macht auch nicht schauern. Womit das Ziel.verfehlt scheint. Der Held, der Mörder, ist ein Jude — und wahrscheinlich ist es dys, , was der Geschichte die Glaubwürdigkeit nimmt. War die Absicht eine judenseindliche? Nun, Hormman läßt den Juden getauft sein: was also auch diese etwaige Absicht vereitelt. Uebrig bleibt ein ganz bescheidenes Se'nfatiönchen... Rolf Schott: „Reise in Italien" (Sihyllen-Vcrlag, Dresden). Ein Buch, nicht mehr neu, immer wieder neu, weil es Dichters Werk ist. Das Herz schwingt auf, wenn cs mit Schott auf die selige Reise geht — vom Gardasee bis Sizilien. Dazu zeichnet er mit dem Rötelstift Ansichten ebenso zart, sein, schwebend, scelenvoll wie mfl -den Worten das. Land und sein Geheimnis. Ein Liebender schreibt; das heißt in diesem Fall: ein Dichter wird nochmals Dichter. Er weiß viel, und er ist weise: tvas wollt ihr mehr? Wer unten war, wer unten sein wird und wer es niemals schauen soll: für alle ein Buch. Wer sein Herz nicht kennt, wird es in ihm entdecken. Ein Land, gedeutet in einem Menschen. Zwiefacher Gewinn aus einem Buch. Schließlich: ob in diesem Italien Rolf Schott selbst nicht das Schönste ist?... Kurt Münzer. von Büchern; Dichtern UND VERLEGERN. Jesu£ J&iouda.! Gespräch mit einem jüdischen D'.h.er. Freunde stellen mich ihm vor. In den Gängen des Kongreßgebäüde ist mir seine Gestalt, der schöne Kops mit : klugen Augen, schon einige Male ausgefallen. I m ersten Augenblick verbinde ich mit ö,ent Namen keinen Begriff. Dann erinnere ich mich daran, von chm zwei Bücher gelesen zu haben: „Fantil le P erlm'utber" und „La tcrre pro mi se". Bald sind wir im Gespräch. Er erzählt, daß er aus Rußland stammt, aus einem kleinen Städtchen bei Kiew. In der französischen Schweiz hat er seine E^ichunL ge- - nassen und den größten Teil seines Lebens verbracht. Sein erstes Buch, „Le royanme de justice" ist 1924 erschienen. Es; ist der Roman eines jü di schm Ritters aus dem Mittelalter, jfifiir aSie Jiidi&ctke 3t£i&€fkc HERAUSGEGEBEN VOM „JÜDISCHEN FRAUENBUND“ ca. 300 Seiten Text mit ausgeprobten, guten Rezepten, eleg. geb. . S 7*20 die Beschreibung des Studentenlebens im alten Gens. Gleich das erste Werk dxs jungen Schriftstellers hatte Erfolg. Ihm folgt ein Zweites, in dein er in mystischer Theofophie die Grundlinien des zukünftigen und vergangenen Werkes fesilegt, zu beweisen, daß das Judentum einen Zug von starkem Mystizismus in sich trage und daß der Inhalt seines Wesens weit entfernt , sei von jenem Realismus, den man ihm unterlege: L'education d-^un inconscient. In den Jahren 1921 und 1924 hat Jchouda Palästina bereist. Er ist in. den Kolonien ' gewesen und in den Städten und hat seine Eindrücke in einem Bliche, „La tcrre promise" niedergelegt, das einen großen Erfolg verzeichnen durste. (£3 brachte ihm die Freundschaft Romain R o l l a n d s, der darüber sagt: „Es ist ein offenherziges, starkes, männliches und heiliges Puch. Ich erkenne in Jeyouda einen der bewußtesten Menschen seiner Rasse, wenn auch der Weg des Buches nicht mein Weg ist. Denn ich ehre die flammende Begeisterung des jüdischen Volkes, das zu seiner Quelle zurückzukvhren den Willen hat. Für mein Volk aber wünsche ich, daß es sich in den Ozean der Völker ergieße." . Er erzählt mir dann die Geschichte seines Bekanntwerdens mit Panait Jstrati, dem Nichtjuden und heute berühmten rumänischen Schriftsteller, der sich von ihm entdeckt. glaubt, und dessen ZusaMmlenavbeit mit Jehoudä sein zuletzt veröffentlichtes Werk, „Familie Perlmutter" entsprungen ist, dass ie zusammen in Genf in sechs Wochen niedergZchrieben haben. Jehiouda sieht in Jstrati eine der stärksten schriftstsellerifchen Begabungen der letzten Jcchre. Dann spricht er über die Stellung 'des jüdischen. Dichters, die Bedeutung. der hebräischen Literatur in Fwnkreich. Der «wirkliche Jude, dessen Judentum nicht eines der Mode, auch keines der Godänke-ülosigkeiit sei, der auch nicht - gleichzeitig Franzose sein könne, fühle sich einsam in einem Meer von fremden Menschen. Der Kampf gegen die Assimilation, die in Frankreich und besonders in Paris täglich in tausend Formen sich an einem hcrandränge, 'der Kampf gegen den Strom der äußerlichen Moderne, das Bewahren seines Wesens sei schwer und gebe doch tiefe Kraft, wenn es einern gelänge, man selbst zu bleiben. In 'der Atevat-u-r Frankreichs Me es viele Inder», die ein modernes Leben sein von jüdischer WirttiöMt .sühröttl, auch solche, die gelegentlich über jüdische Fragen schreiben, aber doch schon assimiliert sind. Uobcr die hebräische Litemtur wisse man in Frankreich wenig. Wohl kenne man -ihr Bestehen in unklaren Vorstellungen, wohl glaube man, mit ihren Tendenzen vertraut zu sein, aber in Wirklichkeit wisse inan nichts von den Menschen und nichts von den Büchern dieser Welt, und in den Kreisen der jüdischen Schriftsteller am >oenigsten. Ich frage ihn dann noch über seine Pläne. Durch die Veröden llichnng der „Famille Perlmutter" hat er in die Welt der großen französischen Literatur Eingang gefunide-n und von einigen großen Verlagshäusern Anträge bekommen. Der erste Band eines neuen, dreiteiligen Werkes „De pere en fi-ls" soll im Oktober erscheinen. Er -schildert darin di-e Geschicke jüdischer Menschen auf dom Wege in ihre endgültige Heimat, ihre Wanderungen durch Rußland, Frankreich und die Schtveiz nach Palästina. „Mirjam", lder zweite Band, wird zum Ende dieses Jahres erscheinen, und im dritten Teil, .den er ,L'emgme d'Jsrael" nennt, -beabsichtigt er die Nie-derlegung einer sozialphilosophischen Studie über die Geisteswelt Martin Bubers und Achad Haams. » # „Dann," schließt er, „memt diese Älrbeiteu beendet sirrd, will ich nach Palästina gehen und dort loben und schassen/' Karl Bau m (Basel). „Tie Eroberung von Peru." Mir ist lein LLerk bekannt, das tu seiner künftlÄchchM Reife und im wesentlichsten Resultat, der Aufdeckung einer märchenhaft anmutcnden fremden Kultur, mit William H. PreSe vttS „Die Eroberung von Peru" (deutsch in der Verlagsanstalt Doktor Zahn und Dr. Diamo-t, Wien) sich messen könnte^ Der naive Leser mag sich in seiner, Phantasie angeregt fühlen und von der Anschrülichkeit der Darstellung bezwungen fein. Skeptiker, das sind Literaten und Wisseirschaftler,, werden in diesem gewaltige« Epos die Dichtung eines reisen Mannes sehen, der den Stoff meisterhaft beherrscht und bei allem Verständnis für' Rommrtechnik die Wirklichkeit a ns sich selbst heraus erstehen laßt. ■' Ein großes Drama hat seinen großen Dramatiker gesnnden.- Francisco Pizarro zieht p-us, um das sagenhafte Goldland firb* lich von Panama zu finden und zu erobern. Nach mehreren gescheiterten Versuchen dringt der kalte, unerschrockene, tyrannische iKastiliancr durch nLrd trifft mit dem Beherrscher dieses mächtig^»' Dorados zusammen. Wie er nun mit seinen Abenteurern Krieg führt, den König gefangen nimmt und ihn, den sanftmütigen Inka, nach fürchterlichen Metzeleien hinrichten laß", dazu die Schilderung fremder Menschen, Sitten' und Landschaften, des verzweifelten Aufstandes der Peruaner, dgr schmachvollen Hinrichtung seines alten Waffenbruders Almagro und schließlich der düsteren Ernlordung des blutbefleckten Pizarro selbst, dies alles ist hineütgestellt in die Lust der Tropen, umwoben v.mr Zauber .einer phantastischen Kultur, spannend erzählt- biszum tragischen Schluß. Ein Heldcngcsang ohne gleichen rollt vor den Augen des Euvi> päers ab. Der Verlag kündigt „Die Eroberung von Mexiko" desselben Verfassers an, der -allerdings dieses Werk („Eon qücst os Mexieo") vor der „Eroberung von Peni" geschrieben hit. Jedenfalls erfahren wir durch Prescott zum erstenmal Authentisches über ein Stück-der irrtcressantesten iKulturgeschich^. - o. r. E«n Rvuran «des Gcnrrais Schyenaich. Ter bekannte Pazifist General von Schoenaich, dessen Verössentlichüngen über seine Studienreise in Palästina Aufsehen gemacht haben, läßt in kürzester Zeit im Hambuw'er Fackelrefl'ter-Perbag seinen R o ma in erscheinen. Das Buch führt den Titel „Die Peitsche des August Sch «Mi dt". Der Untertitel laupet: „Zwischen Ford und Lenin, eine leider nur zum' TcLl wahre Geschichte von Paul von Schoenaich". Dieser Roiman ist eine Frucht von Studienreisen, die den Verfasser kurz vor dein Kriege nach An,!erika und im Jahre 1925 nach Rußland geführt haben. > Ein Drama über den Mord in Millstatt. Ter Tod und die Bühnenautoren rmten schnell. Noch ist der Leichnam der unglücklichen Budapester Schauspielerin Annh For» gacs, die von ihrem Gatten Dr. Erdelyi ermordet würde, nicht zur Ruhe gekommen, da hat schon ein fixer „Dramatiker", natürlich aus Budapest, ein Theaterstück serttggestellt, das die Tragödie in -Millstatt behandelt. Wii raffiniertem Geschmack hat er es dem Budapester Innerstädtischen Theaater cingereicht, also der Bühne, an der dilf ermordete Annh Forgacs gewirkt hat. Und man ftmr wetten, — das Stück wird aufgeführt werden. BVCHEREiNOAvE. Jack London: Die Äser ne Ferse. Universitas, Dsuöfthe Vevlags-A.-G., Berlin. „Ethos", Zvsrmonatsjchri-ft für Soziologie, Geschichte «ck Kulturphilosophie. (Heft 3, 2. Jahrgang.) Verlag <8. Braun, Karlsruhe. - I. ZingareÜi: Der. Groß-Balba-n. Amalthea-Bettag, Hie«. E Wir machen aufmerksam, daß die altrenommierte M««r mann A.-G., München. Hans Kohn und Robert Weltsch: Zionistische Mi-tik. Betzlag Dr. R. Färber, MÄhrW-Ostrau. . , >