Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3065 (11.9.1927)
- Date
- 1927-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 4 Wien, Sonntag Wiener Mvrgenzeitnng 11. September 1927 Nr. 36S8 I., Tuchlaiiben 8 Mtoihhi««1 S. WILLHEIM I-, Bauernmapht Za Sivlomaten. Von Bemard Shaw. Der dsuchhamerttaniische Journalist Georg Silvester Viereck veranschaulicht eine Unterredung mit G. B. Shaw, in welcher sich dieser, anknüpfend an die englische Hausdurchsuchung bei der kowjetrussAchen Handelsn-ieSer^affung in London, über den Bolschewismus äußert: Der brutale und stümperhafte Angriff auf die diplomatische Immunität der Sowjetregierung wurde in einer Weise durchgeführt, die für unsere Regierung und den minderwertigen Typus von Leuten, die durch unsere letzte Wahl aus Furcht vor dem Bolschewismus zur Macht gelangten, bezeichnend ist. Wenn wir in die anderen Gesandtschaften fremden Mächte in London einLrächen, würden wir viel mehr kompromittierende Schriften finden, als die paar Papiere in den Archiven der Sowjets. Die Intrigen der armen, kleinen, unschuldigen Bolschcwistenlämmler sind Kinderspiel im Vergleich zu den verhängnisvollen Machinationen anderer Großmächte. Jeder Gesandte ist ein erhöhter Spion; jeder Diplomat intrigiert gelegentlich gegen das Land, bei dem er akkreditiert ist. Ich schaudere, wenn ich daran denke, was geschehen würde, wenn jemand in der britischen Gesandtschaft in Paris, in Washington oder wideren Hauptstädten eine Razzia auffliegcn ließe! Wenn die Solvjets sich noch so sehr bemühen, sie verstehen noch lange nichts von^den Tücken der Diplomatie. Im gewissen Sinne ist aber die Behandlung der Sowjets ein Mt poetischer Gerechtigkeit. Sie sind für die britische Regierung, die ihre Emissäre herausgeworfen hat, verantwortlich. Die plumpen Fehler der Sowjets und besonders der Dritten Internationale riefen die Panik hervor, die unsere letzten Wahlen beherrschte. In einer solchen Panik werden Leute in das Parlcuncnt gewählt, die . unter normalen Umständen nie hineinkämen. Der allgemeine Durchschnitt parlamentarischer Fähigkeiten sinkt auf . ein tieferes Niveau. Der Grad der Intelligenz fällt auf den Nullpunkt. Die Taktik der gegenwärtigen englischen Regierung ist nur im Lichte dieser unbestreitbaren Tatsache zu verstehen. Unser Auftreten in Aegypten ist ein Beispiel für die Zustände. Wir haben wahrhaftig gedroht, die Wasserversor- . gung ganz Aegyptens abzuschneiden, wenn die Aegypter sich nicht unseren Bedingungen fügten. Das war selbst' für uns zu stark; wir zogen alles zurück. Aber die teuflische Bosheit der Drohung wirft ein grelles Licht auf die Geistesschwäche und Brutalttät der Männer, die uns regieren. Sie haben in China gepfuscht und in Aegypten gepfuscht und endlich in ihrem Krieg gegen die Sowjets gepfuscht. Um die Sowjets zu verstehen, muh man sich klar machen, daß der Bolschewismus' eine Religion ist. Statt des Wortes „katholisch", was „allumfassend" bedeutet, setzen die Sowjets das Wort „international". Für das Wort „Gott" fetzen sie „Karl Marx". Der Bolschewismus steht uns als ein neuer Katholizismus gegenüber, als ein neues Dogma, eine neue Religion. Europa hatte dieselben Schtvierigkeiten, solange Staat und Kirche eins waren, und die europäischen Nationen hecken es nötig gefunden, Staat und lacken alle P. T. höfl. ein, das reichsortierte SEIDENLAQER zu besichtigen und sich von der enormen Leistungsfähigkeit und den fabelhaft billigen Preisen zu überzeugen. Wir führen bloß einige Beispiele an: Crepe de Chine, in allen Modefarben . . 8 11'50, 890, 6 50 8eiaen-(3eorgette in allen Modefarben . . S 13'—, 9*80, 7 50 Crepe Satin, Ia Qualität ............ 8 16*80 Crepe Mongol, allerbestes Material.8 16 50 Seiaen-Crepe-Marokain . . . ..S 17 — Schwere Mantel-Seide.S 18 —, 13'—, 9 80 Seidenfutter-Brokat...S 4 90, 3 90 Original Japan-Pongis.. S 290 Ia Engl. Kleider-Samte, alle Modefarb. . . . S 11 80, 9 50 Hutsamte (Sllkina).. . 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Ich weiß nicht, lver im Augenblick der bolschewistische Papst ist, aber meine Geschichtskenntnis lehrt mich, daß die.Sowjetregierung sich früher oder später genötigt sehen loird, ihn in einen bolschewistischen Vatikan einzuspetren, damit er sich nicht in die Regierung einmischen kann. Die meisten Schwierigkeiten der Sowjetregierung, einschließlich ihres Streites mit Großbritannien, sind von der Dritten Internationale herbeigeführt. Die Intoleranz der Sowjetregierung ist nur auf ihre Verbindung mit der bolschewistischen Kirche zurückzuführen. Die Kirche ist immer intolerant, wenn sie den Staat kontrolliert. Das. ist die Schwierigkeit im Fall von Rußland. Schließlich sind die Zustände in Rußland nicht so sehr von denen verschieden, die noch vor einigen Jahren in England herrschten. Ich erinnere mich noch, daß ein Archäologe, der Vorträge über Ninive in England halten wollte, es für nötig hielt, festzustcllen, daß seine Ausgrabungen und Forschungen die buchstäbliche Wahrheit des Buches der Genesis bestätigen. Rußland hat unter den SolvjetS dieselbe Stufe der Evolution erreicht. In Rußland kann niemand Vorträge über Shakespeare halten, wenn er nicht beweist, daß jeder Vers und jede Szene unwiderlegliches Zeugnis für die Wahrheit des Bolschewismus und das Dogma Lenins ablegt. Die russischen Gerichte sitrd intolerant, aber nicht mehr als die englischen Gerichte unter der Kriegspsychose oder die amerikanischen Richter in Dayton, Tcnncffe, wenn jcinand die Geschichte von Jonas und dem Walfisch in Frage stellt. SW»«»»SBVW>W»WWW>VW»MB»»»a>a>»W»>a»W»>>a»»»>>W>>>« Ae „Sld Glord" gelichtet? London, 10. September. Aus Halifax (Neuschottland) wird berichtet, daß die „Old Glvry" ungefähr 4M Meilen östlich von St. John gesichtet worben sei. Der Ursprung der Mitteilung wird nicht angegeben. der Flug rund um die Welt. Schanghai, 10. September. Der „Stolz von Detroit" ist heute um 10 Uhr vormittags zum Flug nach Amerika aufgestiegen. (Das Flugzeug ist seit dem 25. August unterwegs.) »hkdr Süvpolflug. Aus London wird gemeldet: Commander Richard L Y r d, der amerikanische Marineflieger, der als Erstor den Nordpol überflogen und vor kurzem erst einen erfolgreichen Flug über den Atlantischer: Ozean mit Passagieren gemacht hat, ivilt nun als Erster den Südpol überfliegen. Byrd trifft bereits alle Vorbereitungen, sogar Vorbereitungen für derr Fall, als er im Eis der Antkarktis Überwintern müßte. i Der Flug vor: der Roß-Bai zum Südpol Und zurück wird auf ungefähr 15.0M Meilerr geschätzt. Auf seinem Flug von Spitzbergen zum Nordpol legte Byrd sogar mehr als diese Strecke zurück, aber unter ganz besonders günstigen Verhältnissen. I , .! . ————— Ei» zweiter Haarmann? Telle einet weiblichen Leiche verbrannt. Aus Essen wird berichtet: Hier fanden Bewohner im Keller eines Hauses in eineint mit einem eisernen Deckel verschlossenen Senkschacht einen Sack, in dem sich Teile einer weiblichen Leiche hcsanden. Es ist anzunchmen, daß der Mörder die 'ssehlendcn SH'e in dein in einen Nebenkeller besiMichen Ofen.Verbrannt und auch die Absicht gehabt hat, d-ie .noch' Vorgefundenen Leichentcile nach und Nach zu verbrennen. Der Täter, ber Arbeiter Franz Bagosat aus Essen, in dessen Wohnung man einen mit Blut besudeltet: Holzlosser und nteljrere Koffer mit Mädchen!leidern, Schuhen, Hüten 'und Mantel» vorfand, ist flüchtig. Unter dem Verdacht des Vatermörder. Vor einigen Tagen wurde in Bierbaum bei Fürstenfeld der 66jährige Josef Müllner in der Nacht in seinem Zimmer überfallen und mit einer Axt schwer verletzt. Müllner ist im Krankenhaus in Fürstenfeld gestorben. Die Gendarmerie verhaftete den Sohn Müllners unter dem dringenden Verdachte des Vatermordcs, desgleichen den Bahnüeamten Eduard Mrchalek, der der Mitschuld an dem Morde verdächtig ist. Beide Verhafteten leugnen bisher die Tat. Zer Felsen der heiligen Buchstabe«. Von Julius Cfermely. Eine der > einfachsten, aber nichtsdestoweniger herrlichsten Legenden des Heiligen Landes — naiv, wie die Seele eines Kindes und ergreifend, wie die verKveifelte Unvcrwrbrnhcit — vernahm ich von einem Palästinenser! Flüchtling. Sie erzählt von einem wunderschönen und tugendhaften, aber überaus einfachen Mädchen, das das Kind eines blutarmen Gerbers war, der in Et-Ehalil, einem kleinem Dorfe um- 1 weit von «Jerusalem, wohnte. * Emst lebte fin El-Chalit," begann mein Bekannter seine Erzählung, ein nimckerschönes Mädchen namens Hant:ah, das Kind eines Gerbers, von deren Schönheit man selbst in Jerusalem sprach. Wann sie gelebt hat? ist nicht wichtig, eine Legende ist ja schließlich keine Geschichts' .ckunde. Genug dem, daß jeder, der das Mädchen auch nur ein einzigesmal sah, sich sofort in dasselbe verliebte, trotzdem Hannah beispiellos einfach war. Sie dachte weder an Luxus, noch an Putz; sie verstand zu schreiben und zu lesen, aber eine gewählte Ausdrucksweise kannte sie schon nicht, und auch sonst nichts, w!as über die Grenze ihres Dorfes hinausging. Diese Einfachheit schreckte aber trotzdem niemanden ab. Biele hielten um ihre Hand an, selbst Söhne vornehmer Familien, aber Hannah erhörte nicht einen von ihnen, sondern blieb jenem treu, den sie liebte: einem ihr ebenbürtigen, einfachen Menschen niederen Standes. In Hannah verliebte sich — hier beginnt, mein He.r, die Legende — iin das Mädchen verliebte sich auch,der Tod, der nach den Begriffen des Ostens ein ebensolcher Engel ist, wie Raphael, Gabriels Jsmael, Michael und die übrigen. Der Mann des Ostens stellt sich den Tod nicht als ein Gerippe vor, das sich in ein schwarzes Tuch hüllt und eine Sanduhr und eine Sense in den Häicken hält, — bei ihm ist der Tod ein Engel, ein Jüngling mit sanftem Gesicht und tröstendem Mick, und der Orientale will damit bekunden, daß das Sterben für den Menschen nicht schmerzlich ist. Als Hannahs Mutter in den letzten Zügen lag, kam der Tod zu ihr, ihr das Leben zu nehmen, und damals verliebte er sich in das Mädchen, so wunderschön war sie, tvie sie dort neben dem Bett weinte und schluchzte. Der Ettgel vergaß gleichsam seine Pflicht, als er in das Zimmer trat, sondern ster.te in einemfort auf Hannah. Nie noch hatte er sein Amt schwereren Herzens erfüllt, als damals. Und kaum hatte man die Tote vom Lager herausgehvben und auf die Erde neben das Bett gestellt, stand der Engel des Todes auch schon flehend vor Gott. „Lasse mich zu einem Menschen werden Herr," flehte er. „Gib mir für mein ewiges Lebet: nur ein einziges irdisches Jahr in Tausch, hoch mache mir Hannah geneigt, daß sie für diese Spanne Zeit mir gehöre." „Das kann ich nicht tun," erwiderte Gott.'„Dieses brave Mädchen hat bereits gewählt und den sie liebt, den liebt sie wirklich; über die Liebe habe aber nicht einmal ich eine Macht, wenn sie rein ist . . . und auch ihr Bräutigam liebt sie ehrlich; es wäre also eine Ungerechtigkeit, würde ich sie diesem dir zuliebe nehmen." > So sprach Gott, der ewige und gerechte Richter. Der Engel des Todes ging sehr niedergeschlagen von Hannen. Er lvar vor Gott fast in Ungnade gefallen und auch seine Hoffnung auf das Mädchen war zunichte geworden. Kaum langte er aber wieder auf der Erde an, schloß sich ihm eine Schattengestalt an. „Weißt du, tver ich bin?" fragte die Gestalt. Den Tod überlief es kalt. * „Ich bin der Satan," sprach der Schatten, „und ich habe auch darüber eine Macht, 'über! was der Alte dort oben Keine Macht hat. Auch binich nicht so lächerlich gerecht..., liefere dir.Hannah aus, wenn du willst" Gerade kam Hannah des Weges; sie war^in ihrer so schön, wie eine Frühlingsnacht bei Vollmond? und der Tod vevlor wahrlich den Verstand. „So liefere sie mir denn aus, ivillst du mir Gutes erweisen," sprach er leuchend zu dem Satan. „Mein Plan ist sehr einfach," entgegnete der Berd.r ier und in seinem von tiefen Furchen durchzogenen Gesicht erschien ein derart hämisches Lächeln, als hätte er auch den Allmächtigen verhöhnen wollen. „In einer Woche ist das Neujahrsfest und dam: beten die Menschen zu Gott, damit er ihren Namen für die kommenden zwölf «Monate in das Buch des Lebens eintrage. Wer nicht betet, kommt nicht in das Buch; wer nicht einmal am Neujahrstag! zu Gott fleht, auf den kannst du deine Hand legen, wenn es dir so beliebt . . . und Hannah, du ivirst sehen, wird jetzt zu Neujahr nicht eine einzige Silbe beten. Weder sie, noch ihr Bräutigam, ich sage es dir." , „Tue es," kam es röchelnd über die Lippen des Todes. ,Möge sie denn als Tote mir gehören, wenn sie es nicht lebend sein kann." Hannah tvar ein sehr gottesfürchtiges Mädchen und sie sperrte am Vortage des Neujahrsfestes ihr Haus ab, um zusammen mit ihrem Bräutigam nach Jerusalem, in die Versammlung, zu gehen ünd dort für das Leben zu beten und zu flehen. Ihr Vater'hatte sich schon einen Tag vorhrr auf den Weg gemacht, um seine gegerbten Häute zu verkaufen und vom Erlös Nahrungsmittel einzutauschen. Kaum traten sie aber vor das Haus, stand plötzlich ein gebrechlicher Greis vor ihnen — es war der Satan und er schloß sich chnen a::. „Ihr wollet nach Jerusalem?" fragte er. „Gehet nur, meine Kinder, aber ja nicht auf der Landstraße. Du bist schön, meine Tochter, und hier gehen jetzt viele Männer, die nach dir ein Verlangen tragen. . du aber, mein Sohn, kannst sie stricht beschützet:, wM du allein bist Kommet mit mir, ich führe Euch durch den Wald; ich kenne dort sehr gut den Weg. .., nun also, wollt Ihr kommen?" Der Mtesprachsehr vertraucnserweckend undjda er auch sonst ein unvermögender Greis toar, ging bas Brautpaar ohne jede Furcht mit ihm. Ja, sie meinten, ihm sogar Dank schuldig zu sein, denn an jene Möglichkeit von dkW