Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3064 (10.9.1927)
- Date
- 1927-09-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3064 Wien, Samstag Wiener Morgenzettrrng IO. September 1887 7» Ae Genfer BerlegenheUen. Set Krieg m Den Aagriffrlrieg. Genf, 8. September. Der polnische Vorschlag des allgemeinen Nichtangriffspaktes hat in die laulige Atmosphäre der Völkerbundversammlung plötzliche Siedehitze gebracht. Deutschland und England wollen den Antrag Polens nicht annehmen, und es herrscht allgemeine Verlegenheit. Die Beratungen über den neuen polnischen Antrag (de/i wir gestern berichtet haben. — D. Red.) gehen Livischen den Juristen der beteiligten Mächte weiter. Wie es heißt, beabsichtigt die polnische Delegation, nunrnchr einen dritten Entwurf vorznlegen, der die Notwendigkeit eines dem Rheinpakt ähnlichen Weichclpaktes enthält. Damit würde die Verlegenheit noch vergrößert werden. In der heutigen V o r rn i t t a g s s itz u n g der Völkerbundversanimlurig sprach als erster Redner der belgische Außenminister van der Beide, der eindringlich seine Zustimmmtg zum holländischen Borscylag aus Neubelebung des als begraben gewähnten Genfer Protokolls und damit seine Uebereinstimmung mit Len Rednern der kleinen Staaten betonte. Er begründete seine Haltung damit, daß die Erörterungen über das Genfer Protokoll, die seinerzeit wie im Jahre 1924 ohne Deutschland geführt wurden, jetzt nocheinmal beginnen müßten, da Deutschland im BLkevbund sitzt. Nach Ban der Velde sprach der italienische Delegierte G a v a z z o n i, der sich mit dem Kinder-- und Mädchenhandel sowie dem Handel mit Rauschgiften befaßte. In der Nachmittagssitzung ergriff unter allgemeiner Spannung vor dichtgedrängtem Hause Dr. Strchemaun das '^vort. Er machte zunächst eine Digvession ins Wirtschaftliche und pries die Wcltroirtschaftskonserenz, die den Wirtschaftsfric.den zu fördern geeignet sei. Dann kam er auf die Fragen der Sicherheit und der Abrüstung zu sprechen und sagte: Bei'd-e Fragen bedingen einander, und leÄ<vr hat die bisherige Entwicklung des Friedens darunter gelitten, daß mam zuweilen in bedenklicher Weise die eine gogM die wnd-ove ausspielße. Aus dem Gegensatz der. Meinungen in der Welt ragt aber heute eine Erkenntnis hervor, die von uns positiv gelöst werden muß, die Erkenntnis, daß der Krieg weder der Wegbereiter zu einer, besseren Zukunft, und noch überhaupt der Regulator der Entwicklung sein kann. Diese Auffassung ist aber nicht Gemeingut aller Menschen, und in Mißtönen klingt zwischen die Idee der Verständigung und des Friedens immer die Empfindung des Mißtrauens, das Aufflackern des Hasses und nationaler Leidenschaften, die nicht über die Grenzen des eigenen Volkstums hinauszufthen vermögen. ' Und solange solche Stimmen ertönen, worden sie durch den Lm-ispoecher der Presse vervielfacht. ckMd.^LLr^ri»NI>WWMWW>USN7!^MMM>N>W>M»»»WW>MWWWNWM»WM>>W>WWW>^MWM»»^M^,^,^M^ Alt-Bafeb ~ Es ist natürlich hügelig uno müht sich, ans nrannigrachen, bizarr güvundesien Umwegen, einen freien B.'ick über den Rhein zu gewinnen. Was ihm auch schließlich gelingt. Auch mir gelang es nach einigen Stunden erquicklichster Irrungen. Es hätte auch länger währen dürfen. Und wenn ich nicht alle Gäßchen, Plätze, Brunnen, Wahrzeichen, Dächer, Türme der Altstadt gesehen habe, fo tut's herzlich leid. ' ‘ Dort oben .am Plateau der .„Pfalz", unter den alten Kastanien auf der steinernen 'Balustrade, hoch über den be'ltgrünen Wellen des Rheinstromes sitzend, förderte ich die Stunde des Nachgenießens mit einer guten Zigarre, mrd der Einschichtige, der den Dabakqualnr vor sich hinblies, mag den Anblick eines aufgeräumten, dom dunklen Bayrischen oder Südtiroler Roten recht angeregten Mannes geboten haben. Indessen hatte es ihm nichts .Geistiges Ungetan, sondern die kräftige, gesunde Heiterkeit, welche Alt-Basel auszeichnet, und die sich, jedem Besucher mitteilt, so er die Empfänglichkeit ftir den Frohmut, den die toten Dinge oft kräftiger mrd bezwingender äußern, als die lebendigen, flluf dem Lebensweg bis Basel nicht gänzlich eingebüßt hat. * Vor bem fröhlich-roten Münster stfeht ein Ritter Georg. Er ist riesig, der reisige T-mchenbezlvinger, gewaltig ist das Roß, das er reitet, und von unerhörten Dimensionen ist die Lanze, die er gegen den Drachen .anrennt. Das Untier selbst aber ist possierlich winzig. Der fürchterliche Wurm, den zu erlegtzn der Ritter Georg auszog, ist ein lochhaft ungefährlich Würmlein, das er mit ztver Fingern t er eisenbdwehrten .Hand zerknüllte. Sie ist sehr lustig,' ingrimmig lustig, diese Georgs- Srcitne, die auch 'ein Denkmal für den Quichotte sein könnte. » Und über alle Ahaßen sustig.ist schräg gegenüber die Amtstafel für Baseler ElMnfgebote. Vier Bilder schmücken >us würdevolle schwarze Brett, eine recht freimütige Kritik der Liebe, bfe sich ewig bindet. Da ist zunächst ein blondes innges Paar, bis zur Bewußtlosigkeit von Romantik bersten, die bekanntlich in dtzr Stunde des LichesWhns den Deutschland wünscht Vorkämpfer zu sein auf dem Wege der Bestrebungen zum allgemeinen Frieden, für die der Völkerbund sich einsetzt, und dies hat es in den Verträgen von Locarno zum Ausdruck gebracht. Die Locarno- Verträge stehen nicht üußerhalb sondern innerhalb des Völkerbundes. Sie haben ihre weittragende Wirksamkeit .im Westen und für den Osten und wir sehen in diesen im Völkerbund wurzelnden Friedenssicherungen drn unter den hentigrn Resultaten gegebenen Weg, Bestehendes vor Krieg und Kampf zu schützen und das Höchstmaß der Verständigung zwischen den Völkern zu gewährleisten. Nach diesen nichtssagenden Worten für Locarno sprach Strefemami einige anerkennende Worte über die obligratorische Schiodsc^richtsbarkoit des Haager Gerichtshofes und schloß mit einigen emphatischen Phrasen über das Mißtrauen gegen Zusicherungen der Staatsmänner, die, vor aller Welt abgegeben, wohl Sicherheit genug bietc.n. Nach Stresemann ergriff der polnische Delegierte Sokal das Wort. Er legte eine Resolution vor, deren Hauptpunkte besagen: Jeder Angrifstskrieg ist und bleibt verbann. Zm Regelung der zwischen Staaten entstehenden StroitigkoiSon sollen alle friedlichen Mittel angementzet werden. Die Bölkerbnndversammlung erklärt, daß für die Mitgliedsstaaten die Verpflichtung besteht, diese zwei Prinzipien zu beobachten. Gegen diese Resolution wandte sich unter dem demonstrativen Beifall Chamberlai ns der italienische Delegierte S c i a l o j a. Las deutsche Mitglied der Mimdatrkommißion. Gen f, 9. September. Das Mitglied des Präsidiums des Reichsverbandes der deutschen Industrie, Dr. Ludwig K a st l, ist heute in geheimer Sitzung des Völkerbundrates zum Mitglied der Mandatskommission ernannt worden. Meder Bomben in Chicago. Newyork, 9. September. Nach einer Meldung aus Chicago haben dort drei Bombenexplvsionen bedeutende Schäden angerichtet. Drei Personen fanden den Tod und mehrere wurden verletzt. 8«za von den knzklle« hinausgeworfen. Bukarest, 9. September. Am 6. d. fand in Focf-äni ein Kongreß der christlichen Liga statt. Den Vorsitz führte Universitätsprofessor Schumuleanu. Der Kongreß, faßte den Beschluß, C u z a seiner Würde als Präsident der Liga zu entheben. An seine Stelle würde Prof. Catunean u zum Präsidenten der Liga gewählt. 0*1$. engl. Ilster *£££> $ ÄS — Heinrich Weinberger, I., Singerstraße 6 Lar Mehlkarlell gefallen. Sie Regierung zieht ihre Genehmigung rurSS. Gestern fand ein Ministcrrat statt, in dem Bundeskanzler Dr. Seipel den Stand der Frage der Agrarzölle besprach. Er kam dabei auch auf das Kartell der österreichischen und ungarischen Mühlen zu sprechen und gab bei dieser Gelegenheit folgende Erklärung ab: Zur Regelung des Verkehr,es ln Feinmehl sollte über Anregung der mheress karten Kreise ein Uebsreinkommen zwischen der öftsrreichischon und ungarischen MühSenindustriv geschloffen nnUrdsn. Bisher ist es jedoch nicht gtklmgjsir, diehierfür notwendige Orga- ,Hation zu schaffen. In drr zwischen Mrtretern der üsterroichih'chvn und imgarischen MülMn geführten Verhandlungen ergaben sich bedeutende Schwierigbeiten. Soweit sich wach dem unvollständigm Entwurf, der bisher vorliegt, urteilen läßt, würde der Zweck des UeLvveinkommens nicht erreicht werden. Außerdem würdvn sich begründete Zweifel an der Durchführbarkeit des Abkommens ergobM. Der Abschluß des Zusatzabkommens mit Ungarn hängt keineswegs vom Zustandakommen des Mehlüborei»kommens ab. Dip Regiftrnng ist durchaus bereit, einer anderen Lösung der Mvhlsrage, tue den bsiderMigerr Interessen entspricht, zuzustimmen. Aus diesen Erklärungen des Bundeskanzlers geht hervor, daß die Regierung anscheinend unter dem Drucke der agrarischen Kreise, ihre Genehmigung zum Wschlutz des brotverteuernden Mehlk-artells im letzten Augenblick zurückgezogen hat, Ler Ratiomlmt einberufe». Altemersicherung und Strafgesetzrekom. Der N a t i o n a l r a t ist für.den 16. September, 1 Uhr mittags, einberufen. Die Tagesordnung lautet: 1. Wahl des Justizministers. 2. Bericht über den negativen Beschluß des Ausschusses für' soziale Verwaltung über die Anträge, betreffend die Wanderung einiger Bestimmungen des AltersversicherungsgefetzeZ (Erhöhung der Altersrenten). 3. Erste Lesung von drei Geschästsordnungsanträgen. Darunter befindet sich auch' der Antrag sdes «Landbnndes alrf Verminderung der!Ainzahl der Unterschriften für Anfragen und Interpellationen. 4. Erste Lesung des Strafgesetzes. Dieser Gegenstand dürfte aber in der nächsten Sitzung noch nicht in Verhandlung gezogen werden. ' Himmel dicht mit Primgeigen besetzt .und die Ehezuknnft ins rosigste Licht taucht. Die Anschrift: „Verzeihet ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", erübrigt sich. Bei zwei weiteren Paaren steigen — hier .dem Manne, dort denr Weibe — anläßlich der entscheidenden Untcmmtng die Haare , 5>u Berge, wenn sich 'auch di'e Verzweiflung iveniger M der Frisur, als au den namenlos unglücklichen Augen lündtut. Doch das vierte Menschenpaar, rundlich und quietschvergnügt, ist durch gesunde Gedankenlosigkeit gegen alle Unbilden ehelicher Gemeinschaft gefeit. „Seid ihr 'wie diese Bastler, dann lasset euch getrost bei uns aufbielen." Es ist eine lustige Amtstafel. « * In Alt-Basel plätschern viele Brunn.'«'!, die von den lustigsten, farbenfrohesten Figuren betreut sind. Die leuchten in Sepia 'und Giftgrün, Ultramarinbläu, und Lichtgold, als hätte sie der Stadtmalermeister hellte morgens frisch gestrichen. Da ist am „Rheinfprung" eine, liebliche Bcllnnensäule. Der Drache mn oberen Säuleneirde kani nicht mit dräuendem Mäubrerk zur Wett, weist keine R'eißzähne auf mrd atnret, bei Gott, keintz sengenden 'Wallmmir ans, sondern trägt eineu koketten Hahnenkopf, der nnt Basedow- Augen das- Mappen der Stadt -Basil anglotzt. Der Brunnenmann auf dem Märtinskirchenplatz hingegen — rote Bäckchen, würdiger Bart, prachtvolles Wams, blanke Waffen — will süchtig dreinblicken. Aber er will es nur. Aus schlohweißenr Augapfel möchten die pechschwarzellt Pupillen fürchterliche Blicke schießen, doch die Kinder lachen und haben keine Angst. Es ist, meine Lieben, eine lustige Märchengestalt. Ta dürfen die Häuser der -Bürgersleilt' nicht zurückstehen. Sie überbicteil ein-auder im fröhlichen ^Gehaben. Die buntesten, anrüsantesten haben sich, -scheint m'ir, anr „Stapfelberg" versarmnelt, und die Leiden!ockergelben mit diversen kräftigen Farbtönen herausgeputzten Nachbarhäuser „Zum Fälkli" imd „Zum Venedig" find Währzeickstn der lustigen Mtstädt von Basel. Gegenstücke sind die uralten Häuschen am „Rheinsprung^. Winzig, altersgrau, ein Stockwerk übers andere ills Gäßchen vorgebaut, stehell sie 'da ivle anlidiluviauische naturLeMtzerttz Mrtelliere und evoeisen durch i&& Gassensiont, daß lnan auch phne .Farberraustvand mävchenhäft lustig feilt kann. * Gesunde Fröhlichkeit mit kräftig satirischem Eiilschlag scheint in Mt-Basel Urvätererbgut zu sein. Das karminrot« wunderschöne Rathaus bekräftigt diese Diagnose des Frerndeu, der erfrischt und aufgeräumt hier behagliche Stunden verbrachte. Es ist reich Ulld vornehnr, aber es lächelt leutselig . neben dem mächtigen Turnt grüßt ein luftiges goldenes Türmchen, und wer bezweifelt, daß die alten Baseler in bester Stimmung ihre Tage verbrachten, bis sie leider zu ihren Vätern versammelt wurden, der besichtige die Bildwerke an der Hauptfront und im Hose dieses bemerkenswertent Hauses. Beim Eintritt grüßt dich eine Baselerin am Spinnrad, eine Frau von angenehnr üppiger Schlankheit. Kupferrote Haarfülke quillt aus der Haube hervor, mrd wenn sie nicht soeben die Arbeit mit munteren Reeden ivürzt, fo hört sie doch verständnisinnig einenr galanten Spaßvogel zu. Daneben betvegt sich auf breiter.Fläche ein Landsknechtzug, dem kannibalisch Wohl ist. Der wohlbeleibte Fahnenträger, sichtlich nach tüchtigem Drunk unterwegs, wird durch die rosige .Musike der Tronrmler, Pfeifer und Trompeter stramni auf den Beinen erhaltest;., und in! bester Verfassung — sie sind üur leicht und „gelegentlich" bekleidet — treffen wir die vier Frauen, welche wohlgemut Basels Mvppen tragen. * Jetzt stehe ich am lBarfüßdrplatz, rechW und links stoiglen die lGasftn an, die .Archer imd Türm« gruppieren sich ansteigend zu eiüem trauten altertümlichen Städtebild», der klare Abend gibt Äem prachtvollen Wpsil ttnlß und rechts die Folie, die dichtgesäten Obststärtde sind hoch bedeckt mitz den Früchten dieses gesegneten Herbstes, Mumm, Mumen, Blumen in reickMr Fülle überall, und da schon der alte Erasmus das gute Btistl die „behagliche Musenftadt" nannte, muß ich annehmen, daß' auch späterhin, auch ^cht üoch, die .Menschen dieser Stadt so glücklich sind, wie das der dankbare Zaungast wünscht, de« hier die Zeichen der Vergangenheit einen köstlich-heitren Tag beschieden haben. Otto Abeles.