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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-09 · Heft 3063 (9.9.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3063 (9.9.1927)
Date
1927-09-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Men, Freitag Wiener MorgenMtmrg S. September 1997 Seile 3 9?r. 7 ' Die Art und Weise, in der Herr G r ü u v a u m so i ühinlich und erfolgreich den Llampf um die Minoritätsrechte geft'chrt hat, ist auf Palästina nicht Anwendbar. Denn in Palästina fordern wir mehr als Minoritätsrechte, sogar etwas, was sich noch von den üblichen Majorittttsrcchten unterscheidet, nämlich die spezifischen historischen Rechte des jüdischen Volkes in Palästina. Diese Rechte sind durch die Großmächte und den Völkerbund anerkannt und naturgemäß auch von der Mandatarmacht, die sie ja als erste anerkannt hat. Und weil diese Rechte so besondere und weil die Situation eine andere ist, müssen unsere Beziehungen, nachdem einmal die Anerkennung dieser Rechte auf Grund gegenseitiger vertrauensvoller Verständigung m i t d e r M a n d a tar m a ch t erfolgt ist, auf gegenseitigem Vertrauen basiert sein. Es gab während der letzten schwierigen Periode reiche Beweise dafür, daß dieses Zutrauen gerechtfertigt ist. Unsere Industrie ist während der beiden letzten Jahre in einer Weise vortvärtsgekoinmen, die weit über die Entwicklung der vorhergehenden fünf Jahre hinausgeht. Die inditstricllm Exporte unserer Fabriken erreichen jetzt eine Ziffer von rund 60.000 Pfund jährlich, während es vor zwei Jahren noch keinen Jndustrieexport gab. Das Gebiet jüdischer landwirtschaftlicher Ämsiedlnng hat unter der griffe kaum gelitten, Es gab bei der Ausdehnung der Pflanzungen''in den letzten 18 Monaten einen größeren Fortschritt crfß in den vorhergehenden drei Jahren, und diese Seide unserer Entwicklung wird irr rund fünf Jahren reiche Frucht im wörtlichsten Sinne bringen. Auch politisch gab es in diesen Zwei Jahren seit dem letzten Kongreß einige wichtige ^Leistungen. Die historische Bedeutrrng der Tatsache, daß ans Grund des Staatsbürgetcschaftsgesetzes ein palästinensischer Paß mit hebräischem Text ausgegeber^ wird, der Anspruch -jaus britischen Schutz gibt,, ist noch nicht genügend unterstrichenworden. Die vor kurzem erfolgtd Veröffentlichung der Verordnung über die religiösen Gemeinschaften,ist trotz gewisser Mangel ebenfalls ein Schritt von llMorrscher Bedeutung für unsere nationale Entwicklung und bezeichnet einen gewaltigen Fortschritt gegenüber dem bisher in Geltung stehenden Zustand. Abgesehen davon, daß ,er die .Gemeinschaft mit wichtigen autonomen Rechten legalisiert, .stellt diese Vörordnrrng das erste Dokument in der Gesetzgebung Palästinas dar, in dem die Jewish Agency als höchste jüdische Autorität fiir die Regelung von Differenz«: zwischen anderen hohen jüdischen Autoritäten in Palästina figuriert. Auch unsere Beziehungen % u fr enAr ab-e r n haben dauernd Fortschritte gemacht. * Die Entscheidung über den Hafenbau in Haifa wurde endgültig getroffen. Die Arbeit Ruthenbergs am dem hydro-elektrischen Werk im Jordarrtale hat begonnen, und bezüglich der Tvten-Meer-Kvnzess-ion bestehen gute Aussichten. Ich möchte diesen Kongreß Litten, daß er niemandem gestattet, diese Krise zu einer Vertrauenskrise gegenüber der Zukunft zu machen. Stephen Wise reift nach Amerika ab. Basel, 8. September. Stephen Wise, cer am Dienstag (wie ausführlich berichtet) als Vorsitzender der poetischen Kommission des Zionistenkongresses zürückgetretcn ist, hat sich nach »Paris begeben. Er wird von dort nach Amerika zurückkehren. Mandatsnieberlegungen. Basel, 8. September. Der recisiouistische Delegierte Tr. Norbert Hof mann (Wien) hat fein Mandat nredergelegt. An .seine Stelle tritt der Ersatzbeleg re rtc Abraham Recanati (Saloniki). Der ungarische >Delegierte D. Esoa Weiß hat rfuf das Mandat verzichtet. An seiner Stelle wnrl-e der Erfatzdelegicrte -David K o b n einbernsen. -4- A. V. „Jordania“ gratuliert ihrem Präsidenten des A. H. V., Rechtsanwalt Dr. Norbert Kiwe, anläßlich seiner gestern stattfindenden Vermählung mit Fräulein Lisi Neumacn. LLOYD TRIESTiHO Rascheste Verbindung zwischen iHB | Europa und Palästina 3 [3 13 13 13 13 13 über Aegypten mit den Lxpreßdampkern „Vienna" und Jielouan" FAHRTREKORDE: Triest (Venedig)— Alexdndrlen . . 8 Tage Brindisi—Alexandrien.9 Tage Ferners EU- und Fostdampfermbindungen nach Griechenland, der Türkei, den Schwarzen Meer-Häfen, Syrien, Palästina, Indien und dem fernen Osten. Herrliche und dabei billige Erholungsreisen zur Seel Auskünfte: Passagebureau des Lloyd Trlestlno, Wien, 1, KSrntnerring 6. T«. relephon 68-0-58 13 13 13 13 13 0 13 100®E00000®00®0000®[h1 Me Abrüstung vor dem BMrrbund. Der Antrag der große« Mächte. Gens, 8. September. Dem Präsidium der Völkerbundversanrmlmrg ist heute vormittags der Wrüstnngsantrag zugegangen, auf den sich Frankreich, England und Deutschland geeinigt haben. Der Antrag ist eine Modifizierung der gestern von Polen textierten Formel. Er lautet: „Die Völkerbmrdversammlung anerkennt die Solidarität, durch welche die internationale Gemeinschaft vereinigt ist. Sie ist beseelt von dem Willen, die Aufrechterhaltung des allgemeinen Friedens zu gewährleisten; sie stellt fest, daß ein Angriffskrieg niemals als Mittel zur Regelung der Streitigkeiten zwischen den Staaten dienoir darf, und daß er deshalb ein internationales Verbrechen darstellt. Sie ist deshalb der Ansicht, daß eine feierliche Verzichtlei st ung auf jeden Angriffskrieg geeignet wäre, eine Atmosphäre des allgemeinen Vertrauens zu schaffen, die dem Fortschritt der im Hinblick auf die Abrüstung nnternonnnenen Arbeiten günstig fein würde, und erklärt folgendes: 1. Jeder Angriffskrieg i st und bleibt verboten. 2, Alle friedlichen Mittel sollen für die Regelung von Streitigkeiten irgendwelcher Art angewendet werden, die zwischen den Staaten entstehen könnten. Die Versammlung erklärt, daß für die Mitgliedcrstaaten des Völkerbundes die Verpflichtung besteht, sich diesen beiden Grundsätzen anznpassen." Die Unterschrift Italiens wird noch folgen. Es haben aber auch noch andere Mächte ihr Einverständnis erklärt. Im ganzen dürften die Vertreter von 47 Regierungen den Antrag unterstützen. Die polnische Delegation hat ib-fefe neue Fornreit nach Warschau rückgedrahtet. Me Antwort .der Warschauer R e g ii e r u n g ist heute nächnrittags eingetröffen. Dem Vernehmen nach lautet sie negativ und es werden daher gegenwärtig Verhandlungen über rmre ModrsizSerimHm des engUschi-fvailzösisch-dentscheil Antrages gepflogen, welche die Zustimmung Polens zu der Formel ermöglichen sollen. Es ist daher nicht zu erwarten, daß noch heute derAbrüstungs-antrag debattiert werden wird. In der heutigen Borinittagssitzüng sprach der griechische Delegierte Po litis, welcher sich gegen die holländische Resolution über den Genfer Pakt wandte. Am! (Nachmittag sprach der englische Delegierte HiltE Av>mn g über Wirtschaftsfragen. In der Nachmittagssitznn-g sprach als letzter Redner der ungarische Delegierte, Graf ApponYi, und wiederholte seine abgedroschenen heuchlerischen Phrasen über das Recht der Minderheiten und über die Abrüstung, wobei er unter anderen: die lustige Erklärung abgab, Ungarn habe vollständig a b g e r ü st e t. Damit wurde die heutige Sitzung der Völkerbundversammlnng geschlossen. Nie Zigeuner und ihre Musik. Im, allgemeinen ,ist der Fernerstchcude versucht, in dem „richtigen" Zigenrer einen verwilderten Ungar zu sehen und auch Ungarn selbst für das Ursprungsland der Zigeuner zu Hallen. Sogar. Aranz Liszt, also ein geborener Ungar, behauptet, allerdings ohne nähere Beweise, in seinem Wekk über die Milsik der Zigeuner .in Ungarn, daß die Zigeuner ein ursprüngliches Volk dort int Lande seien, und daß weiter die Musik der Ungarn eine ursprüngliche Zrgeimermusik sei. Es genügt, zur Widerlegung dieser Ungcmaürgkeit jene geschichtliche Tatsache airzuführen, nach der die Ungarn (Magyaren) bereits um das Jahr 894 von ihrem heutigen Lande Besitz ergriffen, wogegen die crsteü Zigeuner ein halbes Jahrtausend später, nämlich nach dem Jahre 1322, in den unteren Donauländern .angetroffen wurden; ihr häufigeres Auftreten datiert dann noch ein Jahrhundert später, nämlich seit dem Jahre 1417. Zigeuner finden wir auch, abgesehen von den nach Amerika ansgewanderten, in ganz Europa, besonders aber in Spanien, Irland, Schottland und dann vor allenr allerdings in Ungarn, Rumänien und-der Slowakei. Betreffs Ihrer einstigen Herkunft binden sie gern Und unentwegt das Märchen auf von ihrer Mstanrmung aus Klernägypten, wobei natürlich nur alte Königsgeschlechter als „Ahnen" in Betracht kommen. Zunr Beweise und zur Bewahrung diesen „Ueberlieserung", denn in Aegypten spielten im Gegensatz zu anderen alten Völkern die weiblichen Regenten eine große Rolle, ernennen sie noch heute als -Haupt der einzelnen Gesellschaften nicht etwp einen erfahrenen Akann, sondern die älteste Frau, die „Großmutter" (pnri daj). Es läßt sich jedoch ans ihrer immerhin noch selbständigen Sprache, die in ein gutes Dutzend Dialekte zerfällt, und ans ihrem poch vorhandenen Typus sestsietlen, daß ihre Mslanmrrmg unzweifelhaft eine indogermanische .ist. Sie selbst bezeichnen sich als Itoma; das deutsche Wort Zigeuner entstannnt dem slawischen Tziganes und Cikuni. Wahrscheinlich sind sie aus dem nördlichen Westmdren. über Persien und Klernasien zn uns herübergewandert, wo sie, wie gesagt, in den unteren Dunaulaydern um das Jahr 1322 zuerst gesichtet wurden. Die Zigeuner stufen sich bei allem Gemeinschaftsgefühl ln mehrere Kasten. Als ,Parias unter ihnen gelten hie Kesselflicker und die Gelegenheitsarbeiter, darüber stehen öie eigentlichen Schmiede und die Korbflechter, es folgen die .Holz- und Bildschnitzer, und als höchste Kaste steht über allen die der Musikanten. Unter 'den Musikanten unterscheidet man nochmals zwei Arten, nämlich die, welche mehr im „Nebenfachs oder mehr vereinzelt musizieren, und jene, als vornehinste, tvelche als Berufsmusikcr ,ttt Gruppen von sechs bis zwölf Mann eine,Kapelle zu Konzertztoecken bilden. Solche Kapellen, nur ans den üblichen Streichinstrumenten bestehend: erste und zweite Violine, Viola, Cello und Baßgeige, haben sich zunächst von Alters her aus Verwandten und Bekannten gebildet und ergänzen sich je nach Bedarf. Im Notfall wird auch die .Zigeunerbörse iw Anspruch genommen, wo sich allerdings nicht das beste Material zufarmnenzusinden pflegt. Tie Heranbildung der Zigeunermusiker ist eine sehr einfache. Mit drei Jahren bekommt der Zigennerbub eine kleine, stumme Violine in die Hände, das heißt das Bogenhaar bleibt ohne Kolophoniumbestrich. Damit stellt sich der Kleine Eben den Vater, sei es daheim oder in der Kapelle, und ahmt dessen Arml- und Fingerbewegungen nach. Mit fünf Jahren etwa erhält er eine spielende Violine; und schon Äarr'ert es lucht mehr 'lange, und .er spielt kleineve -oder größere Bruchstücke, wie alle anderen, bloß auf das -Gehör sich verlassend, nnt. Erfordert es das Bedürfnis der Kastelte, so geht er zur Viola, znm Cello oder Strerchbaß über, was ihm mach der Vorbildung «ans der Violine nicht sonderlich scksver fällt. Der Primas loird, falls er nicht als „Selbstbernsendr" eine Kapelle zusammengestbllt hat, gewählt. Er „führt", immer stehend mitspielend, d?e Kapelle und därf als Kapellmeister einen Ring mit großer goldener Platte am kleinen Finger der linken Hand tragen, den er beim Spiel auffällig im Lanrpenlichte blitzen läßt. Das Repertoire dieser KaMle,c ist, wie Karl Da u ffenbach in der „Neuen Musik-Zlritung" schildert, dirrchwegs nicht groß. In Fragen des Umfanges und der Güte dieses Restertoives besteht daher unter den einzelnen Kapelleit eine starke Rivalität, und bei Gelegenheit kommt cs nicht selten zn blutigen Raufereien. Alles ihnen Neumnsiklalische muß es sich gefallen lassen, nach Zigennevart behandelt zu Werden. Liegt ihnen das ganze Stück, so bringen 'sie es 'so ziemlich, .doch in ihren eigenen Tenrpi, heraus. Ein solches ist z. B, die allbekannte Ouvertüre von „Dichter und .Bauer". Gckeisen sie dagegen nach Stücken, die.ihn'en nur teilweise behagen, oder überhaupt nur nach Bruchstücken Und einzelnen Sätzen, so verschjoinden diese oft gänzlich in der zigeunerhaften Man'ienpnwnMiniia,r.iii; ■" . »g riernng. Je länger sie ^davon spiellen, Um.sv mehr entfernen sie sich vom Original; tvotzdenr bleibt äber dfe Wberschrrft auf dem Progvanrm, »oder der Primas verkündet sie .mit lächelndem Munde dem Publikum. A'ie spielen ohne genauen Titel« beispielsweise Schumanns „Träuiüerei", Mozarts „Wiegenlied", Schubert-Liedier, Mendelssohns „Lieder lohne Worte^ usw., und der ahnungslose Zuhörer glaubt, waschechte Zigeunermnsik vorgefetzt zu bekommen. Sie geigen den Radetzky-Marsch in einem wogendlen Prestissimo, die Ouvertüre zu „Figaros Hochzeit", „Egmont" usw., und das aufhorchende Publikum entzückt sich an'ihren'Originalfeuerwerben und ihrer NaturnMsik. Die Eigenart dies Musizievens selber liegt nun zunächst einmal in der übertreibeirden Behandlung der Tenrpi. Das Andante wird oft znm Largo, das Alleg retto schon zum Presto. Sie suchen vor allem .auch in das gleiche Musikstück ein möglichst abwechslungsvolles Zeitmaß hineinzubringen. So lieben sie Häufige Taktbeschleunignngen und wieder Hemmungen, das Ausseßen von scharfen und wieder breiten Akzenten, dazu Akzentverlegungen; ferner rhythmische Verschiebungerr jeder Art, Synkopen, Errharinonrcn, Ferrnaten, Wiederholung derselben Noterr, besonders drrrch Vorstvich, Tvppelschläge, Schleifuilgerr, Mrasrernngan rriid plötzliche Daktrvechsel. Die durch die Begleitinstrumente frei ausgeführte Harrnonisrerung der Musikstücke, deren 'Urhrrrrrg durch den Primas ganz auf Melodie eingestellt ist, ist eine verhältnismäßig einfache, arrs Akkorden Mfgebante, mit übermäßigen Intervallen dnrchwirkt. Das Leben des musizierenden Zigerrners ist eilt Wechselspiel von Bedürfnislosigkeit Und Schwelgen inr iMlgenblicklichen Ueberflnß, von Zerluvrptheit und Eitelkeit, von 'Nachlässigkeit und Putzsucht, vorr Schwerrnrrt und Lebenssucht, von Faulheit und Feuereifer, von Gleichgültigkeit und Konkurrenzneid, so, wie «es die Unrstände seines kleirrer« täglichen Lebens für ihn bringen. Und so ist auch seine Musik, oder sagen wir sein Musizieren, garrz persönlich, willkürlich, errtlehnend und schon genommen, voller Gegensätze und Eigertsinn,b och ohne die Kraft des wirklichen Schöpfers, nicht dauernd so sehr in ihren einzelnen Werken, sondern inchr bleibend in ihrer allgemeirren Gattung. Aber loeil der T>qrbietende sie so ganz persönlich und eigenmächtig spendet, darum ist sie ,auch für beit Hörer so seP irngesüllt mit snomsti"«?' Macht. 1

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