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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-08 · Heft 3062 (8.9.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3062 (8.9.1927)
Date
1927-09-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 366S Wien, Donnerstag Wiener Morgenzertnng 8. September 1927 Seite 8 Flugzeugkataftrophe in Wern. Irr Flieger Lr. Karl Rlkltsch tödlich verunglückt. Gestern nachmittag?, zehn Minuten vor 6 Uhr, ist auf dem Alugfel-d Aspern der Leiter der polizeilichen Flugplatzinspcktion Aspern, Hanptman a. D. und Polizeirat Dr. jur. Karl Nikitsch, abgestürzt und auf der Stelle t o t geblieben. Dr. Nikitsch war mit einem französischen Zweidecker auf dem Flugplatz aufgefticgcn und wollte einen kurzen Flug absolvieren. Er nahm die Richtung über den Hangar nach Eßlingen. Al? das Flugzeug fast über den Hangars stand, nevsagte plötzlich der Motor. Der Pilot wollte, um Flurschäden zu vermeiden, nicht auf freiem Felde niedcrgehen, sondern wieder auf dem Flugplätze landen. Er machte daher mit dem Apparat eine jähe Wendung. Allein die Entfernung von der Erde war schon zu klein. Der Apparat senkte sich mit der linken Tragfläche und fiel so gegen den Erdboden. Er spiletztß sich förmlich in M Erde hinein. Dr. Nikitsch ist zwischen den Trümmern des zerbrochenen Apparates erdrückt worden. Der Arzt der Rettungsgesellschaft stellte nur mehr den Eintritt des Todes fest. Er muß um 6 Uhr 10 Minuten erfolgt sein; zu der Zeit ist die Armbanduhr des Verunglückten stehen geSlieben. Die Leiche des Verunglückten wurde in die Totenkammcr nach Aspern gebracht. Dr. Nikitsch hat im Kriege und seither ungefähr achttausend Flüge absolviert, darunter viele, die Höchstleistungen waren. Bei dem scheinbar so ungefährlichen Flug nahe dem Flugplatz mußte er das Todesopfer eines Unfalles werden. Dr. Nikitsch wurde im Jahre 1885 geboren. Er hat im Kriege an allen Fronten als waghalsiger Flieger Dienst getan. Er wurde auch m e h r - m a l s a b g e s ch o s s e n und hat wiederholt Knochenbrüche an Armen und Beinen erlitten. Als der Umsturz kam, trat Nikitsch in den Dienst der Polizeidirektion und wurde Leiter der Flugplatzinspektion Aspern. Ae Ueüerschlvemmung ln Galizien. Hungersnot im Stanlslauer Bezirk. Warschau, .7. September. Ter Eisenbahnverkehr in Drohobycz und Boryslaw ttnutc wieder hergestellt und die Züge verkehren auf dieser Strecke normal. In den an der polnisch-tschechoslowakischen Grenze liegenden Ortschaften im Bezirke Stanislan herrscht infolge der katastrophalen UÄberschwenmnmg eine derartige Hungersnot, daß die Behörden gezwungen find, Grenßü b e r s ch r e i t n n g s s ch e i n e nach der Tschechoslowakei zur Beschaffung von Lebensmitteln in großer Zahl ausnksolgen. Irr vierte Messetag. Nach den übereinstimmenden Meldungen eines großen Teiles der Ansstellerschast sind die bisher erzielten geschäftlichen E r g e b n i f s e der Messe außerordentlich b c f t i edig e nd. Es steht schon heute M, daß das Gesamtergebnis als durchaus günstig erscheinen wird. Jnsbesorzders wird hervorgehoben, -daß sich die Messobesncher fast ausschließlich aus seriösen Interessenten zusammensetzen und 'daß der Anteil der ausländischen Besucher verhältnismäßig groß ist. Besichtigung der Strickwaren- und Pelzabteilnug. Der Verband 'der Wirk- und Strickwarenerzeuger und PelzErzeuger lud für gestern die Vertreter der in- und ausländischen Presse zu einer Besichtigung ihrer Ausstellungskosen in der Hofburg ein. Der Generaldirektor der Wiener Messe A.->G., - Kommerzialrat M ü l l e r, begrüßte die Anwesenden und wies aus den Wert der Propaganda für die Belebung des Geschäftsbetriebes hin. Kommerzialrat Thiel, der Vizepräsident des Verbandes der Strick- und Wirkwarenindustrie, führte aus, daß die Strick- und Wirkwarenindnstrie sich in der letzten Zeit aus verhältnismäßig primitiven Anfängen zur höchsten Mute entwickelt habe. Kommerzialrat I l l y sprach für den Verband der Kürschnernreister und erklärte, daß das Wiener Küvschnergewevbe in der Konfektion auf der höchsten Stufe angelangt sei. An die Begrüßungen schloß sich ein R u n d g ä n g durch die Wirk- und Strickwarenabteilnug imd durch die Pelzwarenabteilung. Die neuesten Modelle fanden allgemein Anklang. Fürst Montemwvo gestorben. Dienstag abends ist iu Wien der frühere Erste Dbcrsthofttteister des Kaisers Franz Joseph, Fürst Alfred Montenu,ovo, im 73. Lebensjahre an Herzschlag gestorben. Sern Dater war ein Sohn 'der Erzherzogin 'Maria Luise, der Witwe nach Napoleon I., die sich später mit dem Grafen Adam Neipperg wieder verheiratet hatte. Für die Nachkonnnen wurde der Name Mipperg in Montenuovo geändert. Fürst Montenuovo war während der letzten Lebensjahre des alten Kaisers die markanteste Erscheinung im Hofstaat. Er war ein Autokrat, der seinen Willen stets durchzusetzen wußte. Zu dem Erzherzog Franz 'Ferdinand stand er in größtem Gegensatz. Allgemein war die Ueberzeugung, daß die Vorgänge beim Leichenbegängnis des ermordeten Thronsolgerpaares — es war ein Leichenbegängnis dritter Klasse, wie damals bei Hofe gesagt wurde — auf die Verfügungen Montenuovos zurückzuführen war. Flirst Montenuovo hatte im Jahre 1906 die Agenden des erkrankten Vorgängers Fürst Liechtenstein übernommen. Er entfaltete eine rege Bautätigkeit. Die Adaptierung des Belvederes, des Schlosses Hetzendorf sowie bauliche Aenderungen der Burg und die 'Installierung Schönbrunns als Wintevaufenthält für Franz Joseph waren sein Werk. Er interessierte sich auch lebhaft für die Leitung «der H o s t h e a t e r. Nach dem Tode Kaisers Franz Joseph bestätigte ihn Kaiser 'Karl in feiner Stellung als Erster Obersthofmeister. Doch schon im Februar 1917 ist Montenuovv aus dem Amte geschieden. Er war mit der Gräfin Kinski) vermählt, der Ehe sind vier Mnder entsprossen. Ler Revolver in der Advokatenlanzlel. Ein Klient schießt auf seine Rechtsanwälte. Aus New Jork wird berichtet: Ms fünf Männer im Bureau eines Rechtsanwaltes in: neunten Stockwerck des Gebäudes in der Nähe des Harvards-Klubs eine Sitzung abhielten, zog einer von ihnen plötzlich eine Pistole und begann zu schießen. Zwei Rechtsanwälte spränge:: aus dem Fenster; einer war sofort tot, der zweite ist so schwer verletzt, daß an ScSaaalamf«nmgi: Kinder-Westen.S ö 50 Kinder-PuIIover.S 8 50 Jumper-Kleider ... . . S 35—, 49'—, 65 — Spezialhaus fUr Strickmoden jW. Rotzer VI., Marlahllfenlf. 89 (neben Flottenkino) II, TabOMlr. IS (Hotel National) KARLSBAD, Alle Wiese. seinem Aufkommen gezweifelt lvird. Ein dritter Teilllehmer brach in seineln Stuhl tot zusammen, während der vierte, der nach dem List eilte, vor der Tür tot znsammenstürzte. Der Täter ist f l ü ch t i g. Es lvird angenommen, Vermögensstreitigkeitcn der Anlaß de' Schießerei waren. Sin Wersuchtrmord iu der Kirche, Aus Budapest wird uns berichtet: Die Königliche Dafel verhandelte heute über die Revision des Urteils gegen den Kaufmann Franz Schmidt, der am 29. Mai 192(5 den Pfarrer Georg Magyar in der Kirche von Jakabszaltas vor dem Altar durch einen Revolver schuß getötet hat, weil 'angeblich der Pfarrer die Frau, des Angeklagten mit Liebesauträgen verfolgt 'habe. Franz Schmidt wurde in erster Instanz zu. 13 Jahren Znch'thaus verurteilt. Tie Königliche Tafel hob das Urteil der ersten Instanz auf und verurteilte Schmidt zu lebenslänglichem Zuchthaus. Sie nahm als erwiesen an, daß er bereits ztvei Wochen vor der Tat alle Vorbereitungen für die Ernwrdnng seines Feindes, des Dorfpfarrers, getroffen hatte, und daß zwischen dem Kaufmann Schinttdt imd dem Dorfpfarrer geschäftliche 'Differenzen bestanden, die die Ursache des Hasses tvareu. Sensationelle Jefrandaikonsafsüre in Belgrad. Großes Aufsehen erregt in Belgrad die Verhaftung des früheren Kasiiers im Ministerium des Innern, Simon S t e t i c s, der beschuldigt wird, während seiner Amtstätigkeit 1,645.000 Dinar unterschlagen zu haben. Stetics gibt zu, das Geld der Kasse entnommen zu haben, beruft sich jedoch darauf, daß er dies «ms Weisung seines Ministers getan habe, fcm auch das Geld .zur Verfügung gestellt worden fei. Zur Bekräftigung seiner Behauptungen legte -er dem Untersuchungsrichter auch Photographien der schriftlichen Orders des Ministers vor; die Originaldokumente werde er bei der Hauptverhalüilung unterbreiten. Der Minister, unter dem Stetics seine Manipulationen ausgeführt hat, ist der gewesene Innenminister Boja Maximov-ies. krdelys. ei» Komplize der Hochstaplers Horvath. Die Budapester Behörden beschäftigen sich gegenwärtig mit dem ,Vorleben Dr. Erdelyis. In diesem! Znsanrmenhange wurde der Budapester Polizei gestern 'eine wichtige Mitteilung gemacht. Bei der OberstadilMptmannschaft erschien ein .angesehener Budapester Gastwirt und gab zu I Protokoll, idaß ,Dr. Erdelyi Stammgast seines Restaurants gewesen und jedes nral in großer 'Gesellschaft gekom-- men sei und große Zechen genrcrcht 'HM. In der Gesell!- Ae Flucht der Afiifser Sude» nach Basel. Von Dr. Theodor Nordmann, Basel. Während voller 400 Jahre, von rund 1400 bis 1800, dursten keine Juden in Basel wohnen. Um so merkwürdiger und erstaunlicher mutet die Tatsache lau, daß die gleiche Stadt Basel innerhalb dieser „Verbiannnngsperiode", nämlich im Jahre 1789, vielen Hunderten von Elsässer Juden durch Aufnahrne in .'ihre Stadtmauern nicht nur Zufluchh vor Verfolgungen gewährte, sondern diese unglücklichen, verfolgten Opfer der Bolkswut und des Volkshasses beim Ausbruch der französischen Revolution während mehrerer Wochen auf ihre Kosten beherbergte und verpflegte. Schott wenige Tage nach der Erstürmung der Bastille war die Knude von deren Eroberung Und Schleifung nach Straßburg gelangt und hatte sich von dort aus rasch über das ganze Elsaß verbreitet. Feuerwerke und Freudenfeuer sah man allerorts aufleuchten, die Häuser iwtrbeit illuminiert, die Bevölkerung von Stadt und Land feierte die Tage der Befreiung von einen: vielhirndertjährigen Joch durch Uurzüge und Festlichkeiten. Doch bei diesen harmlosen, unschuldigen Belustigungen blieb es nicht. Die Volksmenge, ihrer zahlenmäßigeil Macht sich mehr und mehr beivußt tverdeird, lehnte sich gegen die Obrigkeit auf. Wilder Aufruhr drrrchtobte das Land. Das Straßburger Rathaus wurde gestürmt, die Regierungsbehörden abgesetzt, die Archive in barbarischer Weise vernichtet. Die Wut der aufrührerischen Bevölkerung kehrte sich insbesondere gegen den Adel und gegen die Juden. Die Adeligen, so die Montjoies zu Hirsingen, die Reinach zu Hirzbach, die Pfirt zu Karspach, sollten schuld an der Verarmung der Bauern sein, die Juden als die Gläubiger von manche:: dieser verarmten Untertanen des Elsässer Wels nannte nyrn des letzteren Mithelfer. In bervnßter Absicht lvurde allenthalben im Lande das Gerücht verbreitet, die Juden seien laut königlicher Ordonnanz für vvgelfrei erklärt worden. Auch im Sundgau griff diese bedrohliche Bewegung rasch üm sich. Bor allem waren es die großen Judengemeinden von Hegenheim, Ober- und Nieder-Hägenthal, Buschweiler, Blotzheim und Dürnrenach, aber auch kxrs entferntere Uffheim (Oufen) und Sierentz, denen die Räubzüge der aufrührerischen Bauern galten. Da taten sich denn hauptsächlich die Bolkensberger hervor, die zusammei: mit den Bauern von Michelbach, Ranspach, Bettlach, Wentzwiler, Neuwiler, Lutter und anderen Ortschaften mit Wagen, vermutlich Leiterwagen, nach Hagenthal kamen, um auf denselben den gestohlenen Hausrat heimzuführen. Die Plünderer dränge:: in die Häuser der Juden, zerschlugen die Möbel, stahlen die Wertsachen, betranken sich an dem vorgestmdenen Wein oder ließen ihn auslausen, und sie zerstörten die Häuser. Jnsbesmwere hatten sie es auf die „Schriften" abgesehen, d. h. Ms die Schuldbriefe, die sie in großer Zahl vernichteten. So führten >diü Bolkensberger zum Beispiel vier Wagen :nit geraubten Möbeln und sonstigem Hausrat mit sich fort. In Sierentz drohten die Aufrührer mit dem Niederbrennen der Amtsschreibevei, sie verlangten vom Amtsschreiber die Auslieferung der Judenschriften. In St. Louis wollten Plünderer dort lagerndes, dem Stande Basel gehöreiches Getreide „requirieren", verzogen sich aber wieder, als daselbst 4.00 Mann der Hüninger Garnison einrückten. Me aus ihren Wohnungen und Heimatdörfern Vertriebenen hatten sich teils nach der elsässischen Stadt Mühlhausen, teils über die Schweizer Grenze geflüchtet. Diese Flüchtlinge fanden in der Stadt Basel gastliche Aufnahme. Es waren ihrer eine große Zahl, 708 Personen, darunter gegen 300 Hilfsbedürftige, aus den sundgauischen Judengemeinden Hegenhein: (199 Personen, worunter auch die Ururgroßeltern des Verfassers), Buschweiler 1103), Türmsnchh (193), Blotzheim (57), Niederhagewhal (11p) und Oberhagenthal (41). Me Baseler Regierung sowie 'frie Bürgerschaft nahmen sich ihrer, erfüllt von Mitleid, wohlwollend Und tatkräftig an. Eine besondere Kommission wutt>e seitens der Regierung emannt, der die Einquartierung, die Verpflegung und die Aufsicht über diese zahlreiche .Judengemeinde oblag. Die Flüchtlinge wurden teils in verschiedenen Gasthöfen von 'Groß- Und Klein-Basel, teils in Privathäusern untergebracht. Die Kommission verteilte Fleisch und Brot in großer Menge unter sie, sie ließ die Kranken, ihrer 16, in der Herberge des Spitals' verpfliejgen, und sie sorgte, wo i:nn:er nötig, auch sonst >für medizinische Hilfe. Auch die Bürgerschaft hat auf privatem Wege große Wohltätigkeit an den armen Vertriebenen geübt Und ihnen Ihr trauriges Flüchtlingslos so viel als möglich erleichtert. — Me von der Staatskasse übernommenen Verpflcgrmgskosten beliefen sich Ms 247 Pfund 6 Schilling 4 >Denar, bUv. aus 2!34 Pfund 6 Schilling 8 Denar, da ein Anonymus, ,^ein .Freund der ^Juden", 13 Pfund 6 Schilling an die Staatsausgaben beisteuerte. Schon nach etwa acht Tagen konnte ein Teil der jüdischen Illesuginnten die Stadt wieder verlassen, 'da in einzelnen Gegenden mit Hilfe von Truppen die Ordnung und die Rlche wieder hergestellt worden war. Me Tiürnrenacher Juden allerdings kamen ein zweitesnurl nach Basel, da man sie in ihrem Heimatsort „mit heftigen Drvhungeir abgewiesen" hatte. Doch konnten auch diese bald nach H<mse zurückkehren, so daß schließlich rmr noch wenige zurüjckblieben, solche, deren Häuser zerstört worden ivaren, u:ü> andere, die genügend Geld besaßen, irm sich selbst verpflegen zu können, die also nienmndein zur Last sielen. Nach etwa vier Wochen verließen die letzten die Stadt, in der sie wider Erwarten so diel Liebe sund Guttätigkeit empfangen hatten. Versck-iedewe des .PMnderns verdächtige.Personen, die in Basels Nähe, ober auch in der Stcht fefäft ijbje

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