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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-06 · Heft 3060 (6.9.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3060 (6.9.1927)
Date
1927-09-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Me», Dienstag «Btetttr Morgeazettrmg 6. September 1627 Nr.LM0 Der liebenswürdige Seitz. See RmWeakomreb nach Wien eingelaven ^Üährend der Nachtfitzmrg des 31. August. Ufsis'chkin o. a., B a j e l, 2. September. Auf den Aschen der Kong retzdelegierten lag heute omrgeus -eine wunderschöne Drncksorte. Rechts oben in der Qrae stand: „Den Teilnehmern am 16. Zionistenkongrcß in Basel gewidmet." Es ist ei«? warme herzliche Einladung der Sbadt Men, tot die herrliche, uralte Kteltnrstadk zu konksnen, unverzüglich nach Kongrehschluß. Den Teilnehmern des Ziomstenlongrosses wird ver- Wert: Wer schon einmal in Wien gewesen, der wird ewig Heimweh nach dieser Welt der Schönheit im Herzen tragen und den Wunsch hegen, recht bald wiedetzukommen. Diese Versicherung rechnet mit einem recht kurzen Gedächtnis der zionistischen Mandatare. Als sie nämlich vor zirvei Jahren nach Wien zum Kongreß kamen, hat mdst dm antisemitischen Demonstrationen auch der Herr des Rathauses, djaS auf der TttelsÄts dsÄr Sinhoidung abgpbildet ist, als wollte es debn Gedächtnis der Zionisttzn zu Hilfe kommen, den Kongreß pecht nhSflich aiufgoirommien und ihm die Begrüßung verfaNt. J.dc Propaganda für Wien ist wünschenswert und berechtigt. Und gegen eine Reklame, die auf Wiens und Nisderösterroichs Schönheit, Kulturgüter und Kunstschätze außnerksam macht, ist gewiß nichts einzuwenden, dlber die Teilnehmer eines ZiomstenkongresseS als Mitglieder und s. Gäste des von Wiens BürgernWistsLr so schmählich behandelten jüdischen Parlaments in die - Stadt an der blauen Don cm zu bitten, ist umwevrsagt Worte des Abschieds, jüdische Jugend flankiert den Leichenwagen, der Kongreß geleitet den Toten ein Stück Weges, die Bevölkerung Basels bildet Opalier. Wassermann hatte in Odessa für den Zionismus gewirkt, bis ihn die Tsche-ka verhaftete. Treue Freunde befreiten ihn, brachten ihn über die Grenze nach Lemberg, und seit 1963 lebte er in Bessarabien der zionistischen Arbeit, war ununterbrochen auf Propagandareisen für den Keren Hajessod, kam krank nach Basel und starb. Wer heute mittags vor dom Messehaus seine engeren Freunde sah, die seitwärts standen, verwaist, wortlos, bekümmert, hat einen Blick in das herzinnige, in das heilig'. Freundschafts-, in das Gemeinschaftsleben russischer zionistischer Vorkämpfer getan. klemenceau im Sterb«l. gm 88. Lebensjahre. P-LLiLs>.5. September. .Georg C l e.m c movaru,'dSfMM 20. September 86 Jahre alt werden soll, hat Men Anfall von Herzschwäch e erlitten. Gr liegt im Sterben. —^-->-r Äie Aufwertilns Der Sfterreichischen Borlriegsrenleu. Parts, 5. September. Im Oktober werden hier Vertreter der Nachfolgestaaten zu einer Kvnferenz zusantmentrcten, um über die Aufnahme des Zrnsendienstes für die österreichisch-ungarischen Borkriegsntcn zu beraten. Geruch Preise verlautet, daß für die im Ausland hinter legten Renten eine Revalorisierung bis z-u: 74 Prv" ze n t in Aussicht genommen sei. Re Ueberschwemmung in der Bukowina. Czernow'itz, 5. September. Die »Meldungen aus dem UeberWviemmungsgebiet lauten immer trostloser. Zwischen KLmpolung und Czernvmrd sind die Der-- uüstzmgen am ärgsten. Der Schaden wird^schon jetzt auf mehr als 60 Millionen Lei gestützt Im Norden des Landes ist eim Mm tcdMvbrl, auf dam sich 16 Personen befanden, weggerisstn wordar. Nuch> in Süd b css ar ab item find viele »Menschen ums Äckten Mckommen. 2« N«g um die Welt. KurrMtzL, 6. September. .(Wolfs.) Das Flugzeug ,IMdc of Detroit^ ist heute mach WllaHw-bad weitörgeflogen. Ae BAkerbund-BersammN Uruguatz erhSll de» Lorfitz. 0. ftrwr -e n. Und die Leirung des Kongresses hätte den Wortlaut der Einladung prüfen müssen, bevor sic seine Verteilung im.'Saale gestattete. Am Kongreß zu Basel, wo die überaus herzliche Behandlung des Zionistenkongresses die Wiener Affäre vom Jahre 1926 doppelt fühlbar macht. Am Wegr gestorben. M i t t a g s st u n >d>e, 2. September. Vor dem Kongreßgebäude ist eine kleine Tribüne errichtet, d-ie Plenarsitzung wird unterbrochen, die AusschWe vertagen die Beratungen, die Bureaus schließen Me Pforten, aus den Kandelabern vor dem Messehaus steigen' bleich die Flammen auf, der Kongreß versammelt W auf dem freien Platz und.erwartet den schwarzen Wagen mit dem Sarg des Delegierten Jakob Wassermann. Er Hat in Bessarabien mit Hingabe für den Paläskmaaufbau gewirkt, kam krank nach Basel und starb. G enf. 6. September. Die ach t s B o lk^LH-wn-'dversammlung wurde.heute vormittags, kurz vor 11 Ilrhr, ohne besondere Feierlichkeiten Eröffnet. Das BlKd des RosvrmatwnssaaleZ bot keinerlei Ueberrafchungen, zumal di? Abwesenheit Lord Robert Eeeiis und Senators de Jouvencl schon bekannte Tatsachen find. Von AeußerlicMeiten sei zu evwälhnen-, daß man den hohen Baldachin über dem PvästbentenlfiH entfernt hat. Die JournMftentrMnen find, wie jedes Jahr, so auch heuer mastlos übe rfüllt. Zehn Normten vor *1 Uhr beginnt Ratspräsident Bill e g a s - Chile seine Begrüßungsrede zu verlesen. Nach einigen verbindlichen. Worten an die Adresse der Schweizer und ihres Bundespräfidentm lß-t t la hebt er in scim-er Ansprache hervor, daß' der VoLkevbund best Kvais dev ihm gestellten Fratzen und Probleme stetig erweitere und die UmversalWt anstrebe. Nach einigen G-e4»w n tlvw r -. ten für Wtls.on und den südameriikanischen Freiheits-. Helden BvHiiba r erWrte Willegas die achte Völkerbund-. Versammlung für eröffnet. Bei der Prafidenienitvahl des Völkerbundes wurden 47 Stimmen abgegeben, so daß die absolute Mehrheit 24 betrug. Es erhielten der Führer der Delegation von Uruguay, Guan i, 24 Stimmen, der frühere österreichische Botschafter Graf M e n s d o r f f 21 Stimmen, die restlichen zweii! Stimmen waren zersplittert oder ungültig. Ratsptti* fident WM« g as eErt darauf Grumi zmn Präsidenten der 8. BöVerLUndversammlüng gewählt. Bei dev Besetzung der Bizepräsideutenstelle wurde Me nsdorff in Stichwahl zu 'einem Mitglied des Vorsitzes gewählt. RomaMtt des Reifens. Von Heinrich B. Kranz. Tas-'Reisen hat längst den Charakter der Entdeckuugsfatzrt verloren. Me einst unbekannte Erde ist heute von tcchsenden Forschern durchwühlt, die -exotischesten Gegenden tragen den Stempel von.Gesittung und Zivilisation. Wohin sich der Blick. toendet, findet er die BerküiMr 'der neuen Zeit: Gilettapparate und Grammophone. Von 'Pol zu'Pol fliegt mit Zauberschnelle der neueste Charleston, in Grönland und in der Sahara wird zur Jazz! getanzt, vergebens flüchtet man in einsame Wälder. Einst lockte der Zauber der Gefahr zur Reisq in tro-, pische Dschungeln und auf ferne Meere. «.Mute kreuzt man in Luxuskabinen, sorglos schlummernd, die weiten Ozeane und rasende Autos bahnen sich Weg durch Urwald und Wüste. Von Kontinent zu Kontinent schlingt.der Mansch, Sieger, über Phantasie und Träum, 'mit technischen'Zauberkräften sein magisches Band. Dennoch ist diese Welt von heute nur' scheinbar 'alles Wunderbaren entkleidet und die -Reife von heute ist nicht weniger von Poesie erfüllt als einst. Da fährt mau aus dem Bahnhof hinaus: Tsie Räder des Zuges rattern unter bcn Füßen, Telegraphenstängen jagen vorbei, behütet von krachender Ordnung, errechnet der nüchterne Sinn Ankunftszeit und Abfahrt. Noch ist man dieser Welt nicht entronnen: Der Arm des 'Gesetzes reicht über Ozeane und die Macht des Rechts wohnt ans den Polen. Ueberall regiert Geld, imb die Natur beugt sich der Gewalt der Technik. Aber da beginnt das -Herz einen anderen Takt .zu Wagen, das Auge glänzt in geheimnisvoller Sehnsucht, die Brust atmet befreit auf, der Rhythmus der Reise wiegt einen in eine andere Gegenwart. Micke in dein Herz, Mensch, auf der Mise! Dort findest du alles wieder: Die ahnungsvolle Erwartung und den Reiz der neuen Bilder, die Spannung dler Ungeduld und die Ungewißheit der kommenden 'Sekunde. Die Postkutsche ist zwar dahin, die Wilden sind in 'ben Frack geschlüpft, die Räuber besorgen ihr Haudtverk in strahlenden Spielkasinos und Gewehr lause drohender Polizisten bewachen Dschungeln und Berghöhlen — aber, deiner Phantasie kann dir nienmnd rmiben und die Romantik der Meise'wird dich nie verlasseri. Da ist das Ziel der Reise: Dt: löerauscht dich ivochenlaug an den Möglichkeiten der Mahl, deine Gedanken spielen mit Brldenr rmd Abenteuern: ist das Nicht wunderbar? Da ist die Abfahrt: dein Weg ist bezeichnet und die Stunde, beßchrmt. Nun stcht der Zug in der Halle. Und doch kannst du noch immer nicht daran glauben, daß du sortgehst. Es bleibt immer einnlierkwürdiges Wort: Venedig oder Paris, Tirol und /Spanien. Denn die Fremde ist irnmer ein Märchenland. Dann fährt der Zug aus der Halle. Me LokomtMive pfeift,und die Räder achtzen. Wie oft hast du dies schon .erlebt und w're unwirklich bleibt es dir dennoch! Bald Mfl du fern von allenr, was dich bisher umgab, du Willst zurück, denn fo hattest 'du es nicht gemeint — aber die Feme lockt und winkt: Ueberall er- Wartsch dich .Abenteuer, ln fcder Süüion rnatz dir dein Glück begegnen! Und dann ist. das freuche Land' da unp dire fremde Sprache. Fremde Menschen gehen Zn dir vorbei Und fremde Wände uwgeben dich. ,Du stehst wie ein Soldat auf der Wacht oder wie der ,Seemann ans denr Lügaus. Dein 'Äuge wird scharf und Hein Sinn gespannt. Denn van allen Seiten droht jetzt das Unbekannte: ein Weg, ein unverständliches Wort, eine unbekannte Sitte. Alles neigt sich d'ir zu: der Berg im »iDpm und der See int Süden, dort drüben die Kathedrale und hier der Schatten eines Parks. Du fühlst dich reich beschenkt, denn die Wahl stcht dir zu — aber gerade diese,FMä verwirrt' deinen Schritt. Alkes erscheint dir unwirklich nah Und zugleich unfaßbar weit. Du beginnst zu atznen, daß alles nur 'ein Abbild ist, nie erreichbarer Träum, ewig Spiegelung deines eigenen Ich. Noch immer bist du rastlos bemüht, du 'streckst die Hände aus, um die nahm Zauber zu erfassen — aber du hMst nur die Fata Morgana deiner Phantasie umfangen. Auch die Zeit kehrt dir aus deiner Reis«! ihr anderes iGeficht zu: das der .Unendlichkeit. Hier, wo, du nicht an Pflicht und Gewohnheit, nicht au Muß und Soll gebündelt bist, öffnet sich dir jede Stunde toie eilte erwachende Blüte. Du genießt deit Zauber des Morgenaufgangs wie ein nuees iGehermnis und däs Rauschen der MeereAvellen wie einen Gruß der Ewigkeit. Alles muß dir tounderbär erscheinen, tveil du wach dem Wunderbaren, auf der Suche bist und 'alles feltsant, lveil du dich selbst bisher nicht 'kärrntest. Du bist auf einer Reise und es istz so, 'als wärest du auf den« Abege zu dir. So fährst du voit^Sttwt zu Stadt, -vort Land zu Land, über Berge, Täler Strönre.und Meere. Alles ist rontantisch, lvnnderbär, anders «als du es erivartet hast. Die 'Glocke vom Kirchturm, die Tapete ait der Wand, ein Schild über dem Bäckerladen und das Lächeln eines unbekanntenl IMädchetls, — überäll Abenteuer, Sensationen,- ltngeahnte Welten. Vielleicht hast du dies alles bei dir zu Hause gehabt, eiuige Schritte dort deiner Mahnung entfernt, «;s war dir j demtoch ferner als hier. ,Denu nun hast du deirr Äuge geöffnet und dein Herz laufgetan. Ueberall glaubst du das Muck finden zu können, ,das du zu HMfe 'vergebens gesucht ^ast. Weil es dir in den Weg lausen kann, sind -deine Sinne trunLert. Mt tausend Möglichkeiten spielen deine! Erwartungen und mit sausend neuen Hoffnungen betrittst du jede Unbekannte Stadt. So, wird dir der Park zum wilden Urwvld und das ,Auto,znr '^Postkutsche von airuo "oazunräl, der Itthrplan aber birgt hie R'vinantik der ganzen großeir Welt.' Ja, das Reifen ist nicht nüchterner als einst, nur bequemer, das Ziel .Nicht näher, nur Mgeivisser. Zieht es dich!in weitere ^Fernen, so ist es' nur die größere Ungeduld kn deiner Brust,' trecht es dich ivasttos-er Von Mt zu Ort, so ist es Mr.die heißere Erwarttmg. Ueberall! gibt 'es ja Sommer und Winter, Herbst Und' Frichlmg, 'Sonnenaufgang und Abenddämmerung — du willst -es nur nicht wissen, dich selbst belügen willst du und es ist recht so. Denn' deine Sehnsucht nmß ihre Flügel spannen, sonst erschlafft sic und «teilt >Hcrz muß vor Ungeduld zittem, sonst schläft es :cin. i Romtzutik des Peistns! «Wann »pird sie nicht mehr die Mjenschen über die. Erde jagen, vorn Meere zu Gipfeln, von Wüster: in Wälder?! Nur wenn das Herz der Menschen tot ist und jihre «Augen leer. «Wenn es nichts mehr zu hoffen gibt und nichts unehr zu erwarten, wenn alle Zukunft vorausbesttmmt und dler Zufall begrenzt ist. Bis dahin aber wird >fte 'weitevleben. lAtlei Wunder an Erfindungen, aUe Entschleierungen der Naturrätsel können ihr nichts anhaben. Sije «liegt ja -nicht in der Welt da dckaußen verankert, sondern in «uns selbst. Und lvenn heute mehr.gereist wird »als je zuvor und jeder neue Dag das Reisefieber der «Menschheit steigert — vielleicht suchen wir die .Ursache in «der allgeinviueni Rastlosigkeit uuslever Zeit, also >iu uns selbst. Keineswegs sind Eisenbahn und Luftschiff die Verführer. Wen sollten diese «auch reizien, Än Heim.zu verlassen, darin man tvahrhaft glücklich ist! Wer würde tagelang auf der Reise sein-, um dlanu vor ein!er Landschaft,zu stehen, die auf der Film« leinwand längst «alben Zauber der Ferne verlor! Ter Komfort der Reise ist cs nicht, der 'zu ihr hiuz-ieht, noch die wachsende Schnelligkeit von Auto und Eisenbahn. Tenn die Nomtzntik ein!es Schnellzuges ist nicht anziehender als die der Postkutsche. Wir reisen, um der Stimme iu nnserem Innen: zu gehorchen, die nach Wundern ruft. Wir sind, dlas ist der tiefere Grund, uienrals hungriger nach Romlcmtii gewesen, als heute, und deshalb gehen wi- - die Reis,-.

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