Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3060 (6.9.1927)
- Date
- 1927-09-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Aren, Dienstag Wiener Morgenzettnng 6. September 1927 Nr. 3060 Weizmanns Schlußwort in der Generaldebatte Die Rede gegen die Svposttion. Ftt der Sitzung vom Samstag abends ((. Sitzung), die um ll(>r begann, sprachen die Delegierten Dr. Bernstein (Ncwhvrf), ,>ran Bcnzion (Kanada), Dr. Leon Reich (Lenrbera), Bernheim (Parts), Jean Fischer (Antwerpen). Dr. Becker (Genf), P acDMk! (Rom). Ab. Gnldbera Mwhprl), urv Colonel Kisch. Sodann hielt PilMent Wer»mann sein Schbrßwvrt, dessen lranptsächlichsten Inhalt wir nach denn telephonischen Bericht unseres Korrespondenten gestern mittags veröffentlicht lnBeri. Wir Ivsien rnrn die Rede nach dem offtMVm Text (gekürzt) Men. Es fft keine einfache Aufgabe, tv diesen schweren Zeiten einer wenn auch noch so gemäßigten und vielkeÄht ans mancher Seite noch so wohlwollenden Kritik zu begegnen. Aber wenn Ich mir die große Pth-crlanx d-er Gegner vornehmen sollte, so würde cs orne sehr lange und vielleicht langwierige Anwort werden. Ich will zunächst einige Kleinigkeiten aus dem Wege räumen. Der Vertreter des Misrachi hat mich beschuldigt, dag ich zu einer.Sitzung des Misrachi in Washington nicht gekommen bin. Ich glaube, der Schluß, den mein Freund Farbstein daraus gezogen hat, daß ich zu einer Sitzung der Linken sicher gegangen wäre, ist etwas vorschnell. Ich bin in die Sitzung des Misrachi nicht gekommen, weil ich von Arbeiten überwältigt war. Ich habe nrich mit den Führern des Misrachi in New Pork sehr eingehend ausgesprochen und ich glaube oder glaubte wenigstens, daß sie von meiner Erklärung befriedigt waren. Den ganzen Vorfall irgendwie politisch zu mißdeuten, ist ein Vergnügen Farbsteins, und dos Vergnügen muß ich ihm lassen. In dieselbe Kategorie von kleinen Vorwürfen gehört das Hervorheben noch anderer Unterlassungen, deren ich mich schuldig gemacht haben soll. Ich bin eben ein "sehr beschäftigter Mensch, und manchmal fällt es mir schwer, allen Ansprüchen nachzukommen, die an mich gestellt werden. Verl Katznelson sagte, die Tatsache, daß der Präsident dtzx Zionistischen Organisation es für nötig befunden habe, zu unterstreichen, daß die Kontrakte mit den Kolonisten direkt gemacht werden sollen und nicht mit einer dritten Körperschaft, deute auf den neuen Kurs. Er hat sich unnötigerweise darüber aufgeregt. (Sß. sollte ihm jedenfalls bekannt sein, daß in der Mitte der Exekutive seit Monaten eine Diskussion über diese Frage besteht. Mist eine rein sachliche Frage, die mit Kursänderung nichts zu tun hat. Verschiedene Menschen, die über 'diese Dinge ein Urteil haben, behaupten, daß ein. direkter Vertrag mit den Siedlern' a n ch ein größer es Berantwortum-xes- Mfüh l im Siedler hevvorrusen würde. Und nun die alljährlichen Reden. Gerade am Tage, da Herr Grün bäum seine.Rede gehalten hat, kam mir das eße'n erschienene Protokoll.des porigen Kongresses in die Hand, und ich habe mir gedacht, — und ich sage das, ohne irgend einen Wunsch, den Wert der Rede des Herrn Grünbaum herabzufttzen, — Herr Grünbaum könnte dem Kongreß Zeit ersparen, wenn er auf jene Seite des Protokolls einfach Hinweisen würde, auf welcher seine Rede vam vorigen Kongreß abgedruckt ist«. (Zwischenruf Strickers: Das kann man auch von anderen Reden sagen.) Weizmann: Ich leugne nicht, das man das auch von anderen Reden sagen kann. Zur Abwechslung hat er drei bis vier neue Sätze eingeschaltet und einen icitsn Schluß gemacht. Herr Guedalla hat schon auf 'den Unterschied zwischen politischer Kleinarbeit und einer großzügigen politischen Tat hingewiefen. Ich kann mir jedoch nicht helfen. Wenn Herr Grünbaum g «sagt hätte, was er.unter einer großen politischen Tat versteht, so wäre ich imstande, ihm zu »n-tw orten, ob sie nach meiner Meinung möglich ist oder nicht. Aber wenn man so einfach ins Blaue des Kongresses Nneinwirst: Wir brauchen eine große politische Tat, so frage ich, was ist das? Wie macht man das? Scheinbar als Antithese wurde von der Kleinar-beit gesprochen. Ich habe seit Jahren gesagt, daß unsere Arbeit sich zum großen Teil aus Routine zusammensetzt. Die Hauptsache ist, daß die Summ« dieser kleinen Ding« einen Fortschritt bedeutet. Große politische Toten goschehen einmal in zwanzig oder fünfzig oder noch mehr Jahren. Damit kann man nicht jetegmoK aufwartmi. Und ich glaube nicht, bah man es irgenb einer Leitung als Schuld vorwerfen kann, bas sie feine großen politischen Taten erfunden hat. Die politische Tat paßt sich dem Lchen an, das Loben W'Ur t dieDing e, und sollte es sich >e»rnden, daß vielleicht eine große politische Konjunktur entstcht, dann wird wahrscheinlich der politische De i-t«r, d e r daun d ie G e s ch i ct -e der B «r weg u n g l e i t 0 N w i r d, p.j n k großp P l i t i) ch * %at vollbringen. Vielleicht ist es hier angebracht, etchas zu sagen, was ich einmal ln einer A. K.-Gitzunl! berichtet habet Nach dom Beschluß von San Nemo — weiß nicht, oh er zu den großen oder kleinen Taten gehört sagte einer der führenden englischen Staatsmänner F» mir: „Die Welt wird jetzt einsrieren. Es wird noch dieser ungohttrren Aufrührung, bür Ihnen eine besondere Konjunktor gebracht hat, eine Ermüdung eintreten, und Ihre Seche wird eine schwere Zeit durchzumachen haben. Die Welt sieht so ans, wie das Baltstche Meer vor einem Fräst." Ich habe mich auch wivkUch gewundert, gerade. aus dem Munde des Herrn Grünbaum den Hinweis darauf zu Hören, was eine Regierung tut, wenn sie wir>klich helfen will. Er spielte da offenbar auf die S o w je t -Regier u n g an, die der jüdischen Kolonisation iu Rußland Hilfe bringt. Ich kann mir wirklich nicht Helsen, hier liegt vielleicht ein gründlicher Unterschied zwischen uns vor, ums Geschmacksrichtung und Abschätzung von Werten betrifft. Alles in allem genommen, ich ziehe hie langatmige Allste der Engländer) der raschen Hilfe der Sowjet- Regierung vor. Ich weiß doch genau, daß dia-se Hilf« gefärbt ist durch einen politischen Zweck. Das wissen Sw ja alle. W eum man es braucht, macht m« n es eb«n schn e ll, u n d so kommt e.-s, daß die Sowjet-Regierung ei ne rse i t s d ie I u de n auf dieErde pflanzt uN'id andere rse i t s u n t c r der Erde in den sibirischen Kerkern hält. (Applaus.) Der neue Ton, der in die Diskussion gekommen ist, ist der: Niemand ist zufrieden mit dem politischen Kurs. Man fragt mich: Warum decken Sie diesen po li tische n K u r s? Es ist eine delikate Angelegenheit. Die Rolle des politischen Leiters der Zionistischen Orgatrifation und es ist gleichgültig, wer immer es sein wird — wird immer zum großen Teil darin bestehen, die zionistischem Wünsche gegenüber der Man» dattammcht zu interpretieren und umgekehrt, die Wünsche und Antworten der Mrnbatarmacht gegenüber der Zionistischen Organisation zu interpretieren. Und bas ist ein« ungeheuer schwierige und delikate Rolle. Es ist möglich, daß ich nicht die Qualifikation dazu habe, aber ich erlaube mir den Zweifel auSzu« f-prechen, daß die anderen die besondere Qu «l i f i sa t i a n dazu ha b e-n. Da sie die Exekutive nicht nur für ihr« Taten der Exekutive verantwortlich machen, sondern mit der Administration ziemlich identifizieren, so sind wir nottvendigevweise sehr oft gezwungen, die Mandatarmacht ihnen gegenüber wohl nicht zu decken, aber ihr Verhalten zu «Mären. Sie machen doch die Exekutive verantwortlich nicht nur für ihre Leistung oder Mchtleistung, sie machen sie auch verantwortlich für ‘ alle Dinge, die die Administration tut oder unterläßt. Darin liegt eine gewisse Identifizierung, die ganz natürlich ist, und es ist deswegen auch ganz natürlich, daß in diesen Erklärungen ein Schein von Identifizierung ist. Mrr ist ifctor Zionismus genau so verständlich, wie irgendeinem in dörsorn Saal, und ich verstehe sehr gut, daß das jüdische Nationalhoim nicht identtfch ist mit dar Mrndaiarmacht. Ich verstehe aber auch ganz gut, daß es zum großen Teil unsere Aufgabe ist, die Sache so M lerhen, daß man die Mmrdatarmacht in ein Mnimmn von Verlegenheit bringt. J-ub-o t-i ns-'ky hat sich großen Zwang angetan. W-emn es so weiter gecht, wiLd er uns alllen, auch mir, noch viel zm gemäßigt werden. Daß Ganze ist reduziert worden, auf einen .Unterschied nicht qualitativer, sondern quantitativer Art. 'Es gibt einen Jabotinsky, der im Kongreß i st, u n d den wir alle mit sehr gro ß em Vergnügen gehört h ab e n, und cs gab ni chrer« I ahotinskYs, die im Laufe dieser Kongreßperiyde geschrieben und g e-sp r o ch e n h a b e n. Und diese zwei Jabolinskys hoben in verschiedenen Sprachen gesprochen. Ich will mich mit der Methode beschäftigen, daß er mir in aller Freundschaft und In aller Ließ« «in« Psychose zugeschrieben hat. Ich arbeite, meint er, unter einer Psychose, und ttwnn ein Mensch so ist, so ist er unverbesserlich, also muß er gehen. Die Psychose besteht darin, daß ich alles unter einem Mnkel, und zwar unter einem schiefen Winkel sehe. Kurz, es war eine Art psychoqluckytischer Studie des Prüsidsnten der zionistischen Bewegung. Ich will nicht mit derselben Münze zahlen, aber Herr Jabotinsky hat eine Reihe von Tatsachen angeführt, von denen man nur sagen kann, daß er sie nur unter einem bestimmten Winkel, nur für einen bestinrmten Zweck, nur um ejn«s psychischen Effekts willen, mir um ein bestimmtes Resultat zu erreichen, zusammengestettt hat. Zum Beispiel: Er erzählte, daß «in Polizist in Iernsalem Selbstmord begangen hat, und sagt«: „Seht, so werden die Juden behandelt". Entweder weiß er, was geschehen ist, dann hätte ex diese Tatsache nicht zitieren sollen, oder er weih es nicht, dann ist es eine Psychose, wenn ex eine Tatsache, d i e ü b e r a l l p q f f i« % « jj kann, auf eine bestimmte Theorie zuspitzt, die in setnerl Kram hineinpaßt. Ich will ans Gründen, die Jabotinsky sehr gut verstehen wird, die wahre Ursache dos Todes dissss Polizisten nicht zitieren, aber ich glaube, daß all«, dir aus Palästiim kommen, misten, daß dt« mm Sache nichts 311 tun hat mit der Leitung d-k Polizei oder der .Haltung der snglischsn Mgkrung. AUS den großen Komplex von Fragen betrifft, die. sich auf S ch u tz z 0 l l, S t c u e r n 11 j w. beziehen, — es sind außerordentlich wichtige Fragen, aber ich glaube, bei allem Respekt, den ich vor dem Kongreß habe, nicht, daß diese Fragen in dieser Bersanuulung richtig behandelt werden können. Herr Jabotinsky weiß genau, daß wir seit Jahr und Tag die Regierung drängen, um hier gewisse Veränderungen zu e r z i e l c u, und ich glaube, der Vovnckrf, den man dor Regierung machen kan», ist der, daß e ß z u l a n g s a m g e h t. Aber ich glaube, w« n it d« r Iud « nstaat einmal k 0 m m e n chK xd, tvkrd sauch dort eine Administration, eine Bnreautratie geben, der man vovwerfen wird, daß sie eine b ö l z e r n c Maschine ist, die langsam arbeitet. Ob eine allgstviSlue Schutzzollpolitik in Palästina möglich ist, ist eine prinzipielle Frage. Es tvird noch lange dauern, bis diese Frage endgültig erledigt ist. Wir Haber! die Regierung veranlaßt, anstatt empirisch, von Fall zu Fall zu entscheiden, ob diese oder jene Indrrstrie geschützt werden soll, di« ganze Frage vom Standpunkt des ganzen Landeszu stuVieren, und wir sind aufgefordert worden, in dieser Beziehung einen Vorschlag zu machen. Dies ist ein politischer Fortschritt und anders läßt sich mit der Regierung nicht verhandeln. Di« Engländer sind mm einmal em langsames Volk und wir sind es nicht. Wie Herr Kisch schon geschildert hat, hat die Palästina- Regierung in den letzten zwei Jahren verschiedene Konzessionen gemacht, aus empirischem Wege, speziell ans dem Gebiete der Textilindustrie. Es besteht die Aussicht: In Palästina werben sich wahrscheinlich hundert kleine Industrien entwickeln, von denen neunzig verschwinden werden. Und es ist Wesentliche, di« entwicklungsfähigen Industrien, di« übng bleiben werden, zu schützen. Ucber dis Frage der griechischen. Siedlung Habs ich zufällig etwas gelesen. Es ist wMich e i n v u r « e 3 u f a 11 aber ich habe es doch geleisen. Zufällig haben meine Freunde und ich sich sehr eingehend für die Sache interessiert. Wir Hachen zufällig einen Manschen hmgoschickt. um die Sache an Ovt und Stelle zu studiere-n und uns Bericht zu erstatten. Und zufällig kenne ich die Ziffern. Jahottnsty hat gesagt: Wir haben, in das Lgnd feit dem Anfang unserer A-rboit 10 oder isi Million-eu hineingesteckt. Dafür sind .72.000 Menschen ins Land gekommen- Die Griechen haben in den letzten 6 Jähreir Millionen Menschen aus Anatolien nach Oiriechenland gebracht uwd dafür 16 Millionen ausgegelben. jabotinsky sagt selbst, daß die Sachen nicht zu vergleichen wären. Gr würde es verstehen, wenn, die Kolornsationskssten 2-, 9-, 4- oder 5mal höher zu ftchpn.kämen, aper nicht 20- oder 90wal. Wäre nun die Dache wir-Nich so, so 'könnten wir einpacken und gchm. . Aber nmH tut Gott? Es ist nicht wahr. (HvityxtW.) Und weswegen ist es uicht wahr? Erstens, wenn wir gesagt hglben, daß die Juden 10 Millionen investiert haben, so heißt das noch nicht, daß man diesen Betrag für die Kolonisation ausgegeben hat. Da gibt es .^nvestiemaßen in die Häuser von Tel Motiv, BodcrMufe des Keren Kajemeth usw.. HineinMngen van Geldern, von öffentlichen. halb- oder ganzöffentlichen^ und privaten 'tft nicht identisch mit der Ausgabe von Geldern für Kolonisation- Diesen Eindruck wallte num e-rziolen. Zu dem seitens Grtochinttands aufgcwendeten Kapital inuß noch eine Kleiniglkeit Hinzuge« fügt werden. W sind % Millionen Hektar Landes, die einen Wert von 26 Millionen Pfund haben, zur Pevfügung gestellt wordm. Außkvdsm ungeMr 7Q.0QQ Häuser. Außerdem wieder war das Land tatsächlich zu zwei Drittel oder vielleicht nur zur Hälfte bebaut mit.fertigen Pflänzsn. die einen Ertrag sofort Mieferrr konnten. Das heißt, man konnte schon morgen davon leben. Drittens waven es kleine Juden, sondern a u a t 0 l i s ch e B a u e« n. ur,d das ist ein gewaltiger Unterschied. Viertens, und dies toird auch Herr Jabotinsky zugckeu, ist doch, trotzdem die Flüchtlinge arm tvaren. eine gxoße Monge Prtv a U ö p i 191 hineingekommen, so daß diese 18 Millionen sich wahrscheinlich auf einen Betrag von 60 bis 70 Millionen erhöhen dürften. Dann aber ist das Bild anders. Es wird dann ein Verhältnis'von 1:2, vielleicht von 1:3 hexauSkommen. Tatsächltäj war di« gktechische Kolmttsartvn sBr iiUUu, und ich glaube, daß wir dteSbezttglich viel zu lerncii haben. Sie wurde zum Teil van etnenr Engländer gelintet, und wir habe» ihn Mühtisn, nach Palästina zu ksnnmn und uns feine RkttschMgo zu erteilen. Sisulich fuhr cifi bedeutendem englischo-: Fqchmgrm durch unsere ^o(öni? und berichtete, daß unsere Kolonisation Wohl tMer sei, aher dies sei eine Kompensation f ü v - g s in e n s ch l i ch e L e k d. Wir haben unsere Kolynisation mit einem relativen Minimum voi^ menschlichem Leid gemacht. Die griechische Kolonisation ist sicherlich ein glänzender Ensvlg, aHer vevbunden mit einein ungeheuren Prygentsatz po» menschlichein Leihen. Ist' das Verhältnis her Kosten dieser beiden Kolonisationen 1:2 oder 1:9, sp ist es eben nicht 1:30. Wenn man diese siinstänhk in Epioä-gung zieht, so ergibt sich für uns Zionisten darmrs eine große Lehre: Wenn die politisch eu Bed-tuanagen in Palästina anders wären, so wäre dr« KolsnsesKtion biMix!sp. Die rifrtW-1 irtli