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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-05 · Heft 3059 (5.9.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3059 (5.9.1927)
Date
1927-09-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sekte 2 Wien, Meniaa Wiener Morgenzeitung ötryj überschwemmt. Die Wasserkatastrophe in Galizien. Die Nachrmitcu vmr der ttebe r s ch w ciHJtuutj & £<rtaftcophc in Gal izien bringen stündlich immer grauenhaftere Einzelheiten und lassen den Umsang dos großen Unglücks nur ahnen. Besonders h-artbetroffen ist die Stadt Stryj, die am gleichnamigen Fürst! liegt, der in den Dnjcstcr mündet. SLryj war der Ausgangspunkt -er Ueverschw-tlnmung, die in der Nacht vom letzten Mittlvoch auf -Donnerstag durch ununterbrochene Wolkenbrüche erngelcitet wurde- 6 ülhr früh kam die Schreckensnachricht, daß die Fluten herannahtcn. Sie haben ungefähr 36 Gemeinden in der Urntzcbung der Stadt weggeschwemmt und bereits ein Drittel der Stadt unter Wasser gesetzt. Stryj ist eine Stadt von ungefähr 39.000 Einlvvhnern, die zu gleichen Teilen von Polen, Ukrainern und Inden bewohnt wird. Sie ist ein nichtiger EisenbahnkiwtenPunkt und vermittelt den Weg von der Tschechoslowakei nach Rußland. Ter Ort ist eine Dependance des Pctroleumgc-bietes von Dr ohobycz und Bory slaw und ist wirtschaftlich mit starken Fäden an Wien geknüpft. wv zahlreiche, aus Stryj gebürtige Familien leben. Sic haben nun auch den Namen der Stadt zum Ausgangspunkt einer Hilfsaktion gemacht, die am Sonntag abends in einer Versammlung im Cafe Atlashof eingeleitet wurde. Der Hilferuf „Stryj überschwemmt!" hatte' sehe viele Personen, namentlich die hier studierende Fugen-, nicht nur aus Stryj, sondern auch aus anderere Städten, versammelt. Die mit dem letzten Zug aus der Stadt noch nach Wien abreisen konnten, gaben ers ch ü tt crnde Schilderunge n von der Lage des Ortes, der durch die noch am Samstag andauernden Regengüsse noch mehr in^Bedrängnis geraten ist. Der sonst in einer! Breite von 100 Meter dahinerlende Fluß führt jetzt Wassermasscnin einer Breite von fünf Kilometern, der nördliche Teil der Stadt, die 400 Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist überschßvemmt. Nicht einmal die vor 35 Jahren erfolgte Heimsuchung der Gemeinde durch Feuersbrünste, auch nicht die vor 70 Jahren stattgefundeue Ueberschwemmung hat so verhörend gewirkt, ttne die gegenwärtige Katastrophe. In der Stadt herrscht ein Chaos, ähnlich bier Zeit der russischen Invasion. ES haben sich bereits Fälle von Erkrankungen wie Typhus gezeigt. Bisher weist mnn mtr von 3 bis 4 Personen, die im Stryj den Tod in den Wellen gefunden haben. Unermeßlich ist der Schaden an Geld und Gut. Die polnische Regierung hat eine Million Mvth zur Verfügung gestellt, doch müßte, wie dis Eingeweihten sagen, zur Linderung des Elends mindestens hundertmal soviel aufgebracht werden. In der gestrigen Versammlung wurden gleich namhafte Spenden gezeichnet, die größtenteils auch sofort erlegt wurden. Es wurde ein Komitee gebildet, dessen Vorsitz Herr Dr. Josef El ln er innehat. Das Komitee werdet sich an alle Landsleute und Hilfsbereiten, durch Spenden von Geld und Gegenständer der Not unter der durch die Ueberschwemmung schwergeprüften Bevölkerung zu steuern. Weggeschwemmte Dörfer. Le m b e r g, 5. September. (Tsch. P. A) Das Woiwodschaftsamt erhielt Berichte über neue Überschwemmungen auf dem Gebiete der Lcmbcrger Woiwodschaft. In der Gemeinde Jwanice befinden sich 350 Bauerngehöfte unter Wasser. Im Bezirke Doliira stehen 27} Gemeinden und zwei Städtchen unter Wasser. Irr diesem Bezirke sind acht Personen nrnö Leben gekomnven. Zivei Eisenbahubrücken rvurLen schwer beschädigt. Der Mater ialschrtdeiij beträgt allein an den staatlichen - Objekten 800.000 Zloty. In dem Bezirk Dl um« es lrmrden sieben Dörfer gänzlich verwüstet. In den: Bezirke Kosbtzvw sind acht Personen, in der Ortschaft Horocow sechs Personen ertrunken. Irr diesen beiden Ortschaften wurden 50 Bauernhäuser vonr Wasser glatt weggeschwemmt. In Zabie sind sieben Personen, in Rostok fün^ Personen ertrunken. In diesen beiden Ortschaften Wurden, hundert Bauerngehöfte vom Wasser weggeschwemmt. In dem Bezirke der Woiwodschaft St anislau hat sich die Lage insofern gebessert, als seit Samstag abends der Eisenbahnverkehr wieder ausgenommen wurde. Wie antisemitische Sank in Pole» geschloffen. Setrügerelen Selm „Rozwoj". Warschau, V. September. (I. T. A.) Die Regürrurg hat dre zwangsweise Schließung und Liquidation der-von der antisemitischen Gesellschaft „R ojhiftT zwecks Forderung der antijüdischen Boykottbewegung begründeten Bank beschlossen. Anlaß hierzu gab die behördliche Prüfung der Geschäftsführung, die einen Mißbrauch der der Bank an.vertrauten Depots und Fälschungen in den Geschäftsbüchern ergab. Die amerikanische Arbeiterschaft. Eine Botschaft gegen den eurovöischell Sozialismus. Ncwhork, 5. September. (Wolsf.) In einer längeren Botschaft an die amerikanische Arbeiterschaft führt der Vizepresident des amerikanischen Vewevkschaftsbundes, Matthew Wall, aus, die organisierte ArbeitcrsWft betätige sich nur in Amerika, greift aber nrcht in das Gebret ausländischer Arbeiterbetvegnng eu ein- Nach Ansicht der amerikanischen Arbeiterschaft fei sie selbst am besten befähigt, die Betätigungsart der ameri-' Manischen Arbeiter zu bestimmen. Innerhalb des amerikanischen Lebens müsse ih-r das unbeschränkte Recht und die Freiheit eingerämut werden, das eigene Schicksal zu bestimmen. Dieses Selbstbestimmungsrecht 'itfürbc auch durch ausländische Einflüsse beeinträchtigt, die unter der Maske des Proletariats auftreten. Verdammungen oder unverlangte Ratschläge von ausländischen Arbeitern seien nur l ee r e Possen. Jedenfalls benötige die amerikanische Arbeiterschaft keine ausländische Führung, geschweige denn das Schauspiel gewalttätiger Kundgebungen. Das Trab der unbekannten Soldaten. Paris, 4. September. (Hervas.) Etwa hundert verbände von ehemaligen Froirttämpfern Frankreichs, Englcrlrds, Belgiens und anderen im Weltkriege derbimbe-ten Staaten haben heute nachmittags vor dem Triumphbogen eine großartige Sühnefeier!n Gegenwart des Genervls Go«raub veranstaltet. Nach einer Miaute stillen Gedenkens zündete General Petez, der den Marschall Josfre vertrat, das ewige Licht wieder an. Sodann hielt ©eiternl Gouraud eine Ansprache, <>n «der er der Entrüstung aller Franzosen über die '.n der Nacht vom 23. August begangene Beschimpfung Ausdruck gab. Wir sind sicher, sagte er, daß sich nicht ein einziger Fran - zwse unter den Entweihern befunden hat. De zahlreiche Menschenmonge bmch in Hochruf« aus Fran.lre.ch und General liwuraud aus und sii-mmte die Marieii leise a». Die Feier verlies ohne Zwischensutt. EtmtzenbabmmMck in Lttnking. KS Personen verwunvet. Am Sonntag gegen Uhr abends hat sich au der Ecke der H abicherga sseund H erbst st raße ein schwerer Straßenbahnzusantmenstotz ereignet. Ungefähr .69 Personen erlitten in den dicht besetzten Zügen Verletzungen. Der Unfall erregte riesiges Aufsehen, zumal zu der Zeit eben die große Schar der Ausflügler zur Stabt zurückströmte. Wir erfahren darüber ftlgende Einzelheiten: Ein Straßenvahnzug der Linie „9" fuhr gegen sM UHr abends durch die Camillo Sittegas ft gegen die Habichergasse. An dieser Stelle biegt die Kreuzung gegen die Herbstftraße ein. Als der Train zur Kreuzung kam, stand dort ein Zug der Linie „48", der auf der Fahrt gegen die Stadt begriffen war. Angeblich durch Versagen der Brtemse fuhr der Zug der Linie „9" mit voller Wucht in den Beiwagen des Zuges der Linie „48", der aus zwei Wagen bestand, hinein und beide Waggons des Zuges sprangen aus dem Gleis. Der eine wurde derart gegen die Ecke des Hauses Hablckergasse-Herbststraße h i n g e s ch l e u d e r t, daß er in der Mauer stecken blieb und nur dadurch vor dem' Sturze bewahrt wurde. Aus den Waggons ertönten gellende Hilferufe zahlreicher Verletzter, die durch den Anprall an die Wagen'ivände oder durch die Splitter der zerbrechenden Scheiben zu Schaden kamen. Die Straßen »wren zu der Zeit von Menschen erfüllt und im Nu sammelten sich zahllose Neugierige an, die den Platz und die Straßen füllten. Die Hilfsaktion leitete der Chefarzt der Filiale Maviahilf der RettungsgeMschaft Dr. Wagner mit den Jnspektionsävzten Dr. Steinberg, Dr. Kläger und Dr. Maurer. Man schätzt die Zahl der Neugierigen, die sich am Uufallsorte angesammelt hatten, auf ungefähr 6000. Die Sicherheitswache hatte Mühe, den ärztlichen Helfern den Weg zu bahnen. Die Aufräumungsarveiten dauerten bis tief m die Nacht. Der Arierparagravh-Verein. HaupttierMwlung des Wenverelner. Am Sonntag fand hier die Hatlptversantmlung des reutschen und österreichischen Alpeuvcreins statt. Es ist dies jener Verein, dessen Leitung es duldet, daß die Mehrheit der Sektionen den Arierparagraph eingeführt hat. Di« jüdischen Mitglieder wieder dulden es, daß mail sie »roch beläßt, aber keine neuen aufnimmt. So ist dieser Verein eine Musterverbiilduug zwischen Hakenkreuzlerei, antisemitischem Geschäftsgeist und jüdischer Nachläuferei. Ter Vorsitzende, der gewesene preußische Minister Sydow, beging in seiner Eröffnungsrede die Taktlosigkeit, sich in österreichische Verhältnisse Ltnznmmgen. Er j 5. September 1927 Nr. 30lp9 begrüßte den anwesenden Polizeipräsidenten Schober und sagte, „daß wir ohne dessen im Rahmen der Regierung betätigtes Wirken ni ch t in so l che r Ruhe n nd Friedlichkeit hier t a g e n könnte tt." Re Wiener Herbstmesse. Starker Besä« am ersten Tage. Gestern ist die Wiener Herbstmesse erö ff net worden. Gleich der erste Tag -brachte einen sehr starken Andrang, der insbesondere der japanischen Musterausstellung galt. Revolverattentat auf den iagoslawischen Hanvelsminifter. Belgrad, 4. September. Wie die „Pravda" berichtet, wurde tit Sarajevo nt einer Parteikonferenz auf den Handels minister Spaho ein Attentat verübt. Obwohl vier R e v o l v erschuf se abgefeuert wurden, ist der Minister unv-erck-e-pt geblieben. Eilt neben ihm stehender Mann winde schwer verletzt. Hiubenbarg bei Rupprecht. Präsident oder Privatmann? 'MÄrmche n, 4. September. Die politische Sensation deS Tages ist ein Besuch, den Reichspräsident Hindunbürg von Bad T ool z aus auf dem Schloß des früheren bayrischen K-rowprinzen Rupprecht gemacht hat. Bereits im Borjahr hat ein ältlicher Besuch Hau denburgs in politischen Kreisen unliebsame Kommentare her« vorgerufen. Die diesjährige Wiederholung des Besuches erregt besonderes Aufsehen. In den Reihen der bayrischen Körrigspartei wird mit großer Befriedigung sestgestellt, daß der Reichspräsident sich durch die republikanischen Proteste nicht bewegen lieh, seine Zchammentttnste mit dem offiziellen bayrischen Kronprätendenten omzustellen. Von anderer Seite Mrd dagegen erklärt, daß Hindertbürg lediglich in seiner Eigenschaft als Privatmann in der Zeit ftines Sommerurlaubes den. ihm bLfweuddotr n Ex-k.rtonprün ze n besucht habe. Der MiWätter Gattemnord. Erdelyis Komplizen verhaftet. Buba.p-e.st, 4. September. Der Polizei -ist es gelungen, die seit Tagen gesuchten -Freunde des -Dr.. Brla Erdelyr, Franz Borsvs und Josef Filo, ckuszuforschen und zu verhaften. Borsos ^gestand dhne weiteres ein, daß er Erdelyi bei der Verwertung der falschen Wechsel behilflich war. lErdelhi hatte ihn dazu überredet, indem er ihm Milterlte, daß im August die «Mtgift seiner Frau im Betrage von 700 Mllionen Kronen flüssig gemacht werde. Kurz vor seiner Abreife rtach Mllstatt bedeutete er ihm noch, 'daß vor Wl-auf des Termins noch ein „großes Deschäft" in Aussicht stehe. Als Borsvs vioN dem Tode der Mn-ny Fo-r-gacs Kenntnis erhielt, fand er es für angezeigt, sich zu verstechen, und das gleiche tat mkjt Wo. Kemals Wahlsieg. Konstyflni-inopel, 4. September. (Havas^)' Beiden Wahlen zur Nationalversammlung errangen die Kandidaten der Vvlkspa-rtei den Sieg. . * Die Volkspartet ist di« Partei Mastapha Oftmals. -Eine andere Partei ist in der Türkei nicht zugelasfen. . Me Weltflleger. London, 4. September. (Reuter.) Das Flugzeug „Pride of Detroit" ist in Bender Ab bas eingetrosfen. dann nach Karach i weitergeflogen und dort.um 15 Uhr 53 iMinuten eingelangt. Lvndo n, 4. September. (Reuter.) DerJ-liegeri Courtney ist in C v r u n n a niedergegangen. Newyvrk, 4. September. (Reuter.) Das Flugzeug „Royal Windsor" ist auf dem Flugplätze S c crr-bvr'o bei Portland Maine) gelandet. Mit dem Fallschirm abgeWrzt. Al-tenburg bei Leipzig, 4. September. (Wolfs.) Bei dem heut« hier veranstalteten Flngtag stürzte der Pilot Driebner, der aus dem R-eklatneflugzeug der Hanckmrger Reichardt-Werke cirteit Fallschirmabsprung vollführte, t ö bl ich ab. Während die Fmn Triebners zweimal sicher aus dem Flugzeüg abgesprtmgcn war, entfaltete sich beim Absprung ihres Mannes der Schirm nicht, so daß der Pilot aus( etwa 500 Meter Höhe zur Erde stürzte. Er ivar sofort tot. Sin Delegierter des Internationalen Arbeitsamtes besucht PMftina. Äotvno, 4. September. (I. T. A.) Der Leiter de^ Internationalen Arbeitsamtes beim Völkerbund, Albert Thomas, weilte in diesen Tagen in Koivno, und erklärte in einem Gespräch mit Dr. S. Fried mann, Mitglied des Zentralkomitees der Ziontstert-Sozialisten, das Internationale Arbeitsamt habe schon früher die Absicht ge habt, einen Vertreter nach Palästina ztt entsenden, um die rechtlichen Ve rhältnisse der Arbeit und dci Einwanderung z u studiere n, allein die M a n - da tarmacht habe Einwendungen erhoben. Nunmehr ist di« Lage eilte solche, daß es eiltom Delegiertn des Jnternatioltaleu Arbeitsamtes in einigen Moitaten möglich seilt lvird, na'b Pnläistna zu gehen.

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