Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3059 (5.9.1927)
- Date
- 1927-09-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982147--31200-3019494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 30VS Sette 3 Men, Montag Lttener MorgOW-eitUUg 5. September 1887 Me Tragödie des russischen Judentums. Ja« Memorandum der ruAischeu AioMen an im« Baseler Kougretz. Wie bereits kurz berichtet, hat die vereinigte Organisation der zionistischen Jugend in Ruh« lanv („Hechawer", „Histcrdruth^ und ,,Kadinmh) an den 16. Zionistenkongretz ein Schreiiben gerichtet, in welchem die Lage der Juden in Rußland geschildert wird. Wir lassen den Inhalt dieses erschütternden Dokumentes hier folgen. Es heißt dort: Den Orkan der physischen Vernichtung, der sich Wer das russische Judentum in den ersten Jahren der russischen Revolution cr-schüttete, hat ein systematisch organisierter und planmäßig durchgeführter „Kulturpogrom" abgelöst. Er ist von einer feindlich gesinnten eisernen Hand geleitet, und er stellt in nationalem Sinne eine ungeheure Gefahr dar, da er seit mehr als sechs Jahren alles Lebendige — geistig wie physisch — im russischen Judentum tötet. Angesichts des reaktionären Regimes der solche tischen Tyrannei, setzt sich die zionistische Bewegung und die jüdischnationaler Kusiur unerhö rte r V erf o lgun gen u rrd ei -n e r u n e r v i t t l i che n Vernichtung aus. Seiner nattonalpolitrfchen Rechte beraubt, leidet das russische Judentum auf allen Gebieten seinles nationalen und kulturellen Levens unter dem schweben Druck eines unaufhörlichen Terrors. Die Bedriickung der Juden in anderen Landern verliiert sich und erbleicht im Vergleich mit dieser nationalen Katastrophe. Die jüdische Schule ist vernichtet, verboten und verbrannt wird das jüdische Buch, der hebräische Unterricht ist einem strafgesetzlich vorgesehenen Krim inalv e rb r cchen gleichgestellt worden; ökonomisch befindet sich das russische Judentum in eine'r schweren Depression und Verarmung. i Mehr als tausend russische Zionisten, deren Namen mehrfach irr der jüdischen Presse veröffentlicht wurden, sind für ihre Treue zum zionistischen J-deal in den unzählbaren Gefängnissen SowjetrußlandS rote Inquisition der Sowjctregierung und ihrer d i e-nstfertigen Lakaien, der Jewsekzia, unternommen werden. Es muß eine Weltaktion zur Schaffung eines HrMsorrds für die gefangenen und verbarmten Zionisten Solvjetrutzlattds vorbereitet und dnrchgeführt werden. Statt der Lmladiua die Zuuaü. Gasda gründet eine nenv faseistische Organisation. Prag, 5. September. General Gajda hat als Führer der Freisten gemeinde die ganze Reichsorganisation der fascistischen Jugend „Omlcrdina" aufgelöst, um einer eventuellen Erweiterung des Äuflösungsbef-ehls der Prager Pobizeidirektion auch auf die Provrnzorganisationen zuvorzukommen. Die FascisteiWÄneinde wird eine newr Jugendorgainisation ins Lieben rußen, und zwar auf „timirrrlscher, kultureller, sportlicher und movalischer Grimdlage". Mit der Bildung dieser neuen Organisation, die den Namen Junger N. O. F. (Jungburschen der Fascistengemeinde) tragt,wurde wieder der pensionierte General GiB'is betraut. Die Fascistengemeindc hat Samstag außer bei dem Polizeipräsidenten von Prag auch im Innenministerium gegen das Borgchen der Polizei gegru die fascistischim Demonstranten am Fvoitag Protest erhoben. Die bei den Demonstrationen verhafteten fünf Personen, darunter.drei Frauen, wurden erst Freitag Mitternacht wieder auf freien Fuß gefetzt. Die Agrarier gegen die Fafcisten. Pprag, 6. September. Da verschiedene Blätter der tschechischen Agrarpartei ihrem Zcntralorgan „Benkov" eine schwankende Haltmrg in der Fascistenaffäre vorge.oorsen i ben, stellt der „Veulov" in seinem Leitartikel fest, in. ö agrarischen Partei betrachte der Vorsitzende Svehla tc Fascismus genau so wie der Minister Dr Hozda. Tics Standpunkt, der einstimmige Beschluß, der Partcizeniral> laute: Wer Mitglied unserer Partci ist, und bleiben wi!, kann und darf nicht Mitglied einer anderen politischst: Organisation sein. Es ivird also kein Parteimitglied zugleich Mitglied der F aißcnst e n g e mcinde oder Mitglied d^r kommu u iflWchem oder einer anderen Partei fein können. Seuwustkaüonen in Prag. Prag, 5. September. Gestern vormittags versuchten mehrere hundert Angehörige der sch eit Jugendorganisation trotz des Versammlungsverbotes der Polizei Straßenkundgebungen zu veranstalten. Die P vl-i z ei d i r c k t i o n hatte umfassende Sicherheitsvorkehrungcu getroffen und einige Pias-e schon in den frühen Morgenstunden abgesperrt. Gegen. 10 Uhr vormittags versammelten sich überraschend schnell ungefähr 500 junge Burschen und Mädchen auf dem Altstädter Ring und zogen singend und lärmend durch die Zentnergasse über den Graben auf den Wenzelsplatz. Demonstranten sangen die Internationale, brachten wiederholte Pfuirufe auf die Fascisten aus und ricsts „ES lebe das rote Prag". Als die Kommunistenauf den Wenzelsplatz kamen, erschienen starke Polizeiabteitnngen und berittene .Wache, die sogleich gegen die Demonstrantein Vorginger und sie zerstreuten. Sine Mesendefraudatto» kn Prag. Prag, 5. September. Das „Cesko Slovo" teilt mit, baß in einem Prager Textilunternehnren eine in die Millionen gehende Defraudation festgestellt worden sei. Dey Defraudant sei ein Gesellschafter dieser Firma, die durch die Veruntreuung vor dein Ruin flehe. Ter zweite Gesellschafter habe zwar die Strafanzeige bereits erstattet, doch befindet sich der «Defraudant noch auf freiem Fnßc. SWTtMltt iW Mm »MW. Der Abschluß in Bologna. NorrrÄt Smopameisterin. — Bieneuselv Iritte über 206 Meter- — Arne Borg schlägt Boraug. Gestern wurden tue Em-r-o-p a-Maiflewlfchas-teiu im 1:16; 2. Eooper (England) 1:154; 3. Lehmarm (Deutschland) Schwimmen «m Bol og na be-ewde-t. Am letzten Dag konnte eingekerkert und in die entferntesten Flecke Sibiriens und des weiten russischen Nordens verbannt, bar jeder Eriftengmöglichkeit und selbst der allergeringsten medizinischen Hilfe. Neue Tausend ungefähr, traten kürzlich diesen Leidensweg an. Und doch lebt der Zionismus in Rußland! Gemartert und unter den Händen des Henckers blutend, setzt er den ungleichen und heroischen Kampf für die Rechte des jüdischer: Volkes auf Dasein und freies nationales Schaffen fort. Und in diesem Ringen des russischen Zionismus steht Äe zionistische Jugend in den vordersten Reihen. Ihre Banner sind im Kampfe zersetzt und verbrannt, aber immer stolzer und höher erheben sie sich nach jedem Sieg oder nach jeder schmerzlichen Niederlage, und tragen weiter den heiligen Ruf der nationalen Wiedergeburt. Groß ist die Tragödie des russischen Judentums! Aber n o ch.g r ö ß e r i st s e i n e E i n s a m k e i t. Die gesamte zionistische und jüdische Oefsentlichkeit schweigt. Es schweigt die Zionistische Organisation, und sie sieW untätig Hu, wie der rote Wahnsinn den Mendigen Körper des russischen Judentums verhöhnt und mordet. Es soll von der Tribüne des Baseler Kongresses die mächtige Stimme des Protestes und der «Empörung erschallen. Etz nruß eine politische Weltprotestcrktion gegen die Oesterreich sein ABschnsiden bedeutend verbessern. Klara Bor nett eroberte in fünf Sprüngen für d'.e Damen den ersten P la-tz, wahrend Hedy Biene n se id im 200-Meter-Brustftrl als Dr-iiEte ans Ziel gelangte. Das Schwimmen über d00- M et e r -Fr e w.st.i l gewann Arne Borg vor dem Ungarn Barany. Die Resultate waren: Damen-: Kunstspr<ng-em: 1. Klara Boravett (Oesterreich), Plntz-ifser 6; 2. Söhnchen (Deutschland) II; 3. Rehborn (Deutschland) 14. Brustschwimmen 200 Meter: 1. Schrade (Deutschland) 3:20,4; 2. Mühe (Deutschiland) 3:22,2; 3. Bieuenif-eld (Oesterve-ich) 3:27,6; 4. Baron («Holland) 3:28. Rücken 100 Meter: 1. Ban Tnrk (Holland) 1:34,6; 2. Bra>un (Holland) 1:26K; 3. Havdie (England) 1:30. Staffel 4 X200 Meter: 1. DeMschlirnd 9:46,3; 2. «Schweden 9:50?2; 8. Ungarn; 4. Italien; ö. DjchechoflowakeL; 6. Belgien. Freistil 106 Meter: 1. Vwvdag (Holland) 1:16,2; 4. Erkenz, (Deutschland) 1:174- Herren: Brustschwimmen bv-v Meter,.: 1. Arne Borg (Schweden) 1:00; 2. Barany (Ungarn) 1:03,2; 3. Heitmann (Deutschland) 1i0>4. K un^stzsp röng em: 1. Riebschläger (Deutschland), Platzziffer 7; 2. Lundwark (Schweden) im. Im Pokal der Nat^one-n lautet nunmehr der Endstand: Herren: 1. Deutschland 111 Punkte; 2. Schweden 79; 3. Ungarn 60; 4. Italien 36; 5. Belgien 21; 6. Frankreich 16; 7. Tschechoslowakei 16; 8. Oesterreich 5. — Damen: 1. Holland 70; 2. fönglanb 64; 3. Deutschland 58; 4. Oesterreich 20; 5. Frankreich 14; 6. «Schweden 8. Gestern wurden auch -noch für die Ehreivplaclerung gültige Wasserballspiele abgealten. Die Ergebnisse waren: Belgien schlagt England 5:2, Deutschland schlägt die Tschechoslowakei 8:0, Oe st er re ich schlägt Jugoslawien 2:0. (6. Fortsetzung.) Mn erster kssttsL Ans den Jugenderinnerung-en des alten Professors, Von DSuiamln Segel. „Darf ich auch mitkommen?" fragte meine achtjährige Schwester, die in Begleitung ihres mächtigen Lieblings- Hundes Lemko herbvisprang. Sie führte die Herrschaft über den gesamten Hühnerhof und alles Kleinvieh im Haushalt und entfaltete einen komischen Ernst, der ihr den Namen „Gvoßmütterchen" eintrug. Sie hatte unter den Tieren ihre besonderen Lieblinge; eine große, prachtvolle gelbe Henne mit dunkelbraunen glänzenden Flecken auf dem Gefieder, die sie seit Monaten vor dem blinkeren Schlacht-« messer des Schoch,et schützte. Seit zwei Jahren hing ihr kleines Herz mit urtwandelbarer Treue an dem Hund Lemko, der sie wie eine unumschränkte Herrin des' Hauses perehrte und ihr allein unbedingt g«chorchte. „Du kcnmst mitkommeu, Großmütterchen, antwortete Rabbi Akiba, „den LLemko mußt du daheim lassen. Ein Hund darf nicht auf den Friedhof kommen, wenn es auch ein ftommer Hund ist, wie der deinige." Er faßte das Kind bei Der Hand und tvir brachm auf. Aber Lemko wollte nicht von Großlniitterchiens Seite weichen. „Du mußt zu Hause bleiben, hörst du, dummer Kerll" redete sie ihm gütlich zu. „Ich komme bald wieder, dann kannst dst Mit mir spielen!" Lemllr hatte seine langen weiten Ohrwatscheln henmter gelassen und tat, als ob er kein Wort verstünde. „Jag' ihn doch« davon," sagte jemand aus der Gesellschast und hob den Stock. „Nicht schlagen!" schrie Großmütterch-en und schlang ihre Arme schützend um den stolzen gebogenen Nacken ihres Freundes, der seine Herrin an Gröst,> überragte« I „Lemko, lieber, süßer Lemko, geh'- doch mw, hinein, sonst darf ich« doch nicht mit. Sie wollen mich ja nicht mitirrehmeu, wenn du dabei bist/' bat Großmütterchen, fast deM Wernen nahe. Lemko hob semewfeinerr, schmalen Mpf/ betrachtete, uns alle der Reihe nach mit seinen klugen braunen «Mlgen, dann schüttelte er «UvW ungeduldig 'sein prachtvolles, hellbraunes Fell und schmiegte sich nur fester an seine Gebieterin. Er dachte offenbar nicht darandtcheim zu bleiben. „Bring'- mal das Siddur heraus;" riet unser Lehrer. Lemko war nämlich, obgleich unser Hausgenosse und Ovsßmütterchens erklärter Liebling, immerhin feiner Raffe und «Abstammung nach« ein unreines Tier., In seiner Gegenwart durste eine heilige Handlung, zum Beispiel ein Gebet, nicht verrichtet werden. Da er aber das Recht beanspruchte, überall Mit dabei zu sein, sich mit den Kindern auf dem Boden hernmwälzte, und bei Tische zu Groß- Mütterchens Füßen lag, so hatten wir ihn derart abgerichtet, daß er sich! jedesmal, wenn feine Abwesenheit nicht erwünscht war, von selber entfernte, ohne daß wir nöttg hatten, unhöflich gegen ihn zu sein. Sobald wir nach der Mahlzeit das Tischgebet sprechen wollten, schlugen tvir das Siddur auf Nnd zeigten es ihm von der Ferne. Sogleich^ erhob er sich, nahm Den Schwanz Mischen die Beine und schritt stolz ethobenen Hauptes zur Tür hinaus, als wollte er sagen: ,Lch wünsche Sie nicht länger aufzuhalten, meine Herrschaften." «Auch« jetzt wurde das Sjddur herausgebrachjt, anfgeschlagen und hochgehalten. Lemko schien anfangs erstmrnt und schnupperte in der Luft umher. Was fiel diesen Leuten ein, da draußen unter freiem Himmel, mittet am hellichten Tag mit diesem 'Zauberding herumznfuchteln und ihn wegschicken zu wollen? Eine Weile überlegte er, dann, sagte er sich: ich bin der Klügere, rmd gab nach. Er leckte seiner Gebieterin die Hand, hob den Schlveif in die Höhe und wandte sich gemessenen Schrittes dent Haustor zu. Untenvegs toich ihm Reb Chajkel inf weitem Bogen aus. „Beinahe hättet Ihr mich zu Hause vergessen," jammerte er. „ Aber, aber. . habt Ihr Knoblauch nrttgenommen? Was nützt die ganze Sache ohne Knoblauch! Man muß doch, den Toten Knoblauch! zuwerfen. Großmütterch«ert, lauf' nur hinein und laß dir ein Paar Häuptch-en gwen." „NW nöttg," sagte unser Lehrer, und wir brachen auf. „Aber, Rabbi AWa, wie kanir man am neunten Ab ohne Knoblauch! aus den hMgetr Ort gehen? Das ist ja ein heiliger Minhag, unsere Vorfahren übten ihn seit ewigen Zetten." „Wozu sollten dre Totcn^im Grade,Knoblauch brauchen, noch dazu am Neunten Ab, da ja sogar die Lebenden nicht einmal «ein Gläschen Schnaps trinken dürfen?" erimdcrte unser Lehrer gelassen, und um seine Lippen spielte ein malittöses Lächeln, wie immer, wenn sich zwischen ihm und Reb Chajkel derartige Diskussionen entspannen. „Wie bürfen wir uns unterfangen, zu fragen, wozu das nöttg ist? Das ist ja die pure Ketzerei. Gewiß steckt ein tiefer, heiliger Sod*) dahinter. Der heilige Zaddik von Olesko sagte, daß «der Knoblauch schon vom König David in den Psalmen angedeutet wurde. Es heißt: Bringet Gott das Lob seines Namens: Schemo -- das Wort besteht aus den Puchstaben Schur, Mem, Waw; das» sind dieselben Buchstaben, aus denen das hebräische Wott für Knoblauch!, Schum, sich« zusammensetzt. Ist das rticht deutlich genug?" Ein donnerndes Gelächter antlrortete auf diesen Vortrag. Reb Chajkel hatte uns im! Namen seiner diverserr «Zaddrkim oft mit schönen, exegetischen Prober^^rfteut, wber.diese war die schönste. « - „Zu Zetten des Königs David wav jaÄer'MWLiWch gar nicht zerstört, nick» man brauchte nW amiMÄttN'M nach dem heiligen Ort zu gehen," sagte W *) Gebeimes religiöses lMhsterj«M (FortfeHmr^MM) #