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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-04 · Heft 3058 (4.9.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3058 (4.9.1927)
Date
1927-09-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3058 Wt-en, Sonntag Wiener Morgen^eitunst 4. Mpkemver r&st «sttt » Sie guli'Iemonstranten vor Gericht. -ie erste« sech« Leute var de« Schöffen. Sechs Leute, aus einer unfaßbaren Menge durch blinden Zufall herausgefangen, saßen gestern stuf der Anklagebank, um sich wegen strafbarer Handlungen zu verantworten, die lächerlick) klein erscheinen müssen vor der Majestät des Todes, die über 100 Opfer forderte. Der irdischen Gerechtigkeit aber inuß Genüge geschehen und so konnten wir die Groteske erleben, daß ein kleiner Indenjunge, tveil er mit einem Taschentuch ein Auto aufgehalten und den Insassen, einen. Wiener Rechtsanwalt, „zunr Ausstcigen gezwungen" hatte, wegen der schier unfaßbar scheinenden Tragödie des 15. Juli vor den Richtern stand. Die wahren Schuldigen haben es verstanden, im Hintergrund zu bleiben, und einige Figuranten wurden der irdischen Gerechtigkeit ansgeliefcrt. Snmmnm ins summa iniuria... Unter den Anzeichen omes Senslktionsprozcsses gingen gestern die sechs ersten Verhandlungen gegen Julidemonstranten vor sich. Die Polizei hatte umfangreiche Sicherheitsvorkehrungcn getroffen, um befürchtete Ruhestörungen. im Keime zu ersticken. Diese Maßnahmen, hatten sich aber als überflüssig erwiesen. Die Verhandlungen, die in kleinen Sälen fast nur vor Journalisten vor sich gingen, nahmen einen ungestörten Verlauf. Vor einem Schöffensenat unter Vorsitz des Hofrates Dr. Wüstinger hatte sich der 15jährige aus Polen stammende Hilfsarbeiter Moses Mörsel wegen des Verbrechens der Erpressung zu verantworten. Staatsanwalt Dr. Tuppy legte ihm zur Lust, daß er am 15. Juli in der Nähe der Opernkreuzung gemeinsam mit unbekannten Tätern den Rechtsanwalt Dr. Siegfried Knappitsph mit dem Erschlagen und Erhängen bedroht und die Ueberlassung seines Kraftwagens an die Menge erzwungen habe. Mörsel wollte mit den' anderen das Auto des Rechtsanwaltes zpm Berwundetentvansport requirieren. Der Rechtsanwalt weigerte sich, sein Auto zur Verfügung zu stellen, ließ aber dann Mörsel neben sich Platz nehmen und lieferte ihn der Wache aus. Der Angeklagte, verteidigt von Dr. Valentin Rose n f e l d, bekannte sich nichts ch u l d i g. Er gab an, er sei in cinen Trubel geraten und die Menge habe Automobile aufgehalten, um Verwundete damit zu transportieren. Er selbst habe sich nicht daran beteiligt, und als das Auto des Dr. Knappitsch angehalten wurde, habe er sich auf das Trittbrett gestellt, um nicht selbst verprügelt zu werden. Dr. Knappitsch habe ihn selbst aufgefordert, im Auto Platz zu nehmen. Dr. Knappitsch wollte sein Auto nicht für den Verwundetentransport hergeben, und sagte, er habe es für andere Zwecke gekauft. —~ Vors.: Es ist. auffallend, daß Dr. -Knappitsch Sie eingelad-en hat, neben ihm Platz zu nehmen. — Angekl.: Ja, er hat gesagt: K o m m KI e t n e r, s e tz dich zu mir! Dann hat er mich beim Kragen gepackt und zur Wachstube in die.Hegelgassc gebracht. Der Angeklagte gibt dann an, er gehöre keiner politischen Partei an und sei nur Mitglied des Fußballvereines Kadimah. Aus einer zur Verlesung gebrachten Polizei n o t e geht hervor, daß Mörsel wegen Fußballspielens im Park und wegen Spiolcns von Kopf und Adler »polizeilich bestraft ist. Der als Zeuge vernommene Rechtsanwalt Dr. Siegfried Knappitsch sagte aus, er sei aus seinem Wagen van der Menge förmlich herausgezogcn worden und Mörsel habe am lautesten gerufen, man solle mich erschlagen. — Vors.: Der Angeklagte gibt an, Sie hätten ihn zum Platznehmen im Wagen aufgefordert. — Zeuge: Das ist ausgeschlossen. Er hat sich überhaupt sehr klug benommen, er hat sofort gesagt: „Nicht wahr, Genosse Chauffeur, Sie werden mir schon helfen und sagen, daß der Herr mich zum Platznchmen aufgefordert hat." Der Zeuge gab dann noch an, daß sich unter den Demonstranten Uwißt halbwüchsige Burschen, aber auch einige Leute vom Republikanischen Schutzbund befunden hätten. In seinem Schlußantrag forderte Staatsanwali Dr. Tuppy den Gerichtshof auf, sich nicht von Rache-- gefühlen leiten zu lassen, sondern nur Gerechtigkeit walten zu lassen. Der Angeklagte habe strafbare Handlungen begangen und man dürfe nicht ihm verzeihen, weil man die anderen nicht fassen konnte. Bei Massendelikten könne oben nur über einzelne, die dkr Behörde in die .Hände gefallen find, genriBilt werden. Verteidiger. D r. R o s e n f e l d beschäftigte sich zunächst mit den Ereignissen-des '15. Juli und erklärte, daß damals eine Vertrauenskrise d e r I u st i z bestanden habe. In dem Volk hat sich die Meinung festgelegt, daß die Justiz nach links mit einem anderen Maße mißt als die nach rechts. Es kam schließlich zmn Schattendorfer Urteil, das das übervolle Faß zum Ueberlaufen brachte. Die Leute haben sich zum . Beispiel eingebildet, daß der Mörder Bettmiers, Rothstock, anders f£* handelt worden sei als ein proletarischer Mörder behandelt mo rden märe. Die Leute wußten, daß ein C a st i g l i o n t, der, vielleicht mit Unrecht, überall als ein Schädling hingestellt wurde, nicht in Untersuchungshaft kam und daß das Verfrchren gegen ihn. eingestellt wurde. Sie haben gesehen, daß einem Fried die Strafe nachgesehen wurde, während viele Arbeiter Strafaufschübe nicht bekommen. Nach dem Schattcndorfer Prozeß hatten die Arbeiter das Gefühl, es liege ein System vor, daß rechtsstehende Personen vom Gericht nicht verfolgt werden. Die Polizei hat die Demonstranten in wenig geschickter Weise vom Parlament zum Justizpalast gedrängt, anstatt sie nach verschiedenen Richtungen zu zerstreuen. Hier haben schwere Ausschreitungen begonnen, in denen vier Wachleute und 92 Arbeiter getötet würden. DaS ist tief bedauerlich. Daß d-er Jnstizpalast in Brand geriet, tut mir schon weniger leid, und über di-.' Verbrennung der Akten habe ich eine ehrliche Freude. Wir erlebten jetzt mit strahlender Freude, daß man die Verbrennung der Akten überhaupt nicht spürt, daß es im Gegenteil ein Glück ist. Akten müssen von Zeit zu Zeit verbrannt werden. Geschieht es nicht sachlich, wie am 15. Juli, dann müßten es die Gerichte zeitweise s Y mbolisch tun. Den Staub der Akten muß verschwinden, dann wird auch der Staub der althergebrachten Traditionen, die ein Unglück sind, der Staub von alten Entscheidungen, nicht auf dem Gerichte lasten und die Richter werden jedesmal neu und rein an jeden Fall herantreten können. ' D8s Ereignisse des 15. Juli waren etwas Unöfterreichjsches. Der kleine Jndleirbub, der auf der Anklagebank sitzt, als erster, ist nun etwas spezifisch Ossterreichifches. Nach kurzer Urteilsbcratung wurde Moses Mörsel zu e i n e m M o n a t strengen A r r e st, bedingt mit zweijähriger Bewährungsfrist verurteilt. In der Begründung führte der Vorsitzende aus, daß die Drohungen mit dem Erschlagen nicht bewiesen werden -konnten, daß aber in den gewalsamen Besetzen des Autos der Tatkneftand der Erpressung geiegetl sei. Wenn auch der Beweggrund, der den Angeklagten geleitet hat, Men schlich und lobenswert ist, so hatte er doch k -e i n R e ch t, d a s A u t o z u b esetzen. Als mildernd wurde die Unbescholtenheit, das jugendliche Alter und die große Aufregung des Angeklagten angenommen. Dr. Roscnfeld erklärte, daß sein Klient die Strafe a n n e h m e. Vor dem Schösfcnsenat unter Vorsitz des Hosrates Czerny hatte sich sodann der 26jährige Zuckerbäckergehilfe Wilhelm B r i x l wegen Erpressung zu verantworten. Staatsanwalt Hosrat Kradecta legte ihm zur Last, daß er am 15. Juli im Zusammenwirken mit anderen Unbekannten an der Ecke- Marlahilferstraßc- Amerlingstraße ein Autotaxi angehalten, den Wagenschlag ausgerisscn und eine im Innern sitzende unbekannte F r a u bei den Armen gefaßt und zum Aussteigen gezwungen habe. Zu seiner Verantwortung gab der Angeklagte an, er habe gesehen, wie von den Passanten Automobile requiriert wurden. Auch er sei in der Menge gestanden und habe den Wagenschlag aufgemacht und die ältere Dame beini Arm gefaßt, damit ihr n i ch t s passiere. Brixl wurde am 15. Juli verhaftet, polizeigerichtlich zu 14 Tagen Arrest verurteilt und am 18. Juli ins Landesgericht eingeliefert, wo er bis zum 27. August in Untersuchungshaft war. Der Gerichtshof verurteilte ihn wegen Erpressung zu zwei Monaten schweren Kerkers. In der folgenden Verhandlung hatte sich der 22jährige .Handelsangestellte Rudolf S t e i n b i ch l e r ebenfalls wegen Erpressung zu verantworten, weil er das vom Chauffeur Franz Po körny gelenkte Auto zum Verwundetcntransport requiriert hatte. Der Chauffeur versuchte sich durch eine List ans seiner Zwangslage zu befreien und erklärte, er müsse zuerst Benzin bei der. nächsten Zapfstelle nachfüllen lassen und fuhr mit Steinbichlcr, der ihn begleiten sollte, in die Wachstube Hegelgasse, wo Steinbichler verhaftet wurde. Der Angeklagte gab an, er habe sich freiwillig zum Verwundetentransport gemeldet und das Auto angehalten, weil . ' er glaubte, damit etwas Gutes zu tun. Der Chauffeur Franz Pokornh gab als Zeuge an, er habe einen Diensttveg für seinen Chef machen müssen und sei von der Menge mit den Rufen: „Du mußt Verwundete führen!" angehalten worden.'Er selbst habe sich nicht bedroht gefühlt. Der Angeklagte wurde zu bnei Monaten schweren Kerbers verurteilt.; Der 50>jährigo Luftballonerzeuger Georg K n o l l hatte sich wegen des Vergehens des Auflaufes und wegen S a ch eh e l eidig u n g zu. verantworten. Er hat am 15. Juli eine 40 Mann starke Abteilung Sicherheitswache an der Ecke der Musoumstraße durch die Zurufe: „Ihr Pülcher, ihr Gauner! Schober- Kosaken, Arbeitermörd er, morgen hängts i h r a l l e a m G a s 1 a n d e labe r!" beleidigt, und die Menge gegen sie haranguiert. Uns einen Lichtmast zeigend, fügte Knoll hinzu: „Hier müßt's ihr hängen, der Schädel gehört euch abgeschnitten!" Dann riß er sein Hemd auf, zeigte auf seine Brust,, und rjef. den Wachleuten zu: „Da schießt's her, ihr Pülcher!" Die Wache gab daraufhin eine Gvwchrsalve in die Lust ab. Knoll wurde zwei Tage später verhaftet: Per AngMagte lengnete, mit dem Manne, 1: j Kinder-Westen ...... S 8*50 Kincler-Pullover.S 8*50 Jumper-Kleider ..... S 35*—, 49’—, 65’— Spc£lalhc-us fllr SIricKmocleo , VI.# MaS’Iailllfei'Slir. S9 (neben F.o'iCeniiino) 15., Tabor$<r. IS (Hotel National) _KARLSBAD, Alte Wiese._ _ der die Aufreizung begangen habe, identisch zu sein und führte cinen Alibibeweis, weshalb er von der Anklage sveiMfprochen wurde, mit der Begründung, daß die Mnchcb sich bei seiner Identifizierung irren könnten. Der 18jährige Hilfsarbeiter Josef B e tt b a war wegen Auflaufes aügeklagt, weil *er am 15. Juli bei der Arbeitslosenauszahlung die Menge gegen die Sicherheitswache aufgehetzt haben soll. Nach durchgesührter Verhandlung wurde Benda zu c]r :n Monat strengjm Arrests verurteilt. Die Strafe ist durch die Untersuchungshaft, v e rb ü ß t. Schließlich hatte sich der 22jährige Chauffeur Robert Oswald wegen Vergehens des Auflaufes zu verantworten. Er soll einer Polizeiabteilung zngernfen haben: „Wir werden diesen Wächtern heute noch was zeigen und sie alle ausbanln." Als die Wache die Gew''bro in Anschlag brachte, schrie Oswald: „Ihr Mstelbacher, Vermummte Haksnkreuzler, ihr habt' noch die Bladern auf den Fingern vom Mist- Halten, da schießt's ihr uns nieder, das könnt ihr!" Der Angeklagte leugnete, damals überhaupt an der bezeichnten Stelle gewesen zu sein. Auch dieser Angeklagte wurde freigesprochen, weil ihm die Täterschaft nicht nachgcwirsen werden konnte. Telephon Wien—Budapest. Allo Einschränkungen aufgehoben. Von der Postdirektion. wird uns mitge teilt: Durch die erfolgte Inbetriebsetzung des Fernkabels Wien—Budapest werden die im Telcphoiiverkehr Oesterreich—Ungarn Wischer bestehenden zeitlichen Beschränkungen mit sofortiger Wirksamkeit aufgehoben. Pröventivhaft gegen ßrdelyi. Der Mordverdacht und die Wechselfälschungen. Ans Budapest wird uns berichtet: In der Begründung des Beschlusses des Untersuchungsrichters, mit dein die Pröventivhaft über Dr. Erdelyi verhängt wird. HM der Untersuchungsrichter hervor, er habe keinen Grund, die in der Depesche der österreichischen Behörden enthaltenen Daten anzuzweifeln, ioonach die zuständige gerichtsärztliche Untersuchung festgsstellt habe, das; . der Tod der Frau Anna Forgacs durch Erwürgen in Beronalrausch verursacht wurde. Nach der Begründung erscheine das Verfahren Dr. Erdelyis sehr eigentümlich, daß er* seine Frau, insbesondere gegen Unfall, arvf 'eine so hohe Summe versichert hatte, obwohl seine materielle Lage dieser, teueren Versicherung nicht gewachsen war. Außerdem habe er von zwei Seiten eine größere Summe auf gefälschte Wechsel ausgenommen, die gerade gegen de-n 23. August fällig waren. ' Er hqöe keine Hoffnung gehabt, diese Wechsel bis zu«! Fälligkeitstage cmlöfen zn können. Es bestehe als-o der begründete V e r d a ch t, daß er diese Wechsel nur mit der nach dem Tode seiner Gattin erwarteten Summe einzulösen gedachte. Erde-lyi soll, wie verlautet, durch Kriminalbeamte nach Millstadt gebracht werden, um einem Lokalaugenschein beiwohnen zu können. MsenbahuungMik int Tunnel. Aus Harburg wird gemeldet: Gestern nachmittags ereignete sich auf der Eisenbahnstrecke Buchholz-Soltau ein schweres Eisenbahnunglück. Ein Pcrsvnenzug entgleiste infolge einer Geleisverwerfuug i in Tunnel zwischen B u chih o l z und Bremervörde. Die Lokomotive legte sich auf die Seite. Die beiden nachfolgenden Wagen dritter und vierter Klasse wurden aufeinander geschoben und ungefähr einen halb«: Meter in die Höhe gehoben und gegen das Manerwerk des Tunnels geschlendert. Hiebei wurde ein Hamburger Kaufmann getötet und fünf Personen schwer, eine Anzahl weiterer Reisenden leichter verletzt. Der Verkehr wird durch Umsteigen aufreck'- erhalten. Sie Tragödie einer Mutter. Die Grazer „Tagespost" meldet aus Z enica: Eine Arbeitersfrau girig gestern mit ihren drei Kindern, von denen sie das jüngste auf dem Arm trug, über eine Brücke. Von der entgegengesetzten Seite kam ein Wagen in wildem Tempo angefahren. Die Frau versuchte, ihr ältestes Kind, 'das unter die Räder gekommen wäre, an sich zu reißc"

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