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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-04 · Heft 3058 (4.9.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3058 (4.9.1927)
Date
1927-09-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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'Seit'.' 4 Wien, Sonntag Wiener Morgen,zstLung 4. September 1927 Nr. 3058 Klelder-Selde, Futter-Seide, Mantel-Seide Der Liftenführer. —y, Wien, 4. September. 'Der Listcnsührer — nach einer anderen Version der Rüdelssiihrcr — ist ein .fünfzehnjähriger Judenbub. Er ist das Paraöcstl'lck jener Elemente in diesem Staate, ibic die wahre Geschichte der Juli-Ereignisse säischm wollen und durchaus einen jüdischen Angriff auf die Regiemng, die öffentliche Ordnung und aus alles Mögliche und Unmögliche zu konstruieren, bestrebt find. Das geschieht planmäßig. Schon zwei Tage nach der Emeute gab die Hakenlreuzpresse., die in auffallend großer Auflage rings uin den Justizpalast kolportiert wurde, das Stichwort. Als das Publikum, das ja die ganze Affäre miterlebt hatte, nicht in dein gewünschten Sinne reagierte, griff sich diese Presse einzelne, jüdische Bcainte heraus und predigte offen den Jul ennrord. Tann kamen stärkere Reizungen. Die erste amtlich zur Veröffentlichung an die Zeitungen ansgegebenc Liste der Verhaftungen führte an erster Stelle einen Mann mit jüdischem Namen als den Niedcrbrcujner des Justizpalastes an. Einen Belveis gab es nicht. Tann wurde ein jüdischer Handelsangestellter verdonnert, weil er angeblich bei einer Verhaftung „Auslassen!" gerufen hatte. Er wurde auch ausgewieft':. Gestern haben die Verhandlungen im Lan.dcsgerichtc gegen die Juli-TemonstranteN begonnen, und siehe da, der erste in der Liste heißt Moses Mörsel. Erschwerend fällt ins Gewicht, daß er ansiNadymno in Galizien stammt.' Er ist nach Wien zuständig. Zu seinem Glück. Wäre er's nicht, dann hätte er wohl auch die Ausweisung zu verspüren bekommen. Es ist eAösterreichisch, sagte der Verteidiger, daß als der Listenführer dieser fünfzehnjährige Judenbub aus der Anklagebank sitzt. Wir meinen, daß das nicht allein in Oesterreich Möglich ist, und daß diese Geschichte tu das Bild der jüdischen Situation von heute gehört. Sie ist die notwendige Ergänzung, die zeigt, welcher Wagemut in bezug ans jüdische Menschen besteht. Dieser Kimbe ist nicht politisch interessiert. Aber er ist vorbestraft. Der Richter konstatiert das mit grimmigem Ernst aus dem Vorakt. (In Wien gibt es über jeden Menschen einen Vorakt.) Der ruhige Bürger kriegt eine Gänsehaut. Was hat dieser Junge auf dem! Gewissen?' Er hat bei Fußballspielen gerauft und hat Kopf und Lldler gespielt. (Hasard dürfen , nur Reiche in den Spielkluös betreiben.)' Er ist also vorbestraft, und so geht man mit allem Elan gegen den Judenbuben vor. Er hat am Nach?' mittage des 15. Juli in Gesellschaft mit anderen Buben sich — nach der Darstellung der.Anklage — an dem Aushalten eines Automobils beteiligt, war in Wagen gesprungen und ein Stück mitgefahren, bis ihn der Besitzer bei einer Wachstube absetzte und der Polizei übergab. Nach der Erzählung des Jungen hatte zu dieser Zeit die Polizei geschossen und eine Menge Leute wollte das 'Automobil für den Transport von Verwundeten anhalten. Das ist'e'n Verbrechen, und zwar das Verbrechen der Erpressung. Das Gericht fühlt selbst die Widersiunigkeit dieser ganzen Anklage und verurteilt den Jungen wegen des Verbrechens der Erpressung zu einem Monat Arrest, bedingt mit zweijähriger Frist. Ter Staatsanwalt hat Mefcit Knaben als' den Rädelsführer bezeichnet. Aber dieser Moses Mörsel' Person oder Gruppe, solange er mit seiner Erhaltung mehr wirken kann als mit seiner Vernichtung, nicht aus die Erhaltung bedacht ist, der taugt nicht zum Leben an Gottes Angesicht. Aber eben auf dieses Werk, um dessentwillen man leben will, darauf kommt es an, vor 'allem in unseren eigenen Augen, aber auch in den Augen jenesTeils der heutigen Menschheit, in dem sich eine kommende Menschheit vorbereitet. Wohl ist heute überall der rechtmäßige N ationa lismusj noch vielfältig mit dem unrechtmäßigen verkoppelt und ihm verhaftet, aber langsam, mit der Langsamkeit eines großen Geschichtsprozesses, geht cine andere, eine echte Schichtung hervor. Die illegitimen Nationalismen, stehen gegeneinander, die legitimen ’ftieljeu in Wahrheit miteinander. Langsam, aber unaufhaltsam, taucht ans den: Chaos der Gegenwart eine neue, eine nicht ^nationale und doch übernationale Autorität, ein wahrer Bund der Völker, hervor. Ihm gegenüber wird auch für uns unsere alte Visitenkarte, unser Programm, nicht mehy eine ausreichende Beglaubigung sein. Wir werben eines echten Ausweises bedürfen. Durch das, was wir an Verwirklichung unserer Ausgabe, unserer Ausgabe an der Menschheit, geleistet haben, werden wir auszusagen haben, welche Menschenarten für den Aufbau unseres Landes 'die Bestimmende!: gewesen sind. Wir werden auszusagen haben, welche Art des Zusammenlebens von Menschen wir dort in unserem Lande geschaffen haben, wie wir unser Verhältnis zu anderen Menschengruppen zu gestalte vermocht haben. Mit. einem Worte: wie wir es mit dem Urgebot unserer Geschichte, mit jener Gerechtigkeit gehalten haben. Unsev Werk wird auszusagen haben. Wenn rvir heute auszusagen hätten, woraus könnten fair schon Hinweisen? Ich freue mich, hier bekennen zu dürfen, daß ich in Erez Israel etwas gefunden' habe, worauf fair in diesem Sinne unbedingt und rückhaltlos als 'auf einen Anfang Hinweisen dürfen. Das sind die heute so umstrittenen Genossenschaften der Landarbeiter. Daß wir all dies heute mit wolliger Klarheit 'zu sehen imstande sind, auch dieses ist ein Vermächtnis Achad Kaamis. Sein Andenken, das Andenken des einen «aus dem Volke, fei dem ganzen Volke zum Segen. in unerreicht grosser Auswahl zu außergewöhnlich billigen Preisen nur in den S Seldenliäüsern $. 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Das erfordert die Auffassung von politischer Moral. .Sie ist, wie gerechlerweise zugegeben sei, nicht an Oesterreich gebunden. Sie ist hier' mir auf dem landesüblichen Hakenkreuzmosaik aufgetrageu. Aber sie tritt in Europa! und den von seiner geistigen Influenz bestrahlten Gegenden endemisch auf. Es ist immer so' ein Möses Mörsel vorhanden; ist er es nicht, so wird er solange gesucht, bis er gefunden ist und bis der internationalen Maffia des Ritualmordes wieder ein Beweisstück geliefert ist. Verehrüngsvoll stehen alle Lumpen des Pogroms vor der ncugeschafftnen Tatsache: der fünfzehnjährige Judenbub war der Listenftchrer. Das Stigma trifft die gesamte Liste, nämlich die Juden. Der Bub' hat menschlich handeln wollen. Seine fünfzehn Jahre haben sich dagegen empört, daß vor der schießenden Schwarmlinie Verwundete liegen bleiben. -Das ist .Erpressung. jJm Namen der Republik. Zer Botschafter als Parteiasitator. «oWls Pariser Manifest. P a r i s, 3. September. Wie der „Matin" berichtet, hat der französische Botschafter in Moskau iör Aufträge Briands bei T s chi t s ch e r i n P rötest dagegen erhoben, daß der Sowjetbotschafter in Paris, R a k o w s k i, ein Manifest unterzeichnet habe, das sich in .ftine'm Inhalt gegen die bürgerlichen. Regierungen wendet. Tschitscher i n habe R a k o w s k i desavouiert, tttoVrttfc .Frankreich offiziell Genugtuung erhalten habe. Das Blatt fügt hinzu: Wenn inan Rakowski in Moskau als Botschafter getadelt habe, so habe mau ihn andererseits jedoch als Parteiümnn wegen des , gleichen Schrittes beglückwünscht. Eine solche Lage sei auf dft Dauer nicht erträglich. Rakowski müsse abberufen werden. > Eine Verlautbarung des Außenministeriums bestätigt offiziell den französischen Schritt in Moskau. In diplomatischen Kreisen rechnet man mit dchu .freiwilligen Rücktritt des Botschafters Rakowski. 1 Sie Regelung der Mlnderhelten-ß rechte ln Seutfchland. Berlin, 2. September. (Wolfs.) Auf .Grund ^iner Vereinbarung zwischen fcpm Reich und den beteiligten Ländern ist ein Ausschuß gebildet worden, Her sich mit dcp Vorbereitung djer Regelung der Rechte .der Minderheiten in Deutschland befassen sollte. Dieser Ausschuß hat nun seine Beratungen abgeschlossen. Die h,Tägliche Rundschau" berichtet, daß ein .Reichsgesetz für die Minderheiten rechte nicht mehr in Krage komme, sondern daß die Absicht bestehe, die Minderheitenr echte auf dem Wiege von Länder Verordnungen zu regeln. > . - Rothermere über seine Aktton. Witoligiing eines etimmungsniedifels im engliidjen Wernunt. Budapest, 2. September. Lord R o t he rnic re hatte mit dem Korrespondenten des. „Pesti Hirlap" eine Unterredung, in der er sagte: „Ich bin mit dem Erfolg meiner Aktion zufrieden, weil die Welt nunmehr Kenntnis davon besitzt, daß es eine ungarische Frage gibt. Ich bitte nur um Geduld. Die Gutmachung kann nur durch eine gerechte Grenzkorrektur erfolgen. Uber die Ungarn dürfen nicht glauben, daß die Revision des Trianomr Vertrages von heute ans morgen erfolgen kann. Daß sie das ungarische Gebiet zurückbekommen werden, dasi sts i cher." Auf die Frage, wie man im englischen Außenministerium über die Sache denke, cntgegnete Rothermcrc: „Momentan äußert.man sich nicht, aber in . einem Monat föuncn Sie wieder Nachfragen. Dann wird eine ganze andere Atmosphäre im Außenamt herrschen."- Re Auswanderung aus Pole«. Schutz der Auswanderer. Warschau, 3. September, Nach den Aufzeichnungen des Staatl-chen Auswan-derung-sa mtes :n Marschau sind -in den Monaten Jänner bis Juni d. I. 1 5.0 6 6 Personen ans» gewandert. Davon entfallen aus den europäischen Kontinent 6177 Personen, und zwar sind ausgewandert: nach Deutschland 4800 Personen, Frankreich 779, Dänemark 346 und Rumänien 108 Personen. Nach den überseeischen Ländern wanderten '8561 Personen aus; davon kommen auf Kanada 5128, Argentinien 1655, Vereinigte Staats» von Nordamerika 1033, Brä» sil.en 38» und P a >l ä st \ n a 166 Personen. In der letzten Sitzung des Ministerrates wurde ein Entwurf über die Auswanderung erörtert, der u. a. jede st a a t l i ch nicht bevol l m ä ch t i g t e V e r m i t f» Ju ng in Auswan deru ngs-A nge legen he . te n ausschailte n w i«XT- %m Schicksal des Jamvlers,M\r. ein Wrangelschlff in Sdeffn beschlagnahmt. Kairo, '3. September. (Wolfs.) Die ägyptische Pe> gieoüng shat die deutsche Regierung ersucht, hei der SowjetregievtinA /Schritte siir die Freigabe des .von ben - Russen beschlagnahmten.^ampftrs.„Cesti" und für.die Freilassung Id er Mannschaft zu rmternehmen. Die ägyptische Regierung fordert auch Entschädigung für die zügefügten ^Schäden, und für den Zeitverlust. Es. hmrdelt sich um jenen russischen 'Dampfer, den die ^Besatzung.ftiirerzeit statt nach Biftrt'a nach Odessa gebracht hat. Er wurde uyter dem .Namen „Jnlernmn" vom iÄ^irksgericht iir .'Hdessa der Söwjethandelsflotte zugesprochen, da die .Anhänger Wrangels 1920 dm Dampfer widerrrechtllch aus Ddessa entführt hätten. Ter ägyptischeir lGeftllschaft, die' deir Taulpftr kaufte, .ist dieser Tatbestand iaugeblich beim Ankauf genau bekamrt gewesen- Es wurden jhr deshalb' auch die Wrichtskosten im Betrage von ,12.000 Rubel zruserlegt. Telephon 71*0-72 und 78-2-39 KRAUSECO Das laslauio auf 3 Rädern Erzeugnis der Präzisionswerkzeugmaschinenfabrik ERNST KRAUSE & Co., A. -G. MARE »TBAKQ8CM. Wien, ffidttrfeaqsse «l

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