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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-04 · Heft 3058 (4.9.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3058 (4.9.1927)
Date
1927-09-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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■Seite 2 ^iert, Sonntag Wiener Morgerizerttmg 4. September J927 >tfr. 3058 Per XV. ajanirtenhomtfrcfi. FabotinW« Sppofitionske-e. In der 8. Sitzung des Kongresses am 2. September. Ncber den Verlauf der Sitzung haben wir bereits gestern berichtet. Nachzutragcn ist nur, bas; rrach einem Berühr des K v n gk c st - zc richte s die Allgenrcirlen Zionisten atts der WeltwahMste nicht ein, sondern Mei Mandate erhalten. In dieser Sitzung stielt der Führer der Revisionisten, Herr Wladimir Jabo tinstv, seine (von uns auszugsweise wiedergegebenc) Oppositionsrede. Wir baden im Laufe von 7 Jahren 72.000 Juden nach Palästina gevmcht, also im Durchschnitt 10.000 pro Jahr. Im Latise einer Generation Ivird es eine Million o d c r m e y r Araber in P a I ä -st iuagebcn, wo kommen wir da mit unseren 10.000 Immigranten im Jahr hin? Die Krise aber sagt uns, unter den 'heutigen Bedingungen kann Palästina auch diese 10.000 pro Jahr nicht ausnahmen. Ich verstehe die Tragödie, wenn wir in Palästina 8000 Menschen haben, die vielleicht Hunger leiden. Ich kann aber auch den Hunger von Millionen jüdischer Herzen nach dem Zionismus nicht vergessen. Sokolow hat gesagt, wir wcvdeir nicht Weggehen, bis wir den Weg gesunden haben, dieser Krise abzuhelsen. Ich bin damit einverstanden. Entfernen Sie sich nicht, bis Sie Antivort auf diese Frage gegeben haben. Wirtliche Abhilfe für die Arbeitslosigkeit kann nicht durch öffentliche Arbeiten oder durch landwirtschaftliche Kolouisatiou geschaffen werden. Das ist ein viel zu langsamer Prozeß. Die beste Hilfe wäre industrielle Beschäftigung. Tatsächlich har d i e jüdische Industrie in Palästina in den letzten Jahren einen großen Aufschwung genommen, und cs gibt nach Meinung der Industriellen noch loeitere Möglichkeiten, unter der Voraussetzung, daß der Staat das Nötige veranlaßt. Und gerade hier ist bisher noch nichts ge-' schehcn. Redner erwähnt das Beispiel der Fabriken von Delphiner und Blum und'behauptet, daß, wenn die Forderungen schließlich doch angenommen lvurdcn, dies doch ein Beweis sei, daß dies vernünftig und möglich lvar. Und dennoch bedurfte es erst des Druckes durch Schließung der Fabriken. Auch der S i'l i k at s a b r i k wird seitens der Eis e n b a h u - direktion nicht das nötige Entgegenkommen cntgegcngebracht. Unter einem solchen Geiste kann sich die jüdische Industrie nicht entwickeln. Jäbotinsky verlieft dann einAclne; Stollen aus einem Memorandum der Vereinigung der jüdischen Industriellen m Palästina, worin : die negative Haltmrg der Pa!ästnwr-Regivrnng gegenüber der jüdischen Industrie zum Ausdruck gebracht lvird, und fährt-fort: Es geht nicht - an, daß, üvenn wir vor Fremden sprechen, wir unsere Jndusirie leben, daß wir aber die Memoranden unserer Industrie- Pioniere einfach unberücksichtigt lassen. Pro- - tcktionismusbesteht nicht immer in hohem Zoll, sondern fordert manchmal auch gerade d i e Abs chaf'fu n g de-§ Z olle s. Die Negierung will jetzt einen Zöllvertrag. mit . Syrien abschließen, aus dem sie sich einen Gewinn von ijährlich 50.000 Pfund verspricht. Unsere Industriellen bel Ziffern ihn mit nur 20.000 Pfund. - - ■ . ■ . Aber die Folgen dieses Vertrages bedrohen gerade die besten nnsererJndnstrien, dieTextil-,Oel- und Zementindustrie, deren Existenz zum großen Teile auf dein Absatz nach Syrien beruht. Manche Industrien haben infolgedessen!schon jetzt ihre Produktion aus 30 Prozent herabgesetzt, ja manche wollen i h x e Fabriken in Palästina s chlü e tz e n u'md sü e " a ch S y r i e n verlegen. - Nun zu einer mir nn an genehmen!-Frage: der des öffentlichen Ordnuugsschntzes in Palästina. Die englischen Truppen wurden fast ganz aus Palästina' zurückgezogen. Irr der P o l i z e i finb 45, im Gre nzkorps 31 Engländer zurückgeblieben. Die beiden Schutztruppeu, die jetzt für Ordnung in Palästina sorgen, sind folgendermaßen beseht: Polizei 1300 nichtjüdische Eingeborene, 212 Juden und Grcnzlorp^: 700 Eingeborene und 37 Juden, fast alles Techniker. Wie kann man da zufrieden sein? Die Geschichte lehrt, daß man bei jeder Kolo- " rfation mit der Möglichkeit gewisser» Konflikte rechnen muß. Kein Jude darf vergessen, was iw den fchoecklichen Tagen des Mai 1021 in Tel Awiw und Jaffa, wo das Uhaluzimhans von arabischenPolsiMen gestürmt wurde, geschah. Ich will voir euch Mitgliedern der EMutive nicht hören, daß ihr nicht wi ß t, lvaS dicserZustand b ed'e u t e t. Denn ihr wißt es. Auich der Waad Lemni weiß es und -hat g c w i s s e F o r d e v u n g e »r gestellt, die aber nicht erfüllt lvurdcn. Man erzghtt uns immer wieder von Frieden. und guten Beziehungen. Aber lesen Sie doch die letzten Zeitungen. Sehen Sie den Fall des Selbstmordes des jungen jüdischen Polizisten in Ixt Polizeischi,le. Sind das etwa die g u t c n B i:z i e h u ngc n zwischen den jüdischen, und nichtjüdischen Polizisten? Wir haben gelernt, aus gewiffcn -Symptomen zu schließen. Wenn an der i Klöjjcmaucr immerfort Störungen Vorkommen und auf die Beschwerden Colonel Synres evklärt, es handle sich nur um j u n g e B n r s ch e'N, so wissen wir, «daß geivisse Phänomene immer mit dem Vorstoß von „Schkozim" beginnen. Manchmal dauert es eine halbe Stimde, bis die Haupttruppe koinmt, manchmal länger, manchmal auch Jahre. Niemand hat das Recht, zu vergessen, was das bedeutet. Und da kommt man zur Oeffentlichkeit und erklärt, dieser polizeiliche Zustand in Palästina mit seiner industriellen Frage, seiner Polizeifrage und noch den vielen anderen Dingen, die hinzukommen, fei eine befriedigende Situation. Ich'glaube nicht an eine agrefftbe Politik, da dazu eine rrr a t e r i c l l e M a ch t gehört. Besitzt man aber »rur eine moralische Macht, dann kanir man solbstverständlirb von einer crgressivcn Politik nicht sprechen. Ich erinnere daran, daß auch wir schon einmal in Engla-nch ein Stück politischer Arbeit geleistet haben, die Durchsetzung der jüdischen Legion, und ztvar gegen eine große Opposition. Wir wissen sehr wohl, daß man mit agressivcr Politik, mit der, Faust aus. der, Tisch schlagen eine gerechte Forderung nicht vertreten kann. Mer eines sollte man bei uns nicht vergessen: Es gibt mich eine Methode, die politische Arbeit z.u obstruieren, sie unmöglich zu machen, sie von vorn-, herein auf längere Zeit zu p a x a l ys i c r c n, indem matt die öffentliche Meinung Europas und insbesondere Englands unausgesetzt h-.y p n o t i s i c r't und erklärt, die politische Lage Palästinas sc-i bc f r ied ig e'nd. Seit Jahren finden lvir diese Fragen in allen Reden.unscres Präsidenten tmeder. In englischen Blättern wird von zionistischen Rede,: selten etwas gebracht, aber wenn schon Meuter etwas darüber berichtet, so ist es diese Phrase von der befriedigenden Lage. Und der Engländer, der Mann der Straße, sagt sich, die Zionisten selbst erklären'ja, daß sie zufrieden sind. - Er sagt sich, wir Engländer haben alles gctarr, aber der S h y l o ck, d c x g e i z'i g e I u dc, d c r h a t d a s G e l d nichtgegebcn. Ich bin der letzte, der behaupten würde, das jüdische VE habe seine Pflicht Palästina gegenüber erfüllt. Ich selbst habe ja den ersten Keren-Hajessod-Ausruf art das jüdische Volk um Aufbringung von 25 Millionen Pfund für Palästjna mit unterschrieben. Das jüdische Volk hat uns das Geld in diesem Umfange nicht gegeben. Es -;-■-—- fi»E&£ WAMSEN 1 jeder Art in feinster 1 Ausführung billigst bei 4&<elMri&«I«Hr Wien, II., Glockengasse 8 Tel. 45-4-33 hat seine Pflicht gegenüber Palästina nicht erfüllt, aber erfüllt gegenüber der geringen Zahl von 7I.000 Immigranten. Man darf» Proportionen nicht unberücksichtigt lassen. Ich weiß, daß eine Ansredlung in Palästina teurer ist als in ©tic che n l am d, Wohl 3-, 4- oder ümäl teurer, äber doch nicht 20mal teurer, wie die Zahlen lehren. Und doch haben all die großen Opfer nicht genützt, und wir stehen vor einer ungeheuren Kr i's e. 10 Millionen jüdischen Geldes sind, wie Profesior Weizmann selbst.sagt, in 7 Jahren nach Palästina gekommen. Ist das wirklich eine so karge Mitgift für 72.000 Immigranten? Bei gewissen Leuten ist es schm: zu einer Psychose geworden,, immer der schuldigen Seite die Schuld äbzunehmen und sie uns auszuladen. Für diese Psychose gibt cS zahlreiche Beispiele. Am selben Tage, als die jüdischen Jtchustriellen bei Col. Symes intervenierten, -erschien das Interview D r. Wetz m-a ti-n s, worin er unter anderent erklärt, daß, weitn ein Jude in Palästina irgeitdetne Fabrik eröffnet, die schlechte Knöpfe erzeugt, er gleich den Schutz der I u d u st r i e so v d e rt. Mit Recht hat G. r ü n b (t u nt gefragt: ^-Wen, Freund, verteidigst du eigentW, mich oder dm anderen? . ' Ein anderes Beispiel: Als Stephen W i'f e erktlärte, daß die Palästina-ilteg-iermtg einen Ueüerfchnß vmt 1 MMon Pfund hat es sind ne-mdei gesagt ty2 Millionen Pfund — fühlte man von gewisser Beite sofort die Notwendigkeit zn erklären, es sind bloß 1 Wllion Dollar, obwohl man iiber den iyahveft Sachverhalt informiert tmd daraitf siolz sein müßte- Es ist teilt Wunder, daß, wenn ans unserer Seite eilte solche PMiose waltet, dann auf der anderen . Seite die Hypnose geschaffen wird, die Zionisten sind zufrieden. Wir-befinden uns so in der furchtbarert Lage e t n e s l, n n g e r n d e n M e ii s ch e n, d'e r i m R u f eine s Ni i l 1 i o n ä r ö st c h t. ' Man spricht viel bei ün's von der Unersetzlichkcit m-anäier Menschen. - Wüs ich' jetzt sage, wird sicherlich nicht -den Beifall von Dr. Wise finden. Als dieser gestern hier sprach, fühlte man aus seinen Worteit diesen wunderbaren Zufammenklang des großen jüdischen Enthnsiasmns mit dem Geist des freien Amerika, diese Art, dom Verhandlungspartner gegenüüergutrctcit und e§ ihn: beizubringen. Ich stelle hier nicht etwa die Kandidatnr voit Dr. Wise ans, aber sind Iv t r d e n n w i r 11 i ch s o ar m a n M c n s ch c n? Döktor Wise erklärte, daß wir von England so bieles verlaitgen, meinte aber auch, er sei sicher, daß dieselbe Exekutibc wie bis jetzt diese Forderungen vertreten werde. Auch ich habe volles Vertrauen zu diesen Leuten, die ich seit langem kenne, tief ehre und heiß liebe. Und ü'eil ich ihnen vertraue, tvciß ich, daß sic diese Fopdernngen, die ihren Änsicht'eir widersprechen, nicht vertretcir werden, nicht vertreten können. Ihr Impressionismus liegt ihnen tief int Gemüt, ihr. Daltonismus ist ihnen angeboren. Sie haben eben die Ueberzcugung,' daß nur so wie bisher 4nt Politik geführt werden muß. Es ist also it ü tz l o s, eine Acudernng rmscrer Haltuttg, Politik und Taktik zu beschließeir und die Ansführung Leutert zu überlassen, die in ihrer Aufrtchttgikcit und Ehrlichkeit Ihnen sagen wenden: Dafür sind wir .zu haben. Nun die Frage der Jewish Agertcy. . Diese ist laut Mandat die e i n z i g e legale I n - stau z, durch welche ait die englische Olegicrung und an den V-ölkerb und offizielle Forderungen gestellt werden können. Sie ist -das einzige legale Instrument unserer Politik unser einziges Sprachrohr, und das will man zur Hälfte in nichtzioniftische Hände geben. Man spricht von einer Alternative, Zusammengehen oder Kampf mit den Nichtzionisten. Es gibt eine andere Alternative. Auch ich bin für Mitarbeit der Nichtzio'nisten, die auf Vertrauen beruht und gegründet ist -auf eine Teilung der Verantwortung. Wir sollen auf jenem Gebiet mit den Nichtzionisten arbeiten, aus welchem jene Kreise erklärt haben, für uns arbeiten zu wollen, nämlich dem der Ökonom i s ch e n A r b e i t. Dagegen .muß die politische Arbeit für diejenigeit Leute,, die dafür Interesse haben, .. in unseren Händen bleiben. Ich bin für ein Zw-eikam». mersyste-m. Den ökonomischen Teil, das Saanmeln von Goldevn, die Verteilung dieser, das B^schlietzeit, Verhandeln, Bmven,.wollen wir mit dm andeveu. gemieinsam machen. Aber die politische Funktion muß in den Hälchen der Zionisten bleiverr. Das heißt nicht Kampf gegen die Nichtzionisten. Die Politik erscheint diesen vielfach als gefährlich, und sie schert in 'd-e-u Schaffung d c s I ud e n st-a a t'e s eine Ges-a h r für Israel. Dataus - ergibt sich diese - natürliche Teilung.. Wer zwingt euch denn, jene Leute zu 'überredciauch in die politische Kammer der Agency zu-gehen? Noch ist es nicht zu spät. Auch heute trvch kann man mit ihnen sprechen und eme ehrliche Deilurtg Vortrehnvett. Man bedauert, daß der Parteik'ampf bei uns so scharf geführt wird, das ist daher, weil die Gefahr droht, daß cs bä c l l e i ch t das n ä'ch st e m a l kein e u soüber än c n Koitgr c ß nt c h r g e b e n!v i r d, eilt Appellgericht, ioo jeder von uns frei und offen sprechen kann.. Das schafft die Verzweiflung, diese vergiftete Atmosphäre, Ich weih, daß es auch ittmitteu der Exekutive und inmittcit der amerikanischen Delegation Verständnis' für diese Teilung gibt. Warum sollen wir nicht einen. Beschluß fassen, der der Wirklichkeit, Notwendigkeit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit beiden Seiten gcgcuMer entspricht? Mau sprach hier vom Wurgfriedeit.. Uehcrtreibet nicht, Frieden heißt nicht allgemeitie Zustimmung. Wenn dtüse eintritt, so hätte der Zionismus sich schlafeit gelegt. Aber lvir wollen einen Frieden in dem Sinne, daß wir im Kampfe uns als Brüder gegenüberstehen uitd nicht Verderber in uns sehen. Wollt ihr dort Btirgfriedeu schaffen, ' so habt chr den Weg: Schafft das Zweikammersystem. Wir Mauben fest ait bc n In den st a a t und an die Macht uitjserev Arrechtün Sache. Wir dürfeit sticht übersehe,t, jvkts.englische Beantie gegeit uns tun, aber wir glauben fest a u d a s e u g l i s ch e V o l-k u nh.s e i n e ö f f e n t I i che Meinun.g. Sie ist das.Appellatioitsgericht, vor dvm tu\r unsere gerechte Sache vertreten, können. England ivird feine Unterschrift nicht zerreißen. Air glaubeu an die Macht des jWschen Volkes, an die Ech-L-lich-k ei t unserer n i ch tz r o n i sti s ch e n Pxartn er und die Englmtds. Wir häbett n u r kein Vertrauen zu eirtigeit Menschen, uüd'da/ k a n n d e r Ko n g r e tz ä n d c r n. Mm beiten sinddoch die Ceschkahüte VII., lUficrstraBo 123 WIIN IX., Alursfrafl« Nr. »

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