Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3057 (3.9.1927)
- Date
- 1927-09-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3057 Wkn, GamStag Wksner Morgenzeitttng m ungarischer Aronkandidat. Ser -erzog von «offa. — «mervantsche ßnthSllnngen. Auf Grunid von Mtt-eilungen ungarischer Monarchisten behauptet der „New Hork American", der Herzog von Aosta, ein Vett-er des Königs von Italien, sei als ungarischer ThronEandidat in Aussicht genommen. Im einzelnen besagen die Enthüllungen, die das amerikanische Blatt wiedergibt: Der Herzog von Aosta, der an der Wiederherstellung des österreichischen Kaiserreiches nicht interessiert ist, würde nach einem starken nationalen Königreich streben und er würde auch mit Leichtigkeit dSe im Weltkrieg verlorenen Territorien rmodergennnnen, weil er von der stärksten Militärgewalt Zentraleuropas, nämlich dem fascistischen Italien gedeckt ist. Sowohl die u n g a r i s ch e n s a s c i st i s ch e n Organisationen wie auch der größte Teil der Armee ste'hen dieser Bewegung sympathisch gegenüber. In letzter Zeit seien auch zahlreiche einflußreiche Aristokraten, die durch die .intransigente Haltung der Exkaiserin Zita enttäuscht waren, dafür gewonnen worden. Die Exkaiserin habe nämlich in letzter Zeit wiederholt erklärt, daß weder sie noch ihr Sohn jemals ihre Ansprüche aus den österreichischen Thron aufgeben würden. Italien würde diese Forderung, die den Verlust seiner, durch die Zertrümmerung des österreichischen Kaiserreiches gewonnenen neuen Provinzen bedeutet, niemals anerkennen, und um die Wiedereinsetzung der Habsburger zu verhindern, bot uns Mussolini seine Hilfe an, um ein starkes nationales Königtum unter Führung eines italienischen Prinzen zu errichten. Wir einigten uns aus die Person des Herzogs von Aosta, eines nahen Verwandten des italienischen Königs, weil dieser seit jeher ein eifriger Anhänger des Faseismus ist, und zweitens weil er ausgezeichnete Verbindungen mit derenglischen Aristokratie hat. Auch die Aktion Rothevmeres zugunsten der Revision des FriodonSvertmges von Trianon sei nur eine Folge dieser politischen Bewegung. Die englischen Staatsmänner wissen, was sie tun. In »demselben Verhältnis, in dem sie Frankreichs Macht im Mittelmeer durch Unterstützung Italiens in Schach halten, konnten sie Frankreichs Einfluß in Zentraleuropa zur Stärkung Ungarns vermindern. Selbstverständlich waren die Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien, welche hauptsächlich, um Ungarns Wiederherstellungswünsche zu unterdrücken, die Kleine Entente gebildet Haben, durch die Rothermere-Mtion beunruhigt und werden es noch mehr fein, wenn sie unsere und Mussolinis Pläne.erfahren werden. Aber sie haben kein wie immer geartetes Recht, sich einzumengen, wenn wir einen italienischen Prinzen krönen wollen. Außerdem find sie auch nicht stark genug dazu, weil wir Italiens militärische und Englands finanzielle Unterstützung besitzen. MM schweigt. Bon Vladimir Jabotinsky (Paris). II*) Bialik war nicht zufrieden. Er Hatte, gLücke ich, auch vernen .Grund, zufrieden zu sein. Eines seiner!Gedichte Heißt: „Mein Volk ist trocken wiie .Gras." Und er sagt darin: Gut, es wird vielleicht ein Donner vom Himmel komimen und die jüdische Leiche zu Begeisterung rmd Heldentat -rufen. .Mer wird die Leiche denn antworten? Kann sie denn hören? — Nach 15 Jahren hat er diese Frage wieder gestellt: „Ruf ist gekommen, lDmmer ,ifl gekommen. Die ganze Welt sucht ein neues Leben. Herzl ist so eine Stimme von den neuen und Hörbaven. Hah die jüdische ,Leiche ihre Antwort gegeben?" Wir, hie Kleinen Ms der Erde, sagen: Ja, es gibt, eine gewisse jAntlvort. Aber in .die Höhen Bialiks ist diese tzllntivort nicht gedrungen. -— Er ist auch im Leben ein Mann! von .besonderer Schärfe des -Blickes. Er ist schwer zu betrügen. Ja, Selbstschutz -kanr. .Die Schande von Kischinew Hat sich nicht wiederholt, weil man Verteidiger der jüdischen Ehre sand. Mer Bialik sragt sich: „Wieviel? Warum so wenig? Sie haben -unsere Ehre gerettet, aber unser Leben komcken sie nicht -retten. Wo sind die anderen gebliebenj? Die Assimilation ist besiegt, «in der Theorie. Aber im Leben? Jeden Dag vermindert sich die Zahl derjenigen, die jüdisch sprechen, jüdisch leben. Jeder Tag bringt die Assimilation, >dre -unser -Leben verändert." Er hat Palästina besucht, er hat -sich gefreut, aber als Dichter hat er gefragt: „Ist .das alles? Ist das genug für ein so großes Volk im Ausland, das tausendmal,so viel leisten könnte und es nicht getan hat?" Und.hier beginnt in ihm ein seltsamer Ton zu klingen. Er schirmt sich. Er sucht zurückzntreten, sich zü entschuldigen, daß er zu einem Volk wie wir irr solch donnernden Worten gesprochen hat. Er schämt sich wie ein Mann, von dem man glauben tvird, er Habe Komödie gespielt, er habe Worte gebraucht, die gar nicht zu dieser Gesellschaft passen, er habe sich blamiert. Eine sonderbare Note, die man sonst nirgends .findet. *) Siche Wiener Morgenzeitu^ vom 1. d. M. Sie sind wohl imstande, albe Versuche zur Wieöerhjurstellmvg des Hauses Habsburg zu vereiteln, aber fte wevdvn einem Bündnis zwischen Ungarn und JtaUien vollkommen machtlos gogenübrrstehen. Der vierte Nachbarstaat, Oesterreich, ist vom militärischen Standpunkt aus vollkommen unbedeutend. Aber wir hoffen, seine politische Unterstützung dadurch zu erreichen, Hatz wir zwischen »den österreichischen und heutschm Nattonalfftcm und Italien eine Vermittlerrolle spielen. Es schüveben Verhandlungen zwischen Rom und anderen interessierten Gruppen, um ein Kompromiß zu -finden, .welches es Mussolini ermöglicht, seine Zustimmung zu einem Zusammenschluß Oesterreichs und Deutschlands zu geben. Italien ist der Hauptgegner dieses Planes, denn die geplante Verbindung würde die großdeutsche Grenze bis zu Italiens nördlichen Toren ausde-hnen, wo das durch und durch deutsche Südtirol leicht Anlaß zu Konflikten bilden könnte. Wen« attev Oester reich an Ungarn das Bnrgienland zurückgebrn würde und Italien-einige strategische Sicherheit bekäme, so würde sowohl Italien als auch Ungarn der österreichisch-deutschen nationalistischen Bewegung ihre Unterstützung zukommen lassen. Drojss Aktion wird auch Frankreich isolieren und also Italien zum militärischen und politischen Führer auf dem europäischen Kontinent machen, welcher mit Großbritannien. im Westen und Ungarn im Osten kooperieren würde/ Lemberg, 1. September. (Tsch. P.-B.) Bei Prz-emysl sind die Flüsse San und Wiar aus den Usern getreten, wodurch zahlreiche Gebiet« überschwemmt wurden. Das städtische Krankenhaus, die Elektrizitätswerke, dis große Arbsiüerkolorsto und zahlreiche Straßen in PrBzvmyfl stehen unter Waffsr. Da der San -steigt, besteht die Gefahr weiterer Ueberschwemmung. Jn K a l u s z wurde die Kalisal z - Grube überschwemm t. Der Schaden beträgt ungefähr eine Million Zloty. Ueber Neusan d ec ging gestern ein katastrophaler Wol'kenbruch nieder. Der Dunajec ist aus -den Ufern getreten und hat große Gebiete überschwemmt. Die Eksonbahnvorbindung ist unterbrochen. 3. September 1927 GMr 8 Origengl. Ulster r1;:™ SM- Helnriefc Weliberpr, I., Singerstraüe 6 * In diesen Enthüllungen, deren Authentizität vorläufig Nicht feftsteht, wird auch der Aktion des Lord Rothermere -für die Restaurierung Ungarns gedacht. Die von ihm in den bekannten Artikeln und offenen Briefen angestrebte Revision -des Friedens von Trianon ist aber nur ein Teil eines Angriffes auf das gesamte Friedenswerk und in diesem Zusammenhänge sei auch ans die Propaganda des Zeitu-ngskönigs für die Abtretung des Palästinamauda-es an Jtalion erinnert. Wenn auch dieser Fühler inzwischen wieder Hingezogen werben mußte, so ist doch klar, daß eine große Intrige gegen den Frieden im Gange ist, und daß ihre Anstifter auch einen aktiven Antisemitismus -als gute Karte im Spiel betrachten. Die Mtion des Lord Rothcrmere wurde, wie das „Prager Tagblatt" kürzlich mitgeteilt hat, durch die Prinzessin LouisevonEsterhazy veranlaßt, die, wie noch erinnerlich, vor mehreren Jahren in der Tschechoslowakei wegen Hochverrats und Spionage zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt worden war. In diesem Prozeß war auch zutage gekommen, daß dke Prinzessin an -Mt Plan eiues international:: Pogroms zur Bovmchtmrg der „jüdischen Weltherrschaft" arbeitete und in den Kreisen der ungarischen und polnischen Hocharrstokratic Unterstützung suchte. Es ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß auch -der Gedanke, das Palästina-Mandat in Gefahr zu bringen und auf diese Weise einen Schlac gegen das Judentum zu führen, von diese- Prinzessin stammt. In Ostgalizien ist die Ruhr epidemieartig ausgetreten. Vom oberen Wcichsellauf wurde ein Steigen des Wassers gemeldet. Für Samstag -erwartet man in W a rschau einen Höchststand der Weichsel von ungefähr vier Metern über dem Normalen. Die Behörden haben entsprechende Maßnahmen getroffen, um eine Ueberfchwemmung Warschaus und seiner Umgebung zu verhüten. Auf Grund der Berichte ans der Woiwodschaft Stanislau ergibt sich, daß in dieser Woiwodschaft in 12 Kreisen 186 Gemeinden ganz und 49 Gemeinden t e i l.w e i s e überschwemmt sind. In der Woiwodschaft Lemberg sind in 10 Kreisen 132 G eme-inden ganz oder teilweise überschwemmt. In der Woiwodschaft Krakau sind 8 Gem e i n d e n überschwemmt. Bialik hat sich niemals geirrt. Es gibt verschiedene Dichter. Mer ein Dichter, der sein Volk immer ruft und« sich fragt: Ist es eine Leiche? Wird sie antworten? Kann ich in ihrem Namen den Aufstand proklamieren? — ein solcher Dichter kann nur solange aus dem vollen Herzen dichten, als er weiß, daß er zu einem Volke spricht, das ihn hört. Er hatte dieses Gefühl verloren. Und jetzt beginnt bei ihm eine dritte Periode, die der Verzweiflung. Mt einem Fußtritt zerbricht er seinen Mar, den Mar eures falschen Propheten; er will sein heiliges Feuer nicht mehr an die gemeinen Menschen geben, die daran ihre Suppe kochen, und die heiligen Saiten seines Herzens, auf denen er die wunderbarsten Melodien gespielt har, will er hinausreißen« und in den Wind werfen. Und seinen schweren Hammer, mit dem er Eisen schmieden wollte, noch ehe er es gefunden hatte, will er weggeben und eing Schmiss daraus machen, mit der er sein «Grab grabt. Und er -sagt sich: Es ist leicht, Lieder des Aufstandes zu singen, und cs ist leicht, sie zu lehren. -Dein Gebet, das Lied, der iAufstand, alles, was du diesen Menschen gebracht hast, ist auf ihren Lippen. -Das sprechen sie, das singen sie, aber -in ihrem Herzen, warten sie auf deinen Verfall. In einer anderen Dichtung spricht er zu einem künftigen Dichter: Und er bittet ihn: Vielleicht wirst du einmal meine Bücher finden, auffchlagen, lesen, was ich in meiner Jugend diesem Botte gesagt habe. Verachte -mich nicht, ich -wußte es nicht. Ich wollte die Morte Gottes nicht preisgeben. Es war alles -ein Traum. Jetzt schreibt er anders. Sonne schreibt er anders. Die Sonnendämmerung ist nicht mehr froh und leuchtend. „Du Narr, du hast geglaubt, daß Gott neue Welten schafft und zerstört? Dort schasst mair nichts, dort zerstört man nichts. Ter Mend kommt und schüttet, seinen Staub über altes. .Staub und nichts mehr. Ich bin in die Welt gegangen und habe meinen goldenen Schein .verloren." 1— Und in den letzten Strahlen der Sonne sieht er den Teufel. Sein letztes Lied: „Ich will nicht von Euch fortgeh-en. Ich bin ein Hirte bei der Herde. Ich habe mich -an das langsame Schreiten der Tiere gewöhnt. Ich aber gehe und tvill nicht bei Euch bleiben. Ich hatte einen Hammer, aber Ihr habt keinen Amboß dazu gefunden. Ich habe die große Axt geschtvungen, aber sie ist verfaule Jetzt geh« ich. Die Wälder werden meine Brüder sein und meine Freunde. Ihr aber seid Verwesung, Fäulnis und der Morgen des Gewitters wird euch zerstreuen wie tote Blätter." , Und so hat uns der Dichter -verlassen und nach diesem .Gedichte (1908) -hat er schon sehr wenig geschrieben. Man darf nicht glauben, daß Bialik dämm die nationale 'Arbeit sich selbst überlassen hat. Er hat ungeheuer viel gearbeitet, gerade in den Jahren der vierten Periode, dieser Periode der schweigsamen Arbeit. Er hat .als Verleger und Redakteur gearbeitet, hebräische Bücher und jüdische Geschichte, jüdische Literatur .und vieles andere veröffentlicht. Er hat unsere pädagogische Literatur ganz -revolutioniert. Mer man fragt sich: War das seine Arbeit? Konnte bas nicht jeder andere machen? Brauchten wir ihn nicht für etwas anderes, brauchten wir nicht den Dichter? Der Dichter ist verschwunden. Zn allen diesetr Jahren hat Bialik selten geschrieben. jßC&er jedes seiner Gedichte ist ein Beweis dafi'ir, daß sein Können immer mehr steigt. Als Dichter arbeitet er nicht mehr. Zur Zeit des Krieges hat er einen Vortrag gehalten: Hagadah und Hälachah. Das sind die beiden Prinzipien der Lehre und Vortragsart -im Talmud. Die eine lehrt durch Beispiele, durch Legenden, die andere ist der trockene juristische Teil. — Er sagt: „Freunde, bis jetzt haben wir uns mit schönen Hagadahträumen unterhalten und haben geglaubt, wir lebten in einer Epoche der Romantik. Das ist nicht'so. Wir haben kein Recht auf Legende. Diese Zeit ist noch Nicht gekommen und ich rufe euch zurück zur prosaischen Halachah. So sollst du und so mußt du! Mit schmutzigeir Händen mußt du schmutzige, kleine Arbeit machen. Denn die Welt wird nicht damit gebaut, daß große Dichter zum Ban rufen, sondern damit, daß Holzhacker Holz hauen und Wasser getragen wird, und diese Dinge sind die Hauptsache." Auf diesen Ruf Bialiks hätten tausend und aber tausend Holzhacker erscheinen müssen mit Aexten in den Händen. Wenn sie nicht kommen, bleibt ihm! nichts als Verzweiflung. Der Dichter, der nur Dichter war, schließt die Augen und verschwindet. Der Dichter-Mensch sagt: Wenn ihr keine Kraft habt, dann null ich sie haben und das tun, >va? ihr tun solltet. Als Bialiks 50jähriges Jubiläum in der ganzen jüdischen Welt gefeiert wurde, wollte er an den Feierlichkeiten keinen Anteil nebknen. Es gab einen Regen von Telegramnien. Die lleberschwemmungskatastrophe in Polen. Schwere Schäden an de» Kaligruden bei Kalusz. — Auch WestgaWen und das Weichselgebiet betroffen.