Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3054 (31.8.1927)
- Date
- 1927-08-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982142--31142-3019431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wien, Mittwoch Wiener Morgen-ettrmg 31. Skrgust LW7 Nr. 3054 cHäNA-wasw mit ii_ ewatHimrrBS KK&?Tt«n*cjwiTm SCHW^CHUCH|p.R£KOHVAt6&Zt HTg, IkWPSWUMWWWWWWWWMWWW'--- berührt, als er auch schon zusammenzuckte und sich mit einem: „Verzeih, Marianne, ich wußte nicht — —" abwandte. Lächelnd, doch zärtlich nestelte sic die Brüste wieder zu und sagte zu Erwin:-" Derffcherungsmord oder Ml?! Ae Indizien gegen Sela Erdelyi. Die VerdachtSrnomente gegen Bela Erdelyi, der in Budapest unter der Anschuldigung verhaftet wurde, seine Gattin, die ehemalige Schauspielerin An-ny Forgacs getötet zu haben, um sich in den Besitz einer VersicheruNgssmrttne von 10.000 Dollar zu setzen, nehmen immer mehr an Gewichtigkeit zu. Erdelyi leugnet zwar weiter hartnäckig, an dem Tode seiner Frau schuldtragend zu sein, doch konnten durch Aussagen der Aerzte, die die Obduktion der exhunrierten Leiche der Frau Forgacs vorgenvmmen hatten, festgestellt werden, daß der Tod zweifellos durch Vergiftung hervorgerufen wurde. Der behandelnde Arzt der Gattin Dr. Pichler deponierte bei der Klagenfurter Staatsanwaltschaft, daß die Frau nach hrem Bevgunfall zu ihrem Gatten gesagt habe: „Mir scheint, dn hast mich vom Felsen heruntergestoßen." Als weiteres Indiz gegen Dr. Erdelyi wird gewertet, daß er, wie einwandfrei feftgestellt werden konnte, in einer Millstätter Apotheke 16 Gramm Veronal gekauft hat. Dr. Erdelyi hat die Frage nach dem Motiv des Mordes mit dem Hinweis darauf abzutun versucht, daß die Versicherung drrrch längere Nichtzahlung der Prämie bereits hinfällig geworden sei. Demgegenüber erklärten die Beamten der Versicherungsgesellschaft bei ihrer Einvernahme, daß die Gesellschaft am 26. August, unmittelbar nach dem Tode der Frau Forgacs, von Dr. Erdelyi telegraphisch von dem Ableben der Versicherten in Kenntnis gefetzt wurde. Damit fallt diese Verantwortung Erdelyis in sich zusammen. Die PoliJei ist eifrig bemüht, Klarheit in die finanziellen Verhältnisse Erdelyis zu bringen, der pekuniär in sehr mißlicher Lage gewesen sein soll. Es konnte anfänglich nicht sestgestellt werden, woher Erdelyi die reichlichen Mittel zur Bestreitung eines Sommeraufenthaltes in Millstatt genommen habe. Die Aussage eines Budapester Großkaufmannes brachte auch in dieses Dunkel Licht. Erdelyi hat sich nämlich große Wechselfälschungen zuschulden kommen lasten. Die Geschädigten gaben ihm zur Ordnung der Angelegenheit eine Frist, nach deren Ablauf fie die Strafanzeige erstatten wollten. Noch vor Ablauf dieser Frist wurde Erdelyi unter dem Verdachte des Gattemnordes verhaftet. Die Untersuchung nimmt deshalb einen schleppenden Verlauf, weil die Relationen der Klagenfurter Staatsanwaltschaft abgewartet werden müssen. Erdelyi hat gestern seinem Anwalt Dr. D a r v a n y das Mandat entzogen und mit seiner Verteidigung den bekannten Budabester Anwalt Dr. Eugen Gal betraut. Soshrada apeeliefert. Aus Anatm wird gemeldet: Ter Raubmörder Sou-- hrada, der in Raabs die Familie des Gefangenenaufsehers Herr mann ermordet hatte und bei Znaim sestgenommen wurde, ist jetzt den ö-siter reicht sichen Behörden ubergeben worden. , Wien, 31. August. Das Wetter. Gestern.verschlechterte fick, die Wetterlage abermals. Vormittags herrschte noch Aares, warmes Wetter, das nachrrttttags trübem, windwem Weiter weichen machte. Die Voraussag e lautet: Nordalpen b>ewöIckt, Südalpen heiter. '; D,e Ermäßigung der KrastwagenaKgar Die vom Landtag beschlossene zeitweise Ermäßigung der Kvastwagenabgabe tritt am 1. Stzptember 192? in Kraft. Von da an sind für ein Privatauto mit zwei Steuievpserdekrästen monatlich S 16.67, mit drei Steuerpf^rdokräften S 25.—, mit vier Steulerpferdekräfren S 33.33, Mt fünf Steuerpserdekrästen S 41.67 und.mit sechs Steuerpferdtzkrästen S 50.— zu bezahlen. Die Monatliche Abgabe für jeden Wagen mit mehr als sechs Steuerpserdokräften ermäßigt sich insgesamt um S 25.—. Die Abgabe für Autotaxis, Elektromobile rmd Phobenummiern ist unverändert geblieben. Der Jnternrst Professor Meyer tödlich verunglückt!. Rach einer Meldung aus Po ntrlesina in den Schwei zer Alpen wurde der bekannte Internist Dr. Meyer welcher aG Professor an der Universität Göttinger wirkte, abseits vom Wege nach Alpgrün tot oufgefimden Lei einer Tour abgestürzt. Prozessor Meyer hattc als Internet europäischen Ruf, insbesondere auf dem Gebiete der Blutkcankhleiterr, deren Erforschung er sich zw Hauptaufgabe machte. Klnderjeuchen in Karpachor"ßkand. Aus Mukacevo (Knrpatliorußlandl wird gemeldet In einem bemchbarten Dorfe find 150 Kinder an Keuch husten, Blattern und DarmkatarrH erkrankt. Bisher sin 50 der erkrankten Kinder gestorben. Masse nvekglfturrgen dvpch Pikse. Wie aus Bad U st r o n gemeldet wird, sind in bei letzten Tagen schwere Pilzvergiftungen festgestellt worber die Mehrere Todesopfer forderten. Man spricht visu sieben bis acht Todesfällen. Unter diesen befinden sich die Frau und der Sohn des deutsch-soKialistischen Abgeordneten Buch- '.ri-ald sowie besten SchmegerMtett Brudermord. Am 27. d. M. erstach in Brunn a. G. der 34jährige Mols N e u n t e u f e I in einem Streite, der sich fort Verlaufe eines Spieles ergeben hatte, seinen 28jährigen Brudev Joses mit einen« 33 Zentimeter langen, scharf geschliffenen Küchenmesser. Als Josef Neunteufel bereits schwerverletzt am Boden lag, versetzte ihm fein Bruder noch weitere fünf Stiche, die unbedingt tödlich wirkten. Adolf Neuntens wurde noch am selben Tage v erhasitet. Dre MaukMrfsnwas. In der Stadt Hedrnezövafarhjely im ungarischen Tiefland wurde von einem AÄt ein sonderbares Tier bemerkt, dasi fich nach näherer Untersuchung als eine Maulwurf s" maus (Spalax typhlus) hevausftellte. Die Maulwurfsmans ist eine Tiergattung, die im Aussterben begriffen rst. Sie kommt aitth in Ungarn nur mehr selten vor". Ern Lehrstuhl für Jndianerfpmche- Wie „Times" aus San Francisco berichten, ist »n «,«»»»»»»»««««»»»«»»»»»»»»»»»»«»»»»»»> San Diego im Norden Kaliforniens kürzlich ein Lehr stuhl für die Sprache der Indianer errichtet worden, dü dadurch vor dem Untergang gerettet werden soll. Lehren dieser Sprache ist nicht efovv ein geprüfter Philologe, son dern ein alter Rauhneiter, William T o m k i n s, der von Jugend auf nrit den Indianern zusamm.'ngelebt hat und «rdurch wie kein andey-r ein Kenner ihrer Sprach- und Sitten geworden ist. Nach dem Urteil von Tomlins ist die meist aus Bildern bestehende Sprache der Indianer von einer außerordentlichen Prägnanz und Kürze, da der Indianer unter Anwendung weniger Bilder auszudrücken. vermag, uwzu der heutige Amerikaner eine Fülle von Aorten nötig hat. In einem von ihm herausgeaebenen Buche gibt Tomkins eine Erklärung der von ihm im Leu, ' der Jahre gesammelten Bildzeichen, die, wie er M-ne. ohne sonderliche Mühe erlernt werden können. Durch dir Errichtung eines besonderen Lehrstuhles wollen die Amerikaner wenigstens den Rest der Jndianersprache retten, die um so mehr dem Vergessen anheimzusallen droht, als die heutigen Indianer die Erziehung ihrer Kn,der immer , mehr nach amerikanischen Grundsätzen cinrichtcn und damit auch die englische Sprache cm die Stelle ihrer eigenen zu treten beginnt. IBBBBBaBBBBBBBRBKßKSIffiB JÜDISCHES LEHEN E AuswandererhySnen. Aus dsm Elend Äor Emigranten. Ms Lemberg wirb uns geschrieben: Letzten Freitag früh verließ eine Gruppe von vierzig jüdischen Emigranten Czernowitz, um über Polen nach Hamburg zu fahren, von wo sie sich einer Reise nach Argentinien anschließen sollten. In' Czernowitz wurden die Emigranten von der dortigen Auswandererfirma Niederhofer u. Comp, mit Bahn- und Schiffs- 'karten versehen, welche der Begleiter, ein Angestellter der genannten Firma Leo Weißberg, mitführte. Als der Zug auf-polnHches Gebiet kam und Weißberg die Fahrkarten dem Zugsführer vorwies, fand dieser die vorgezeigten Fahrkarten verdächtig und ließ sie im Stanislau bei der Bahndirektion überprüfen. Hier wurden sie tatsächlich als falsch erkannt, worauf dve Mischen Auswanderer zu einer empfindlichen Geldstrafe verurtzM wurden, so daß fc&e Emigranten in Lemberg ganz mittellos ankamen. Der Begleiter Weißberg wurde in Haft genommen, während die Auswanderer unter polizeiliche Aufsicht gestellt wurden. Da Weißberg erklärte, daß er die Fahrkarten von seiner Firma im guten Glauben übernommen habe, setzte sich die Polizei mit den Czernowitzer Behörden ins Einvernehmen. Die Untersuchung ist noch im Zuge. Im Zusammenhang mit dieser Affäre weist das Lemberger jiddische Tagbläkt „Der Morgen" auch auf bie schikanöse Behandlung der jüdischen Auswanderer durch das amerikanische Konsulat in Polen hin. Bei den amerikanischen Konsulaten in Polen haben die Auswanderer hochnoftieinliche Prüfungen durchzumachen, bei denen es sich offenkundig um geradezu sadistische Quälereien handelt. So wurde erst vor kurzem an eine Frau, die auswandern wollte, die Frage gestellt, w'rovkvl Feldern eine Gans und «in Huhn habe. Es sei auch schon vorgökommen, daß in dem „Examen" ein Konsulatsbeamter an einen Emigranten die Frage stellte, wieviel Haare ein Mensch hat. Diese nutzlosen Quälereien haben auch bereits die Aufmerksamkeit der polnischen Behörden erweckt und diese wegen Abstellung derselben interveniert. Mische Wandersiirsorge. . Herr Rabbiner Bela F -i s ch e r ersucht uns, den durch ein Versehen seinerzeit ausgMiebenen Deik seines Artikels nachzutragen, um dem (gestern hier abgedvuckten) Vorwurf des Herrn S. Adler-Rudel zu begegnen, daß ,/ms der Formulierung die Vermutung entstehen könnte, daß die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland an dieser Frage achtlos vorübergeht*. In dem Artikel des Herrn Fischer hatte es geheißen: „Die jüdische Wanderfürsorgezentrale für das Deutsche Reich in Berlin umspannt mit ihrer festgefügten Organisation das ganze Reich von Grenze zu Grenze mit Hilfsstellen; diese hat zuerst erkannt, daß es nicht genügt, Menschen mit Fahrkarten zur Weiterreise den Nachbargemeinden, bzw. dem Nachbarstaate zuMschieben, sondern durch Schaffung von gutfunktionierenden Arbeitsnachweisen Kvecks Beschaffung von Arbeitsplätzen die Wandevarmen möglichst produktiv zu machen. Dem Vernehmen rrach besteht auch die Absicht, durch Gründung von landwivtschastachen und gärtnerischen Betrieben in ber Nähe von großen Städten nicht nur die Arbeitsmöglichkeit zu vermehren, sondern sogar diejenigen Wanderarmen, die fich körperlich hiefür eignen, durch Beschäftigung in diesen Betrieben einer Berufsumschichtung zu unw:ziohen." Ser Wiederaufbau der Jerusalemer Universität. Wie die Indisch: Telegraphen-Agentur erfährt, sind> der hebräischen Universität in Jerusalem aus Amerika 10.006 Pfund zwecks Ausbesserung der durch das Erdbeben an den Gebäuden eutstnibenen Schäden zugegangen. Der Betrag reicht bin, um alle Rrstaurationskosten zu decken. Der Ausbessemng bedürfen am meisten das Institut für jüdische Studien und das Einstein-Institut für Chemie. In dem letztgenannten Institut wurden sehr wertvolle Apparate mn die gesamte innere Einrichtung zerstört. 8in Hilferuf Ser Samaritauer. AuS Jerusalem meldet die I. T. A.: Der Ob:rpriester der Samaritaner, deren Siedlung N a b l u S durch das Erdbeben vollkommen vernichtet wurde, verfaßte einen Appell an die Judenheit der ganzen Welt, den Samaritanern durch Geldspende,: dazu zu verhelfen, ihre zerstörten Heime lvieder aufzubauen. Die Beziehungen zwischen den Samaritanern und den Juden Palästinas warerr jahrhundertelairg außerordentlich gespannte; ihr jetziger Appell an die Weltjudenheit zeugt davon, daß die Samari' taner — wie schon ihr Oberpriester zur Zeit d:s letzten Passah»- festes auf dem Berge Gerizin in einer Ansprache an die jüdischen Festgäste erklärte — gewillt 'sind, „die Streitaxt zu begraben". Die Samaritaner verminderten sich in den letzten Jahrhunderteil propressiv, 1922 zählte ihre Gerneindr nur noch 157 Seelen. Unlec dem Einfluß des jüdischru Aufbauwerkes in Palästina machte sich auch bei ihnen eine Renaissancebewegung geltend. Zur Zeit des letzten Pasfabfestes war i's'-" Gemeinde auf 250 Seelen angervachseir. Wie 8v«ard vii. für die russischen Fuven intervenierte. Im „Daily Telegraph erscheinen jetzt die Memoiren des englischen Staatsmannes Sir S i d n e Y. In einer der letzten Fortsetzungen findet sich eine Reminiszenz an eine Intervention des verstorbenen Königs Eduard VII. beim russischen Zaren zugunsten, der Juden von Rußland. Als bekannt wurde, daß König Eduard dem Zaren von Rußland einen Besuch abstatten werde, liefen iu der Kabinettskanzlei zahllose Bittgesuche an den Köniz ein, für die -verfolgten Juden ein Wort zu reden. In einer Audienz trugen Lord Rothschild und feine Brüder Alfred und Leopold dem König diese Bitte vor, indem sie auf die erschütternden Grausamkeiten hirtwiesen, deren Opfer danmls die Juden wären. Auch der Ministerrat beschäftigte sich mit dieser Frage und es wurde beschlossen, daß König Eduard in einem allgemeinen Gespräch mit dem russischen Außenminister die Judenfrage berühren und eine menschlichere Behandlung empfehlen möge. DieZ fei auch geschehen, und wie Lord Sidney meint, habe die Intervention des Königs von England auch sichtbare Erfolg« gehabt. Die Wische Kolonisation in Rußland. Berichte aus Rußland wissen zu melden, daß die jüdischen Kolonisten in diesem Jahr mit einer s e h r s ch w achen Ernte äbschließen werden. Selbst in dem sogenannten Kalinin-Rayon. in dem sich die ältesten jüdischen Kolonien befinden, wird die Emte kcnim den eigenen Bedarf der - Kolonisten decken, und in manchen Distrikten wird das Ergebnis nicht einmal den eigenen Bedarf erreichen. Immer mehr machen sich Schwierigkeiten in-den jüdischen Kolonien und in-der Durchfi'chrung des seinerzeit mit großer Reklame angekündigten Kolonisierungsprogramni geltend. Große Unzufriedenheit erregt die Negierungsderoodnuilg, daß in der Ukraine nur Mische Famtlien mit zumindest fünf Köpfen einen Anspmch auf die Kolonisiertmg haben und selbst der „Emes", das Organ der Jowseksie, ließ dieser Tage einen Artikel des jüdischen Konrinunisten Z u d a r s k i, der sich gegen diese Verfügung mit auffallender Schärfe wendet, ohne jede Bemerkung passieren. Es wird daraus der Schluß gezogen, daß das erwähnte Gesetz ohne Rücksprache mit der Jowseksie und ohne Rücksicht auf die Wünsche der Juden erbwcht wurde. Andererseits ninrmt der A n t i s e m i t i s in u s unter den K o m m u n i st e n, luic bereits wiederholt gemeldet, einen solchen Umfang an, daß die Negicrnng gezivungen war, schärfere Maßnahmen anznwenden, ohne jedoch einen nennenswerten Erfolg zu erzielen. Auf den Jahrmärkten ziehen noch immer jugendliche Straßensänger durch die Gassen und singen aufreizende antisemitische Lieder, durch welche die Russen arrfgefordert tverdeu. das Joch der Judeic ahzrtschütteln. Im Zusammenhänge damit dürfte auch der Notnrf der Jeivsekzie stehen, daß der Kornmunisinus unter den jüdischeil Kolonisten nur in sehr gerinaam Maße Wurzel gu fassen, vermag-