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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-31 · Heft 3054 (31.8.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3054 (31.8.1927)
Date
1927-08-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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'Sette 4 Wien, Mi'krn* *och gleitet Morgenzeitirng öl. August 1927 Nr. 3054 Ae Wiener Iuli-Revolle. Ae Berichte der Gemei«deratsko«mWon. Am 22. Juli. uainittcllar nach den blutigen Ereignissen in der Gegendes Justizpalastes, hatte der W iener G c m e i n d e r a t eine sechsgliedrige Unters'ttchungSkormnission eingesetzt. Diese K'oimuffsion hat ihre Beratungen am 26. Juli am'geiwnnnen und am 20. August M EnDc geführt. Es wurde ein 600 Seiten langes Protokoll»angcfertigk, rvclchcs die Aussagen von 26 freiwilligen Zeugen enthält. Der Bericht der Mehrheit der Kommission umfaßt 54 Seiten. Die Minderheit, die ans den der E i n h e i t s- X i ft c a n g e h L r e n d e n G e m c i nd e r ä t e n besteht, hat einen eigenen, 13 Seiten starten Bericht ausgcarbeitet. Beide Schriften liegen nunmehr vor. Der MahrheitSvcricht teilt zunächst die schon bekannte Zuschrift der Polizei direktion mit» in welcher diese auf Weisung des Bundeskanzleramtes die Aussage verweigert und ihre von: Vizekanzler Hartl cb im Nationalrat verlesene Darstellung vorlegt. Die Kmmnission, die keine behördlichen Befugnisse hatte, führte die Untersuchung in vier Teilen: 1. die Vorbereitung der Polizei für den 15. Juli und die ersten Zusammenstöße; 2. die Munition der Polizei; 3. die Verbreitung von Greuel-legenden innerhalb des Polizcikorps; 4. die Verwendung der Schießwaffen außerhalb des eigentlichen Demonstrations- Platzes und 5. die Vorgänge im Rathaus. Der Bericht der Mehrheit der Konunission erklärt, daß die Ergebnisse der Untersuchung starke Zweifel an der Richtigkeit der Darstellung der Polizei aufkommen lassen. Es wird ausgeführt, daß die Polizei trotz aller von ihr selbst angegebenen Warnungen nicht die notwendigen Vorkehrungen getroffen habe. Es seien nur 67 Wachebemnte zur Verfügung gehalten worden. Es seien ferner durch die Absperrung der Ringstraße in den ersten Vormittagsstunden und durch die Attacke der Berittenen beim Burgtheater entscheidende Fehler Legangen worden, die die Erbitterung und Verwirrung verurehrtcn. Die Darstellung der Polizei müsse als subjektiv und b e f a n gen betrachtet werden. Die Anwendung der - . Schuch Waffe sei gegen die für das : MMLär geltenden ' Instruktionen erfolgt und habe 88 Todesopfer geforden. Der Bericht geht sodann im einzelnen auf die verschiedenen^ Schießereien ein und meint, daß sie a u s e i n e n a l l g e- ' meinen Befehl hin ausgejÄhrt wurden. Es wird bemängelt, daß die Mitteilungen -der Pcllizei ganz allgemein gehalten und kaum überprüfbar sind. Daß aus dem Rathaus geschossen wurde, sei durch keinen Zeugen zu erweisen gewesen. Die gegen den Oöermagistrutsrat Dr. Urban, der einen Schuß abgegeben haben soll, eingeloktete Untersuchung wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft am 13. August eingestellt. Dagegen HMt der Bericht die Beschuldigung aufrecht, daß am 15. und 16. Juli Sch eibenschu ß m u n i t i o n mit Dum-Dum-Wirkung vevivendet worden sei. Es werden diesbezüglich Aussagen von Soldaten, die Leim Parlamcnt Wachdienst hatten, und Juterviotvs des Hofrates Tauß und aridere Mitteilungen von Polizeibeamten angeführt. . Dte Anträge der Mehrheit gehen dahin» cs sei gegen die Vereitelung der Nnterfuchtmg im Parlament Protest zu erhoben und der Bericht zur Kennt - nis zu nehmen. Die Mind-erheit beantragt, der Regierung und der Polizei A n e rL c un u ug un d D a uk auszusprechert, die Reform des Preßtef etzes zu fordern und den Mchrheitsbericht abzulehnen. Sie behauptet, daß ,der Plan der Ereignisse ivar, die Regievimg zu stürzen und au die Stelle der Polizei den Republikanischen Schutzlnmd zu setzen. Die im Parlament Vorgefundene Scheibenschußmunition sei durch eine unaufgeklärte „verbrecherische M a n i -- pulatiou" produziert worden. Die Minderheit konstatiert schließlich, daß alle Beruhigungsversuche' d o r s o z i a ldemokratischen Fü h t c r versagt c u, so daß die äußersten Mittel gegen die Brandstiftung und Plünderungen angewendet werden rrmtzten. Ler BersShuungssonvs der Herr« Meinl. Bom BundcsprLfiiwtrten abgelehnt. Wie noch erinnerlich, hatte der Kommerzialrat Julius Meinl am 29. Juli beim BundesprKstdenten angeregt, dieser möge sich an die Spitze einer Sammlung Karr Schaffung eines „D-ors och nun gs fand s" für die unschuldigen Opfer der am 16. und 16. Juli stattgefundenen Zusammenstöße stellen. Herr Meinl hatte gleichzeitig diesem Fonds einen Betrag von 10.000 Schilling gewidmet. lieber Auftrag deZ Bundespräsidenten hat der Kabinettsdircltor diese Anregung mit einem Brief abgelehnt, in dem es unter anderem heißt: „Mit der Würde eines Bundesprüstdanten, insbesondere mit der Ausübung mehvever üb-e r a u S heiklerRechte, die ihm anvertrant stnd, darunter der Verleihung von Auszeichnungen, erscheint es nicht vereurbar, Laß dieser Geldsammlungen persönlich ecnleitet. Es könnte zu mancherlei Mßdeutungeu führen, wenn bei solchen Anlässen jedermann di« S>esondere Aufmerksamkeit des Herrn Bundespräsidenten durch eine außergewöhnliche Beteiligung an einer solchen Sammlung auf sich zu lenken verntöchte. Bon dem bisher stets festgehaltenen prinzipiellen Standpmrkte^kann leider ^ruch diesmal nicht abgegangen werden." «SS—«»—- M «euer Sowjetgesaudter in Wim. Der russische Gesandte, Herr Ben sin.«, dev seit etwa ttver «Monaten auf Krankenurkaub abwesend ist, wird auf seinen Wiener Posten n4cht weh r zurÄAk-acha'LM. Herr Bersrne wird den Posten eines bevollmächtigten Mrtfchastskommissärs in der Ukraine übernehmen. An Stelle des Herrn BersLne wrtd auf den Mene»; Posten Herr -treten, de» biS'vor^knrzerN 'Ge- }' sandter in Persien war. Spiel sehen, die Thimig beMiberte durch glockenreine, tönende Stinmre,. die in Hummeln entführte. Sokolosss „Teufel" war niehr grotesk als unheimlich, Mehr jammervoll possierlich als mächtig, so recht ein Teufel aus dem Mittelalter. Louis Rainer sprach wie immer deu ,ßjab“ mit klangvoller — aber uxrnrnr nicht schaudererregender — Stimme. * Den „Svmmeruachtstraum" kennt man ton Wien. Reinhardt hat ihn ganz aus das Märchenhafte abgestimmt und versäuntt, nur auch die Rüpelszenen ihrer Derbheit zu entkleiden. Erst wenn dieses Stück als „Sommernachtstraum" gebracht würde, könnte man aber die ganze Poesie der Oberon- und Titaniaszenen voll auskosten. Sind denn nicht diese das Um und Auf des Gedichtes«? Doch mit wundervoll farbigen« das Augen berauschenden Kostümen allein konnte es nicht gemacht werden. Hippolyta war Rosamunde Pinchot, eine reizende, schlanke Amerikanerin, was niemattd leugnen wird, aber wie es mit der Aussprache des Deutschen steht, müßte Reinhardt eigentlich wissen! Sie sprach daher unverständlich Life und lächelte nur öfters, was ihrein goldgelben Phantasiekleid ausgezeichnet bekam. Hartmann als Theseus ließ dagegen, um seine Braut zu retten, alte Akkorde seiner schönen Stimme ausleuchten. 'Er war pathetisch und tat sogar ein wenig zu viel des Guten. Margarete Koeppke und Chrysta Tordis gaben recht lieblich die verliebten Atheuerinrten, die beiden Thimig, deren vielleicht genwllt allzu drastische Liebhaber. Hans Moser als Zettel urdrollig. Er entfesselte das Haus zu Lachstürmeu. Romauovsky als Flaut wie immer uirnachahmlich diskret, war nicht toeniger erheiternd. Rainer als Oberon sprach mit edlem Anstand seine schönen Verse. Seine Titania war die Tänzerin Maria Solveig. «Ihre Anmitt, ihre glockenhelle Stimme, der Reiz ihrer mädchenhaften Gestalt waren die bezauberndste Überraschung des Abends. Tann tanzte Dilly Losch! Und wie sie tanzte! Sic hat Elfenbeine und Elfengrazie. Sie war ganz allein Märchenstumnullg und Eteisterromaiitik. .Harald Kreutzberg als Puck konnte sich so recht austollen. Seine Sprünge sind vollen^et undi-edel, jede Mste hat Wtsck, ist ryohlüMd. Ueberhaupt wäret: die Tauzszenen die shakespeareschesten an dieser .Aufführung und der Elfenreigeu, der WaldgÄfl der 'Katta Sterna bleiben imvergänglicher Zauber der Erinnerung. Darum ist eine wunderbar ausgestattete Repue mit Tanz "kein dankbar hkngenommenev Genuß! < I Der große Erfolg aber heißt.: >Mbäte und Äreve^ -j Es war Reinhardts abgerundete Leistung, zugleich bejdeiw, tete es eine Schiller-Renaissance. Altes Feuer und altes Aufbegehren waren da, alle jugendliche Anklage und Sturm gegen Himmel. Jede Pause hatte ihre beziehungsvolle Melodie, jedes simnme Spiel führte seine bedeutungsvolle Sprache. Was für Schauspieler wären aber nicht auch aufgeboten! Paul Hartmcmn, der feurigste unter den stolzen Ferdinands, Hugo Thimig, ein von Leben durchbluteter Miller, Kaystler,. ein vornehmer, tmr zu ehrlicher Präsident, Sokolosss Wurm: süßlich gedrückt, ahnungslos teuflisch, ganz Wurm am Boden kriechend. Leopolds Kramer als Hofmarschall, frei von jeder Groteske, fiel ein wenig aus dem gewohnten Rahmen. Und dann die Frauengestalten: Helene.Thimigs Luise ganz körperlos, hingeschiinolzen, hloldsesigstes Mädchen Schillerschrr Poesie, den Glorienschein der Märtyrerin um ihren glatten, blonden Scheitel. ' Litt Darvas, eine temperamentvolle nervöse Milford, ntehr in dte iGegenwart entrückt, aber mit prächtigste»: tragischem filkzmten, pnd Frieda Richard, eine lebendige Millerin, die immier, wie jetzt noch, mit der Tochter 'zu hoch hinaus Witt. Das Zusammmspiel dieser Kräfte war Reinhardt, wie er vor Jahren, frei von Mnsteleien und Sensatiojnsgier austrat und heute nur selten noch! .^sichtbar »oird. Es tvar der große Erfolg der Festspiele, aber — zu Salzburg und seinen Sommerfesten, wie sie einst gedacht rvaren, wollte auch dieser sonst prächtige Abend nicht recht gehören. Jedenfalls gitrg man beglückt aus dem.Haust. Konnte es nicht in Wie:: sein, nun so war es eben, in Salzburg! Was die Amerikaner utib EIsländer anlangt und die dielet: überseeischen stenrdet: Kritiker, die das Haus füllten, sie hatten i wenigstens Gelegenheit, einen Triumph der Wiener Theater- [ j kunst.'mttanzusthen. Die Ausländer-Razzien iu Paris. Blitz« w« lM Peklme» aasgetolcten. Pa r iS, 30. August. Die Mion zur Säuberung der Hauptstadt totem unerwünschten Ausländern, di« nach den Demostrationen sitr Saeco und Vanzetti bogmmvn sourde, wird fortgesetzt. Dir Polizei hat int vierten Pariser Bezirk eine nenerliche Razzia veranstaltet, bei der etwa 400 Personen aufgegriffen wurden; diejenigen von ihnen, die nicht ordnungsgemäß mit Identitätskarte oder Paß versehen waren, wurden über die Grenze geschafft. In der letzten Woche sind mehr als tausend Pvvsowen au'S Frankreich auSgewivfvn worden. Zer Pariser Bertteter der rasstsche» Telegradhe»ageat«r ««sgewiesen. Pulvis, 30. August, Durch ein Dekret des Juneu- Ministers ist ein russischer JournalistdevPariserBertL-oPer der Russischen Tetegraphenagentuir, tvegen eineS Berichtes über die Zwischenfälle, die sich in Paris gele^emtkich der Sac ev-Vanzeiti-Manifestatrauen abfptell-en, aus Frankreich ausgewtefen worden. Den Blättern zufolge soll dies eine ernste Warnung sein, daLeabsichttgtsei, in Zukunft alle Jo u rn ali ftLNr die Falschmeldungen über Frankreich und die Vorgänge iv Frankreich verbreiten, ohne weiteres auszuweisen. Rothermeres Aktion für Ungarn. Schwere Angriffe au» die tlchecholliMMche Wnderdeltt«- vrallr. LDNidon, 30. August. Lovd Rothe rmere setzt sich iu einem Artikel in der „Daily Mail", der von siebzig Zeitungen des ganzen englischen Sprachgebietes nachgedruckt wird, wieder für die ungarischen Minderheiten ein. Er erklärt, 'daß als Ergebnis des Friedens von Trianon Zentraleuropa mit Material für neue Unruhen angefüllt worden sei. Dtze Schaffung der Tschechosiowakei sei emtr künstliche Operation gewesm, die dazu diente, itte Prinzipien der Nationalität, die sie m Wirklichkeit unterstützen sollte, zu gefährden. Um für 'den tschechoslowakischen Staat ein Gebiet schaffen, wurden nicht nur drei Millionen D^-utsch&ft*rreiche r der Tschechoslowakei einverleM, sondern auch eine Million Ungarn, die von den Tschechen in Rasse und Nationalität voMommen Vers schieden seien. Die Tschechoslowate: habe gegen Ungarn eine Politik der Enteignung «es Besitzes durihgeführt, /die bis zur gegenwärtigen Zeit noch niemals dagewesen sei. Die Kompensationen für dieses Eigentum seien so gering gewesen, daß es sich in Wirklichkeit um eine Kom fiSkat io-n handle. Die Gefahr, die die Tschechoslowakei als polit rstch e s P ulv e r m a g a z i n für den Frieden Europas bedeute, müsie klar erkannt werden und es sei im Interesse der Tschechosiowakei selbst, wenn eine Berichtigung der durch den Vertrag von Trianon geschassenen Grenzverhält-' nifse. herbeigeführt würde. Die Tschechoslowakei wie auch Rumänien seien in ihrer Entwicklung auf ausländische Kredite anWwiefdn. Bei der gegenwärtigen Lage könnten diesen Ländern Anlteihen kaum gewährt werden, da sie in der Zukunft keinen größeren Wert besitzen würden als die russischen A nbeihen vom heutzutage. Was für Ungarn verlangt werden müsie, sei nur elementarste Gerechtigkeit. Es-känm keine Rode davon fein, die Vorkriiegsgpenzeu wketzier herzustellen, aber Ungarn habe ein Recht auf diejenigen Gebiete, d i e vwm Um«gi-.aDU bew ohn-t seien. Saida abermals verhaftet? ßO. August. Heute nachmittags erschieuon Po» llzeiorgane M Rieflouraut eines Dampfbades, wo der ^Fasoistenführer Maj-da weihte, und forderten ihr: auf, sich zu Mem weiron Verhüa ün Pollzvipräsidium emzu-> ftnden, .Dieses Verhör wurde vorMnouMen und Gajda neuerlich unt-ea: Polizeiaufsicht gestellt. Mie es heißt, soll diese Maßn-ahme erfolgt sein, weil bei den letzten Hausdurchsuchungen neues, Gajda und seine sastLDsche Gruppe schwer bteferstendes Material gsfuu-den Wurde. i Ae Asche Sacros ««d Bavretti» beschlagnahmt. Boston, SO. August. Die Leichenbestattungsanstalt, in deren Kapelle dieL«ichen Saeeos uud> Banzettis ausgebahrt waren^ hat die Aschenurnen der beiden Hingerichteten beschlag'nahme n lassen und wlll sie nur gegen Bezahlung ihrer etwa 700 Dollar betragenden Forderungen herausgebon. »i eine Forschungserpeditio« in Shina ermordet London, 30. August. Nach Melduugen der „Tinres" aus Peking ist Uach dort vorliegenden Nachrichten eine Gesellschaft von drei oder vier Ausländern in West-Szetschnan von Lamas (buddhisttschen Mönchen) ermordet worden. Möglicherweise handelt es sich um dteFilchner-Gxdie seitdem Monat Jänner verschollen ist.

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