Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3054 (31.8.1927)
- Date
- 1927-08-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3054 Wien, Mittwoch m . MM rssr -SA OTtt mit Zahlen muß man fo umgehen, wie sie es erfordern. Sonst rächt es sich, und oft rächt es sich bitter. Eine -et -nichtigsten Aufgaben ist, daß wir so wirtschaften, daß man zu uns Vertrauen hat. Als eine unerläßliche Maßregel würde ich es ansehen, der Organisation als solcher nicht zu gestatten, Anleihen zu machen, weder große noch kleine. Wir sind eben wirknch fein Geschäft, wir dürfen nicht auf Kredit arbeiten. Wir sind auch noch lange kein Staat, der die Zukunft verpfänden kann. Mein Standpunkt hierin ist dem der Leitung und wahrscheinlich auch dem des Kongresses diametral entgegengesetzt. Trotzdem ich seit Jahren, wenn auch nicht öffentlich, dafür emtretc, fürchte ich, daß ich mit meiner Anschauung wieder einmal allein stehen werden. Eine solche Forderung wird als „nicht großzügig" einfach abgelehnt. Mt dem Wort ist nichts erreicht. Wenn man mit einer jährlichen Einnahme von einer Million Pfund gesund wirtschaftet, so verschafft man sich die Grundlage für eine großzügigere .FincmMllitik. Um Anlechen zu machen, muß man Mer sein, da§ geliehene Kapital und Zinsen zurückzahlen zu können. Sobald die Verpflichtungen nur einigermaßen in die Höhe gehen, besteht diese Sicherheit bei uns nicht. Die uns durch die Mandatarmacht gewährten und vor der Leitung seinerzeit akzeptierten politischen Bedingungen geben uns keine Basis für große Anleihen. Ein derartiger Mangel kann nicht dadurch wettgemacht werden, daß man bei den Anleiheplänen den P r i v a t b e s i tz der palästinensischen Juden mit in Rechnung zieht. Der alte Jischuw erlangt allmählich seine Selbständigkeit. Ich habe kein Urteil darüber, inwiefern man seine zukünftigen Erträge belehnen dürfte. Wir haben über diese Werte nicht zu verfügen. Unsere Kolonisation muß ein anderes Tempo haben und wir können im allgemeinen noch auf keine Rentabilität Hinweisen, um Anleihen abzuschließen. Unseren zukünftigen zionistischen Einnahmen stehen auch unsere zukünftigen Ausgaben gegenüber. Ausgaben haben außerdem immer 'Me Neigung zu wachsen. Leider haben wir jetzt schon viele Verpflichtungen und wenn diese auch nicht so groß.sind als manche Kritiker annehmen, wird man doch nächstens sparen müssen, um sich von den Schulden zu befreien. Mit einer tief verschuldeten Leitung können trsir uns einmal vor die Unmöglichkeit gestellt sehen, ernste Nachfolger zu bekommen. Die Lage verlangt es, daß wir vorerst mit dem ganzen bestehenden Anleihesystem brechen. Ein spezieller Fonds, aber ein entsprechend mächtiger muß geschaffen werden, um die ökonomische Entwicklung in Palästina nach streng geschäftsmäßigen Prinzipien, durch Verleihung von möglichst billigen Kredit e-n zu fördern. Eine banale Forderung, aber man kann nur aufhören sie zu stellen, wenn sie erfüllt wird. Und so kommen wir zur sogenannten Erweiterung der Jewi-sh Agency. Wir können hier auf den ganzen, ernsten Streit darüber nicht eingehen. Fast alles was dagegen gesagt wird, ist richtig. Ich war deswegen der Ansicht, daß man diese Frage noch ruhen lassen sollte, bis gewisse jüdische Kreise reifer dafür waren. Auf dem 13. Kongreß verlangte ich deren Absetzung von der Tagesordnung. Aber wir haben den Weg der Agency beschritten, und u.ns jetzt zurückziehen, hieße uns unmöglich machen. Unser Ziel ist nicht Palästina für Zionisten, sondern für die Juden. Aus diesem Zustand, daß wir als eine Minderheit im Volke die ganze Last und Verantwortung tragen, müssen wir doch heraus. Nun drängt uns die Lage dazu, daß es früher LLOYD TRIESTINO Rascheste Verbindung zwischen Europa umi Palästina über Aegypten mit den Expreßdampfern ..Vienna“ and „Helonan“ FAHRTREKORDE: Triest (Venedig)-Alexdndfien . . 3 Tage ----- Brindisi—Alexandrien....... 2 Tage |H Ferners EU- und Postdampferrerbindnngen nach Griechenland. - der Tttrkei, den Schwanen Meer-Häfen, Syrien, Palästina, Indien and dem fernen Osten. Herrliche and dabei billige Erholungsreisen nur See! ——■ Auskünfte:!■ Passagebnrean des Lloyd Triest Ino, Wien, I. Kärntnerring 6. Js= Telephon 66-0-58 [■ inrÄifiirii' " " " " " 1 geschehen soll. Die Agency ist nun eine unumgängliche Notwendigkeit geworden. Die Einigung der Inden um das große Ideal des Strebens nach einer höheren Freiheit, dieser Grundgedanke des Zionismus, ist in der Agency enthalten. Wir unsererseits können jetzt die Frage auch nur in einer Weise erledigen; ohne uns die Schwierigkeiten zu verhehlen, die wir mit der Agency haben werden, ohne uns einzubilden, daß wir sie schon haben, muß alles geschehen, um die Durchführung zu ermöglichen. Wir sind gezwungen, uns einzufchränlken, manchen exponierten Posten auszugeben, um von einer gesicherten Stellung aus mit den Juden über ihre Verantwortung -mit Ersatz sprechen zu können. Für alle Fälle müsien wir aus eigenen Kräften erstarken, denn nur dann ist die Agency überhaupt lebens- und aktionsfähig. er hören einerseits Klagen über die Mandatarmacht, andererseits, daß unsere politische Lage befriedigender als je ist. Beides ist vollkommen richtig. Es kommt darauf an, wie man es nimmt. Mit allem Nachdruck wiederhole ich: unsere rechtlichen Ansprüche dürfen nicht auf unsere kolonisatorische Leistungsfähigkeit basiert fein. Die Schwächen der zionistischen Organisation und ihrer Methoden berühren nicht das uuverjährbare Recht des jüdischen Volkes auf Gleichberechtigung und auf Palästina. Wir Hatten unrecht, England glatt zuzugestehen, daß wir es von allen finanziellen Opfern befreien. Daß die Juden in der Diaspora immer größere Opfer bringen sollen, bis zu dem Grade, daß auch Kapitalien nach England zurückfließen oder für Transjordanien gebraucht werden könnten, das geht denn doch wirklich viel zu weit. Ein Trost ist hierbei nicht imaginärer Art: die Verwirklichung des Zionismus liegt nach wie vor in der Linie der englischen Politik. Daran hat sich nichts geändert. Die heutigen Radikalen verlangen eine ausdrückliche Deklaration, daß wir die Majorität im Lande erstreben. Das wäre eine Schwäche. Das Recht auf unsere alte Heimat ist auch nicht daran gebunden. Die ökonomisch^ Entwicklung des Landes wird durch eine solche Erklärung nicht gefördert. Wir wissen nicht, wie viele Jahre der Prozeß der Einwanderung dauern kann. Und noch eines steht fest: die jüdische Einwanderung kann nur in Freundschaft, in wirklicher Freundschaft mit den Arabern vor sich gehen. Davon müsien alle Beteiligten durchdrungen sein, die Juden, dieAraber und die Engländer. Gewiß ist es sehr schwer, allen Kompilationen bei uns Rechnung zu tragen und die Situation zu beherrschen. Die Krise kann überwunden werden, das heißt, der erste Schritt zur Besierung kann eintreten, wenn wir uns zusammennehmen und auf unsere eigene Kraft stützend entschlossen die Wege beschreiten, welche die Lage erforderte Werden wir so viel Selbstüberwindung achbringen? Nag ValM»a.Ma«dat. «e»M«e sementiemng der MretdNWserWe. London, 28. August. (I- T. A.) -Westminstec Gvtzeüe" meldet aus Genf, daß in Bölikevüundkreisen keine Bestätigung dafür zu erlangen war, daß zwischen Deutschland nnd Italien Verhandlungen über die Mandate stattfanden nnd daß Deutschland versprochen hatte, FtaKens Wünsche bezüglich des Palästina-Mandates zu unterstützen. Die deutschen Vertreter, heißt es weiter, bezeichnen diese Gerüchte als absurd, während die Italiener dartun, daß die Übernahme des Palästina-Mandates seitens Jia- RenS eher eine V c lastu n g als ein Gewinn für ihren Maat wäre. „Westminster <Z>azette" berichtet weiter, Mussolini seKst hätte sich zu dieser Angelegenheit geäußert und gesagt: Jede Familie hätte ihre dekorative, aber sonst vollkommen nutzlose Vase. Die fascistrsche Familie wünscht sich weder eine syrische noch eine palästinensische Base. Die deutschen Vertreter in Genf, heißt es zum Schluß, leugnen nicht, daß Signor Mussolini einen Versuch gewacht hat, sich der Wilhelmstraße zu nähern, sie weisen aber Feichzeittg darauf hin, daß dieLage derdeutschen Minderheiten in Südtirok, sowie dii wirtschaftlichen Beziehungen Zwischen Italien rmd Deutschland f o-vt d a ue^-uÄ unbefrk edtgend seien. ein internationaler BevAkemnggkmlsreß. Genf, 30. August. (Schweiz. Dep.-Ag.) Morgen wird in Genf unter dem Vorsitze von Mr Bewarb Mellet ein internatioualer Kongreß für Bevölkerungsfragen eröffnet. Hervorragende .Delegierte Europas und Amerikas werden sich an den Arbeiten beteiligen, die einen streng wissenschaftlichen Charakter tragen und alle biolo gischen, soz ialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme, die mit dem W a ch s t u m der Bevölkerung und mit allen E i n - u n d Auswaud ererf.rxrgiem KusammLnhangen, be handeln. .... l-.f ..-ffriy- Sie internationale Erziehungslonsereirz. GjpgM de» N umprus clausus. Toronto (Kanada), 30. August Die Ger abgehallene internationale Konferenz für Erziehungswesen nahm einen Beschlußgegen den in Ungarn, Rum ä n i en und Polen gegen die Juden angewendeten Numerus clausus an. Die Resolution wurde von Rabbiner S. Wohlgelerter aus Vaneouver eingebracht. Salrdmier FeWiettage. Vvu Heinrich B. Kranz. Das ganz» Jahr hindurch ist diese Stadt Provinz. Nur |tnt Sommer, wenn Reinhardt fünf Kontinente hierherruft, ist sie Großstadt, allerdings Großstadt en miniature. Der Tag von gestern und der von heute wollen nicht rechst zusammensindeu. Diese Stadt, dex-en jeder Steinquader Vergangenheit atinet, wehrt sich heftig dagegen, zwanzigstes Jahrhundert zu spielen. Es rasen zwar viele langgestreckte Autos über die sonnigen Plätze der Neustadt, aber wenn es zur Altstadt geht, schon vor der Staatsbrücke, kommen sie recht ins Gedränge. Die schmalen Gäßchen hier sind nicht gewillt, Großstadtverkehr zu dulden. Muß doch auch die Straßenbahn, die übrigens in großen Abständen verkehrt, vingeleisig geführt werden. Der Spaziergänger kommt nicht -zum Bewußtsein seiner Freiheit, er hat alle Augen offen zu halten, um nicht unter die Räder zu geraten, und drückt sich verängstigt gegen die Hänserwände. (SS ist was Arges, iso eine Gvostßadt in der Kleinstadt! * Großstadt ist allerdings in den eleganten, großen Hotels zu spüren, im Hotel de l'Europe, im „Oesterreichi scheu Hof"/ mn Cafe Bazar und Cafe Tomaselli — weil es zu viel Gäste und zu wenig Kellner gibt —, und rund um das Festspielhaus. Vor den Hotels stehen große, rote, gelbe/ grüne, oft staubbedeckte Autos, Marken aus aller Herren Länder, man sieht hermelinpelzbehängte AinerÄanerinnen aus den Wagen steigen und ältliche, steifnackige Engländerinnen. Auf Hals nnd Händen schimmern unerhörte survkelnde Geschmeide. Immer ist auch ein hochgewachsener Kavalier da, schon am Nachmittag in tadelloser Abenddreß, und iimner hat er schon silbergraues Haar. Die Deutschen, wohl am stärksten unter den Fremden vertreten, kommen bescheidener ins Festspielhaus gefahren, inr gemieteten Wage» oder gar zu Fuß, die armen Oesterreicher haben natürlich keine Autos, eher sieht man Tschechen, Italiener und Franzosen. Der Salzburger selbst künimert sich beinahe gar nicht um die Festspiele. Bor allein sind sie zu teuer, dmm stören sie ihn auch aus seiner gewohnten, provinzialen Ruhe, sie bringen zu viel Lärm und Benzin in diese stille, verträumte Stadt. Er ist abends bei seinem Bier im «Stiegt* * brau zu finden, hoch oben auf halbem Wege zur Festung Hohensalzburg oder im Stübchen der „Traube", wo man der berühmten „Salzburger Nockerl" nicht satt wird. Auch im alten Peterskeller findet man ihn hinter einem Glas /Wehr, denn in den in Fels gehaumen Arkaden träumt fich's gut von vergangenen Zeiten. Und hier lebt jeder von der Vergangenheit. * Wenn man in Salzburg ist, möchte maU so gerne von seinen. Schönheiten reden, vom lleinen Barockgarte-n 'Mirabell mit seinen Becken, Springbrunnen und Statuen, von dep herrlichen SOstimmigen Orgel im wundervollen (Dom, vvn Men Portalen und steinernen Häusern, von Mozart und Makart, von der engen Getrechegafse, vom Möuchsberg und der Salzach, von Schloß Leopoldskron mit seinein stillen Teich und von Hellbrunn,, diesenr schlafenden! Garten, dessen schmale Kanäle und zauberhafte Wasserkünste aller Gegenwart entrücken. Ja, man möchte das österreichische Florenz — die Salzburger nennen .es pathetisch „deutsches Rom" — recht breit und mit Zärtlichkeit allen vor Augen führen, aber es ist.sä Festfpielzeit und davon muß man vor allem erzählen. # Ich habe den „SommemachtslvaüM", dann „Jedermann" gesehen, allerdings nicht vor dem (Dom — es regnete leider gerade —, sondern auch rin Festspielhaus unb im Stadttheater: „Kabale und Liebe". Esswar alles sicherlich sehr schön. Je länger mm (darüber 'nacydentt, desto mehr ist mm davon überzeugt. Aber woher kvmMt es nur, daß man dennoch nicht begeistert ist? '(Und niemanden sah ich hier so recht begeistert!) , * Da ist vor allem das Festspielhaus, also der Rahmen, in dem diese Festspiele geboten werden. Aus den Stallungen dev ehemals bischöflichen Residenz hat man trotz Mn Eifers? ganz vergchlich einen Dheatersaal "schjaUen wollen. Es ist jedenfalls kein „Festspielsaal" daraus geworden. Der SÄzburger selbst nennt chn „Bauernkino". So ungefähr ficht er mch aus, ein viereckiger, langgestreckter Raum mit braunen Holzwanden, vom Balkon hängen moderne Gobelins, die Mvr schr farbenfreudig sind, aber hier nur ein beunruhigendes Gäfühl erwecken, weil sie so gar nicht am richtigen Plätze sind. Dreißig Pärkettrerhen hat dieser Saal, das ist ein bißchen viel, wenn man etwas von der -Bühne sehen will, und Ventilatoren pressen summend den ganzen -Abend hindurch Luft in die Menschenmenge. Gnade Gott dem Besucher, der für 15 Schilling — soviel kostet ein Sitz in der 22. Reihe — mühsam einen EcMatz erobert hat! -Für 50 Schilling in den ersten sechs Mächen hört man dagegen den Souffleur erheiternd ver nehmllch das Stück aufsagen! Nun zu den 'Aufführiungett selbst. Die Festspiele als solche sind nicht überlebt, o nein, aber man ist übersättigt/ das ist es. Cs müßte nach sieben Jahren teilweise neuartiger, oft überraschender Darbietungen doch immer wieder etwas anderes geboten werden. Und nicht nur ausgezeichnet inszenierte.und beinahe ausgezeichnet besetzte, aber in Wie» längst bekannte und gewürdigte Aufführungen. „Jedermann" ist hier schon 1920 zu sehen gewesen. Damals war dieses Mysterienspiel trotz -oder dank seiner frommen Einfalt im Rahmen dieser geistlichsten Stadt und duvchglüht von dev süßen Stimme eines Moissi tviohl Begeisterung wert. Seither wurde es aber beinahe jedes Jahr wiederholt. Heute bewundert mau nur die sparsam kluge HM» Prof. Strnads, der mit einem Torbogen nnd einem blauen, sternenbesäten Himmel als Hintergrund die ganze Mystik des Spieles ins Herz dringen läßt. Ejs gibt überraschende Lichteffekte und viel zu viel Poscmneninusik. Moissis Stimme klang ein wenig müde, oder nimmt er die Rolle zu spielerisch. In den Eingangsszenen fehlte das Feuer d:r Sarkastik, das seinen grazieleu Körper so oft entfesselt hat. iJmmerhin bleibt es seine bezauberndste Leistung. De „guten Werke" gab au diesem Abend Lili Darvas, tot ,Mlaubm" Helene Thimrg. Die Darvas ließ das beseelteltz