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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-31 · Heft 3054 (31.8.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3054 (31.8.1927)
Date
1927-08-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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•-Sette 2 Wien, -Mittwoch Wiener MorgenzeUung ZI. August 1927 Nr. 3054 Der XT. ZlonislenkongreA. miriWMIIi—wnil»l I ' Bafel im Zeichen des Kongresses. Die Staö>t Basel stehr gartz iin Zercheir des jüdischen K-i-ngresscs. Die Streßen sind sturk bcl-cci. Bor dein Hotel ,,Dro:s Nois". in btin die Exekutive unlergebracht ist, herrscht reges Treidou. Zahlreiche Läden haben jüdische Embleme <m den Eingängen angebracht. Bor dem Messehaus wurden nachmittags die blau-weiße und die Schnvizer Fahne gehißt. Me Zeitungen widmen dem Kong-reß ivatme Begrüßungen. Im MelNehaus entwickelt sich das alleen Zionistctr wohlbekannte Kougrcßlebcu. Me Hallen und Korridore sind dicht gefüllt. Die Düren sind seit gestern von Ordnern besetzt, alle Schalter in -Permanenz. Das Postamt und die Wechselstulbc sind blockiert. Die Ausstellung jüd-:scher Kunst und die verschiedenen P-alästma-Expoffitionen erfreuen sich eines lebe nszefährlichicn Gedränges. Die Haltung der Bcvöliterung ist durchaus sympathisch, und man empfindet cs mit Stolz, daß -der Kongreß wieder nach Basel gekommen ist. Die Vorkonferenzen der Parteien des Kongresses find in voller Arbeit. Das Aktionskomitee und das Koirgretzgericht, das bekanntlich die Mandate #u berisizierc-n hat, sind fett' mehreren Dagen versammelt. Tie Lagesordnnag der heutigen Sitzung. Die zweite Sitzung des Kongreßplemuns beginnt Mittwoch um halb 10 Uhr vormittags. Der Vorsitzende des Kongreßgerichtes, Herr Gironenrann, tvir) den Bericht über die Wahlei: erstatten. Sodann folgen die politischer: Referate ALeizmanns und Sokolows, an die sich die Generaldebatte .schließt. Sie amerikanische» Mandate. Basel, 30. 2lngnst. (I. T. A.) Die oppösitionellen Gruppen bereiten einen Protest gegen die 64 amerikanischen Mandate vor. (Diese Mandate wurden nicht im Wege der Wahl, sondern durch Ernenmmg auf der Konvention voll Atlantic City besetzt.) Ser Kongreß der zionistischen Fronen. Basel, 30. August. Aus dem am Sonntag erösfneten Kongreß des Wcltverbandes der zionistischen Frauen hielt Präsident Weizmann eine Ansprache, in der er seine Genugtuung über das Werk der zionistischen Frauen ausdrückte. Er wies insbesondere darauf hin, daß dieses Werk sich nur auf Palästina konzentriere uw) daher erfolgreich sei. Die Weltorganisation der zionistischen Frauen zahlt 25.000 Mitglieder in. 31 Ländern. . Ein Gebanve der zionistischen Exekutive in Jerusalem. Ein Darlehensuurgeüöt drs „Phönix". Die I. T. A. ureldet aus Basel: Das Direktorium des Jüdischen Nationalfouds beschloß, das Angebot der Versicherungsgesellschaft „Phönix" bezüglich eines hypothekarischen Darlehens von 10.000 Pfund zwecks Errichtung eines Nationalfonds trakts in dem geplanten Monumentalbau des zionistischen Bureauhauses in Jerusalenr aiMnehmen. Die Zionistische Exekutive, der Keren tzajessod und die Gesundheitsorganisation Hadassah sollen eingeladen lverden, auch ihrerseits baldige Entschlüsse, betreffend ihrer Beteiligung an dent -Bureanhcms zu fassen. Die Gesellschaft „Phönix" gewährt dem Nationalfonds den langfristigen Hypothekarkredit zu günstigen Bedingungen aus den Eingängen der Versicherungsprämien in Palästina. Re Krise und ihre Ueberlvinduns. Von Jean Fischer (Antwerpen), Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees. Es ist bei uns gewissermaßen Tradition geworden, jedem Kongreß seine spezielle, große Aufgabe zu geben, auch wenn es nicht gerade galt, für so entscheidende Dinge, wie für oder gegen Uganda, zu stimmen. Jetzt braucht man. die Aufgabe nicht zu suchen, sie drängt sich auf: Ueberwinöung der Krise. Es fehlt uns nicht an Vorschlägen, wir haben sogar verschiedene Programme. Man vernteidet es zumeist, die Wurzel des Uebels aufzudecken. Man bespricht die Probleme, man gibt Antworten, aber man geht um den Brei herum. Das alles trifft nicht den Kern der Sache. Und trenn man sich mutig zur Opposition schlägt und der Leitung rücksichtslos die Wahrheit sagt und sie als schuldig erklärt, so ist auch das keine erschöpfende Antwort auf die beunruhigenden Fragen. Die allgemeine Unzufriedenheit ist leider nur zu berechtigt, denn wenn roll auch die Schuldfrage beiseite lassen und anerkennen, daß die Leitung vieles in Angriff nahm und durchzuhalten versuchte, so muß man sich doch sagen, daß sie den Zustand nicht beherrschen konnte. Gewiß hängt sehr vieles von den Personen ab, aber es wird uns für die jetzige Situation nichts nützen, loenn tvir diesen oder jenen in der Leitung durch einen anderen ersetzen. Solange man sich in Einzelheiten verliert, gibt es kein Hell. Es muß ein Systemwechsol stattsinden. Die Details der Ausführung kommen nachher. n- Versuchen wir es, uns das Wesen dieser großen Krise klar zu machen. Die Symptome sind von einer grausam harten Deutlichkeit: Abwartderung aus Palästina, drückende Arbeitslosigkeit, Verfall mancher Unternehmungen, starke Depression iu der Bewegung. Man lvar lange unzufrieden in unseren Reihen und im Judentum, wenn man sich vergegenwärtigte, daß rvir jährlich zwischen 10.000 und 30.000 Juden ins Land bringen könnten. Denn wie lange soll es dauern, bis rvir die Majorität im Laude haben, bis das jüdische Zentrum so stark ist, daß es die ganze Judenheit im Sinne der Lösung der Judenftage beeinflussen kann?! Um eine große Anzahl Juden ins Land zu bringen, dazu, gehören. Mllionen. Pfund. Wo nehmen wir die 30.000 für das Larrd geeigneten Juden her und wo das Gew, um das Budget zu decken? Und einmal Hallen rvir in einem Jahre eine Eiruvanderung vor: 30.000 Juden und die ist verhängnisvoll geworden. Die Zionistische Organisatiorr hat also dabei keine wirksame Kontrolle ausüben können; man hat den Dütgen, was die städtische Kolonisation betrifft, ihren Lauf gelassen. Der Jubel über die „vierte Aliah" war zumindest voreilig. Und doch: Als Erscheinung ist diese Einwanderung vor: historischer Bedeutung; der zionistische Gedanke führte in einem Jahr 30.000 Juden nach Palästina. Man sagt, es wäre nicht das richtige Menschenmaterial gewesen. Ich glaube nicht, daß diese Juden schlechtere Elemente waren, als diejenigen, die nach Amerika ausrvawderten. Im Gegenteil, da hier ohne Zweifel ideelle Motive rnitspielten, muh der Durchschnitt besser gewesen sein. In Amerika herrschen Bedingungen, die es einem Durchschnittsmenschen möglich machen, zu existieren und vorwärts zu kommen, die Verhältnisse in Palästina stehen einer plötzlichen großen Einwanderung direkt im Wege. Weder das Land, noch, wir sind genügend vorbereitet. Und das nach Jahrzehnterr von Kolonisationstätigkeit, nach! 30 Jahren zionistischer Theorie und Praxis. Und nun haben lvir sogar Abwanderung aus Palästina!! Früher brachte -man das Paradoxon in Umlauf Palästina baue sich wunderbarerweise gegen die ökonomischen Gesetze auf. Jetzt hält man uns zum Tröste vor, daß man auch aus Amerika auswandert. Der Vergleich ist absurd: Amerika schließt sogar die Tore, aber die Gründe hiefür sind nicht rein ökonomischer Art, die Vereinigten Staaten haben keine Organisation für die Einwanderung. Dort mag die Abwanderung mit Recht oder Unrecht als Gewinn betrachtet werden, für uns ist sie ein unberechenbarer Verlust. Unsere Aufgabe ist schwer: das Land ist arm, die ökonomischen Verhältnisse sind uns nicht günstig, die politischen Bedingungen erleichtern unsere Arbeit nicht. Unsere Menschen sind im Galuth nicht dazu erzogen worden, die ungeheure Schwierigkeiten aller Art befriedigend zu überwinden. Unsere Methoden müssen an Dilettantismus leiden. Wir Zionisten, die wir uns das Ziel gestellt haben, für das ganze Volk eine Heimstätte zu errichten, sind eine Minorität im Judentum. Das Gros der Inden und mit ihnen die finanziell mächtigsten, stehen bis auf den heutigen Tag abseits. So lvar, so ist die Situation seit 30 Jahren. Gewiß, haben wir ungeheure Fortschritte gemacht, aber im Weser: ist die Lage dieselbe geblieben. Das ist der tiefe Grund der Krise, die nicht so einfach zu beheben ist, denn mit den Fortschritten ist unser Arbeitsfeld, unser Aufgabenkreis auch immer größer geworden. In dem Mißverhältnis zwischen unserem Können und unserer Aufgab e liegt ein Hemnis, das den peinlichen Zustand der Unsicherheit, des Rückschrittes, den wir Krise nennen, herbeiführen muß. * Wir stehen vor einem Kongreß, und er soll entscheiden, wie wir die Krise überwinden. Ich müßte die Unwahrheit sagen, wenn ich behauptete, optimistisch zu sein. Man darf sich in dem klangvollen Wort „Kongreß", nicht etwas außerhalb uns Liegendes vorstellen. Der Kongreß sind wir. Wenn wir Nichtwissen, was wir wollen, kann der Kongreß nichts machen. Es wird jetzt bei uns viel von Reorganisation gesprochen. Seit Jahren ist eine gründliche Vorbereitung, für ReorganisationsvorWäge nötig. Der Kongreß, die Wahlen zum Kongreß, das Schekelsystem und noch so vieles sind reorganisationsbedürftig. Aber solange wir, die einmal in zwei Jahren für 14 Tage zusammentreten, uns bemühen, den Parlamenten nachzüahmen, viele Parteien bllden und jede Partei nur dafür sorgt, wie stark sie bei der Reorganisation herauskommt, ist eine Besserung nicht zu erhoffen. Wir spielen zuviel Parlament.. Well in sehr vielen Ländern die Linke sehr stark ist, Revolution machen und sogar die Regierung übernehmen kann, kommen wir auf unseren Kongreß, der doch, so ganz verschieden von einem Parlament in einem Staate ist, und nehmen dieselben Allüren an! Wir erlauben uns sogar eine ganze Anzahl von linken Parteien. Wenn unsere Lage nicht gar so ernst wäre,- könnte mau darüber lachen. Manche unserer linken Parteien fühlen nicht einmal die Verpflichtung, während der Zeit zwischen den Kongressen mit den anderen Zionisten zusammenzuarbeiten; aber wenn es zu den Wahlen kommt, entfallen sie eine sehr rege Tätigkeit, denn zum Kongreß wollen sie kommen mit dem ausgesprochenen Programm, die Gesetze zu bestimmen. Die agressive Stimmung - der linken Parteien der ganzen Welt teill sich naturgemäß auch unseren Linken mit. Ein Kampf mit der Linken auf dem Kongreß ist vielleicht unvermeidlich, aber dann, je früher, desto besser. Man darf nicht unhaltbare Zustände sich einbürgern lassen. Das Kokettieren der bürgerlichen Leitung mll den linken Parteien muß auLhören. Wir »vollen und können natürlich nicht die linke Mchtung ausschalteru Wir verlangen nicht, daß die Arbeiterschaft iu Palästina ihre Gesinnung aufgibt. Aber das Streben der Führer, das Streben bcr Arbeiter nach der politischen Macht in Palästina und auf dem Kongreß lvirkt zerstörend auf den Gang der zionistischen Bewegung und auf unsere ganze Arbeit. Die Rechten nennen sich die Antipoden der Linken; sie erstreben auch in vieler Beziehung das Gegenteil. Wenn tum bei der Besetzung aller Posten, nx> es sich um spezielle Begabung handelt, vor allem die Gesinnung in Betracht kommt Md dafür gesorgt lverdcr: soll, daß matt ein Misrachist, ein Parteimann ist, so ist das eine Folge des ausgesprochenen Strebens nach der Macht. So untersttitzen sich auf dem Kongreß die Gegner, die Linke und die Rechte; sie stimmen gemeinsam, um die Aemter zu bekommen. Mer die Bewegung ist nicht stark genug, das alles zu ertragen. Mer die Parteien und Parteichen geben sich keine Rechenschaft, daß sie gar keine Machtmittel haben, die gewöhnlichen Zionisten dauernd zu zwingen, ihrem Willen zu gehorchen, sie könnten sie nur vertreiben, das ist alles. Ter einfache Zionist hat mm einmal, wie der Bourgeois im allgemeinen, weniger Interesse für Wahlen und Parteipolitik. Nuir wird manch,er übereifriger Linker erklären: die Bourgeoisie hat auch, keine Existenzberechtigung mehr. Vorläufig trägt der gewöhnliche Zionist die Hauptlast unserer ganzen Arbeit. Parmmentarisch gesprochen können die Rechte und die Linke nur solange radikal sein, als sie in der Opposition sind. Wenn sie ans Ruder kämen, würden ihre Programme an der Wirklichkeit zerschellet:. Das muß man einsehen, wenn man ernstlich reorganisieren null. ' : 1 : * - Ein anderer wichtiger Punkt der Reorganisation« ist nach meiner Ansicht die Anerkennung des Prinzips der Inka mpatibilität.!Mein diesbezüglicherAntrag auf dem 12. Kongreß hatte gute Chancen, angenommen zu werden. Aus mir unbegreiflichen Gründen versagtet: damals im entscheidenden Moment eine Reihe von Delegierten. Mau operiert gegen dieses Prinzip, indem man cs als undemokratisch bezeichnet. Durch ein verkehrtes Anwender: von demokratischen Begriffen ellwosseln wir das Demokratische in der'Bewegung. Gewiß sind unsere Beamten freie Menschen, aber wir wollen doch nicht die Bewegung zuviel me-? chanisieren und sie ganz dem Einfluß einer Bureaukratie ausliefern. Mau kann das Prinzip der Jnkompatibilität enger oder weller fassen. Es ist inkompatibel, daß ein Beamter Kongreßdelegierter und Mitglied des Mionskomllees ist.!Man kann nicht Partei und Richter zugleich sein. Das oft angeführte Argument, daßunsere Beamten in erster Reihe . Zionisten sind, ist nicht stichhältig. In erster Reihe sollen sie Fachleute sein. Haben sie aber mehr Sachkenntnis als ein gewöhnlicher Delegierter, so soll man auch chren Rat anhören. Dafür müssen sie kein Stimmrecht haben. Ein Generalsekretär der französischen Kammer ist gewiß ein guter Franzose und besser als die> lMinister kennt er das Getriebe im Parlament; aber sein Amt ist inkompatibel mit dem eines Deputierten oder Ministers. > - Ebenso oder noch wichtiger ist die Jukompatibilität der Aemter. 'Im Beginn der Bewegung wollte man die Kontinmtät, die Koordination der Arbeit dadurch sichern, daß man denselben Personen 'verschiedene Aetnter anvertraute. Inzwischen sind notwendigerweise unvorhergesehene Aendernngen eingetreten. Heute ist das citt Fehler. So manche ttnsever Institutionen benötigen eine autonome Verwallung. Angenommen nun, die Leitung der eine,: Institution macht einer anderen einen Vorschlag, den diese nur schwer altnehmen kann. Sie tritt zur Beschlußfassung zusanrmen, aber die Mehrheit der Direktoren bekleidet zu gleicher Zeit dieselbe Stellung in der ersten Institution; die Beratung ist eine Fiktion, denn die Entscheidung ist bereits vorher im Schoße des anderen Komitees gefallen. Hier ist ein Grundübel, das wie ein Wurm an unserem Organisationsgebäude frißt, und matt will es doch nicht einsehen und vernünftige Ordnung schaffen. Zu viele Faktoren haben eben bereits ein starkes Interesse am Bestehenden. Wollen wir gesunden, dann muß ohne Zögern die Jnkompatibilität in aller Strenge durchgesührt werden. Wir haben auch eine Be amte ns rage. Vor Jahr und Tag pflegte ich die Beamterttvirtschaft zu bekämpfen, nicht die Personen, das betone ich mehr als je, sondern das Systenl. Jnzwifchei: sind lvir auch da vorwärts gekommen, aus Beamtenwirtschaft ist beinahe Beamtenherrschaft geworden. Beamte sind auch unsere Chefs. Es liegt mir fern, jemanden persönlich anzugpeifen, aber das System ist falsch. Ob tvir zu viel Beamte haben, ob ihre Gehälter zu 'hoch oder zu niedrig sind, das ist Sache einer speziellen Untersuchung der Leitung. Die Frage steht in direkter Verbindung mit unserem' Budget. Entweder lvir körnten uns die Beamtenschaft leisten oder ,muß sie reduziert lverden. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, unsere Aufgaben im Rahmen unseres Budgets auszuführen. Die Wirklichkeit zwingt uns, uns nicht bloß nach de»: Ausgaben, sondern auch »rach den Einnahmen zu richten. Unser Budget ist hellte an den Begriff Sparsamkeit gebunden. Mar: darf eben all den Parteien nicht gestatte':, bei Bewilligung der einzelnen Posten die Decke zu viel a <- sich zu ziehen. Mä» nennt das spöttisch Geschästszrouis'mus, aber mit Geld und

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