Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3051 (28.8.1927)
- Date
- 1927-08-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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aa&.4 68iru, Somvkkg 06. Mrgust rss? Sve.«vi n Seidl« Fulger ■iil mrn 11 Baxanssmam gierte, aus weitere» Ländern werden itixb erwartet. Dis ^kon- -eäay WOHtt/ zwei »Komm-issionen: 1. Für Le Ovgilmisakiotr^ange«. legenhcit-en der Partei Dimere Parteirr<r,ir:,': 2. für die Fragen. )sr Frlgerrder^irHllNg nud der ^rcr^^e>n^?cr H.-chi-lr^-Org«ui VÄyn. Die HÄachduth ^Wt 'anf diesem Korrgreü 35 Dklsgier^. Die BertsiKrirg der Psrieim. BNsel, 26. Sluguft. (J.T. Sk:) Auf dem 15. Zr«kLfttukongreß werden 280 D e leg i e^rie aus allere Ländern der Wtzkt teilnehmen. Diese Zahl verteilt sich auf die einzelnen Parteien tme folgt: Allgenreine Zionisrcn und Lindes Zerrtnrni 147, Mrrrachl 48, Hitachdnch 34, Poalc JiwlM und sozialistische Zionisten 28, Zio nisterl-Revisiruisten 12, radikale Ziorristen 11. Diele Zähren sind derzeit noch stküvelnFend; das Kongreßerichr arbeitet an der <ndgülUgo!l Hescs^lliin-u Ne ZrKMAsrase m BENm. Äon Anittrr Müller »Cohen. Als vor einigen Jahren, in Karlsbad, nach dom Zionistischen Kongresse und der WelthilfSkonserenz, eine FrauenversaurmlunI staltsond, sagte eine der Fahrerinnen der assimilatorischen Frauenbolvogung: Was tvir hier gehört haben, war schön und interessant. Es ist großartig, daß unsere, der manuellen Arbeit meist so ungewohnten Jüdinnen in Palästina lernen, Kühe zu versorgen, Felder zu bestellen, Hinter frem Pflug herzugehen, Gärten zu pflanzen. Aber das -kann nicht alles, ja nicht einmal das wichtigste sein, was die Frauen dort I-eisten und anstreben. Sie fragte: Welche Entwicklung nimmt die jüdisch-palästinensische Gemeinschaft, und wie wird sie von der Frau in sittlicher und geistiger Beziehung beeinflußt? Ich lerne gerne von den Gegnern, besonders wenn sie ethisch hochstehende Menschen sind. So blieb auch diese. Frage in meiner Seele hasten, die ganzen zwei Jahre hindurch, die ich noch in der Galuth.verbrachte und sie wurde besonders laut in mir, als ich für ein Jahr nach Erez Israel ging. Aus Schritt und Tritt, wo immer ich die neuen Jüdinnen 'bei ihrem neuen Leben sah, drängte sich mir jene Frage aus. Wir wissen, wie mannigfaltig sich uns die menschlichen Probleme davstellou; wie schwer es ist, kühl lind sachlich in Fragen zu urteilen, wo es sich um Menschen handelt, um menschliche Leiden, menschliche Schwächen und menschliche Größe. Aber wir dürfen uns, gerade trenn solche Probleme vor uns aufgerollt werden, nicht damit begnügen, sie in einem ihrer nebensächlichsten Teile zu behandeln und darüber den Zusammenhang mit dem Ganzen vergessen Die Frrmenflage in Palästina ist durchaus nicht nur eine Frage der Frauenarbeit. Nicht nur darum kann es sich handeln, ob sich die Frauen zur Landwirtschaft eignen und in welcher Weise diese Eignung erhöht werden kann; auch nicht nur darum, ob und Klelder-Selde in unerreichter Auswahl zu aüflergewöhnlfeh biHtgen Preisen nur in den 2 SeieleeBBSaä&userBB s. mumm Wien,!., Tuclilauben 8, omi l., Bauernmarkt 2 a Seiden-Brokat (Fall 'eclair) ..S 3.90 Crepe de Chine (Brokat-Dessins), 100 cm breit . . S 11.80 Seiden-Georgette, viele Farben.S 9.80, 7.BO Alle Farben Crepe de Chine ..... S 13.80, 9.80. 6.50 Crepe Satin la.S 18.80!a Mangol, neueste Modefarben.S 16.50 Erstklassige Mantelseide ....... 8 18.—, 13.—, 9.80 Seiden-Foulard, schönste Dessins.S 7.50 Kleider-Samte in den allerneuesten Modefarben . . 3 9.80 Flut-Samte, alle Farben ..8 3*90 Alpeca-Kleider-Seide ............ ... 8 3.80 Velour-Chiffon. S 13.— WssssZKS««» §3® B^sr*M»S®s»? Verkauf per Kassa za En gros-Preisen. Pi€ii»tfel-$eS«Se ivelche Institutionen geschaffen werden sollen und wie dieselben geleitet werden. Alles das sind Fragen zweiter Ordnung, die sich um den Kern des Komplexes gruppieren. Wenn man in früheren Jahrzehnten in Europa von der Franenfrage gesprochc-n hat, so handelte es sich durchaus llicht nur darum, den Frauen die notwendige Anpassung an eine Lebensform zu erleichtern oder zu erschweren. Allerdings hakten es die Frauen Europas und Amerikas in dieser Beziehung weitaus leichter. Es stand bei ihnen, ob sie eine solche Anpassungsfähigkeit bejahen, verneinen oder ändern wollten. In Palästina liegt die Sache so, daß diese neue Lebensform erst geschaffen werden muß. Was heute vor uns liegt, ist nur' Untergrund eines kulturellen Prozesses. Menschen, junge Menschen, junge Mädchen und Frauen kommen nach Palästina,, getrieben von der Sehnsucht, ein neues Menschen- und Frauemideal au szu richten. Haben die Frauen in Europa sich die Rechte als Frauen und Menschen erst erstreiten müssen, so wurden sie ihnen in Palästina von Anfang, an gegeben. Die Frau bekam die Freiheit und nützte sie, wie sie es für richtig hielt. Wir, ke.ine Politiker, sondern Menschen, denen die Wohlfahrt des Volkes über die Politik, besser über die P a r t e i p o l i t i f. geht, müssen die Berank w.o r t - lichkvit in den Mittelpunkt der Frauenfrage in Palästina stellen, ja sie als d i e palästinensische Franenfrage betrachten. Für uns, die wir Mütter sind, mit Verantwortung nicht nur für die eigenen Kinder, sondern für die Kinder des ganzen Volkes, bedeutet „Franenfrage" gleichzeitig „Töchterfrage". Heute, -nach einem Zeitraum von zehn Jahren, ist es an der Zeit, daß wir uns Rechenschaft nicht nur darüber geben, wie die Frauenarbeit in Palästina gedeiht, sondern auch darüber, was für'Folgen das neue Leben für die Gesellschaft, für die Familie, für das ganze jüdische Volk in der Zukunft haben muß. Wir erhoffen doch von Palästina eine Regeneration des jüdischen Geistes, eine Vertiefung, Verinnerlichung alles dessen, was jüdisch ist und bleiben muß. In der Galuth hat das innige Miteinander der jüdischen Familie die Tradition und das ganze Volk erhalten. Noch herzlicher, noch stävker, muß dieses Miteinander und Füreinander auf dein heiligen Boden vor sich gehen. Wir hüben wenig getan, wenn wir ein Land gewonnen haben Und dafür den jüdischen Geist verloren geben müssen. Nach -zehn Jahren Palästina müssen wir fragen, ob der Weg, den die Frauen in Erez Israel gehen, sie aufwärts führt und auch ein Auf.wärtSschreiten des jüdischen Volkes bedeutet. Ist der Weg der honte begangen wird derselbe, den wir mit ruhigen Gewissen auch unsen Kindern empfehlen würden? Unseren eigenen und den Kindern unseres Volkes? Ist die Auflösung der Familie, wie sie in Valöstina in den Kwuzoth durchgeführt wird, wirklich die einzig erstrebenswerte Lebensform für die jüdische Frau und ihre Angehörigen? War nicht die jüdische Familie stets der stärkste Halt und das höchste kulturelle Besitztum im jüdischen Leben? Gewiß, die Zeit hat sich auch in der Galuth geäüdert. Auch hier Hat das Frauenleben tief einschneidende Wandlungen erfahren. Mer diese Wandlung stand in irgendeinem organischen Zusammenhang mit der Zeit, mit den Ländern und ihren Sitten, während wir. uns sagen müssen, daß wir die neue Lebensform des sa m il ienlos en Lebens in Palästina künstlich eingef ü h r t h a b e n. Gerade in Palästina? Und wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir uns doch gewiß alle gestehen, daß wir. uns gerade das jüdische Heimatland ohne jüdisches Heim nicht vorstellen können. Wir wollen und müssen unterscheiden, zwischen Lebensformen, zu. welchen die Menschen in Uebergangszeiten und unter außerordentlichen Verhältnissen gezwungen wurden und zwischen einem dauernden Zustande. Die harte Anfangszeit in Palästina hat es notwendig gemacht, daß Mann und Frau die gleiche schwere Arbeit leisten, und daß die letztere von den besonderen Aufgaben des Heinis und der Familie -befreit wurde. Dies hat zur Auflösung der Familie geführt, zur Unterbringung der Kinder im Kinderhaus. Wir alle, die wir in Palästina oder in der Galuth aktiven Anteil an der zionistischen Bewegung genommen haben, muhten anfangs diese Lebensform als die richtige und notwendige ansehen. Heute aber, wo die erste schwere Arbeitszeit vorüber ist, muffen wir fragen, ob wir nicht ein bitteres Unrecht an Kindern und.Eltern und nicht UHIIJHII» Ulliim da er die Kosten für die Reparatur des Badeofens in seiner Wohnung.scheuts. Also dieser Mann hatte für seine Anstalt ein Kuratorium einsetzrn lassen — auch sonst allerhand Möglichkeiten gefunden, um durch Scheinämter und auf andere Weise alle möglichen Kreise für sein Ahlem, das ihm der Mitteil- Punkt seiner Welt war, zu interessieren. An dieses Kuratorium gelangten nun — es war etwa um 1890 —Klagen der Eltern der Zöglinge, daß, die Jungen zu den schmutzigsten Arbeiten, wie dem Reinigen der Latrinen usw. angehalten würden. Im Kuratorium saßen sehr ehrenwerte und brave Männer, denen aber denn doch die ganze.Idee des Konsuls Simon, reichlich phantastisch, erschien. Und dann — es war Hannover, also eine Stadt, die sich nie durch besonderes. Tempo im Erfassen neuer Ideen ausgezeichnet hat — von unseren Palästina-Chaluzim wußte damals noch kein Mensch —; jüdische Kinder aus gutem Hause sollten Kloaken reinigen! Andererseits, nun ja, der Simon hatte ja gewissermaßen recht mit seiner Idee dorr jüdischen Bauern, denen keine Arbeit zu schwer sein dürfe — das war eine - herrliche Sache für Festreden. und Einweihungsfeiern (in Ahlem wurde alle Vierteljahr etwas eingeweiht) — aber doch: Katrinen. Also einerseits — andererseits — mau kam zu fernem Schlüsse. Da erschien eines Tages der Konsul Simon in Ahlem, ließ sich von einem erstaunten Zögling Eimer und Schippe geben und ging quer über den Hof &um Latrinenraum. Im Nu war die ganze Gesellschaft hinter ihm her — Inspektor, Zöglinge, Lehrer, Beamte und Hansprrsonäl. Er wies alle zurück und ließ sich nicht darin stören, die gesamte Latrinenreinigung ganz allein zu vollenden. „So!" sagte er dann, die Sachen zurückgebend, „das ist getan! Und nun bitte: wenn irgendjemandem hier einmal eine Arbeit zu schmutzig ist,' soll er nur mich rufen! Ich besorge sie dann selbst!" Und diese Propagarrda der Tat hat geholfen! Daß übrigens diese Art, durch sinnfälliges Beispiel -zu wirken, jüdisch und wohl orientalisch überhaupt ist, wird Simon selbst kaum geahnt haben. Ter alte Rabbiner Josef Nobel in Halberstadt gab einmal eine hübsch,i Probe dieser Methode: Zwei Leute seiner Gemeinde — er amtierte damals in Ungarn — zwei Brüder, tagen in argcr Fehde und der Aelteste hatte sich verschworen, der Brüter käme ihm nicht über die Schwelle. Keii^ Zureden half — aber eines frühen Morgens wurde der Manu durch ein starkes Lärmen vor seiner Tür aufgeschrcckt; es hackte und polterte furchtbar. Und siehe da: vor der Tür standen zwei Arbeitsleute, die mit Beilen auf die Schwelle loshicben; hinter ihnenaber stand, gemächlich seine Pfeife rauchend, der Rabbiner und sagte seelenruhig zu dem Wütenden: „Ja — die Schwelle muß weg, sonst kann Ihr Bruder nicht ins Haus!" Und da endete auch jenes streitsüchtigen Bruders Zorn. Um nun wieder auf jene Wechsel auf die Ewigkeit zu kommen — in jedem Fälle hindert die Hoffnung auf jene angeblich bessere und dauerhaftere Welt den Juden nicht, die Güter dieser Welt zu schätzt und zu genießen, er hält sich an das Schere und hängt an diesem Leben, vielleicht gerade deshalb, weil er es nicht allzu ernst nimmt. Er ist kein Asket — das Nasiräertum wird bei dem Juden nur geduldet, nicht gefördert — die Freuden, dieser Welt scheinen ihm als Opfergabe nicht angemessen, es lohnt sich nicht, sie zu entbehren. Das hieße, ihnen allzuviel Wichtigkeit beizumessen! Er nimmt das Gute wie das Schlechte, da ja letzten Endes beides nach seiner Anschauung recht unwichtig ist, läßt sich durch Glück oder Unglück nicht so 'leicht aus dem Gleichgewicht bringen — er, der Sabbatmensch, dem der Werktag des Lebens, dem sein eigenes Dasein nur sekundäre Bedeutung hat. Er will leben, er muß leben, muß arbeiten, gewinnen und genießen, um ganz anderer Z io ecke willen! Und so nehme auch ich wahrhaftig dieses Leben nicht allzu entft — ich finde, es ist im ganzen nicht uninteressant — es gibt so viel Komisches und so viele in ihrem Würdegefühl drollige Mitmenschen; zu Auflegungen, zumal zu unangenehmen, ist wenig Anlaß vorhanden. Es mag manch Peinliches, Retardierendes, Dummheit Förderndes geben — wenn schon! Es geht doch vorwärts — es ist alles nicht so wichtig! Das Schöpfungsstadium des Tohuwabohu, in dem wir uns befinden, wird eines Tages überwunden sein, cs wird Licht toerden und vielleicht nähern nur uns merklich der Zeit der Offenbarung. Was sich sonst tut uud worauf manche Leute so viel Ernst verschwenden — also ich halte es da mit dem philologischen Kameraden von Oberost, und seinem Standpunkt gegenüber dem deutschen Jnsanterieveglement. — Eines Tages begegnete er in einem Dienstgebäude auf der Treppe einem Offizier, es dämmerte ihm dunkel, etwas | von der Pflicht militärischer Ehrenbezeigungen gegenübe« Vorgesetzten gehört zu haben, und er führte im Vorübergehen die Hand an den Mützenrand. D^fr Offizier, daß erstaunt, blieb stehen und „zog ihn", weniger leutselig als energisch, „ins Gespräch". Das Thema der Un' , Haltung hatte wenig Lockendes für jemanden, der geraoe über Faust-Studien brütete, es drehte sich bei der ziemlich ausschließlich von dem Herrn Leutnant geführten Konversation um eine gewisse Dienstvorschrift, wonach innerhalb geschlossener Räume der militärische Gruß nicht dr. rch Handausheben' bewirkt wird; in solchem Falle hat der Soldat lediglich stramme Haltung änzunehmen und den betreffenden Vorgesetzten blödsinnig anzuglotzen. „Wenn schon!" dachte vermutlich der gute Leo, und als jener sich weiter über dieses Thema zu verbreiten begann und sich immer mehr erhitzte, bereitete cr dem Zlviegespräch ein rasches und unvermutetes Ende, indem erc freundlich lächelnd bemerkte: „Aber, Herr Letltnant! Das alles ist doch sv umsichtig!" Sprachi's und schritt von dannen, ehe noch der andere, der nun wieder sich nicht aus seinem Gedanken- und Empfindungskreise lösen konnte, aus seiner Erstarrung erwachte. Zwei Welten war^fn aneinandergeprallt! Sicherem Vernehmen nach hat dieses Begegnis so erschütternd auf den Offizier gewirkt, daß er sich sofort zur Frorrt meldete, um den Heldentod zu suchen. Das alles ist ja s o unwichtig! Man muß nur einmal darauf achten, ivelches Gesicht im Restauirant etwa ein noch uwaffimilierter Ostjude macht, Wenn er ein Glas Bier beshellt hat, und der Kellner nun an ihn die für andere so bedeutuitgsvolle Frage richtet: „Hell oder dunkel?" Dem Gefragten sieht man dann deutlich an, wie er. es gar nicht versteht, daß ein >Mensch sich mit solchen Problemen überhaupt beschäftigen kann. Die einfache Frage macht ihn direkt fassungslos. Er ist beunruhigt und bemüht, sich möglichst heil aus der Affäre zn ziehen. „Es kommt darauf an! — Soll sein hell!" Dieser Gast und jener Kellner — sie werden sich nie verstehen. Keine Brüc^! Und die Geschichte der Juden im Exil schreiben, heißt eine Geschichte von Mißverständnissen schreiben. » 4