Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3051 (28.8.1927)
- Date
- 1927-08-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982139--31112-3019398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. BOöl Wien, Sonntag Wiener Morgenzoitung 28. August 1«27 zuletzt am jüdischen Vol>!e selbst begehen, wenn wir diese N o t stan d s f o r m zu einer dauernden machen. Es müßte doch eine Lebensform gefunden werden können, die frei ist Don häuslichem Familienegoism-us und dennoch der jüdischen Familie den ihr gebührenden Platz in der jüdischen Gemeinschaft, anweist. ... Wir haben nach Palästina vielfach Lebensformen gebracht, die dem jüdischen Volk bisher fremd gewesen sind. Jede Regulation von außen aber kommt einem Volk teuer zu stchen un-d gewahrt keine Zuverlässigkeit. Nur die Regulation von innen bewirkt Aufschwung und Höherentwicklung. — Für die Dauer können wir uns von einer Lebensform, die dem innersten Wesen der jüdischen Frau and dem jüdischen Volke fremd ist, kein Heil erwarten, keinen Erfolg versprechen. Wir verlast gen keine ZerstSrnn g, keime Verurteilung des bisher Geschaffenen. Die großen Verdienste der ersten Pionierinnen in Palästina sollen unangefochten bleiben. Was uns aber heute not tut, ist eine Urtzerprüsung der Frauenfrage, ein Nachdenken darüber, ob eine Aenderung des Weges uns wohl mit weniger Opfern zum gleichen, erstrebten Ziele führen könnte. In diesen Lagen müssen alle Grundfragen im Zionismus üeu gestellt werden und mit einer Klarheit und Aufrichtigkeit wie nie zuvor müssen sie beantwortet werden. Zu diesen grundlegenden Problemen gehört die Frauenfrage, die eine Lebensfrage für >das ganze Mische Volk ist.! Vorzimmer 1 m MM ' _■ ‘ flL M 9M > - M - M __ Kinderu. Maocnenzimmer Speslaliil MÖBELHAUS WEISS VII., NeubaugaM« 61 XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX»XXXXXXXXXX?OOOOQOOOOOOOOCXXXXX» Bneikwer. Vorschlag zur GrLnduag eine« neuen jüdischen Weltorde«». Von Dr. David Rothblum, Kulturreferont des Zionistischen Landeskomitees Mr Oesterveich. Will man die Gesamtursachen der nationales Bewegung innerhalb des Judentums auf die einfachste Formel zurück führen, so muß man sagen, daß sie das zum lebendigen Willen gewordene, seit Jahrtausenden verhaltene Bestreben des jüdischen Volkes zur Rückkehr zur Natürlichkeit beinhalten. Die Existenz des Volkes nach' der Zerstörung des zweiten Reiches in der Galuth war in seinen Bedingungen unnatürlich und ohne jedes Analogon in der Weltgeschichte der Völker. Bor allem entbehrte das Volk des eigenen Bodens, hatte wirtschaftlich und politisch keine Heimat, blieb also ohne organischen Zusammenhang mit der Erde. Für andere Völker genügte diese Tatsache! allein, um sie endgültig verschwinden zu lassen. Die Unfähigkeit, daher die Unmöglichkeit der vollständigen Assimilation an die Wirts- Völker mußte notgedrungen ein unnatürliches Verhältnis zu diesen zeitigen. Selbst bei den besten Vorsätzen der Nationen, dem Judentum Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mußten dennoch Mißstimmungen und Mißverständnisse entstehen, .die einerseits aus. natürliche, menschliche Gefühle, andererseits auf die eigene, von den anderen Völkern sich gründlich unterscheidende Wesensart des jüdischen Volkes zurückzuführen sind. Die. Theorie vom Fremdkörper in bezug auf die jüdischen Eindringlinge in fremdnationale Gesellschaftskreise, die. schon bis zur Banalität. abgedroschen wurde, hat an ihrer bitteren Wahrheit nicht viel verloren. Insbesondere dort, wo die Juden in dichten Massen an den angestammten Eigenheiten festhielten, mußten sie Anstoß erregen und habm trotz restloser Erfüllung aller Bürgerpflichten es nicht verhüten können, daß ihre Existenz unairgenehm empfunden und lediglich geduldet wurde. Selbst die Gleichberechtigungen nach den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts hatten nichts Echtes an sich und waren mehr die Stimme des Gewissens als der Ansdruck des nähren Volkswillens. Der nationale Gedanke wirkte daher einzig und allein nur deswegen wie eine Erlösung,, weil er den Wog zur Natürlichkeit wies.. Er hörte eigentlich, wenn auch unbewußt und latent, im Judentum nie zu wirken auf, sei es irr religiöser, mystischer, sporadisch! auch in werktätiger Form, als er aber einmal klar und deutlich ausgesprochen und zum Programm erhoben w.r c, rvar es um das ganze Volk geschehen. Er ist zum elften Gebot geworden. Dieser eirrmal betretene Weg zur Natürlichkeit und zur Selbstbestimmung wird me mehr verlassen werden. Die Frage. des Zeitpunktes der vollständigen Erreichung des; Zieles ist dabei ganz nebensächlich Der Weg ist gewiesen, er wird gegangen werden. , Das nationale Bestreben des Judentums geht nun dahin, dem Volke alles zu geben, was des Volkes ist. Der Gedanke der Befreiung von innerer und äußerer Sklaverei, der Rückkehr zu den natürliche Bedingungen, einer freien . Volksexistenz in und außerhalb der eigenen Heimat zieht immer weitere Kreise, und wird ebenso sicher das -ganze Volk erfassen, wie ein elementar in der Erdentiefe arbeitender Feuerherd den Weg zur Oberfläche findet. Sache der führenden Männer .ist es, die Entiivicfluug zu beschleunigen, die Wehen der» nationalen Wiedergeburt auf das notwendigste Maß zurückzuführen. - Die Religion ist im Judentum national geblieben. Wie- 11)101)1 auf die Heimat zugeschnitten, von Moses auf. dom Wege uud.mil dem Blicke, aufs Gelobte Land proklamiert, wurde sie dennoch ins Exil mitgenommen und. bis auf den heutigen Tag hoch und heilig gehalten. Sie war stets und überall mit dem Volkstum identisch und wer ihr untreu ■ wurde, galt als von der Nation abgefallen. Das Bekenntnis zur Religion war die einzige Form für die Bejahung der Nation. ' Aus dieser Tatsache ist aber auch der große Abfall zu erllären, den das Judentum in der Diaspora zu erleiden hatte. Wer der Religion den Rücken kehrte, mußte es, notgedrungen uno actu der Nation gegenüber tun. Mit der Negierung des Glaubens wurde gleichzeitig jeder Zusammenhang mit dem Volke getrennt. Häufig war die Erscheinung zu beobachten, daß der aufgeklärte Vater die Bräuche nicht beobachtete, ohne durch die Entjudung seines Hauses offiziell Ms dem Judentum auszutveten, daß aber der Sohn schon , zu einer anderen Religionsgemeinschaft überlrat, weil für ihn'das Judentum eist Wort ohne Inhalt geworden ist. Die abstrakte Religion, sobald ihre Vorschriften und. Bräuche nicht betätigt wurden, hat als VÄksbirtdemittel nicht mehr genügt. Sie war es. bei. den Frommen, die den Tag nach der Vorschrift lebten, absv nicht bei den Lässigen im Glauben. < Wäre die hebräische Sprache zum Pflichtbesitz des jüdischen Volles, nicht nur in der Lithnrgie, sondern im alltäglichen Leben, ebenso wie die Religionsbräuche gemacht worden, dann wäre manches Unhell vom Volle abgewendet worden. Der Areligiöfe hatte in diesem Vollsgut den Ersatz für den verlorengegangenen Glauben gefunden. Es wäre eine natürliche Erscheinung wie bei' allen anderen Völkern gewesen, daß jemand seine Religion ablegt und trotzdem seine Nationalität beibchält. Seine Nachfolger hätten dann schon ihren Gott wieder gefunden. Etivas von dieser Wahrheit hatten die Väter der Haskalahperiode erlebt, als sie die althergebrachten Fesseln titanisch sprengten, die hebräische Sprache aber wie eine Geliebte mit den zärtlichsten Schmeicheleien umgaben. Von diesem Standpunkte aus gesehen, haben sie trotz ihrer Assimilationsbestrebungen eine nationale Funktion erfüllt. Die Taufen ihrer Nachkommen wären ausgeblicben, wenn sie ihre schönen Worte auch in die Ta: umgesetzt und dafür Sorge getragen hätten, daß nicht bloß ihre Freihellsideen, sondern auch die hebräische Sprache in den geistigen! Besitz ihrer Kinder übcrgegangen wäre. Das ist der Sinn und die Erklärung des Wunders des Wiederauflebens der hebräischen Sprache in dcr Zell der nationalen Renaissanceidee iw Wort und Schrift in und außerhalb Palästinas. Kein Gebiet im Wiederaufbau hat einen solchen fabelhaften Erfolg au szuweisen, wie die nationale Sprache. Es scheint fast, als wäre sie nie außer Gebrauch gesetzt worden. Von der Bibel über Mischnah, Talmud, Juda, Halevi bis zu Bialik und dem letzten von der Druckerpvesse. entlassenen Tagesjournal geht ein wunderbarer, lebendiger Faden, der sich um das Volk schlingt und es fest zusammenhält. Die Sprache genügt absolut allen Bedürfnissen des täglichen Lebens. Sie ist plötzlich im Laut entstanden, vom Kindermund belebt, vom Gelehrtengeist fortgebildet. Sie wird. als lebendes Idiom nie mehr-verschwinden, wird als Erkennungszeichen für die Volksgenossen in allen Erdzonen dienen. Das ist keinesfalls.das Werk der sprachlichen Vorkämpfer allein, sondern vielmehr das Ergebnis des Bestrebens, des nie versiegten Willens zur Rückkehr zur volkstümlichen Natürlichkeit. Eine Nation ohne eigene Sprache ist ein Unding. Ein Volk, das nie aufgehört hat, seine eigene Existenz zu bejahen, muß auch sein eigenes Idiom haben. Und Idiom — es liegt schon im Wort — ist nichts anderes als die ureigenste sprachliche Ausdrucksform für die innerste Gefühls- und Gedankenwelt eines Volles. Daraus geht die unabweisliche Pflicht hervor, dieses natürliche Volkseigentum zu erhalten, zu pflegen, sortzubilden, zu verbreiten, zu vertiefen und es zum geistigen Gemeingut der ganzen Nation zu machen. Zur Erreichung dieses großen Zieles genügen die Bestrebungen der bestehenden Vereine, Gesellschaften und mannigfachen Institutionen nicht. Wenn auch die Tätigkeit, dieser Gemeinschaften nicht zu unterschätze:» ist, so fehlt ihnen doch vor allein jeder organische Zusammenhang, jedes einheitliche Vorgehen, jede zielbewuhte, großzügige Attion, die einen Erfolg außerhalb ihres engen Wirkungskreises sichern. Hier muß eine Arbeitsgemeinschaft gegründet werden, die in der ganzen Welt einsetzt, und zwar nicht als Summe vieler gleicher Arboitsgemeinden, sondern als eine einzige große Arbeitsarmee, deren, einzelne Exposituren an unzähligen Punkten der Erde durch organische Zellen miteinander verbunden sind. Hiefür gibt es nur eine einzige Form, das ist der Orden. Schon sein Name soll auf den Ztoeck Hinweisen. Ich würde den Orden Bnei-Ewer nennen. Dem Orden könnte jeder unbescholtene Jude mit nuckellosem Vorleben noch Erreichung des 25. Lebensjahres beitreten. In Ausnahmssällen kann die kompeten e Stelle eine!Mersnachsicht gewähren. Der Orden arbeitet in 'Logen (Lischkoth) nach dem Muster bereits bestehender Gemeinschaften dieser Form, die wöchentlich einmal zur Arbeit zu- » sänwrrntteten. iTtze Sprache der offizieller Ätzungen urü» ces Rituales ist Hebräisch. Der Zweck des Ordens ist offen- . kundig, das Rituale vertraulich. Die MitKicÄer, die gemeinsame Diener einer großen, heiligen Sache sind, vetrachten und behandeln sich gegensellig als BriDer. Sie haben die Pflicht, wenn sie der hebräischen Sprache kundig sind, in privaten Zusammenkünften sich dieser nach Tunlichkeit zu bedienen. Tie Geschästssprache ist selbstverständlich Hebräisch. Sämtliche Logen derselben Stadt bi den eine Chewra, ihre Meister (Nessiim) treten allmonatlich zur Beratung zusammen. Die Organe aller Logen desselben Landes treten einmal jährlich zusammen. Die gesamten Logen der ganzen Wett bilden den Kahal Hakodesch, und deren Organe versammeln sich einmal in fünf Jcchven zur Kueissjah Klalllh. Natürlich stehen die Logen untereinander ununterbrochen in schriftlichem Verkehr. Die Organisation ist naturgemäß hier nur angedeutet, Ebenso die Nomenklatur, die eine willkürliche und keinesfalls bleibende ist. Diese letztere wird im gegebenen Falle leicht der jüdischen Geschichte entnommen werden können. i Die Wicht des Ordens ist, für die (Anführung, Bsvbveitung und Vertiefung der hebräischen Sprache im jüdischen Volk mit materiellen, geistigen und politischen Mitteln selbsttätig und durch «rtspvechende 'Einflußnahme air den in Betracht kommenden kompetenten Stellen zu sorgen. Die Logen werden ihr Augenmerk zuzuwenden haben der Gründung, Erhaltung und Ausgestaltung von hebräischen Kindergärten, Volksschulen, Mittelschulen und Vv'ksuniver- . fitäten. Dasselbe gilt natürlich von den Sprachkursen. Ten Logen obliegt ferner die Wicht, die hebräischen 'Privatlehrer tzu organisieren, für ihre Verwendung zu sorgen und ihre materielle Existenz zu sichern. Sie werden aus die Pflege der hebräische^ Sprache in den staatlichen Mittelschulen achten, daher ihr Augenmerk auf die Auswahl und An- Mlrmg der Religionslehver lenken und für eine» entsprechenden Nachwuchs sorgen. Hierzu ist in erster Reihe die Gründung, Erhaltung und Ausgestaltung von Religirnslehrerseminarien geboten. In ihren Pflichtenkreis gehört die Propaganda für die Unterweisung der Kinder in der hebräischen Sprache im Privathaus, die Veranstaltung von öffentlichen Versammlungen, m denen über die Wichtigkeit des Hebräischen im jüdischen Leben gesprochen wird, und Veranlassung der Rabbiner, periodisch von der Kanzel aus über dieses Thema zur Dempelgemernde zu spreche. . Der Orden wird seine Unterstützung dem hebräischen Buche angedeihen lassen, also Verlagsanstalten fördern, bas Erscheinen guter hebräischer Bücher ermöglichen Und in Not geratene hebräische Schriftsteller sustentieven. Aus dem bereits Gesagten ergibt sich übrigens schon von selbst 'der große, in einem einzigen Aufsätze nicht zu erschöpfende Wichtenkreis des Ordens. Eines aber soll noch besonders erwähnt werden. Der Einfluß des OrdenS hat sich keinesfalls ausschließlich auf die Länder^ des Galuth, sondern Mch Ms Palästina zu erstrecken. Der Orden, dessen Logen in Sektionen arbeiten werden, wird durch eine Sprachsektion (Waad Halaschon) auch auf die innere Entwicklung der Sprache ii^ner- Und außerhalb Palästinas Einfluß üben. Denn den. Wissenden'ist es nicht verborgen geblieben, daß die Mit Btrtzeseile vor sich gehende Entwicklung der hebräischer Sprache im Lcrnde^ nicht immer richtige Wege geht. So wie der babylonische! Talmud für die Entwicklung des jüdischen Rechtes von ungeahnter Bedeutung war, kann es Mch der Mrad Haläschrm in der ^Galuth im Hinblick Ms die neuhebMsche Sprache werden. Ueber die materiellen Quellen des Ordens wild noch zu sprechen sein. Es hat übrigens noch nie im jüdischen Volke an Geld gefehlt, wenn es um die Erfüllung eines hohen und heiligen Zweckes geht. Der 15. Kongreß steht vor der Türe. Am 30. August werden in Basel Hunderte von hebräischen Schriftstellern versammelt sein. Vielleicht nehmen sie den Gedanken auf und entwerfsn in Basel die Statuten des neuen Mischen Weltordens Bne'i -Etvvr. Karlsbad, -im August 1927. „Nur ein Student getötet!" Ar nratöniMK Su&enfrage ln rem Mramthu zu WMlamstowu. .Willi«instown, 27. August. Im Rahmen des vom amerikanische Institut für Politik veranstalteten Vortragszyklus kam dieser Tage auch die Frage der Juden in .Rumänien zur Besprechung. Der Sekretär der rumänischen Gesandtschaft in Washington, Herr Andrei Pop ov i ei, fand es bedauerlich, daß hervorragende Amerikaner den über Rumänien verbreiteten „Unwahrheiten über Judenverfolgungen" in diesem Lande Glauben schenken. Die Inden hätten ihre eigenen Schulen, die jüdischen Studenten genießen die gleichen Rechte wie die christlichen, haben aber weniger unter materieller Not zu leiden. Antisemitische Ausschreitungen kamen nicht vor, „nur ein jüdischer Student wurde getötet und da und dort wurden Fenster eingeworsen". Ueberdies haben sich die Exzesse auf die Region der Universitäten beschränkt.^ Fast hätten die amerikamschon Juden durch ihre falsche Propaganda einen Ausbruch des Antisemitismus in Rumänien verschuldet. Rabbiner Leon Hurwitz aus Brooklyn erwiderte Herrn.Popovici, seine Besorgnis, die Amerikaner könnten falschen Gerüchten Glauben schenken, sei überflüssig; die meisten Amerikaner „kommen aus Missouri" und zeichnen sich gerade nicht durch kindische Leichtgläubigkeit aus^Der Redner verlas eine Reihe von Berichten, die sich besonders auf z u g e g e b e n e Tatsachen der rumänischen Regierungspresse un-d der großen rumänischen Tageszeitungen