Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3051 (28.8.1927)
- Date
- 1927-08-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Sonntag wiener Morgenzettrmg Hk. RM 28. August 1967 Per XU. Zioiilrtcnhomfrcift. Rach dreißig Jahren —y, Wien. 28. August. Der XV. Zivnistenkongreß, der am Mittwoch seine Session beginnt, tagt wieder in Basel, in der Stadt, von tet er vor -dreißig Jahren ausgegangen ist. Ms Herzl damals am Ende des XIX. Jahrhunderts, in den Stürmen der Nationalitätenkämpse, den ersten Kongreß vorbereitete, dachte er zunächst an das zentraler gelegene München. Wer da die Notabeln und die Protestler, beunruhigt durch die im Judentum sich antündigende Zeitenwende, geg«n die Störung ihrer satten Behaglichkeit sich verwahrten, ging der Kongreß nach Basel. Er trat in den Bereich einer in harten Kämpfen zum Sieg und zur Freiheit gelangten Demokratie, und ihr Geist lag über den Szenen di^es ersten Kongreßes, die nun schon Mr Geschichte geworden sind. Der Kongreß führte eine neue Sprache. Was er sagte und deklarierte, klingt uns heute, soweit wir es nicht selbst vergessen haben, schon wie ein Lied aus -der Ferne. Damals war es eine unerhörte Tat, über der die Adlersflügel der jüdischen Geschichte rauschten. Vieles ist uns fester Besitz geworden, selbstverständlicher Ausdruck unseres Wollens und Fülhlens, so sehr, daß wir es nicht mehr wißen, welche Krisen und Kämpfe es gekostet hat, ehe -wir aus die feste Grundlage treten konnten, die der Kongreß wurde. Er war das erste sichtbare Signal des -jüdischen Lebenswillens und der Forderungen, die das Judentum zu stellen hat. Die Wische Welt weckte er Ms der Lethargie. Er faßte die uralten Sehnsüchten in die feste Form eines Programmes, das in der Diktion einer Verfassung alles besagt, was Ziel und Bewegung ist. Mit diesem Kongreß wurde die Organisation geschaffen und mit diesem Kongreß trat sie auch schon in die Geschichte ein. Von diesem Kongreß aus sprach das Volk als eine nationale Individualität zu den anderen Völkern. Es war ein tiefgreifender Prozeß eingeleitet worden, der alles in Bedacht nahm: Wirtschaftliche, soziale und poetische Umformung nach innen, nationale Emanzipation nach außen. Der Kongreß wurde zum Zentrum einer Regenerationsbewegung, wie sie kein Volk jemals unternommen hat. Gewiß stand er auch vor Ausgaben, wie sie noch niemals ein Volk vorgefunden -hat. Ein Volk ohne Land, ohne einheitliche Sprache, ohne einheitliches Bewußtsein, ohne Geltung, ohne politische Tradition, ohne Mittel, ein Volk aus etwa dreilßig Völkern, alle im Exil — ttnn&e plötzlich kraft eigenen Mllens un-d kraft eigener Deklaration ein einziges Volk, das sich unterfing, feine Heimat und seine Wirtschaft und sein ganzes Leben auszubauen. Das -war Romantik im schönsten Sinn. Wir sind aus dieser erstem-Phase des Weges herausgowachscm und es ist zum Brauch geworden, sie mit sentimentaler Rührung als romantische zu bezeichnen, als wäre sie etwas, was so reifen und erfahrenen Menschen nicht mehr so recht ziemt. Aber diese Phase war doch die fruchtbarste. Sie setzte Jmponderabilia in Bewegung, sie appellierte an ideale Empfindungen, an ein hoch crusgefaßtes Solidaritätsgefühl, sie füllte die Phantasie der Masse. mit Feuer. Was in dieser Zeit geschaffen wurde, steht heute noch aufrecht, überdauert alle Krisen und Störungen. Was in dieser Zeit geleistet wurde cm- Aufklärung der eigenen und der anderen, ist -die Bedingung gewesen, für das, was nach dem Krieg erreicht wurde, für die völkerrechtliche Feststellung der Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und dem jüdischen Land. Un-d die Mühe und Arbeit ist doch voll romantischem Schwunges, voll Elan und Temperament einer im tiefsten gläubigen, jugendkräftigen Organisation, und all ihr heißes Streben trug sie zum Kongreß, zu dieser einzigartigen parlamentarischen Institution, Gesetzgebung und Volksversammlung zugleich, ein Stück jüdisches Land mitten im brandenden Mer des Hasses. Dieser Kongreß war Erziehung un-d Schule, Verbindung zwischen Ost und West. Er war die Tribüne, er ist es geblieben und er muß es bleiben. Er ist die einzige Stätte, aus der die jüdischen Volkstümer, die Schichten und Klassen wieder zu ebnem Volk wurden und wo das Herz sprach. Er muß die Tribüne bleiben, auch wenn sich vieles geändert hat, wenn die materialistische Auffassung Wer j die Romantik lächelt und wenn das europäische Gist des! Parteiwesens und der Klassen Mch bei uns sich geltend! macht. Der Kongreß muß die höchste Institution des ' Volkes sein und er darf nicht zum Instrument einer besonderen Richtung werden. Er bst die Stelle, an der die Leitung und -die Delegierten Rechenschaft zu geben und aneinander Kontrolle zu üben «haben. Er -darf nichts von seinem Glanz verlieren und jeder Versuch, ihn etwa zur Abstimmungsmaschine herabzuwürdigen, muß an seinem Willen -scheitern. Der Kongreß ist das einzige Land, das uns gehört, eine auf einer freudigen un-d freiwilligen Anerkennung stehende Institution, und darum ist er auch unser höchster Besitz. Er ist Romantik, die Romantik eines kämpfenden, sorgenden und lei-denden Volkes, das sich aus dem Haß und der Unwürdigkeit befreien will. Der Kongreß ist wieder nach Basel gekommen, „die gute Stadt, die unserem Herzen vertraut ist". Er tritt in den Bannkreis der Demokratie, in der das Wohl der Gesamtheit dem Einzelnen übergeben ist und in der jeder sich verantwortlich sschlt für die Allgemeinheit. Der Kongreß wird daran deinen müssen, daß dreißig Jahre vorbei- » gegangem.stub,-i« benen gelehrt und -gelernt, vieles erreicht < und vieles -verfehlt worden ist. Aber die Zeit hat sich nur wenig geändert und auch die Romantik ist so frisch wie nur je. Es gibt nichts schöneres als für die Gesamtheit zu wirken, keine moderne Bewegung, die sich in ihren Phrasen berauscht und dahinter doch nur ihren Egoismus, ihre blutige Machtgier und ihre Raubtiertendenzen versteckt, kann sich an Reinheit und Altruismus mit dem Zionismus messen. Vor dreißig Jahren ist in Basel ein Volk zmn Willen erwacht, es muß zu einem Volk worden, das nur sich und seiner Hand? Arbeit vertraut. Herr! an den ersten ZdmWenkongreß. AM 29. AU« 1897 tt AM. Die erste Sitzung des ersten Ziolüstskckyrgvesses wurde van Theodor Herzt mit eöner Anspvache eröffnet, dsren wichttyftear Dell wir hier folgen -lassen. Wir wollen den Grundstein legen zu dem Haus, das dereinst die jüdische Nation beherbergen wird. Die Sache ist so groß, daß wir nur in den einfachsten Worten von chr sprechen sollen. Wir werden Berichte hören über die Lage der Juden in den einzelnen Ländern. Sie alle wissen, wenn auch vielleicht nur in einer unbestimmten Weise, daß diese Lage mit wenigen Ausnahmen eine nicht' erfreuliche ist. Wir fänden uns wohl kaum zusammen, wenn es anders wäre. Die Gemeinsamkeit unserer Geschicke hat eine lange Unterbrechung erlitten, obwohl die versprengten Teile des jüdischen Volles allenthalben Aehn-liches erdulden mußten. Erst in unserer Zeit ist durch die neuen Wunder des Verkehrs die Möglichkeit einer Verständigung und Verbindung der Getrennten gegeben. Und in dieser Zeit, die sonst so hoch ist, sehen, fühlen wir uns überall vom alten Haß umgeben. Antisemitismus ist der Ihnen nur zu wohlbekannte moderne Name der Bewegung. Der erste Eindruck, den die Juden von heute davon hatten, war Neberraschung, die in Schmer und Zorn Werging. Unsere Gegner wissen vielleicht gar nicht, wie tief im Innersten sie gerade diejenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicherweise nicht in erster Linie treffen wollten. Das moderne, gebildete, dem Ghetto entwachsene, des Schachems entwöhnte Judentum bekam einen (Aich mitten ins Herz. Wir können heute ruhig sagen, ohne uns verdächtig zu machen, daß wir an die Tränendrüsen unserer Gegner appellieren wollen. Wir sind mit uns im reinen. Man war in der Welt von jeher schlecht über uns unterrichtet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches man uns so häufig und grimmig vorwarf, es war in voller Auflösung begriffen, als uns der. Antisemitismus anfter. Dieser hat es wieder gestärkt. Wir sind sozusagen nach Hause gegangen. D e r Z i o n i s m u s r st die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins I u d e n l a n d. Wir heimgekehrten Söhne finden im väterlichen HMse manches, toas der Besserung dringend bedarf; wir haben namentlich Brüder auf tiefen Stufen des Elends. Man heißt uns aber in dem alten HMse willkom- Men, Werl es wohl bekannt ist, daß wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehrwürdigem zu rütteln. Das wird sich bei der Entwicklung des Zionistischen Programmes zeigen. Schon hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehedem für unmöglich Gehaltenes zuwege gebracht: die enge Verbindung der modemsten Elemente des Judentums mit dm konservativsten. Da sich dies ereignet hat, ohne daß von der einen oder der anderen Seite unwürdige Konzession m germrcht, Opfer des Intellektes gebracht wordm wären, so ist dies ein Beweis mehr, wmn es noch eines Beweises bedürfte, für das Volkstum der Juden. Ein solcher Zusanrmen- NEU ERÖFFNET’! NEU ERÖFFNET! (Retzlam W*EJN, II., PR A T&R'ST R ASS£ NR. 3-4 TELEPHON 47-1-47 TELEPHON 47-1-47 PreffpnuM der vomefimen SeseUsedaft Solides &amilten~'€af€ Aufmerksame Ptedienuntt XMie Preise DONNERSTAG UND SAMSTAG 4- UHR-SPERRE schlnß ist nur möglich auf der Grundlage der Nation. Es werden nun auch Debatten stattfinden über eine Organisation, deren Mtwcndigkeit jodcr einsieht. Die Organisation ist ein Beweis des Vernünftigen'in einer Bewegung. Hier ist aber ein Punkt, der nicht deutlich und energisch genug herausgearbeitet tverden kann. Mr Zionisten wünschen zur Lösung der Judenfrage nicht etwa einen internationalen Verein, sondcm die internationale Diskussion. Der Unterschied ist für uns von der höchsten Wichtigkeit, wie icy Ihnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche. Dieser Unterschied legitimiert auch die Einberufung unseres Kongresses. Es kann sich Her uns nicht um Dündcleien, gcheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern nur umetne fr-eimutige Erörterung unter der beständigen und vollständigen Kontrolle dar öffentlichen Meinung. Es wird einer der nächsten, schon jetzt in großen Umrissen wahmehmbarm Erfolge mr- 1 serer Bewegung sein, daß wir die Judenfrage in eine Zionsfrage umwandeln werdm. Eine so große Volksbewegung muß von vielen Seiten Mgepackt werden. Der Kongreß wird sich daher auch mit den geistigen Mitteln zur Wiederbelebung und Pflege des Wischen NationaNewutztseins beschäftigen. Auch in diefW, Punkt habm wir mit Mißverständnissen zu kämpfen. Wtz denken nicht daran, auch nur eines Fußes Breite von erworbener Kultur aufzugeben, sondern denken an ein weiteres Vertiefen der Kultur, wie es jedes Wissen bedeutet. Uebrigens lieh das geistige Lebm der Juden von jeher bekanntlich weniger zu würrschm übrig, als das ihrer kürpcrilichen Betätigung. Dies haben die praktischen Vorläufer des jetzigen Zionismus emgesehen, als sie anfingen, einen jüdischen Ackerbau hervorzurufen. Von diesen Kolonisations- Versuchen in Palästina und Argentinien können und tverdm wir alle nie anders als mit Mfrichtiger Dan-klbarküit sprechen. Wer sie waren nur das erste, sie sin d rri cht das letzte Wort der zionistischen Bewegung. Diese muß größer sein, wenn fie überhaupt sein soll. Ein Doll kann sich nur selbst helfen; kann es das nicht, so ist chm eben nicht zu helfen. Wir Zionisten wollen aber, das Voll Selbsthilfe anregen. Dabei sollen keine verfrühten, ungesunden Hoffnungen erweckt werden. Auch Ms diesem Grunde ist «ine Oefsentlichkeit der Behandlung, wie fb unser Kongreß bezweckt, von hohem Wert. Sie wissen, daß der Judenstreit in manchen Landern zur Kalamität-für die Regierung geivorden ist. Ergreift man für die Juden Partei, so hat man die aufgewühlten Massen gegen sich. Ergreift man gegm die Juden Partei,- , so hat dies beim eigentümlichen Einfluß der Juden auf der - Weltverkehr oft schwere wirtschaftliche Folgen. Es gibt dafür Beispiele in Rußland. Verhält sich endlich die Regier rung neutral, so schm sich die Juden ohne Schutz im der bestehenden Ordnung und flüchten in den Umsturz. Der Zionismus, die Selbsthilfe der Juden, eröffnet mm den Ausweg Ms diesen mannigfachen und sonderbaren Schwierigkeiten. Der Zionismus ist einfach der Friedensstifter. Es geht ihm freilich dabei wie Friedensstiftern gewöhnlich: er muß sich am meisten herumschlagen. Nur wenn runter den mehr oder minder ehrlichen Argumenten gegen unsere Bewegung Mch das vorkommt, daß man uns des Mangels an Patriotismus zeihen werde, so richtete sich dieser verdächtige Ginwurf von selbst. Von einem vollständigen Auszug der Juden kann wohl nirgends die Rede sein. Die sich assimilieren können oder wollen, blerben zurück und werden resorbiert. Wenn nach einem gehörigen Abkommen rnit den beteiligten politischen Faktoren die Judenwanderung in aller Ordnung beginnt, so wird sie für jedes Land doch nur so lMge dauern, als dieses Juden ab geben will. Wie der Abfluß zum Stillstand kommen soll? Einfach durch das allmähliche Abschwellen und endliche Aufhören des Antisemitismus. So verstehen, so erwarten wir die Lösung der Judenfrage. Das alles'haben mein« Freunde und ich oft gesagt. Wir wollen uns die Mühe nicht verdrießen lassen, es immer und immer wieder zu sagen, bis man uns versteht. Bei dieser feierlichen Gelegenheit, wo sich Juden aus so vielen Ländern zusammengeftmlden haben, auf einen Ruflauf den alten Ruf der Nation, heute sei unser Bekenntnis feierlich wiederholt. Muß uns nicht eine Ahnung großen Geschehens überfließen, wenn wir denken, daß in diesem Aug enblicke die Ho ff nun gen u-nd Erwartungen von vielen Hundertt-aufvnden unseres Volkes auf unserer Versammlung ruhen? Nach fernen Ländern,, ja über das Weltmeer wird in der nächsten Stunde die Nachricht von unseren Beratungen und Beschlüssen eilen. Darum soll Aufklärung und Beruhigung von diesem Kongreß auSgeyen. Ueberall soll man erfahren, was der Zionismus, den mmr für eine Art von chlltafttschesn Schrecken ausgab, in Wirklichkeit ist: eine gesittete, gesetzliche, menschenfreundliche Bewegung nach dem ' alten Ziel der Sehnsucht urrsereS Volkes. Was die einzelnen urrter uns schrieben oder sagten, konnte und durfte man achtlos übergehen — nicht mehr das, was der K o n g r e ß h e r v o rb r i n g t.???öge darum der Kongreß, der fortan der Herr seiner Debatten ist, als ein werser Herr wirtschaften.