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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-26 · Heft 3049 (26.8.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3049 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Men, Freitag Mstter Morgenzettnng 28. August 1927 Gelte ft . u Zionistischen Organisation, und das ist wohl eines der -ichtigsten Probleme, das der vor der Tür stehende Baseler nkgrch zu behandeln hat. Es wird notwendig sein, diese Angelegenihelt mit der ürfsten Aufmerksamkeit zu beobachten. Deutschland wird n die Mandatskommission kommen (es wird jetzt der Zentrumspolitiker Rechenberg als der künftige Vertreter genannt) und das ist für alle Kolonkakfragen eine Komplikation, und innerhalb dieser Fragen wird das Palästina-Mandat vielleicht als ein Ort schwächeren Widerstandes angesehen. Die Zionisten werden aber zu sagen haben, daß sie die Zukunft des jüdischen Volkes, die doch durch Unterschrift des Mlkerbundes im zionistischen Sinn anerkannt worden ist, nicht zum Gegenstand eines diplomatischen Kuhhandels machen lasten wollen. Der 18. Zionifterikonsreb. Die Wahlen in Polen vor dem Kongretzgericht. 'Aus Warschau meldet die I. T. A.: Bekanntlich hat die Entscheidung der Haupttvahlkommission in Kongreßpoien mit Bezug auf die Verteilung der'Mandate zum 16. Zionisteukongreß heftigen Widerspruch unter den Anhängern der radikalen,Gruppe ,,'M Hamifchmar", den Revisionisten und den Poale Zionisten, die trotz der Aufbringung eines Stimmen-Minimums ohne "M a n'd a t e geblieben find, hervorgerufen. In mehreren Städten nmrden Protest Versammlungen gegen die Entscheidung der Hauptwahlkommission gbgehalten. 'Tie 'Protestresolutionen wurden der Zionistischen Exekutive in London übermittelt. Wie.die Warschauer Blätter erfahren, wird sich das Kongreßgericht in der kommenden Woche mit den polnischer Kongreßwahlen beschäftigen, wobei der Delegierte Samuel Szwif hie Warschauer Hauptwahlkommifsion vertreten wird. Weitere Resultate. Die S ch we i z entsendet als Delegierten zum 16. Zionistenkongreß den Weizmann-Anhänger Dr. Becker. In Tunis wurde der'Revisionist W. Temkin gewalsit. iwnsrrenz »er mBttalen gfoniften ia Bald. Eine der frechsten Erfindungen der antisemitischen Schmutzphantasie behauptet, daß der Mädchenhandel ein jüdisches Gewerbe ist. Wir haben uns oft genug mit dieser Angelegenheit beschäftigt und selbst die Tatsache festgestellt, daß es Mische Mädchenhändler gibt, daß aber ein organisiertes jüdisches Gewerbe nicht besteht. ES ist "überhaupt fraglich, ob ein Frauenhandel in organisierter Form betrieben wird, und sachverständige Experten bestreiten dies energisch. Aber der Antisemitismus ist ja selbst mit amtlichen Konstatierungen nicht zufriedenzustellen, und er gibt keine seiner Lügen auf. Wenn er in die Enge getrieben wird, dann konstruiert er sich irgendeine andere Erfindung. Da gibt es ein „deutsches Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels" m Berlin. Dieses Komitee hat euren Schriftführer, den Negierungsvat Dr. Kund t, und dieser Schriftführer ist ans Reisen gegangen, um den jüdischen Mädchenhandel kennenznlernen. Die Fahrt war erfolglos. Er hat nichts Jüdisches gesunden, aber da er für seine Diäten doch auch etwas leisten mutz, so hat er einen Bericht über die Ostjuden geschrieben. Der Bericht ist im einzelnen und im ganzen unwahr. Es seien, sagt der Kundt den Anhängern der Hakenkrenzsippschast, im Jahre 1923 400.000 Ostjuden nach Deutschland gekommen. In der Volkszählung sind, sie nicht auf f i n d b a r. Das stört aber Kundt nicht. Was haben nun diese nicht vorhandenen Ostjuden mit dem Mädchenhandel zu tun? Die Frage beantwortet Kundt dahin, daß in Breslau im Jahre 1926 44 o st jüdische Menschenhändler eruiert wurden. Es zeigt sich aber gleich, daß auch dies nicht wahr ist, denn Kurrdt mutz betrübt melden, daß sie wegen paßpolizeilicher Vergehen bestraft wurden. die nicht gerade philosemitische Breslauer Polizei mrt großem Elan bestraft hätte. Die Berliner „Jüdische Rundschau" stellt fest, daß auch die Behauptung von dem Meuschenfchmuggel erfunden ist. Kurrdt weiß aber gleich einen Ausweg. „In der Regel", sagt er, „greift die jüdische Arbeiterfürsorge mit Geld und Anwälten ein." Das heißt, daß die Breslauer Polizei bestochen worden ist. Gegen dies« Unterstellung mutz sich diese Behörde selbst wehren. ES resultiert aber anS dem ganzen Bericht, daß Kunde über den jüdischen Mädchenhandel nichts auszusagen weiß und daß er seine Anftragsstelle beschwindelt hat. Es ist sehr bedauerlich, daß dieser Bericht fein« einzige der jüdischen P e r s o n e n, die sich mit der sozialen Pest befassen, zu einer Einwendung veranlaß! hat. Erst die „Jüdische Rundschau", also ein zionistisches Organ, deckt die Gemeinheit dieses mit echt hakentrcuzle, rischer Niedertracht gearbeiteten Berichtes auf. Wir haben leider wieder einen Beweis dafür, wie sehr die afsimilatori. sche Leisetretern die Lebensinteressen der jü. dischen Gesamtheit schädigt. Der Bericht dieses Kundt ist aber ein wertvolles Dokument, das gegen den „jüdischen Mädchenhandel" spricht. Wie gerne hätte doch dieser Kundt bewiesen, wo er vor den Tatsachen in die Ostjudeufrage sich flüchten mutzte! Trotz, dem aber ist darauf zu wetten, datz sich jeder arisch-böllischi Schmierfink auf dieses „Material" des deutschen Nationalkomitees stürzen wird. Der „Wische Mädchenhandel". Sir Regieruagrrat Kundt tau« ihn nicht «ttdeü«,. Also nicht wegen Mädchenhandels, den doch Für Montag, den 29. d. M., 10 Uhr vormittags, ist nach.Basel die Vorkonferenz der Bereinigung Radikaler Zionisten unberufen. , Das Rrgebnis der AbM««gs> konferenz. Mulla »u»i»»ru feine Flotte. Newyork, 26. August. Mavrnestaatssekretär Mil- - bur hielt in Ballenjo im Staate Colorado (Kalifornien) eine Rede über die bevorstehende 'Vermehrung der amerikanischen Flotte. Er sagte, daß er in der nächsten Session dem Kongreß ein Marinebauprogramm vorlegen werde, dessen Ausführung eine hundertprozentige Vermehrung der Tonnage der amerikanischen Flotte zur Folge haben werde. Die Zahl der großen Kreuzer von 10.000 Tonnen soll auf 16 vermehrt werden. Ferner soll die Zahl der kleineren Kreuzer raschest verdoppelt werden. Wilbur fügte hinzu, daß diese Vermehrung der amerikanischen Marmestreitkräste eine Folge des Scheiterns der Seeabrüstungskonferenz von Genf sei. Der evangelische Bund ans de« RafsenAndpuntt. Slae nefoiution gegen Ile „Mitte Sefattf. Nachdem im Vorjahre die christlichsoziale Partei einen Punkt ihres Programmes dem „zersetzenden jüdischen Einfluß" gewidmet hat, konnte die evangelische Kirche nicht Zurückbleiben. Sie muß in der Konkurrenz Schritt halten und darf nicht den Verdacht aufkommen lasten, als sei sie weniger völkisch und weniger rassenbewußt. D er e, v an ge lisch« Bund für Oesterreich hat deshalb auf einer Tagung, die Mitte August in Spittal an der Drau und in Seeboden am Mllstättersee stattsarvd, ein« Entschließung angenommen, in der er „Mit tiefer Besorgnis die Gefahr des immer mehr überhandnehmenden Judentums erkennt, eine Gefahr, die nicht allein die wirtschaftlichen Belange des deutschen Volkes schwer beeinträchtigt, sondern besonders auch auf geistigem und kulturellem Gebiete äußerst bedrohlich wird. Die Hauptversammlung fordert darum alle Mitglieder des Bundes zum schärfsten Kampfe wider diesen Volksfeind auf. Insbesondere ist gegen die Wahl getaufter Juden in die evangelischen Gomeindekörperschasten entschieden Stellung zu nehmen." Es ist unbekannt, ob und in welchem Ausmaß Inden zip evangelischen Konfession gravitieren und kein Jude Hai etwas dawider eingmvenden, daß in >den evangelische! Gemeindebehörden der ArierparagvaPH aufs rigorosest eingefallen wird. Im übrigen ist zu dieser Entschließung genau dasselbe zu bemerken, was . für jede antisemitisch Aou-ßerung zutrifst, daß sie nämlich eine unbewiesene uns darum auch unbeweisbare Behauptung aufftellt. Da siis aber die evangelischen Kreise ganz bchonders ans dei Proselytenfang bei den Juden verlegen, ist diese End schließung eine Heuchelei, über die noch mehr zu sagen sei, wird. Der evangelische Bund für Oesterreich ist ein TeH der evangelischen Kirchenorganisation, die natürlich cm cs nach politischer Macht strebt und wie die EntschlichmS zeigt, von pangermanifchen Gesichtspunkten ausgcht. Da! ist ihre Sache. Aber sie muß auf die Mission verzichte^ oder ste lügt. „Dschingis Khan mit dem Telesradden." mm mit Militärdienst in mm. Äon Binjamin Segel. A unserer Ausgabe vom 21. August verte der Autor eine Studie über den. pathologischen Zar Nikolaus l>, seine „Erziehungsmaßnahmen" an den jüdischen Untertanen, ferner Daten über das furchtbare Schicksal der jüdischen Sowaten dieses Zaren. Die „Choppers". Es ist mehr als begreiflich, daß sich die Juden den Qualen dieses Militärdienstes zu entziehen suchten: Durch Flucht, Nichteintragung der neugeborenen Knäblein in die Matrikeln, oder dadurch, daß sie die Eingetragenen massenhaft sterben liießon, für jedes geftorbena Mydchrn einen Knaben anmeldeten, durch Bestechung, Fälschung von Papieren, kurz mit allen möglichen «Mitteln. Man schätzte alsodaß im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl zu tvenige Juden als Kantonisten dienten. Daher erließ Nikolaus im Jahre 1850 — also vier Jahre nach IMontefiores Besuch — einen Mas,, wonach alle männlichen jüdischen Personen, auch Knaben vom achten Jahre an, ohne Begrenzung nach dem Prozentsatz, dienstpflichtig waren; die physischen Anforderungen wurden noch mehr herabgedrückt, so daß auch Alte und Kranke genommen wurden. Die Aushebung geschah in folgender Weise: Man stellte die Zahl dm Angehörigen einer bestimmten Familie fest und forderte von ihr die Ablieferung einer gewissen Mzahl von Köpfen. Die Familie verteilte diese Kopfzahl auf ihre einzelnen Häuser, wobei Eltern mit fünf oder mehr Kindern zuerst, dann die mit vier Kindern, dann die mit drei herangezogen wurden. Durch dieses System wurden die Häuser derselben Familie gegeneinander aufgestachelt und zur gegenseitigen Denunziation erzogen. Ost wurde Haß und Groll unter Prüdem gesät. Koch schlimmer kam es im Jahve 1853. Da wurde nämlich ein Mas erlassen, der alle, nicht mit Pässen versehene. Juden für vogelfrei erklärte, deren sich jeder bemächtigen und für einen seiner Angehörigen als Soldat „abgeben" durfte. Den Gemeinden stand es frei, „fremde" Juden, die sich ohne Paß bei ihnen aufhielten, abzufangen und als Vertreter für die Jhr'gen der Behörde auszuliefern. So entstanden unter der Aegids der Regierung Banden von Häschern, im Bolksmunde „Chappers" genannt, bestehend aus abgestrasten Verbrechern, gelverbsmäßigen Denunzianten u. dgl., die auf paßlofe Juden Jagd machten rntb sie den Militärbehörden zuführten. Sie erhielten für den Kopf dwißig bis vierzig, oft auch bis siebzig Rubel. Me, Schwächliche, Kranke, alle galten gleich. Besonders hatten sie es auf die Keinen Knaben von acht Jahren abgesehen, die ja feit 1850 militärpflichtig waren. Die „Chapper" traten, ähnlich den heutigen Mädchenhändlern, in verschiedenen Vermummungen auf, meist als ehrenwerte, streng fromme, ganz nach alter 'Mode in langen Kaftanen und Pelzen angetane, würdige Männer, mit langem Bart und Schläfenlöckchen. Sie machten sich an die Keinen Knaben heran, die sie durch Leckerbissen und Spielzeug an sich lockten, paßten den erwachsenen «Männern auf, die sich ohne Paß aus ihrem Wohnort.entfernt hatten, häufig nahmen sie mit Gewült die Pässe weg und vernichteten sie, oft. singen sie auch Kinder unter acht Jahren und beschworen, daß diese ihnen zugestanden hätten, das achte Jahr überschritten zu haben. Die Opfer wurden den Lokalbehörden abgeliefert, unter deren Schutz die „Chappcr" standen, so daß der Vvlk^oM ihnen nichts anhaben konnte. Erinnerungen von Kantonisten. Das alles klingt wie ein Schauermärchen, so daß man einfach nicht glauben würde, wenn wir nicht eine Fülle von zeitgenössischen Zeugenschaften hätten. Auf den bekannten Erzähler und Sittenschilderer Schalvm Jakob Abr ah am owitsch („Mendele Mvch,er Seforim"), der diese Zeit als junger Mann miterlebte, machte sie einen so unauslöschlichen Eindruck, daß fast alle feine Erzählun- ... gen von diesen Vorgängen förmlich beherrscht sind. Map durfte in Rußland über diese Epoche bis in die neuere Zeit nicht ganz ausführlich schreiben. Seit dem japanischen Krieg sind Erinnerungen von Kantonisten erschienen, viele mündliche Ueberlieferungen wurden anfgHeichnet, zu Erzählungen verwendet und in Gedichten poetisch dargestellt. (Sn u. ‘ü. von Smolensti, Jakob Kahau, Jehuda Steinberg. Ben-ami.) Manche dieser Erinnerungen erregen dieselbe Stimmung wie Dostojewskis Menroiren aus dem Toten- Haus. Mir sehen da den Kampf der Mütter gegen die „Chap-. pec" und deren Schergen, wir sehen, wie die Kinder geknebelt und in die Wagen geworfen und dann den unendlich weiten Weg bis gegen Sibirien geschleppt werden. Grigori Bvgrow schildert in seinen „Memoiren eines Juden" eine selbsterl-ebte grauenhafte S^ne, wie ein zehnjähriger Knabe just an einem Sederabend aus den Armen seiner Ettern entrissen wird. Sobald er die Tür aufgemacht, um den Propheten Eliäh zu begrüßen, der nach dem schönen jüdischen Kinderglauben an diesem Abend in jedes jüdische Haus kommt, dringen die „Chapper" mit; Polizisten ein und packen den Knaben, während alle Anwesenden starr vor Entsetzen bleiben und die Mutter in Ohnmacht fällt. Das Los des jüdischen Soldaten schildert Bogrvw mtt folgenden Worten: „Er konnte auf Treu und Glauben dienen, konnte anstellig, ehrlich, willig, und pflichttreu sein, es half alles nichts, er blieb im grauen Mantel des Offiziersburschen oder mußte seine fünfundzwanzig Jahre als Trommelschläger oder Trompeter abdienen, wozu noch einige weitere Jahre mit in den Kauf kamen, um dann als invalider Bettler, stumpf und verwildert, ohne Dach und Fach, ohne Exiftenzmittel zu seiner oder einer anderen jüdischen Gemeinde zurüätzukehven." — „Jede Mutter, deren Kind zu den Soldaten genommen wurde, betete, zu Gott, daß er ihm einen schnellen Tod schicke." Alexander Herzen schildert in seinen „Erinnerungen aus meinem Leben" die jüdischen Kinderfottmten, wie folgt: „Im Jahre 1835 tra? ich in der Poststation eines abgelegenen Dorfes im Gouvernement Wiatka einen Etap-

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