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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-25 · Heft 3048 (25.8.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3048 (25.8.1927)
Date
1927-08-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Men, Donnerstag Wiener Morgenzettnng 26. August 1637 Nr. 3048 Seite 2 Das Echo von Boston. - y, Wien. 25. August. Tic Hinrichtung der utu^u v,aüicnu- Sacco und Vanzetti hat eine Welle blutiger Exzesse im E-efolge, die man nicht mehr als Temvustratiouen anschcn darf. Nicht etwa desiyegen, weil die Opfer der Torturjustiz nicht mehr unter den Lebenden weilen; sondern deshalb, weil diese Exzesse weder einen politischen, noch einen kulturellen Sinu mehr besitzen mtd weil der Rechtlichkeit nicht damit gebient ist, wenn einige hundert Menschen getötet oder verwundet lverden, wenn eine Pöbelmasse Läden plündert und Steine wirft. Das kann auch nicht irgendeimr organisierten Partei ins Programm oderin die Taktik passen. Was soll durch solche Ereignisse bewiesen werden? Sie sind nur geeignet, die tiefe Entrüstung der gesitteten Welt zu kompromittieren und jenen in Amerika ein Schein des Rechtes für ihre Ablehnung der Schwäche zu verschaffen. Es ist ein eigenartiges Bild: In den Vereinigten Staaten ist Ruhe eingetreten, während es in Genf, in Paris, in London und in beit lateinischen Ländern Südamerikas drunter und drüber geht. Das find Zentren der italienischen Emigration und es ist wahrscheinlich, daß das heiße Temperament von sozialistischen Extremisten mißbraucht wird und daß dann, wenn die Dinge einmal in Fluß sind,, das Lumpenproletariat seine Komplexe in seiner!Art abreagiert. Gewalt erzeugt immer wieder nur'Gewaltzund wentt die schärfsten Aeußerungen auch weitab vom Schauplatz der Tat geschehen, so sind sie doch im Wesen identisch. Es ist der gleiche Nihilismus, der sich über oas Menschenleben hinwegsetzt und einen höheren Zweck vorschützt, der auf der einen Seite Sühne, auf der anderen Rache heißt. Das sind die Elemente, die heute hie Weilt beherrschen, die zum Krieg getrieben haben und seither jede Entwicklung zum Besseren stören. Vor dreizehn Jahren war es der Mord von Sarajevo; ihm folgten fünf Jahre der blutigsten Sühne. Wir stehen jetzt im Zeitalter der Rache. Sie muß sich nicht gerade im Straßenexzeß oder mit der Bombe äußern. Es gibt auch noch andere, weniger lärntende Formen, wie Repressalien, Strafmtb Schutzzölle, Zollmauern und ähnliches. Auch sie sind giftige Früchte der Entartung und sie 'finb alle miteinander durch einen patriotische Vorivand verbunden. >Man muß jdie Rasse oder> die Majorität oder den Handel vor dem Nächsten schützen, Angriffen zuvorkommen oder sie bestrafen. Das ist die Krankheit der Welt, die voll des Hasses und des Mißtrauens ist und sich durch nichts, beruhigen lassen will. Der Völkerbund war gegründet worden, um doch wenigstens etwas gegenseitig^ Vertrauen zu erzeugen und die Regierungen zur Diskussion der schwierigen Fragen zu bewegen. Der Völkerbund hat seine Aufgabe bisher nur sehr lückenhaft erfüllen können und es ist eine widerliche Groteske, daß sich in Genf der ^Mvb gegen das Palais des Völkerbundes wandte und seine Steine in den Beratungssaal schmiß, der heute zu einem Zentrum der Welt geworden ist. Der primitive. Instinkt des Pöbels hat ent Verbrechen gegen das Asylrecht einer großen Idee begangen, aber drückt sich nicht iw diesem Roheitsakt eine gewisse unklare Erkenntnis aus, daß aus diesem Palais, ein besserer pich versöhnlicherer Geist hätte kommen sollen? Darin liegt eine beherzigenswerte Lehre für alle Verantwortlichen, daß solche Justizexperimente nicht mehr gewagt werden dürfen. Wir haben den Dreyfus-Fall gesehen, in dem aN Fälschungen und Meineiden das Erdenklichste geleistet wurde und in dem die Wissenden sich zusammenfanden, um die Wahrheit zu verdunkeln. Diese Absicht wurde durch eine Erhebung des Gewissens vereitelt und der schon in der Durchführung begriffene Jussizinor ) konnte verhindert werden. Aber die lÄufklärung der Geister! ist nicht so weit geführt worden, um Wiederholungen vorzubeugen. Der Nativ-- nalismus war entfesselt und er hatte sich sein Opfer'nur ungern entreißen lassen. Der Atem desgroßen Krieges ging schon Über die Welt und es war die erste Probe gewesen, ob die Menschen sich eine Verhöhnung des RechtssinneL ungestraft gefallen lassen würden. Das Objekt des Versuche war der jüdische Offizier, iveil der Jude im Gedankensystem den Ort des geringsten Widerstandes bedeutet. Dieser Versuch ging in die Tiefe und die Leidenschaftlichkeit der Hetzezeigte, daß in oer Tat ein wunder Punkt getroffen war. Das französische Volk unter der Führung! feiner Besten warf sich der Infamie entgegen und der Chauvinismus wurde zurückgedrängt. Aber die Teufelsinsel ist im Gedächtnis hasten geblieben als das Symbol der Verwilderung der Justiz, der politisierten Rechtspflege. Was in Amerika geschehen ist, erinnert lebhaft an dieses Geschehnis; aber es ist doch inzwischen die Verwilderung weitergeschritten und. der Protest der Zivilisation konnte nicht mehr durchdrmgen. Die Politik hat ihre Propaganda der Tat begangen und sie hat die Geister von der anderen Seite gerufen. Dem Verbrechen am Recht antwortet das Verbrechen am Geist. Abermals eine Bolkzöhlmtg in Rumänien. Bukarest, 24. August. Aus Bukarest wivd uns gemeldet: Man erinnert sich noch an den aufsehenerrogettden Beschluß der Aderescu-Rcgierung, zu Ostern dieses Jahres eine razzienartig vorzunehmende Volkszähluitg in Rumänien dttrchzuführen. Der damalige Minister des Innern, G o g h a, gab in der Kammer ununtwunden zu. daß ,es sich ihm nicht um eine wirkliche wissenschaftliche statistische Arbeit, sondern darum handle, die Registrierung der „u nerwünfchtcn fremden Elemente" durchzuführett. Die völlig uitvorbereitete Volkszählung erv-irs sich bald ü'ts ganz unzuverlässig, ttnd die gegenwärtige liberale Am besten sind doch die Ceschka-hüte VH». Kafserstrafie 123 WIEN lx„ Alsarrtrafle Kr. s BaBBBBBBBBaBaBBBBaaBBBBBBBBBBiBBBaBBBB Regierung sicht sich, wie ihr Organ „Cuvantul" meldet, veranlaßt» jetzt eine tteuerliche Volkszählung vorzunchin.cn. Innenminister D u c a habe tmch dieser Zeitutigsmeldung erklärt, daß die tteuerliche Volkszählung nach dem Muster von Volkszählungen in den westlichen Staaten mTi einwandfreien Mitteln durchgeführt werden soll. Die von der Averescu-Regierung veranlaßte und nunmehr tvertlosc Volkszählung hat dem Staat 20 Millionen Lei gekostet. Nie Mische RechtsschMottsereaz in Mich. M SchlM-uns. Zu r -i ch, 21. August. In der Schlußsitzung der Konferenz zun^ Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten schlug M. M. Uss-i schkin die Annahme einer Protestresolution vor, in der gegen die Verfolgungen der Indem, insbesondere der Zl oni sten, in Sowjetrußland protestiert wird. An den Antrag knüpfte sich eine sehr lebhafte Diskussion. <Die amerikanischen Delogierten Jacob Fish man und Richter Hartman beantragten, die Konferenz möge den rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu ausfordern, -MvIn-ahmen zur Sicherung der rechtlichen Lage der Juden in Rumänien zu ergreifen. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Auf Vorschlag von Lotus Lips-ky wurden in das Präsidium gewählt: Nahum Goto l o w (Vorsitzender des Präsidiums), Leo Motzkin, Dr. Stephen S. Mise, Oberrabbiner Pros. Dr. CHajes, Prof. S. Dubnow und Sejmdeputierter I. Grünbaum. Es wurde ferner, wie bereits gemeldet, ein Generalsrat gewählt, der sich aus den Mitgliedern des Präsidiums, saus 21 amerikanischen, 10 polnischen und 20 Delegierten -aus den übrigen Ländern zuscnnmensetzt. Dem Exekutivkomitee gehören die Mitglieder des Präsidiums, ferner Sejmdöputterter Farb- - st ein, W. T e m >! i n, Dr. Margu l'i es, Sejmdepuftierter Dr. Leon Reich und Robinson an. Ein Sitz ist für einen noch zu ernennenden amerikanischen Vertreter reserviert. In der Schluß s i tz.u n g wurden noch die folgenden Beschlüsse angenommest: Die Organisation zum Schutze der jüdischen Rechte nimmt teil an der Arbeit der internationalen Otganisationen, die das Ziel verfolgen, die Rechte der nationalen Minderheiten zu verteidigen. Dein Komitee 'der Mischen Delegationen in Paris und dem Amerikanisch-Jüdischen Kongreß wird für die bisherige erfolgreiche Tätigkeit ctüs dem' Gebiete des jüdischen Rechtsschutzes sowie für die Initiative zur Einberufung dieser Konferenz der Dank ausgesprochen. Die Konferenz drückt ihren besonderen Dank den Herren Nahum Sokolow, Leo Motzkin und Dr. Stephen S. Wise für ihre opservolle Arbeit aus. RahuM Sokolow erklärte in seiner Abschiedsansprache, daß die Konferenz zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten ihre Beratungen beendet hat und daß die erwählte Exekutive sofort mit aller Eüergie an die praktische Arbeit schreiten werde; dihse Arbeit bezwecke die Verwirklichung der jüdisch ein bürgerlichen und nationalen Rechte. Die HilmMrängung der Men ans der NaMualwlttschaft. Der Schlußsitzung der Konferenz ging eine Sitzung der Wirtschaftskommission der Konferenz voraus, in der Dr. I. LeneNbauM einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Minderheiten in den Ladern Ost- und Südasteuropas erstattete. Er beantragte die Annahme einer Resolution, in der gegen die Politik der Hinausdrängung der Juden aus der Nationalwirtschaft verschiedener Länder protestiert wivd. Diese von manchen Regierungen befolgte Politik, heißt es in der Resolution weiter, stehe in eklatantem Widerspruch zu der Verfassung dieser Länder sowie zu den Verpflichtungen, die diese Länder aus Grund der Frwdensvertväge Übernommen haben. Lasarson beantragte die Annahme einer Resolution, in der die Regierungen ausgesovdert werden, die Bestimmungen der Frteb^msverchM-g« mit bezug auf die Einbürgeruu-g von Laubesbewohnern zu verwirklichen. Dr. E. T scher ick o-ver referierte Über die Frage der Staatenlosen und beantragte die GvüNdung einer internationalen Vereinigung aller Staatenlosen, der Nichtjuden wie Juden angehören sollen. Aus der Konferenz war der WeltverH-anH der jüdischen Invaliden, Kriegörswitwen und -Waisen durch Deputierten Halber und Doktor M olkner aps Polen sowie Prof. LMaw aüs Oesterreich vertreten. Zaglul Pascha gestorben Der Mrer r» SMtliche» »ttiionoUfttn. Nach einer Londoner Dlüldnstg ist am Dienstag S a a d Z a g 1«l Pascha an den Kokgm eimr Gehirnentziindnug gestorben. Eine wechselvolle Lobcnslaus'bühn hat ihr Ende gefunden. Zaglul, eine der markantesten Gestalten der Orientpolitik, ist gestorben, der eittzige aus der Fellachenklaffe hervorgegangene ägyptische Staatsmann. Er war um 16ül) in einem oberägyptischen Dorfe geboren, schlug zuerst die religiöse Karriere ein und schloß sich als Scheich dam Ausstand Arabi-Paschas an, derim Jahre 1688 mit dem Bombardement Alexandriens und dann mit der Besetzung Aegyptens durch die Engländer schloß. Zttglul wurde von dein englischen Gouverneur Lord Ciomer pardoniert und ins Unterrichtsministerium berufen. Er nahm die Partei der Engländer und geriet 'bei den Nationalisten in Verruf, als er sich für den Vevkaus der Suezkanal-Mien und die Mvotung des Sudan an England einsetzte. Er wurde daifür im Jänner 1914 Präsident der gesetzgebenden Versammlung. Als dann der Krieg kam, schwenkte Zaglul um und trat an die Spitze der UnabhängigkeitSbewegnng. Als er 1916 sich nach 'Paris begeben wollte, um vor der Friedenskonferenz die Freiheitsforderung Aegyptens zu vertreten, wurde er verhaftet und in Malta interniert. Lord Memby setzte ihn in Freiheit. Zaglul führte die Kampagne von Paris aus weiter. 192« erschien er wieder in Kairo. Im folgenden Jahre wurde er wieder verhaftet und nach Ceylon, dann nach den Seychellen-Jnseln gebracht. In Aegypten bestieg König Fuad den Dhröp. Zaglul wurde 1928 freigelassen und kam nach Aegypten zurück. Da er nunmehr den Vorhand, lungsweg beschritt und mit Maodonald in Besprechungen eintrat, wurde er 'den Nationalisten verdächtig. Im Juli 1924 wurde er bei einem Attentat in Kairo verwundet. Die Ermordung des englischen Sirdars Lee Stack im November 1925 brachte wieder den offenen Konflikt. Ziwar-Pascha, einer seiner Gegner, bildete ein vevständigungsfreundliches Kabinett. Zaglul erhielt bei -den Wahlen die Mehrheit, doch wurde das Parlament sofort bei dem 'Zusammentritt aufgelöst. Der Oberkommissär Lord Lloyd veranlaßte den König daz>u, Neuwahlenauszuschreiben. Zagluls Partei siegte wieder und der Führer wurde Präsident der Kammer. König Fuad nahm nun auf Zügluls Rat eine neue Methode -der Verhandlungen >cmf. Er reiste nach London und von dort demonstrativ nach-Rom, um sich die Unterstützung Mussolinis zu sichern. Zaglul unterhielt lebhafte Verbindungen mit dem Faseismus undhat sich seinerzeit auch mit -der Abtretung von Dscharabub an Italien einverstanden erklärt. In dieser neuen Phase 'der ägyptischen Geschichte ist er gestorben. -Zaglul ist in den letzten.Jahren ein erbitterter Gegner Englands gewesen und diese Einstellung war für- Hn bei -der Beurteilung der Palästina-Frage maitzgebend. ° Er hat die antizion istische Täti gkeit des axab-i scheu Komitees nicht direkt unterstützt, aber doch seine Sympathie nicht verhehlt. Aus den Kreisen seiner^ Partei, die gegen England auch Anlehnung an den Vatikan suchte und fand, stammt der Plan, Palästina mit Aeg'ypt'en: zu vereini.gen und so die zionistlschen Absichten ein.et.jüdischen Mehrheit in Palästina zu ve rette ln. Es ist skWstverständlich, -daß dieser Plan von Monsignore B a rlassina gefördert wurde. Die von der Zaglul-Partei protegierten arabisch-christlichen Extremisten - haben auch in -den Dvusenausstand eingegriffen, sowie Fühlung mit Abd el Krim gehalten. Der Toh Zagluls bedeutet eine Wendung in der ägyptischen PolttG die sich vielleicht -auch in Palästina zeigest wird. ' * Ein Ausall fügt es, 'daß gevade /gestern..der Jerusalemer M.-KorrWondeni der Wiener ,Reichspest" iiber das Projekt der Vereinigung PMstinas mit Aegypten referiert, und zwar in einem durchaus sympathischen Sinn. „Eine solche Verbindung würde automatisch jede Gefahr des Zionismus von Palästina entferneu." Es gibt, wie der Korrespondent ausführt, „auch wirtschaftliche und sogar sentimentale Gründe für das Projekt. Die Hcvupffache bleibt natürlich die Verhinderung der jüdischen Mehrheit und der Ausrichtung des ,hebräischen Staates im Heiligen Lqnd'." Me Preffekonserenz des BStterbunves. Oenf, 24. August. Im RefomnationSfaal, der bisher lmit einer einzigen Ausnahme, nämlich bei der Mltwirt- Wrftskönserenz, den Bölkerbundversammlungen vorbehallen war, ist heut« vormittags die vom Bö'lkerbUNdrall Unberufene internationale P-ressekonfe'-' veirz unter dem Vorsitz des englischen Zeitungsverlegers 'Lbrd Burnyämi zusammengettäen. Die ^ZtsiammensetzuNg innerhalb der Konftrenz, die gegen 130 Deilnehmer zählt, erßolgt nach Ländern, Und zwar sind 40 Staaten vertreten, darunter 'verschiedene, die dehn Völkerbund nicht angehören, wie die Vie reinigten Staaten von Amerika. Svwjetrußland und die D A r k e i. Außerdem sind Vertreter der 'internationalen JournalistenorgaNksativnen, der Fedevatiott Jnterturtionale des Journaliftes, der Union des Asfvciations'de la Presse und de- Betbandes der beint Völkerbund beglaubigten! Journalisten sowie Experten des Zeitungs- und des Zeitschriften- Handels usw. zugegen. f In seiner Eröffnungsa v sprache iin'cvstrich Lord BtMcham die Dedetttung der Pressekoilserenz als der

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