Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3047 (24.8.1927)
- Date
- 1927-08-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 Men, Mittwoch 24. August 1027 Nr. 301 Melchior Horvath de Beöshaza aus Mo de Zaneiro. Ser Hochstapler Horvath wieder i« Wien verhaftet. Der berüchtigte Abenteurer und internationale Hochstapler Melchior Horvath, der »König der ScheckfÄfäjec* ist der Polizei wieder in die Hände gefallen. Er war im März 1-923 wegen verschiedener Betrügereien in einem aussehenerregenden Prozeß in W i e n zu sechs Jahren schweren KeckerZ verurteilt wovden. Die Strafe, verbüßte Horvath in Garsten. Am 10. Juli d. I. ist er mit.bedingter Nachsicht des Strafrestes unb Bewährungsfrist vis zum ID. Juli 1932 aus der Hast entlassen worden. Horvath, dar mit seinen krimnrellen Abmtteuorn bfc Behörde:: der gatnZen Welt beschäftigt hat, spielte überall den GrNNdfebgnünr und «erstand es, feine Herkunft mit dem Geheimnis seiner romantischen Abstammung auszufchmücketr. Die entsprechenden Dokurncute hat er nie vorlegcn tvollen, mit der Begründmrg, daß ihm die Diskretion die Nennung von Vater und Mutter verbiete. Seine Jugend will er in Siebenbürgen zugebracht haben. Nach der Matura sei er zur Kriegsmarine gekommen und habe bei einer Explosion den Gebrauch zweier Finger verloren. Trotzdem will er im Kriege als Landsturmingenieur eiugerückt gewesen sein. Im Jahre 1916 soll er seiner Angabe nach Schüsse in die Brust und in die Schulter erhalten haben. Im Jahre 1919 war Horvath schon unter «dem Verdachte des Scheckbetruges in Hast. Da hat er den Schleier seiner Herkunft »fallen lasten" und trat als natürlicher Sohn des reichen Fürsten Tassilo Festetics aus. Er wußte auch einen seither verstorbenen Anwalt, der an seine „hochadelige" Abstammung glaubte, zu betrugen. Schließlich wurde ihm der Boden in Wien zu heiß; er flüchtete nach Italien und dann nach Brasilien. Nach einjährigem Aufenthalte kehrte er nach Wien zurück, wo der getäuschte Anwalt wegen eines ihm von Horvath seinerzeit eingehärtdigten falschen Dollar schecks die Anzeige erstattete. Der Hochstapler verschwand wieder und tauchte Mitte 1921 wieder hier auf. In einem vornehmen Quartier in der Salesianergaste mietete er sich als Kavallerierittmeister und Militärattache ' Ingenieur Melchior Horvath von Beöshaza aus Rio de Janeiro ein. Er trug ein-e golldstrotzende Uniform und auf der DisiÜarte die n e u n z a ck i g e K r o n e. Er besaß einen Diplomatenpaß, der allerdings gefälscht ivar. Alsbald begann er wieder mit seinen Scheckfälschungein Er entlockte dem Direktor einer Ex- und Jmportgesellschaft eine beträchtliche Summe. Auch wegen großer Geschäfte zwischen Brasilien und QÄstsruckch unterhandelte er. Gegen gefälschte Schecks, die er hinterlegte, bekam er von einer hiesigen Firma 6% Millionen Kronen zum Ankauf von Maschinen in Rio de Janeiro. Dann flüchtete er mit einer Frau aus wirklich vornehmen Kreisen, die er in seine Netze verstrickt hatte. Im OktcLer 1921 wurde er verhaftet, als er mit sei- ' ner Gesellschaft in Genua das Schiff nach Südamerika besteigen wollte. Das Auslieserungsverfahren verzögerte sich damals, so daß Horvath verschwinden konnte. Cr flüchtete nach Rio, lebte dort auf großem Fuß und schloß sogar Geschäfte mit der Stadtverwaltung Man erkennt den Künstler im Schriftsteller^ wenn er der ganzen Jugend eine künstlerische Erziehung angedeihen läßt. Frühzeitig werden die Kinder den Eltern abgenommen und in den Eden-Kindergärten auf Kosten der Allgemeinheit erzogen. So wird dem Kinde eindringlich eingeprägt, daß das Individualinteresse dem Kollektivbewuhlsein unterzuordnen ist. Schon hier erweist «sich Schatz als Eklektiker, der alles Gehörte, Gesehene, Gedachte für seinen Zukunftsstaat emsig zusammenträgt. Es überrascht uns nicht lverter, wenn uns dicls oder jenes vertraut klingt und wir oft alte Bekannte zu begrüßen vermeinen: so die staatliche Organisation, die Lösung unterschiedlicher sozialer, politischer und künstlerischer Probleme. Da die Juden nun auf ihrer eigenen Scholle leben, sind für Schatz „Judentum" und ,^Judesein" keine Probleme mehr. Ein Synhedrion hat die sich als notwendig erwiesenen Reformen durchgeführt und das religiös-nationale Gemeinschaftsleben neu geordnet und organisch eingefügt. Es wäre müßig, mit Schatz hierüber zu rechnen, und dies oder jenes als unrichtig und vielleicht auch uns wesensfremd zu bekämpfen. Der Dichter sieht ja das Leben bloß mit seinen Augen und formt es künstlerisch.nach Kühn und neuartig ist die Lösung des Liebes- und Tvdespvoblems. Sein „Paradies der Liebenden" und sein „Tal der Sterbenden" sind wohl das Schönste und wohl auch Kühnste, was je in dieser Art geschrieben worden ist. Er läßt vor unseren Augen eine antike Liebesstckdt erstehen, wo jeder den Lsebesbecher bis zur Neige leeren darf, und führt uns ins Tal der Sterbenden, wo sich jeder lebensgesättigt znrückzvehen kann, ein Toter für die Allgemeinheit . , . Es verbindet sich in diesem Buche rationale Vernunft mit edelster Menschlichkeit und hebt es stellenweise zu einem Kunstwerk empor. Salo Perlst ein (Baden). ab, die ibr großer: Schaden brachte::. Im Jänner 1933 wurde er in Berlin festgenommen, mW erst im März 1928 — inzwischen konnte er sich als „Kranker" in einem Sanatorium ziemlich frei bewegen — nach Oesterreich ausgeliefert, wo er abgeurteilt wurde.. Diesmal wurde Horvath wieder wiegen eines in früheren Jahren verübten Verbrechens, das jetzt seine Fortsetzung fand, verhaftet. Im Jahre 1918 hatte Horvath in Budapest bei der Witwe nach einem höheren ungarischen Staatsbeamten gewohnt und sich ihr afö Sohn des Grafen Festetics und einer rumänischen Prinzessin Ghika ausgegeben. Durch Drohungen wußte er der Dame Juwelen, die einen Wert von 176.000 Goldkronen hatten, abgu» nehmen. Im Besitze des Schmuckes verschwand er aus Budapest. Als er schließlich im Jahre 1923 abgeurteilt wurde, hatte sich die betrogene Budapesterin nicht gemeldet. Sie mutz an ihn noch geglaubt haben, denn im Herbst 1934 bekam sie ein Schreib«: deS RvrhtsanwaktrS Horvaths des Jnhalles, daß der Mann in Garsten ein« mehrjährige Kerkerstrafe verbüße, aber nun bereit sei, ihr den erlittenen Schaden gutzumachen. Im Briefe erklärte der Antvalt, daß Horvath nach seiner in Madrid verstorbenen Äutter eine Erbschaft von 60.000 Dollar gemacht habe. Die Witwe kam sogar nach Garsten, wo in der Strafanstalt eine Notariatsurkunde ausgesetzt wurde, in der Horvath den Anspruch der Dame anerkennt. Sie glaubte noch immer steif und fest an das Erbe des Hochstaplers, unterstützte ihn mit Wäsche und Geld und erwartete sehnsüchtig die Haftentlassung Horvaths. Am 10. Juli d. I. stellte er sich bei ihr — sie hält sich derzeit in Wien auf — mit einem Schilling in der Tasche ein. Er setzte den Schwindel fort und kam immer mit neuen Finten, um Geld herauszulocken. Sie gab ihm neuerlich einige hundert Schilling und mußte dazu sogar einen Teil' ihres Schmuckes verwenden. Aber die Erbschaftsgeschichte 'zog sich immer wieder hinaus, und am 19. d. M. tzar Horvath aus der Wohnung, die sein Heim geworden, verschwunden. Es wurde auch bekannt, daß Horvath nach seiner Haftentlassung in seiner frechen Art nichts Eiligeres zu tun hatte, als bei einem Schneider zwölf Anzüge und bei einem Konfektionär ko st bare Wäsch« zu bestellen. Gestern wurde man nun des berüchtigten Hochstaplers im 3. Bezirke habhaft. Kriminalbeamte haben ihn auf offener Straße erkannt und verhaftet. Er wird dem Landesgerichte eingeliefert. sanahme der Arbeitslosigkeit in Sesterreich. Insgesamt 138.589 Personen. Amtlich wird mitgeteilt: Mitte August 1927 wurden m -Oesterreich insgesamt 137.754 unterstützte Arbeitslose gezählt. Davon entfallen aus die Stadt Wien 75.416 Arbeitslose. Im Vergleiche zur letzten Zählung vom 31. Jul: 1927 ergibt sich eine geringfügige Zunahme um 845 Personen. Zu der Zahl von 137.754 unterstützten Arbeitslosen kommen noch etwa 24.000 Arbeitslose, -die bei den Arbeitsnachrveisstellen zur Arbeitsvermittlung vorgemevkt sind, ohne eine Unterstützung zu beziehen. Zusammenstoß zwischen Personenzug und Auto. Der Ncstamuateur des „Drcherparks" tödlich verrMglückt. Aus Salzburg wird gemeldet: Gin von Ischl kommender Personenzug stieß bei einer Straßenübersetzung nächst Eugcndorf mik" einem dem Rechtsanwalt Dr. Bisetzki aus Linz gehörenden Personenauto zusammen. Bon den Insassen des Autonrobiils erlitten der Inhaber des Restaurants „Dreherpark" in Wien, Karl Kainz, einen Bruch der Schädelbasis und der Geslügsslhändler Rudolf W e h l « r aus Wien «inen Unterschenkelbruch. Der Chauffeur und die Hutmachersgattin Mari« Schober aus Bad Hall wurden leicht verletzt. Die Verletzten wurden mit Ausnahme des Chauffeurs, der bisher nicht aufgefunden werden konnte, und von dem man vermutet, daß er sich geflüchtet hat, nach.Salzburg gebracht. Während der Uebevführung nach Salzburg erlag Kainz seinen Verletzungen. Das schwerbeschädigte Auto blieb an Ort und Stelle liegen. eine amerikanische FluguSrrm. Paris, 33. August. Drouhin hat gestern auf der „Miß Columbia" mit Lev ine und später mit der Amerikanerin Bell Probeflüge gemacht. Die Amerikanerin üeMfühtigt als e r sie Frau den Ozean im Flugzeug zu überqueren, und hat bereits bei Levine ein der „Miß Columbia" gleichendes Flugzeug für 15.000 Dollar bestellt, nachdem sie ihm vorher angeboten hatte;, ihm die ,Miß Columbia" abzukaUlfen und mit MWM-chMWsge«» CHINA'WIIN MIT BtSBM _ BSWÄHRTBSTTiS KftXPTIGUNtiSMITTEL ST lütt SCHWÄCH IKHIu.MKOHYAlESZENTE M>MMWWM-»>««W>»»WW«W»»A«»»MWWWW>»UWWDWWWWW>W Anale Besant »der den Bolschewismus. Die Theosophül Annie Besant, die sich zmzeit in Berlin aufhalt, hat zu einem Interviewer die folgenden Aeußerungen über den Bolschewismus genrächt: „Der Bolschewismus ist nichts als ein verrückt gewordener Sozialismus. Weder für deu einen, noch für den‘ anderen ist in dieser Form die Zeit reif. Für Bolschewismus würde nran andere jMenschen brauch«: als heute die Erde bevölkern. Schcä«, jammerschade um das tüchtige, liebenswürdige Volk der Russen, das durch diesen'Unsinn zugrunde gerichtet w^rd. Der einzige Weg zur Berwirklichmrg des Soziattsnms ist praktische Gemeindepolitik uttfc Packtische Arbeit von Kooperativen. Ich war in Amerika, und dort ivar ver> Voten, das Wort Sozialismus überhaupt auszusprechen. Da redete ich von KvoperatkviSmus, von Genvfsenschaftsbewegung — und das war erlaubt. Und das ist aber die einzige Form! des praktischen SozialiSnms, die sich heute durchführen läßt. Zusammenschluß der Arbeiter zu Produktionsgenossenschaften; Arbelly> banken zur Kreditgewährung an diese Mnossenschastem; Gewinnung von Einfluß der Arbeiter purch Kreditertellmrg 'an die Betriebe, bi£ sie geschäftigen — schließlich Gewinnbeteiligung und zum Schluß Gewinnverteilung per Betriebe an die Arbeiter. Das ist der SozialtzKmus Wm-erika-s und der einzige, der ,heute möglich ist.^' „Was wirv nachher sein?" In Paris rvurde kürzlich der Mörder Pierre Mau«" nrer zum Schafott geführt. Die Bulletins, die-am letzten Tage seines LÄens ausgegeben wurden, meldeten, daß er Rum verlangt und jede übrige Nahrung zuriickgewiesen hatte. Pierre Meunier hatte seinerzeit eine alte Dame cvtoürgt, um ihrer Ersparnisse willen. Der Delinquent, so hieß er nun, Wurde um 5 Uhr geweckt, und der Wärter bedeutete ihm feierlich, daß er in wenigen Minuten die Abordnung der irdischen i:nd der hirmnlischen Gerechtigkeit zu erwarten. habe.!Die Herren würden sich höchstselbst bemühen, ihn abzuholen. Er möge sich beeilen. Steifer Kragen sei heute nicht mehr notwnüüg. Wirttich erschienen nach kurzem ein halbes Dutzend Obrigkeiten in der 'Zelle: der StaatsanwaÜ^ der ihn als Teufelder Verteidiger, der ihn als Engel gemalt hatte, dev Vorsitzende und der Priester, der im Namen des Höchsten gekommen war, um dem Mörder das letzte Geleite zu geben. Der wichtigste Schwarzbeftackte aber, der im gegebenen .Moment Ueberrock und schwarze Handschuhe abzulegen pflegte, um in Hemdärmeln, in blendenden freilich, dazustehen, war nicht mit in der Cortege. Der wcnckete ein paar hundert Schritte entfernt im Gefängnishof. j Pierre Meunier trat an den Staatsanwalt heran und sagte: „Gut, -ichwerde hingerichtet; abepwas geschieht dann mit mir?"'Der Staatsanwalt antwortete nicht, fortberit runzelte nur ärgerlich die Stirn. Pierre Meunier ließ nicht locker. Er wandte sich an den Vorsitzenden „Können Sie mir sagen, was dann mit mir geschieht? Wohin kommeich danni?" Schon waren die Juftizsoldaten da, nahmen den Verurteilten in die Mitte, und der sogenannte letzte Weg begann. Der schwarze Herr vor dem Gerüst legte bedächtig Rock und Handschuhe ab. Zwei Gehilfen traten an IMeUnier heran. Schnitten ihm behutsam den Hemdkragen ab. Die Schere war grauenhaft kalt. Meunier stand, die vevschwim- ROMAN DER ZEIT EINE SERIE MODERNER ERZÄHLER IN HERRLL CHEN HALBLEDERBÄN¬ DEN, JEDER BAND IN GESCHENKKARTON S4.- MAX BROD: Tycho Brahes Weg zu Gott, Roman KNUT HAMSUN: Unter Herbst* Sternen, Roman JMLAXIM GORKI: Drei M©nfihen, Roman WELLS r Die Geheimkammern des Herzens. Roman I FRANZ WERFEL: Nicht der Mörder, der Ermordete 'ist schuldig, Roman EMILE ZOLA: Der Totschläger, Roman Nur mehr ganz kleine Vorräte 1 BUCHHANDLUNG R.LOWIT/WIEN I ROTENTURMSTRASSE « «