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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-24 · Heft 3047 (24.8.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3047 (24.8.1927)
Date
1927-08-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 W>ken, Mittwoch Wiener Morgerizeiturrg Nr. 3047 Kruste SufammeustStze in Paris. Paris, 23. August. Trotz des heftigen Regens, der in den Abendstunden einsetzte, begann zwischen 8 und 9 Uhr abends der Zustrom zu den von den verschiedeneil kommuni- Mchen, sozialistischen und anarchistischen Verbänden einberufenen und von der Polizei verbotenen Massenkundgebungen anS deil äns-eren Bezirke:: auf die grasten Boulevards. Um 1410 Uhr war der Verkehr säst völlig unterbrochen. Die Polizei forderte mm die Gruppen zum Auseinandergehen auf uird es entspannen sich an mehreren Stellen Reibereien. Dir MmiiMüaiirten drmrgen in cürri-gc Kaffoehäuser ein, wo sie Gläsler und Dcrsscn ergriiftm, die sie im Kainpfe gegen dile Polizei beniitztar. Dipfe ging zn wijederholttlu Malen mtt scharf geladenen Wassion gegen die Marge vor und räumte fchlttßlich die Bmr.levards. Einige MmLfefkmten uud Polizifterr wurden verletzt und eure Anzahl von Verhaft,mgen vorgenommcn. Ein anderer Zusammenstoß ernstlicher Art ereignete sich auf den großen Boulevards vordem Gebäude des „Mat Ln", in dessen Verlauf ein Schutz fiel. Der Polizei gelang es schließlich, die Manifestanten in die Nebenstraßen zuruckzndrängen. Auch an dieser Stelle waren zahlreiche Berlotzto in, beSden Lagern zu verzeichnen. Gegen Uhr ist die Ruhe verlauf igwiederherge stellt. Einige Manifestanten versuchen in kleinen Gruppen auf die Boulevards zurückzukohren. In der Umgebung der amerikanischen Botschaft wurden bei Einbruch der Dunkelheit starke Polizeikräfte zusammengezogen und eine Linien der Untergrundbahn für den Verkehr gesperrt, um einen Zustrom in diese Gegend zu verhindern. Zahlreiche Ansammlungen außerhalb des Polizeikordons wurden zerstreut. Nach-den letzten Meldungen scheinen die Kundgebungen einen bedrohlichen Charakter anznnohmen. Gegen X111 Uhr bildete sich auf dem Platze Clichy eine -Kolonne -von etwa 3000 Manifostanten. Die Menge -wavf die auf dem Platze befindlichen Autos um imb zertrümmerte sie. Sie riß Bäume aus und zertrümmerte die Fensterscheiben zahlreicher Kaffeehäuser un-d Lüden. Die auf den Terrassen der Kaffeehäuser befindlichen Gäste wurde belästigt. Auf dem Boulevard Sebaftopol und in der Umgebung plünderton dir Manifestanten eine ganze Reihe von Geschäften und sind im Begriffe, aus den Baum-gittern und W-a-gentrümmern ein« Barrtkade zu errichten. Die Polizei versucht, den Platz za, säubern. Der Poli-zcipräiM ist an Ort und Stelle. An einer Stelle wurde sogar eine Granate geworfen, ohne jedoch Schaden anznrichten. Alle Kaffeehäuser haben geschlossen. Bis 10 Uhr wurden insgesamt ö7 Verhaftungen vorgenommen. Bier Polizisten mußten mit Verletzungen in das Spital geschafft werden. Einer von ihnen hat einen Stich in den Bauch erhalten. Bomben in Montpellier. Mou tipe liier, 23. August. (H-cvvas.) Gestern gegen Mitternacht ereignete sich in einem Polizeikommiffarrat eine heftige . Explosion, durch die auch an einigen benachbarten Gebäuden Schäden verursacht wurden. Gin Wachmann wurde leicht verletzt. Gegen 4 Uhr früh wurde vor dem Denkmal der Jean ne d'Arc ein Teil des Schutzgitters durch line Explosion zerstört. Ausgepstffeue Filme. Paris, 23. August. In Lyon wurden gestern in mehreren Kinos amerikanische Filme aus gepfiffen. -Lach heftigen Auseinandersetzungen Zwischen den Besuchern eines Kinos Und der Polizei wurden drei Personen verhaftet. Sie Berliner Polizei in Alarmzuftand. Berlin, 23. August. (Wolfs.) Heute nachts kam es wt der Ecke der LeWger- und der Mauersttaße, nicht weit von der amerikanischen Botschaft, zwischen einem größeren kornmunistischen D e m o n- ^raiionszug und der Polizei zu einem Zusammenstoß. Da die Demonstranten der Aufforderung, auseinandertugchen, nicht Folge leisteten, muhten die Polizisten von den Gummkkntttteln Gebrauch machen. i8 Personen wurden verhaftet. Dle Schutzpolizei ist alarmbereit, da heute mit weiteren Kundgebungen zu rechnen :si. Ser Waldbrönde in Skdsrankreich gelöscht. Toulon, 23. August. (Havas.) Infolge der schweren Regengüsse sind jetzt sämtliche Waldbrände im Departement Var gelöscht. DSe Polizei hat zwei Fndivwueri vorhaftet, die im Gesträuch Feuer zn legen versuchten, kiner davon ist ein in der Gegend unbekannter Holzsänvler. Die Untersuchung dmiert fort; man glaUbr, »aß sie verbrecherische Handlungen zutage säuern wird. -y, Wien. 24. August. Die beiden Italiener sind hingerichwt worden. Ter Gerechtigkeit des H.-nKrS ist Genüge geleistet worden. Die Empörung der gan^.n Welt hat den Akt nicht hindern können, dessen GrausKMt allein hinreicht, um die Todesstrafe an sich zum Verbrechen au der Menschlichkeit zu stempeln. Die Gerechtigkeit, der Sacco und Vangetti überantwortet wurden, hat ganze sieben Jahve zu ihrer Entwicklung gebraucht, ehe sie zmm krönenden Schlüsse reff geworden ist. Vor sieben Jahren ist das erste Todesurteil gefällt worden, sechsmal ist die Vollstreckung verschoben worden; drei Hungerstreiks hat Sacco durchgemacht, Vanzetti mußte vor drei Jahren in das Irrenhaus kommen; man 'hatte ihn durch mehrere Monate in die Zelle neben dem Hinrichttmgsraum gesperrt, und er wurde wahnsinnig. Was die beiden erduldet haben, ist die Marter der Hoffnung, die niederträchtige Erfindung der spanischen Inquisition. Der Tod ist 'barmherziger geüvdsen als diese Justiz, die sich mit protziger Gebärde über alle Einwendungen 'hinweggesetzt hat, und die Schuld der beiden, wenn sie wirklich im Jahre 1920 den Kassierer Parmentcr erschossen 'haben sollten, verblaßt vor der kalten Tücke eines sinnlos gewordenen Paragraphen, Gegen die Tortur hatte sich alles ausgelehnt, was an ehrenhafte Gesetzlichkeit glaubt. Die beiden Italiener hatten in sich die Wehrlosigkeit verkörpert. In ihnen sah man die übergroße Masse der Menschen, die aus dem europäischen Zwang, aus der Ueberbevölkerung, der falschen Verteilung des Besitzes, 'hinausstrebten und sich dem Land 'der Freiheit zugewendet hatten, in dem der Mensch angeblich so viel gilt, als er ist. Sie sind aber in den Machtstaat geraten, in eine Gemeinschaft, die von ihrer Tradition der Freiheit abgeirrt ist. Amerika ist kein Land der politischen und sozialen Freiheit m-chr, es ist der Ueberstaat geworden, von dem die europäische Reaktion träumt, und diese Wandlung ist nicht etwa durch einen fascistischen Prozeß gesch-chen; sie ist vom Krieg herbeigeführt worden, der auch hier die Geister vergiftet hat. Es ist ein Nationali-Zmus gezüchtet worden, der sich hier in -den -amerikanischen Dimensionen entwickelt hat und sein europäisches Vorbild nur in der Ausführung, 'nicht aber im Wesen verleugnet. Er ist fremdenfeindlich, rückschrittlich und militaristisch. Er Hatz vor jeder Art sozialen Fortschritts eine heillose Angst. Den Europäern in ihren grauen Sorgen kommt dies nur selten zu Bewußtsein, und sie waren bisher nur gewohnt, auf die technische Kultur Llmerikas zu achten und ihr die Reverenz zu erweisen. Der Glanz des Dollars überstrahlte alles und die Praxis Amerikas, sich von der europäischen Not seru-zuhalten, uin an ihr verdienen zu können, schuf hier eine Atmosphäre -des blinden Respekts. Erst die merkwürdigen Ereignisse des Sacco- und Vanzetti-Falles haben einen Vorhang weg-gerissen, hinter dem das kalte und ungerührte Machtbewußtsern steckt. Ameriika ist nicht anders als irgendein Staat, cs ist nicht besser und es hat'cs nicht besser. Es fehlen ihm höchstens die . Hemmungen der europäischen Kultur- -tradition, und dieser Mangel vor -allem 'hat es verschuldet, daß der einmütige Protest gegen den Justizmord vergeblich geblieben ist. Der Hochmut der Staatsmaschine hat sich gerächt. An zwei armen Menschen. Natürlich gibt es auch außerhalb Amerikas Kreise, die in ihrer Anbetung der Gewalt, der legalen wie der illegalen, das Unrecht nicht sehen tvollen. Sie sind insbesondere in Deutschland zu sinden und in der rechtsgerichteten Presse Deutschlands und auch in Oesterreich bekam man ganz eigenartige Anschauungen zu lesen. Es sei ein gerichtliches Urteil ergangen, und dieses Urteil müsse ausgesührt werden. An der Kleinigkeit, daß der Indizienbeweis mißlungen war, stößt sich keiner dieser Gerechten. Auch nicht daran, daß die allgemeine Entrüstung sich gar nicht gegen den Prozeß wehrte, sonderngegen -die raffiniert ausgösonnenen Torturen, 'denen die Häftlinge ausgesetzt waren. Die Empörung hat deshalb so weite Kreise ergriffen, weil man in dem Bostoner Fall ein sehr böses Beispiel steht, -das sehr leicht in irgend einem anderen Staat nachgeahmt werden dann. Das Empfinden für Rechtlichkeit ist 'heute sehr labil geworden und es ist deshalb sehr leicht geneigt, die Anwendung des Gewaltprinzips und die Vergewaltigung von Wehrlosen als Zeichen, von Stärke zu preisen. Wenn die Obrigkeit einen Galgen oder einen elektrischen Stuhl aufftellt, so ist damit schon alles geschehen, was der reaktionäre Sinn sich nur wünscht. Sem höchstes Ideal -des Staates ist -die Kaserne, und das Symbol der Gerechtigkeit ist der Kerker und der Galgen. Für diese Kreise ist die Aufwallung des Gewissens unverständliche Winselei gewesen und daß sie versagt hat, bedeutet für die Menschheit nichts Gutes. Den politischen Gewinn buchen die Scharfmacher aller Völker und neben ihnen die nihilistischen Elemente, -die durch ihre Verbrechen die Lage verschlimmert hüben. Der Kamps gegen die Todesstrafe ist durch die vielen Bombenwürfe, durch Mob- Exzesse und Plünderungen kompromittiert Worden. Das ist eine -der traurigsten Begleiterscheinungen des Bostoner Justizmordes. Der „MuberhaMMml" HSlz. Berlin, 23. August. (Wol-ff.) Der Strafgefangene Max Hölz ist aus der Strafanstalt Grotz-Strshlitz in Oberschlesien nach der Strafanstalt Sonnberg üibergeführt worden. Die Verlegung war vom Verteidiger beantragt worden, um ihm Besprechungen mit Hölz zur Vorbereitung von Anträgen auf Wiederaufnahme dos Berfahrem's zu erleichtern. 24. August 1927 London,.23. August. Wie daS Reutersche Dirvoan „ntteUt, haben zwaiDirektorende-r russischen Petroleum-Pvobukten-gesellsUaft die Aufforderung erhalten, England zu vorlasissvn. .Im Jnneuminifteriuttt nmfo dam« erklärt» die Maßnahme richte sich nicht gegen die russischen Petrolorrmerzrugntsse, aber gomäß der Politik der ReMerurig orhiielterr alle «norwünschiton Persönlichkeiten, dijr nicht zur Fortführung des legittmen Handels notwendig fvkc-n, dee Aufforderung, England zu verlassen. „Sec Krieg steht unmittelbar fteftoc." Berlin» 23. August. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet aus Riga: Aufsehen erregten dieser Tage in Leningrad die vom stellvertretenden Kriegskommissär Unschlicht und dem Oberkommandierenden' der Roten Flott-e, M u k l e tv i t s ch, gehaltenen Reden. Beide erklärten, der Krieg stehe unmittelbar bevor. Mukletvitsch verttat die Ansicht, daß der Anstoß von der britischen Flotte in der Ostsee ausgehen werde. Gebot der Stunde sei, England von der russischen Küste fernzuhalten. In ähnlichem Sinne sprach sich Unschlicht aus. Die Sowjctrogiierung fei auf einen Krieg vorbereitet und alle Maßnahmen für die Versorgung der Bcvölfctitttß mit Levenömltteln imb BedarfSgegmiständen feiten getroffon. ©»lang SriWiwsMve. Genf, 22. August. In seiner Eröffnungsrede betonte -der Präsident des vorbereitenden Komitees, Doktor Wilfan, daß der Gebrauch der deutschen Sprache durch viele Delegierte der Minderheiten keine politische B e d e u t u n g h a b e, sondern den p r a ktischen Verhältnissen entspringe und die Minderheitenredner, die deutsch sprechen, deshalb nicht etwa germanophiler Gesinnung im polemischen Sinne des Wortes beschuldigt werden dürfen. Dr. Wils an stellte das wachsende Interesse für die Minderheiten fest, das auf der Tatsache beruhe, baß die Fm.gen dee Mtnberhoitvn zu.glcich eine AngeleaenHott des europäischen Zusavmnenliebens überhaupt bedeuteten, weil sie nur unter der Mtchrbeiit der Beteiligten gelöst werden können und niemals ohne sie ober gar, wir es versucht worden sei, gegen sie. Große Erfolge habe die Bewegung bis j e tzt n i ch t zu verzeichnen gehabt, und das 'neue Staatsangehörigkeitsgesetz in Lettland fei der einzige Erfolg der Minderhcitenforderungen gewesen. Zum Schlüsse appellierte 'der Präsident an daö erwachende Gewissen Europas und an die Dolidarttät der Miindorhei.tenguuppcn, deren Interessen von keiner anderen Richtung ausgebcutet werden dürften. Gewiß betrieben die Minderheiten Politik, erklärte Wilfan, aber sie betteiben eine Solidaritätspolitik, eine europäische und eine MenschheitSpolitik. Dann sprachen die Übrigen, den: vorbereitenden Komitee angehörenden Delegierten der Minderheitsgruppen. Unter anderen Dr. S z ü l l ö für die tschechoslowakischen Ungarn, Dr. M o tz k i n für die jüdischen Minderh e i t e n g r u p p e n usw.' Das Relerat de» MgkWlnettii SntocfofliL Genf, 23. August In der heutigen (zweiten) Plenarsitzung des Minderheitenkongresses referierte der jüdische Abgeordnete aus Lettland Dr. Lasarsohn Über die Stellung der Minderheiten zur GtaatSfvuveräwität. Er führte aus, daß die Überkommenett Begriffe Vvn staatlicher Souveränttät durch die Entwicklung der letzten Jahre inhaltslos geworden sind. Es muß zu einer völlig neuen Auffassung und demgemäß zu einer Umgestaltung der Gesetzgebung kommen. Das Referat wurde mit großem Beifall aufgerwmmen und alle Diskussionsredner erklärten sich mit den Ausführungen des Redners einverstanden. Der zweite Berichterstatter zur Frage „Staatsfvnveränltät und Rechte der Minderheiten", Professor B a l o g h (ungarische Minderheit in Rumänien), führte aus, daß die auf dem Kongreß vertretenen nationalen Minderheiten ihren Kampf für die vollständige öffentlichrechtliche Anerkennung ihrer Rechte mit Entfchiedenhctt weiterführen wollen. Sie Liga gegen koloniale UntervrMung. Eine Rc>do Barünsses. Köln, 38. August. Die Exekutive der Liga gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus hielt am Sonntag eine Tagung ab. Henri Barbusse versicherte das deutsche Proletariat feiner brüderlichen Gefühle und betonte die Notwendigkeit des Zu-fammenschluffes aller unterdrückten Volker. Der derzeitige Bölkorbrmd Stete keine Hofftmng, daS Los der farbigen Völker zu o-rleichtorn. Diese Hoffnung biete lediglich die Solidarität der Arbeiterschaft der ganzen Welt. Der Generä^skretäc der Independent Labour Party, Brookbray, übevbrachte die Grüße der beidm GeMonen der Liga. Er führte aus,

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