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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-24 · Heft 3047 (24.8.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3047 (24.8.1927)
Date
1927-08-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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| Polen r »ft groggy j Wien: ZumAbbolen ladet Expedition, II., Taboretr. 1-8 oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatl.5 Schilling Straßenrerkauf in Wien dnrch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1., WoUeelle 11 Mit Poetrereaad für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling k seheehe - Slow akei: Mon.K22. Jugoslawien: Mon. Din. 60. P o 1 e n :Mon. 6 Zloty Deutschland: Mon. Gm. 4. Fr an kr eich, Belgien: Mon. Pro». K orgemeitun Mtehithliifti MPrelt* arliokmnsaa T*»b«h*lten. mmmaammmmmmmmmmm Ar. 3047 Wien. Mittwoch. 24. Augnft 1927 | Preis itO g| Bnfftan d: Mon. 4 Schilling Italien: Monatl. 20 Ute Rumänien: Mon. 170Lei Bulgarien: Mon. 100 Lewa. S c hw e i z und das übrige Ausland monatlich Fros. 6 Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. 1 Telephon: 44-0-38, 43-3-10 Ab 6 Ohr abends Telephon Nr. 81-0-86 , VII., Lerchenfel derstraße 1 (Druckerei „Inva“) Oesterreichisches Postsparkassenkonto Nr. 160.698 9. Jahrgang Die Hinrichtung Sana nnd Banzetti im elektrischen Stuhl. 23. August. Sacco und Dauzelt til fittid ednigr Minuten rmjch MAtchnmcht ii»r Gefängriis vm Boston dnrch den elektrischen Stwm hingicsrsichtot worden. » Um 21 Uhr 66 Minuten amerikanischer Zeit erklärte Gouverneur Füller, daß er keinen neuen. Aufschub genehmigen könne. D-e Hinrichtung müsse daher zur siestgefetztzen Zeit stattftnden. Banzetti lehnte den Beistand eines Priesters mit dem Hinweis darauf ab, sie wollen sterben, wie sie gelebt haben. Beide nahmen die Nachricht von der bevorstehenden Justifikation gefaßt entgegen. Auf dem Wege zur Totenkammer rief Sacco an der Eingangstür in italienischer Sprache: „Lang IeVe die Anarchie!" Ohne eine Aufforderung abzuwarten, nahm er auf dem elektrischen Stuhl Platz. Während er festgeschnallt wurde, rief er im gebrochenen Englisch: „Leb' loohl, mein Weib, lebt wohl, meine Kinder, und alle meine Freunde!" Kurz vor der Einschaltung des Stromes wendete er sich noch einmal an die Zeugen, denen er zurief: „Guten Abend, meine Herren!" Sein letztes Wort, war: „Leb' wohl, meine Mutter!" Dann war er nicht mehr. Banzetti, aus dessen Gesicht ebenfalls, jede Bewegung gewichen schien, und der einen in sich gefestigten Eindruck machte, hielt vor seiner Hinrichtung eine längere Rede. Er verkündete darin seine Ideen von dem herrsch a f t s l o s e n Staat, der keine Gewalt üben und über Menschen gebieten solle, die jegliche Gewalt verabscheuen, von denen keiner Jäger, keiner Wild sein dürfe, die sich nicht aus Rache, aus Eigentumsfanatismus, aus Klassenegoismus morden und zerfleischen. Ms er um 12 Uhr 20 Minuten das Totenhaus betrat, drückte er seinen WäH>- tern die Hände und svhte sich ohne Aufforderung in den elektrischen Stuhl. Gr erklärte noch zuletzt: „Ich bin imschuldig, niormcks gestand ich das Vlerbvechlen üin; ich bin auch keines audeuen Verbrechens schulotg. Ich halbe nie mi Verbrechen veglmgen, nicht nur den mir zu Last gelegten Fall, ich habe wAe cän reiner Mensch gelebt." Nachdem seine Hände angeschnallt waren, fuhr er fort: „Ich wünsche einigen Menschen zu vergeben, was sie an mir tun." Nach diesen letzten Worten Banzettis erfolgte um 12 Uhr 29 Minuten die Hinrichtung. Während dieser war infolge des ausdrücklichen Wunsches der beiden Anarchisten kein Geistlicher anwesend. Bei Sacco wurde die höchste Stromstärke eingestellt, und zwar zwischen 1800 und 2000, bei Banzetti nur zwischen 1400 und 1600 Volt. Bei der Hinrichtung wurden die üblichen Formalitäten gewahrt. Die Leichen der Hingerichteten sollen heute vormittags den Verwandten übergeben werden. Vor den beiden wurde der Portikgivse Madoiro hingevcchtvt. Er hat, wie erinnerlich, gestanden, die Tat, wegen der die beiden verurteilt worden waren, begangen zu haben. Unter dem Schutz der Maschinengewehre. Boston, 23. August. Zum Schutz dos Gefängnisses, in dem die Hinrichtung stattfand, hatte die Polizei ganz außerordentliche Vorkehrungen getroffen. Die Zugänge zum Gebäude und die umliegenden Straßen waren mit bewaffneten Polizisten überfüllt. Panzerautos, Maschinengewehre «nd Handgranaten standen znr Abwehr vmr Angriffen bereit. Die Straßen wurden in den Abendstunden v ollständig geräumt. Aus den Dächern der umliegenden Häuser war Feuerwehr mit Spritzen aufgestellt. Auf diese Weise wurden Kundgebungen in der unmittelbaren Umgebung des Gefängnisses unmöglich gemacht. In Boston wurden noch gestern abends gegen 120 Verhaftungen vorgenommen. Me Kundgebungen | und Proteste blieben auf den Gouverneur Füller ohne Eindruck. Sie bestärkten ihn in dem Entschluß, m i t a l l e r Strenge nach dem Gesetze vorzugeyen. Militärische Bereitschaft. New Jorl, 23. August. (WM.) Sechs Kölnpagnien Infanterie und zwei Maschineng e w e h r - A bt ei l ung lo n in 'der Gesamtstärke von etwa 900 Mann stehen auf der Gouverneur-Insel in Bereitschaft, um nötigenfalls sofort zusammen mit der Poli-ei in Aktion treten zu können. In mehrere Städten sind direkte Telephon- Verbindungen zwischen der Garnison und dem Polizei-Präsidium hergestellt worden. In San Francisco wurden 127 Demonstranten seistgcnommen. Rahe in New Bork. Newyort, 23. August. Anläßlich der Hinrichtung von Sacco und Banzetti wurden in Newyork u. a. sechs Kompagnien Infanterie und zwei Mafchinengewehrkompagnien mit mehreren Lastautos voll Munition in Bereitschaft gehalten. - Diese Maßnahme erwies sich aber als völlig überflüssig, da die e i n z i g e Massenansamml u n g, zu der sich im übrigen nur 12.000 Personen eingefunden hatten, um Mitternacht in der unteren Stadt am Union-Square stattfand. Als Hohnschreie aus der Menge auf den Anschlag der Plakate einer sozialistischen Zeitung „Sacco ermordet nnd Banzetti ermordet" antworteten, zerstreute ein starkes Polizeiaufgebot die Versammlung. Achnliche Kundgebungen erfolgten in San Francisco, S-t. Louis und anderen Städten. Unter den in Boston Verhafteten befindet sich auch die Dichterin Gdna Saint Vincent Millay. In einigen Städten wurden gestern die während der letzten Demonstrationen wiederholt verhafteten Personen zur Beobachtung ihres Geisteszustandes in Irrenhäuser gebracht. Aasweifungen ans Amerika. New York, 26. August. Die Einwandevungsbeamten aus Ellis Island erhielten in >der letzten Zeit aus Washington den Austrag, die in einer Liste namhaft gemachten Ausländer in Haft zu nehmen und zu deportieren. Es handelt sich, soweit feftzustellen war, um Personen, die sich illegal im Lande anshaltan. Unter den zur Ausweisung bestimmten Personen befindet sich eine große Zahl jüdischer Einwanderer aus Buenos Aires und Palästina. Die Einwanderungsbeamten, die jede nähere Auskunft verweigern, geben mit soviel zu, daß es sich zum größten Teile um Leute handelt, die als Touristen und Besucher nach Amerika gekommen sind nnd die ihnen zugebilligte Ausenthaltsfrist überschritten hcckM. Generalstrett in Paragnah and Argentinien. Asuncion (Paraguay), 26. August. (Reuter.) Der zum Protest gegen die Hinrichtung Saeeosünd V a nzettis ausgevufene Generalstreik hat heute mittags begonnen. Die Arbeitseinstellung ist in ganz Argentinien ziemlich allgemein. In Buenos Aires stockt der Verkehr. Blutige Demonstrationen in Genf. Me Salve der Wlzel. — Sturm ms du« BSNerbuuvvalols. Genf, 23. August. Gestern wurden hier Demonstrationen für Sacco und Banzetti veranstaltet. Nachher kam es zu Stratzenexzesfen. Die verhetzte Menge drang ijN die amerikanischen Rerfivburemus ein und mißhandelte die Angestellten. Als ein Trupp Demonstranten die Hauptpost stürmen wollte, machte die Polizei von der Feuerwaffe Gebrnüch. Ein Mann wurde getötet, 28 Personen verwundet. Die Demonstrationen dauerten die ganze Nacht hindurch an; erst in den Morgenstunden flauten sie ab. Die Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Demonstranten unternahmen auch im Laufe der Nacht den Versuch, in das Sekretariat des Völkerbundes omznvnngen. Hiebei wurde die Glasveranda des Völkerbundpalastes, in dem die Tagungen des Bölkerbundrates stattfindm, mitSteinen beworfen und beschoss e.n. Der Versuch, in das Völkerbundsekretariat einzudrmgen, konnte nur unter schwerster Mühe der starken Wachen des Völkerbundpalastes abgewehrt werden. (fine Erklärung des Schweizer Bundesrates. Embvrufmrg eines Infanterieregimentes in Gons. Bern, 23. August. (Schw. Dep.-Ag.) Der Bun- . desrat hat sich heute früh in einer außerordentlichen Sitzung mit den gestrigen Zwischenfällen in Genf befaßt. Er beschloß die Veröffentlichung nachstehenden Communiques: „Der Bundesrat hat mit Entrüstung vmr den b edauerlichen Vorkommnissen Kenntnis genommen, die sich gestern in Genf abgespielt haben. Er hat sich sofort mit der Negierung des Kantons Genf in Verbindung gesetzt, um sich mit ihr über die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu versündigen. Er hat die Herren Minister Dinichert, Chef der Abteilung für Ausjvärtiges im politischen Departement, und Bundesanwalt Stampfli nach Genf beordert. Minister Dinichert hat insbesondere den Auftrag, dem Generalsekretär des VvlkorbmrÄes das Beiddchklem des Bundesrates MszuspreHeu und ihn zu versichern, daß alle Maßnahmen zrmrwrvksamen Schutz der Einrichtungen des Völkerbundes getroffen worden sind." Die Genfer Staatsräte Boissonas wn>Ä Ol* tramare haben beim Völkerbünde das Bedauewn der Genfer Regierung über die gestrigen Vm> kommnisse ausgedrückt. Der Genfer Staatsrat hat in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen, ein Infanterieregiment auszusteRkn. Eine Bürgemehr. Genf, 23. August. (Wolfs.) Die Leitung bsxtä&c* gevwehr hat diejenigen Bürger der Stadt Gerrf, die bereit sind, zur Aufrechterhaltung der Ordnung beizutragen, zu einer Zusammenkunft für heute vormittags eirrberrrfen. Während der Unruhen wurde dcs Schuhgeschäft Walk ober, das sich neben dem von den Manifestanten angegriffenen amerikanischen' Reisebureau, Merck, Fort & Co. in der Montblanc-Straße befindet, ausgeplnndert. Rene Unruhen (n Genf. Genf, 23. August. Heute aberrds haben sich die Demonstrationen vor der amevikamschsu Gesandtschaft wi-edevholt. Einige hundert Menschen sammelten sich vor dem Gebäude an. W die Situation bedrohlich wurde, requirierte der Bürgerwetflpr die Feuerwehr, Me mit mehreren Schlauchlinien vorging. Darauf stob die Mengsi' auseinander. Gegenwärtig herrscht Ruhe. Im Laufe der heutigen Kundgebung hat die Polizei zehn Personen verhaftet, die sämtlich verletzt waren. An verschiedenen Punkten der Sttä>t find Absperrungen vorgenommen worden, insbesondere in der Nähe des BöAerbundgebLudes. Um 9 Uhr abends zevstrente ein heftiges Gewitter die Menge, die noch immer vor dem Konsulat der Bereinigten Staaten versammelt war, aber sobald das Gewitter vorbei war, smnmelte sich die Menge erneut und stieß Pfiffe nnd Pfuirufe ans. Die Polizei mußte abermals oinschretten. Die Motorspritzen wurden wieder in Tätigkeit gesetzt, Es wurden 30 Verhaftungen vorgenommen, wobei es sich meist um junge, 17- bis 18jährige Leute handelt. Knndgebnngen in 3ükich. Zürich, 23. August. (Wolfs.) Hier kam es vor dem Theater zu Kundgebungen gegen die Hinrichtung von Saeeo und Banzetti. Ein Polizeiaufgebot zog blank und vertrieb die Demonstranten.

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