Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3044 (21.8.1927)
- Date
- 1927-08-21
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Setze 1 < Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 21. Auyust 1927 Nr. 804-4 Dschingis Chan mit dem Telegraphen Hundert Jahre Militärdienst der Juden In luftland. Vkm Btojamin Segel« u Der MHoloMHe Zar MkolauS I. Mkk^M. August 19K7 werden es hundert Jrchve, MdrmÄ^Zar Mkolnus I.*) den Ukns I^rmisgäb, der die Z^rm im russischer: Reiche, mit Ausr:ahrr:e vom Körng- «ÄHe Hüm, zum persörllichei: Militärdienst verpflichbete. ÄD «Mm dreiM Jtchre dieses Militärdienstes waren das isUwaMWe, was man sich denken ftntit. Uebcrhaupt wird die RtzgLernngszctt dieses Zaren (1825 bis 1885) in dep Geschichte der russischen Juden als eine Periode voll Granen und nMeüllterlichmr EntseHendasteher:. Alexander He r z c n nennt diesen .Zaren treffend: „Dschirrgis Chan mit dem Telegraphen." Er hatte eure gewisse Vorliebe für Technik und moderne Erfindmrger: und war dabei in tiefster Seele grausam, brutal und stmnpssümig, gleich roic jener berüchtigte Mangvlenkaiser. Seine Regierungszeit war c:r:gerahmt von Mi RUnaluiordprozessen; dem von We lisch und dein von Saratow, deren Gedenken rwch zahrzehntelang in der Erinnerung der Juden nachzitterte. Ausgefüllt waren seine Regicrungsjahre dr:rch eine Unmenge von Fudengesetzen, weit zahlreicher und wahnsinniger, als die Alexanders HL : meist traren es Verbote, da oder dort zu wohnen, dieses oder jenes Gewerbe zu betreiben oder etliche Wrgerbiche Fnnttionen auszuüben. Es gab aber auch,FreilMen mld Privilegien, die Nikolaus den Inder: gelvährte. O ja! So stand cs jeden: Inden und jeder Jüdin frei, sich Lausen zu lassen, ohne daß das .Eheband aufgelöst tvurde. Jeder zur orthodoxen Kirche übcrgetretene Jude öKeb drei Jahre, in de.m neuerworbenen Bessavabien das ganze Leben lang von allen Steuern und Mgäbm frei. Jedem minderjährigen jüdischen Kinde stand es frei, sich ohne Erlaubnis, ja gegen den ausdrücklichen Willen der Ettern, Lausen zu lassen. Trat der Vater zunr orthodoxen Glauben über, so wurden die Söhne, tat es die Mutter, so wurden die Töchter eo ipso christlich. Aber nicht nur für das seelische, sondern auch fiic das leibliche Wohl! seiner jüdischen Untertanen sorgte er väterlich. So erlaubte er 1837 dm Großmüttern jüdischer Märinesoldaten, in Sebastopol zu wohnm. Ten nach Sibirien verbannten Juden, die in diesem. Lande 40 Jahre zugebracht hatten, erlaubte er, bis an ihr seliges Ende in ^Sibirien zu bleibm. Den Fpcam und Kindern jüdischer Verschickter erlaubte er, tfyre WÄnuer und Väter nach Sibirier: zu begleiten. Dieser ^GeD der Gesetze Nikolaus I. kennzeichnet den .Mann. Thomas Masaryk sagt von ihm in seinem. Buch „Rußland xntb Europa": „Der haarsträubende Unsinn und die provoziermde Roheit der offiziellen! Reaktion Nikolaus I. haben eium pathologischen Zug. Er war von einer.heuchlerischen, verlogmen Grausamkeit." Im Jahre 1827 wurden in Odessa zwei Jirden zun: Tode verurteilt, well sie vor der Pest ins Ausland flüchten wolltm. (Aus dieses Verbuchen stand nach altem russischem Gesetze Todesstrafe.) Nikolaus änderte das Urteil mit folgender Begründung ab: „Die Schuldigen sollen Spießrutenlaufm. Lausend Mann, zwölfnml! Gott sei Dank, hie Tedesstrafe ist bei uns in Rußland seit langem abgeschafft und ich will sie nicht einsühren!" Solche Gnaderrakte übte er häufig, nicht nur gegen Juden. Natürlich starben die Gestraften unter den Streichen' der Soldaten auch ohne Todesurteil. Einer der beftm Kenner Rußlarws, Anatol Leroy- Aeauli e u, sagte vor mehr als 46 Jahrm, das Komplizierteste und Verworrenste in Rußland sei die Judengefetzgebung. Es wird zweckmäßig sein, bei der letzten Stufe aw zufangei:. In dm Jahren 1850 und 1851 verbot Nikolaus dm Gebrauch der jüdischer: Kleider- und Haartracht sowie, daß die Frauen beim Eintritt in die.Ehe sich die Haare schneidm ließe::. Das Verbot wurde in der Weise ausgesührt, daß die Polizistm mit Scherm beivaffnet wurden und der: Befehl erhielten, Inden aus der Straße ccktzustmgen und ihnen die langen Kaftans zu kürzen, Bärte und Schläfmlocken abzuschneiden, den Frauen wurdm Perücken, Haarbänder undZauber: von den Köpfen gerissen. Wir die niedrigen und höheren Polizeiorgarre war diese kaiserliche Verordnung eine unerschöpfliche Quelle der Belustigungen und der Nebeneinnähirrm. Man kann sich wohl kein besseres Mittel denken, den Juden die Überzeugung von der Ueberlegenheit der russischer: Kultur beizubrkngem Etwa ein Jahrzehnt früher hatte:: Nikolaus und fein Unterrichtsminister Uwarow beschlossen, den Juden durch .Schulen Aufklürrmg zu bringer: und sie auf diese Weise dem russischen Volke näher zu bringen, urtb sie mit ihm zn verschmelzen. . - Wenn man das russische 'Schulwesen mcker Nikolaus' Nachfolgern bis zur Revolution strnd darüber hinaus betrachtet, wird rrmn leicht 'begreifen, wie es damit in der ersten Hälfte des vorigen 'Jahrhunderts aussah, als zu Lehrern ausrangierte Stallknechte urrd 'pensionierte UnteroMkere ernannt wurdcr:. Will ntait des Zaren Nikolaus' Liebe zur Kultur nach 'ihrem wahren Werte Äuschätzeu, so mH man bedmken, daß 'er die Prügelstrafe in der Schr:le eingeführt hat, daß er die Söhne der Nichtade'igeu und der Nichkbeamten von: Besuch der Gynrimsier: ausschloß und anordnete, daß die.Beweise zr: der: geometrischer: Lehrsätzer: nur in den Schulen 'für die „besseren Kreise" vorgetragen, in dm Schnlm für das Volk aber die Lehrsätze ohne Be,reise Vergl. meine Studie „Die russischen Juden unter Mr I." tm' August-Heft des „Morgen". 1 gÄelM»wer^-svKt«^ftd^ Pöbel stbermWitz werderv und auch fikrcandem Dinge Bttveise forderrr.könnte. MkolauS arbeitete mit alter Lraft' daraus hin, den Sinn dev Jugend aus die „praktifthm" Wisseuschafter: hinzulercken, die etwas einbringer: und zu nützlichen 'Zwecken führeir. Er haßte die Geisteswissmschastell und das klassische Altertum sowie die Philosophie wie dm Tod, weil von ihnen alle Verführungen zur Kritik und.Revolution misginger:. Dieser Zar empfand die ganze Welt als der: großer: Kerker des lieber: Herrgott und sich selber stlls dessm oberster: Kerkermeister. Wie der Zar die (Philosophie, so haßte fern Uwarow die Literatur. Ihre zahmsten Repräserttauten wurdm mit schiverster: Kerkerstrafen, Sibirien usw., bestraft. Der Unterrichts nrinister, der auch Präsident der Akademie war, äußerte allm Emstes .der: Wunsch, 'die russische Literatur nichtsüberhaupt anfhörm! > Es solltm besondere jüdische-Schulen geschaffen werden, ruit einen: gar:zer: Apparat pon Beamtem Aufsehern und Direktoren, derm höhere und 'besserbezahlte Sprosser: sämtliche von Christm «oder "getauften Juden besetzt wurden; die Mittel hierzu sollten Äber die Judm Mer mt§ cht^t rmermeßlich drückenden Koscherfteifchwä> 'Lühtersteuer bestreitm. 1 Zum „Minister für jüdische Volksausktärung" wurde Dr. Max LHIienthal ernannt, der aus Südbayern stammte und in Riga als Lehrer rvirfte. In Deutschland interessierte man sich leidenschaftlich für die Sache und einige Jahre lang waren hier die paar jüdischen Zeitungen voll von der großen Aktion Lilienthals, der als ein Herold der europäischen Kultur im Osten, als ein Missionär des geläuterten Judentums dastand und zum Helden und Bahnbrecher emporgcwachsm war. NEUESTES aus der iusHemhwsmine der Bü G H HAN D L ÜNG R. LOWIT, WIEN 9 ROTENTÜRMSTRASSE 22 SERIE III * Schilling 1*50: AVERTSCH.ENKO A., Das Verbrechen der Schauspielerin Mariskin. Grotesken BAUM Oskar, Die Tür ins Unmögliche. Roman BEREND Alice, Die zu Kittelsrode. Roman BROD Max, Tagebuch in Versen, kart. BRUSSOT Martin, Der Erzschelm Augustin. Roman CONSTANT Benj., Adolf, aus den Papieren eines Unbekannten, gebd. DECSEY Erbst, Der kleine Herzog Cupidon. Erzählung FRANK Leonh., Der Bürger. Roman FREY A. M., Sprünge. 13 Grotesken, gebd. GOGOL Nicol., Mirgorod, gebd. GORKI M., Wie ein Mensch geboren ward HAMSUN Knut, Gedämpftes Saitenspiel. Roman MADAME GUILLOTINE. Revolutionsgeschichten von Anat, France, Strindberg, Carlyle, Otto Rung, Jac. Wassermann, Zola, Maupassant, Artzlbaschew, M. ßrod, Meyrink, Brjussof usw. lllustr. von W. Thöny, 400 Seiten Text MUELLER Hans, Buch der Abenteuer, Novellen PACQUET Alf., Im kommunist, Rußland. Briefe aus Moskau POE Edgar, Pyms abenteuerliche Erlebnisse, gebd. REIMANN Hans, Tyü. Der Leipziger Spießer- . roman REVESZ Bela, Der große Kerker. Erzählungen RUETTENAUER Benno, Tankred. Geschichte des verheimlichten Prinzen SOYKA Otto, Im Joch der Zeit. Roman SSOLOGUB Fedor, Schatten STEFFEN Gast., Die Demokratie in England. Beobachtungen im neuen Jahrhundert und ein Renaissanceepilog, gebd. STENDHAL, Die Aebtissin von Castro. Renaissancenovelle STORM Theod., Die Chronik vyn Grieshuus, gebd. TH AR AU D I. u. I., Der Schatten des Kreuzes. Roman TILLIER Claude, Aus Onkel Benjamins Welt. Roman TOLSTOJ Leo, Pater Sergius TOLSTOJ Leo. Kreutzersonate, gebd. ZIFPERER Paul, Das Feuerwerk, gebd. ZÜLAWSKY Jerzy, Aus silbernen Gefilden. Ein Mondroman Eine auszugsweise Aufstellung aus der BÜCHERSCHWEMME R. LOWIT Serie IV, ä Schilling 2 -, folgt! Liber mitten itt dieser gigantischen Aktion hatteDschingis-Chan der: uirglaMichen Einfall, einer: der rvahlnfirmigster: und grausamsten Befehle herauszugeben, der seinem Hirr: je mtsprungcn. Am 20. April 1843 erließ er nämlich einen Mas, demzufolge alle Judm, welche iuirerhalb der Entferrmng von 50 Werft von der preußischer: und österreichischen Grenze wohnten, in das Innere, des Llrrsiedlungsrayons übersicdeln mußten. Denjenigen, Ivelche Liegenschastm besaßen, sollte eine Frist vor: zioei Jahren zum Verkauf ihres Eigentums gewährt iverdcn. „Diese Verordnung sollte ohne jede iMilderrrng vollzogen tverden." Diese neue Katastrophe betraf viele Zehntausende von Fcnnllien, die von hcnt'- auf rnorgen förmlich dem Hungertod ausgeliefert wurden. Danrals ereignete es sich zrrm erstm und leider zum letzter: Male in Ruhlarch, daß die Juden der Negierung Widerstand zu leisten wagtm... Ms rrämlich die Polizei die Inden anfforderte, die Ortschaftm anzugeberl, wohin sie auszuwandern beabsichirgten, erklärten die Juden mtschlossm, sic dächten nicht daran, ihre Heimstätten und die Gräber ihrer Ahnen zu verlassen, sie würden nur dem unmittelbarm Zwang weichen. Die Behörden zögerten aber, unrnittelbaren Zwang anzuwmden, da dies die garrze Gegend wirtschaftlich ruiniert und dem ^Fiskus ungehmren Schaden verursacht hätte. 2. Europa regt sich und Moutefiooe kommt. Die öffentliche Meinurlg von Europa regte sich. Die dmtsche, französische und englische Presse verdammte aufs schärfste die Ernmerung der spanischm Politik. Einige der angesehmstm jüdischm Gemeinden ir: Deutschland sandter: Petittonm an den Zarm. Ms Nikolaus bald darauf London besuchte, traten hervorragende christliche Persönlichkeiten aus der diplomatischen Welt an ihn mit Vorstellungen herarr. Der Ukas hing inzwischer: wie ein Damokles- Schwert über der: Köpfen der Juden, Am 1. März 1846 begab sich Moses Montesiore von London nach Petersburg, um persönlich beim Zarm zugunsterr der Juden zu intervenierm. Er brachte Empfehlungsschreiben der Königin Viktoria, beider er iu<. hoher Gunst stand; die diplomatischen Vertreter Er:glarü>s in ganz Rußland hatten den Anstrag, ihm überall dieselbm Ehrm zu bezeigen, die ein Mitglied des rcgiermdm Hauses beanspruchen durfte. Er wurde in Petersburg mit besonderer Auszeichnung empfangm, hatte einige Audienzen beim Zaren, führte mit sernm Ministern lange Unterredunger: über die Judenfrage. Er überreichte mehrere Denkschiristen, die mit Hochachtung entgegengenommen Wurdm. Der!Minister Grgf Ki-ssLljew, ein Spezialist für Jwdensachm — er hatte 1832 in der Moldau und Walachei das „Reglement orga- ' mque" geschaffen und darin auch die Judmfrage „geordnet" — schlug Monte sin re vor, einige hunderttaufmd Juden aus Rußland nach Palästina zu verpflanzen und auf diese Weise zur Lösung der Judmfrage in Rußland öeizutragm. An einem Sabbat-Morgen erschim in Montesioreä Hotel ein höherer Offizier, der ihn im Auftrag des Zaren nach der Soldatm-Synagoge begleitm sollte. Sie wanderten einige Mellen nach der Kaserne, wo in dem eigens für die jMschen Soldaten eingerichtetm Vethaus etwa dreihundert Andächtige versammelt warm, an derm Gottesdienst Montesiore teitrrahm. Er konnte sich überMgm, wie Nikolaus für das Seelenhell seiner jüdischen Untertmren sorgte und über die Hellighclltung der jüdischen Religion wachte. Montesiore hatte Wllna, Kvlvno und Warschau besucht, überall von den russischen Behörden mit ausgesuchiter Höflichkeit Leharrdelt, von den Juden mtt überschwenglichern Jubel begrüßt. Seine Anivesmhett in Rußland hatte das Ansehen der Juden bei der Bevölkerung nicht wenig gehoben und ihr Selbstvertrauen gestärtt. Praktisch hatte er soviel bewirkt, daß der furchtbare Ukäs von 1843 still schweigend fallen gelassen wurde. Förmlich! aufgehober: ist er niemals worden. (Einige Jahre darauf entstand die noch hmte umgehende antisemittsche Lügenmär, Montesiore habe. 1849 in Krakau geweilt und ans eirrer dort ab gehaltenen geheimm jMschen Versannnlung seinen Glaubensgmossen emgeschärft, fortab nach! der Beherrschung der Presse zv streben.) Sonst hatte sich in Rußland nicht das geringste geändert. %, Im Jahre 1912 Ivurdc ein aufgefundemer! .Brief Lilienthals in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Juderrtums veröffentlicht, in rvelehen: er -mrtteitt, die Regierung habe ihr: direkt aufgefordert, zum Christerttun: überzutreten und unter der: jüdischm Massen als Missionär der orthodoxen Christenheit zu wirken, worüber er entsetzt war. Lilienthal warf schließlich 1816 seine Flinte ins Kor,: und ging nach Amerika. 3. Der Heevesdionst. Wem: die Juden über das Wohlrvollen des Zarm Nikolaus I. irgendwie im Zrveifel roarm, so brauchten sie nur den Militärdienst zn betrachten, zu dem er sie herangezogei: hatte. „Das Schicksal der russischm SioMten nutey 9tikolaus 1. war furchtbar. Schlecht genährt, elerrd gekleidet, durch Exer» zierübungm halbp-t gequält, echickt er Vbendö^M M dM