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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-21 · Heft 3044 (21.8.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3044 (21.8.1927)
Date
1927-08-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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9iv. nnu Wien, Sonntaq Wiener Morgenzemrng 2^. Aügust T92r 'BPTti "0 VEem Zudenrazzik». m ttevkkfsll auf Die Gemeinven in Den Greiiglmiikten. B u d a p ft, 20. August. Die von der SJnhi. Staalspolizei in den östlichen 0;!rc -/oniitoten üü-er'-ül > eise inirchgesührten Fremdrrlrazzien wachsen sich 'iurue: me'.r zu elfter planmäßigen Judenverfolgung ans. D e in Budapest dtthngeuben Berichte und Beschnerdert ’bcr jüdiftstan Gemeindevorstehungen ans den von'dm Razzien Le ros cnen G-»- bieten wissen von den 'unglaublichsten Roheitsakten der aus B u d a p c st ’clt t f c lt b c t e it Polizei- Vr gane zu erzählen. Die 'Ragzien und Legitimatio.unr dauerten c i u e g a u z e W o ch e 'I n it g und erreichten, wie bereits gemeldet, arm letzten 'Freitag abends, ihren Höhepunkt. Obgleich znm Beispiel'in Szerencs auch viele Uichtjüdische, wirkliche Fremde wohnen, wurden diese entweder gar nicht zur'Ausweisleistung herangezogeu oder einzeln vorgeladcn und höflich 'behandelt. Dagegen wurden die 'Juden vor dem Tempel 'und tags vorher vor dem Bad Männer und Frauen f ö r m l i ch a b g e f a u g e n und in 'Gruppen durch die'Stadt zur Po lizei getrieben. Es wurde hierbei auf 'gar nichts Rücksicht genommen. So lvurde z. B. auch 'einer der angesehensten Bürger von Szerencs, Moritz Wein stock, Mühlenbesitzer 'u:d Hauseigentürner, der seit 40 'Jahren in Szerencs, wohnt und viele Jahre hindurch,Präsident 'der dortige r jüdischen p'cinreinde war, der Ausweisleistung 'unterzogen. Besondere Empörung rief die Roheit 'hervor, daß wie mit Absicht am Freitag abends und Samstag vormittags gerade die frömmsten Juden zur Polizei 'gebracht und einem langen Legitimationsverfahren ausgesetzt wurs.en. s Im übrigen werden die ''Judenrazzien auch in anderen Teilen Ungarns nach wie 'vor durchgeführt, wobei vielen Juden kurzerhand Ausweisungsbefehle eiugehändigt werden. Einer der krassesten''Fälle kam vor einigen Tagen im Komltatsmunizipl'um von Abanj-Torn« zur Sprache. Der Abgeordnete Geza Farkas behandelte in einer Interpellation den Fall des Kaufmannes Jakob Führer und seiner Familie. Obgleich Führer seit 50 Jahren ununterbrochen in der Gemeinde Encs lebt und dort einer der Höchstbestcuerten ist, tvnrden er und seine Fami'ie durch Detektive verhaftet und sollten in das Schubhaus nach «Budapest gebracht werden, um von dort über die Landcsgrenze ab geschoben zu werden. Jakob Führer wird noch immer als „Galizianer" angesehen und behandelt. Nur dem Einschreiten des OberstuhlrichterZ war -es zu danken, daß die ''Familie Führer nicht sofort ins Budapester Schubhaus gebracht wurde. ''Vorläufig wurde jedoch der Ausweisungsbefehl noch Iricht zurückgezogen. 'De lokalen Verwaltungsbehörden in 'den von den Razzien heimgesuchten Komitaten erklären alle öffentlich, daß sie diese Maßregeln mißbilligen, jedoch nicht "in der Lage sind', die vom Ministerium des Innern entsendeten Organe in. ihrer Arbeit zu stören. " Minister Bast würde keine antisemitWe« LenSenzen dulden. B n d a pe st, 20. August. - Der 'ste.lrertretende Ministerpräsident Prälat Va ß, erklärte zu den Meldungen über die skandalöse Razzia: „Hier 'scheint eine regelmäßig ■ sich wiederholende Und leider unerläßliche 'Sicherheilsmaßnahme falsch g e b t u i c t und in Tendenziöser. Weise aufgebauscht worden zu sein. Es 'hairdelt sich einfach .um die ständige I-n e v i de nz h a l t n n g der im Lande befürdlichen Ausländer und natürlich auch um eine Ueberprüfung dessen, ob sich unter ihnen /nicht auch vom .Gesichtspunkte «er öffentlichen Ordnung ettva nicht wün schens werte E le-, mente befinden. Von einer Belästigung friedlicher, unschuldiger Leute, oder gar von Maßregelungen antisemitischer Tendenz kann nicht die Rede sein. .Solche würde ich auch qar .nicht dulden!" Sie veemtÄen Honululu-Flieger. Sin» tzilssslugzeug albt Notsignale. Sau Francisco, .20. August. (Reuter.) Kapitän Erw«' n, der gestern mi«t seinem. Flugzeug ausgestiegen «ist, um mch den vermißten Honolulu-Fliegern zu suchen, ... hat heute drahtlos Notsignale gesandt, in denen er mitteilt, daß er sich selbst in einer schwierigen Lage befinde. Zur Zeiit'd'eser Mclld-uug war er 592 Meilen von San Francisco endfermt. Alle erreichbaren Schiffe sind von der Marine-Funkstation benachricht«lgt worden. Mehrere sind bereits zur Hilfeleistung unterwegs. In euer bei der Federal Telegraph Company in Los An,geles eingclaufenen drahtlosen Depesche meldet ein Schiff, «daß es auf 127 Grad 22 Minuten West und 37 ^rad 32 Minuten Nord ein Leuchtsignal gesehen und zur etwaigen Hilfeleistung beigodreht habe. Verschwundene russische Schiffe. Unter »er WletruMtzen Slam. Bukarest, 20. August. (Orient-Rad'o.) Die Matter bringen Einzelheiten zu der Frage des Verschwindens des Schiffes „C o st y". Die „Costy" war ein russisches Schiff. Es Web nach dem Kr'ege im Besitze der Armee Wränge! und wurde an ausländlsche Reeder, verkauft. Nach der Abfahrt von Galatz hat ein Teil der russischen Besatzung zwei Offiziere getötet und den Kapitän schwer verletzt und nahm den Weg nach Odessa, wo sie nach ihrer Ankunft die sowjetrussische Fahne hißte. ' Die Blätter sprechen heute auch Befürchtungen über das Verschwinden eines Schiffes aus, «das der französischen Gesellschaft Dreh fuß gehört. Das Schiff war immer russisch «gewesen und hatMm Teil russische Besatzung gehabt. | Aussperrung in der österreichische« Seuseuiuduftrke. rss» Arbeiter in MrSftemIch Betroffen. Li u2.?. August. Vor ettva acht Mvna.e.r stelle «er österreichische. Metallarbeiterveband Lohnsordcruugen ‘ für Ltc Sensenarbeiter Oesterreichs. Die 'Seilßnwerksbesitzer haben jedoch nur eine 'Lohnaufbesserung für jugendliche Arbeiter zugesichert. Ter Metallarbeiterrerband, beziehungsweise die Sensenarbeiter, beharrteN jedoch im Verlaufe der weiteren Verhandlungen auf ihren Forderungen. Nun'mchr hat der Verband der Sensenwerksbesitzer heute beschlossen, säsmtlichen Arbeitern zu kündigen und sie zu entlassen. Als Grund dieser Maßnahme, von der etwa 2500 Arbeiter betroffen werden, geben die Wcrksbesit^r die ungünstige wirtschaftliche Lage i- Sen.senindustrie au. ßin Wonagevrozeß in der Tschechoslowakei. Prag, 20. August. Im Febr.l-.rr d. I. wurde in Pardubitz ein junger Manir ua'mens Karl Spinka, Student der Phi'osophi'', vorde'm in Berlin wohnhaft, beim Photogmphiercn der dartigon SprengstofsabSik betreten und verhaftet. Die Untersuchung, seines Gepäcks förderte eine r ansgjodchnte chiffriert« Korvespondcmz zutage, aus der sich ''ergab, daß Spinka von eitler auswärtigen Macht mit Spionagediensten zuungunsten der Tschechoslmvakei betraut war. Es wurden auch sein Vater, Ingenieur Gustav Adolf Spinka aus Falkenaii, und der Prager Bankbeamte Hans Casanova, als der Mitschuld dringend verdächtig verhaftet. Gestern fand in Prag die Verhandlung in dieser Angelegenheit statt. Ter Gerich.shof gelangte zu folgendem Urteil: Karl Spinka ist schurig, im Dienste des Hauptlnranues Griebl ans Breslau, Chefs der dortigen Nachrichtengruppe, zugunsten der deutschen Republik Spionage in Pardubitz, Falkeuau und Pilsen betrieben zu haben, so daß sein Verbrechen gegen die Sicherheit be3 tschechoslowakischen Staates dreifach qualifiziert erscheint. Gr wird auf Grund 'des Paragraph 6 des .Gesetzes zum Schutze der Republik zu sechs Jahren schweren Kerkers, verschärft mit Fasten in jedem Vierteljahr, verurteilt. Der Vater Karl (Spiukas, Ing. Gustav Adolf Spinka, wurde s rei g e sp r o ch e n, wühreud Hans Casanova zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, weil er als Mitwisser des von Karl Spiuka geplanten und begangenen 'Verbrechens nichts tat, um es zu verhindern. Ae Mondaiskommission. Sitze für gtaiien und Dentschiand. Paris, 20. August. „Echo de Paris", verzeichnet Gerüchte' aus Londoner Kreisen, ivonach seit zwei Monaten zlvischen Rom uni» Berlin Verhandlungen betreffend die Ueberlassnng eines Sitzes in der Mandatskommission des Völkerbundes an Deutschland geführt werden, die nunmehr vor dem A b s ch l u tz steheir sollen. Nach dem Inhalt dieses Abkommens würde Italien in Genf und auch sonst die kolonialen Bestrebungerr Deutschlands unterstützen, wenn dieses die Priorität der italienischen Forderung anerkenne. Das erste zu vergebende Mandat soll also an Italien fallen. Wenn zw e'i Mandate gleichzeitig zu vergeben wären, so würde eines an Italien, eines an Deutschland fallen. Keine AnMung der Lemberger Aadtrater. Lemberg, 20. August. Gestern erhielt der hiesige Woiwode zur allgemeinen Ueberraschung einen Erlaß des Vizeministers des Innern, laut welchem der, Lemberger Stadtrat im Sinne eines Ministerratsbeschlusses vorderhmrd nicht aufgelöst wird. Auch von der Ernennung eines R e g i e r u n g s k o m nr i s-s ä.r s ivird derzeit abgesehen. Es werden bloß die in den letzten Jahren in den Stadtrat kooptierten Natmänner abberufen uad durch neue Mitglieder ersetzt iverden. Ob und in jvelchem Verhältnis hierbei die jüdische Wählerschaft Berücksichtigung finden soll, geht aus dem Erlaß nicht hervor. 8in Ausgleich im Hause Shapliu. Wie die Nelvyorker Blätter aus Hollywood berichten, steht ein Vergleich zwischen Charles Chaplin und seiner Frau bevor. Chaplin soll seiner Gattin eine einmalige Abfindung von einer'Million Do l-, lars bezahlen; die Austragung 'der K.äge soll unterbleiben. Die Avei Kinder 'sollen in die flbhut der Mütter übergehen. Antisemitismus und 8hriftent?m. Der Vatikan an» »le zwensmge. ' Die Meidurrgen üb.r ci-.e piun.mebung des Papst.'^ gegen den Antisemitismus sine, wie berichtet, von - Rom arls als haltlos dementiert worden. Wir hatten die Angelegenheit von vornherein mit allem Skeptizismus behandelt. Immerhin ist durch die in der katholischen Presse entstandene Diskussion wertvolles Material über die Auffassung der Frage in riesen Kreisen, zutage, gefördert trordem Den Artikel Jerzabeks, der den Papst vor einer Einmengung in die Weltanschauung des Pogroms warnte, haben wir bereits besprochen. Von höherem Interesse ist aber eine gestern im „Weltblatt" erschienene Betrachtung, die mit drei Sternen gezeichnet ist und, wie das Blatt erklärt, aus derMittedes katholischen Klerus stammt. Der Autor ist demnach in Fragen der Mcnschl'nliebc sachverständig, nicht aber in der Geschichte! seiner Religion, denn er würde nicht das Gebet der Liebe Manktvegs annektieren. Das „Liebe deinen Nächster wie dich selbst, die erste und schönste Fassung des Gebotes stammt von dem Juden Hillel; das mag ja bedauerlich sein, ist aber nicht zu ändern;, auch nicht einzuschränken, wie dies der Verfasser mit der wohlwollenden Bemerkung tut, daß die Feindesliebe „teilweise auch den Juden bekannt war", sich aber auf die eigenm Volksgeiwssen bezog. Wie der Ausspruch Hillels zeigt, ist dies untvahr. Amüsant ist die Mitteilung, daß die katholische Kirche am Karfreitag für die „ungläubigen" Juden betet, wobei der Artikelschreiber das lateinische Wort „perfides" mit ungläuT>ig übersetzt. Ach nein, es heißt „trei>- los, gemein", ist also kern Ausdruck für Liebe . . . Der Mann kennt nicht die Geschichte, er kann nicht lateinisch. Er kennt auch! nicht den Talmud, denn sonst lvürde er nicht behaupten, daßder Talmud den Juden erlaubt, die Gojim zu betrügen^ Wo erlaubt er das? Allerdings ist auch hier eine Einschränkung vorgenvmmen. Der Talmud sei nur eine Sammlung von Ueberlieferungen und Gesetzeserllärungen hervorragender Männer. Dann würde es sich also gegebenenfalls um eine Aeußerung handeln. Wenn nun ein hervorragender Manu christlichen Bekenntnisses, wie ettva JerzaLek oder Riehl, den Antisemitismus der Tat betreiben, ist das etwa maßgebend für die römischen Katholiken? Wobei wir noch bemerken, daß daßJudentumüber keinen hervorragenden Mann vom Range des Jerzabek u nd Riehl verfügt und daß im ganzen Talmud nichts von dem steht, was antisemitische Jgnorantm aus ihm heran/' lesen wollen. « Der Artikel beklagt sich dann über die G-l aubewsl o s i g k e i t unter den Inden, die aber> auch nicht ausreichen würde, um den Judenhaß zu rechtfertigen. Denn es geht doch keinen Menschen etwas an, wenn jemand glaubenslos ist. Und es ist ein starkes Stück, die Juden für die „Arbelfter-^eitufil«g" und den „Asssinß»!" verau^krMch Kt machen, für „Presseerzeugnisse, in denen die Christen wegen ihrer Religion verspottet werden". Das Judentum hat sich darum nicht zu bekümmern und es wird nicht die Christen als' solche für die freche Ritualmvrdliteratnr mld für die „G ehe im nisse der Weisen! v o n Z i v n" verantwortlich machen. Wobei doch jeder Mensch weiß, daß die Juden der genannten Organe dem Judentum sehr,' sehr ferne stehen. Wir sind nicht geneigt/ anzunehmen, daß alle Katholiken so denken, wie dieser dreisternige Autoraber er s^cint uns zu bestätigen, daß sie so fühlen. Las Urteil gegen den votterMerer Majewsty. Aus Berlin meldet die Jüdische Telegraphen-Agentur: Unter der Anklage der Gotteslästerung Und der iAüfreizung zum Klassenhaß stpud gestern der Buchhalter M a - jewsky vor der Berufmrgsstrrafkammer des Landgerichtes 3. Kurz vor den jüdischen Feierrtagen hatte der Angeklagte in „deutsch-sozialistischen" Versammlungen als Flugblatt ein Gedicht mit dem Titel „Die Nationale" verbreiten lassen, das nach der Melodie der „Internationale" zu singen war. In seinen Versen wurde zjum Kampf gegen das Judentum aufgefordert. So hieß es u. a. darin: „Schlagt Juda tot! Werst die Juden in das Meer, kein!Moses wird sie daraus erritten." Weiters wurde darin der jüdische «Gott als. „Satansgott" bezeichnet. Der Zentralverein derctscher Staatsbürger jüdisch>en Glaubens erstattete daranMn die Strafanzeige und Majewsky würde vom Schöffengericht wegen Gotteslästerung, in Jdealkonknrrenz mit Aufreizung zum Klassenhaß zu drei Monaten Gefängnis verurtnlt. Hiegegen legte er Berufung ein, zu deren Begründung er gestern vor dem Laichgericht lange Ausführungen religiöser Art machte. Fm wesentlichen suchte er dadurch zu beweisen, daß „der Gott der Juden ein anderer als der Gott der C h r t st e n" sei. Auch machte er das Judeirtum, das „den Krieg angezettelt" hätte, dafür verantwortlich, daß er dreieinhalb Jahre ohne Erwerb geuiesen wäre. Schließlich! nahm er den Paragraphen zum Schutze dev berechtigten Interessen in Anspruch. Ihm ivurde vom Vorsitzenden, Landgerrchtsdirektor Dr. Siegert, entgegengehalten, daß tx sich in eine Ideologie verrannt habe, die er hier nicht mehr meistern könne, denn seine Ausführungeic seien alles ko n - fuses Zeug. Das Gericht kam zu einer Bmverfung der Berusitng, da ein solches!Machwerk in unruhigen' Zeiten, geeignet wäre, eine Pogromsttmnmng hervorzurufen und deshalb eine schivere Sttafe am Platze wäre, zumal der Angeklagte eine auf gleichein Gebiete liegende Vorstrafe ausiv/st. / * / L

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