Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3042 (19.8.1927)
- Date
- 1927-08-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener M-rsenzettmrg IS. August 1927. Seüe-S 2 "fW." San Franziska-Honolnl«. SSM Mlomet» k« M Stmtde«. ZAisilöGw^k, 18. August. (Tel.-Komp.) Nach einer MsKmug aus Honolul-n blieben -die Flieger Archuc ^rjydb’t I und Leutnant Davis auf dem Doppeldecker „Woolarao" Sieger im Luftdcrlby San Franziska—Hono- Tttfot, Sie brauchten zu dem Flug über eine Strecke von 3900 Kilometer 26 Stunden. 17 Minuten 20 Sekunden. Des Mrgzeug befand sich während des ganzen Fluges in funkentelegraphischer Verbindung mit Schiffen ans hoher See und dbn Radiostatimren des Festlandes. Nach einer späteren Meldung pasiierte ein zweites Flugzeug die Insel H i l o. Bon den beiden anderen Flugzeugen ssihll bisher jede Nachricht. Sie wurden znlcNt etwa tausend ZMometer vom Ziel entfernt gesichtet. Ae politische Bedeutung de« Fluge«. San F r a n z i S k o, 18. August. (Reuter.) Der Flug nach Honolulu wird im fernen Osten mit gespanntem Interesse verfolgt, namentlich auf den P h il'ip p in cn und \n Australien, die Hawai als Zwischenstation für cüttc engere Verbindung mit Amerika ansehen für den Fall, daß auf Grund dieser Versuche ein Ausbau des Flugverkehrs nach dem fernen Osten erfolgt. Die Gesamtkosten des Fluges lvevden auf ei n c V i e r t e lmi Nt ött Dollar geschätzt. 8i« Beschluß de« Berbauder der slowakische« Fudeu. Auzs Pr e ßbürg wird uns gemeldet: Dert Verband ber slowakischen Juden hielt eine Sitzung ab, in der er sich mit der Aktion Lord Rothermeres und mit dem Begrüßnngstelegramm der jüdischen Vereine in Ungarn beschäftigte, worin die ungarischen Inden Lord Tothermere für dessen Pressekampagne zugunsten der Revision des Trianvner Friedensvertrages danken. Der Verband der slowakischen Juden beschloßan Lord Rotherrnere ein Telegramm zu senden, in den: auf die Lage der Juden in Ungarn hingewiesen und ihm mitgeteilt werden soll, dah die slowakischen Juden mit den Slowaken in der Verteidigung des Landes solidarisch seien. Diese Erklärung wurde einm ütig angenommen und kofort an Lord Rothermere überinittelt. Ile Wahle« rum zioulftenkongreß. .Aus W i £ n a wird uns geschrieben: Im hiesigen Wahlkreis für den 'Zionistenkongreß ereignete sich der seltene Fall, daß! die durchgeführten Kongreßwahlen von der Wahlkommission wegen einzelner Unzukömmlichkeiten annul tier± wurden. Im übrigen war die Wahlbeteiligung beispiellos schwach, nachdem von 8800 Wahlberechtigten bloß 20 Prozellt von ihrem Wahlrechte Gebrauch machten. Die meisten Stimmen wurden für Eth-Liwnot (137), Misrachi (132) und die Revisionisten (127) abgegeben. Ser Kommunist Franz Flala enthaltet. Bon den in Haft befindlichen Demonstranten des 16. Juli wurden vorstern ^abends die Kommunisten.Franz Fial'a und Karl Rnmmersdorfer, letzterer RÄ>crk- Levioe komm Mt 1«m Prokfiug. Paris, 18. August. (Tcl.-Komp.) Der Flieger C o st e unternahm gestern einen dreistündigen Flug mit dem Apparat „Nungesser-Coli" auf dem Flugfeld Le Bourget und erzielte eine Stundeugeschwindigkeit von 260 Kilometern. Er lvar von einem Freund begleitet. Der Flieger D r o u h in ivartete dm ganzen Tag über auf L e v i n e, um mit ihn: einen Probeflug zu nnternehmen. Die „Miß Columbia" mutzte nach vergeblichem Warten wieder l tt J> Mt Hangarzurückgebracht werden, wo sie unter polize i l i ch e r B c w achnn g sicht. Ser Ruudflvg um Suropa. Major Weift wieder in Paris erngetroffen. Warschau, 18. August. (Tfch. P.-B.) Ans dem Flugfeld bei Posen sind gestern nachmittags unerwartet die französischen Flieger Major Weiß und S-e rg-eernck A s sel a n t gelalldet. Die fvmczöfischen Flieger, die gegenwärtig den Run d flug um Europa abso-lv'ieren, befinden sich auf dem Rückweg von Osteuropa nach Paris. Sie wollten von Warschau n aeh Wien fliegen, doch mutzten sie wegen ungünstiger atmosphärischer Berh alt nisse die Flugrichtung ändern und nach Posen zurückkehrcn. Von dort sind sie heute nach Paris geflogen und abends dort glücklich angekommen. tronsgehrlfe der „Roten Fahne", auf freien Gu.ß gKso tzt. Die Untersuchung gegen beide dauert ß-och^Mt. Re Molen in Weißrußland. Mehrere hundert Me.— Dle Bezirke durch Mittör adgesperrt. Marsch a u, 18. August. Zur Bekämpfung der Cholera in Weißrußland, von der bereits, mehrere hundert Falle amtlich zugegeben worden sind, haben die satojetrussischen Behörden jetzt auch Flugzeuge in Dienst genommen. Die FlÜogjvr bringen m döe abgesperrten Cholora- VezrrLe Hcklmiittel mrd ULahrmrgsinittel. Auf diese Weise kann di!o Aösperrmrg, die durch Mlitär aufrechterhalten wird, sehr streng dnrchgeführt wvtdm. Diesseits der polnischen. Grenze sind bisher, entgegen anderslautenden Gerüchten, keine Ansteckungsfälle feftgestellt worden. Der schiefe Turm von Pisa. Dis Neigung mn 9 DMrmeter verschoben. Die römischen Zeitungen befassen sich neuerdings mit dem statischen Zustaub des schiefen Turmes" von fPisa. Die „Tribuna" sagt, daß'vom Jahre 1918 bis'auf den heutigen Tag in der Neigung des Turines eine Verschiebung von 9 Millimetern zu verzeichnen ist. .Diese gebe zu Befürchtungen Anlaß. Vorläufig liege aber keine ,Gefahr vor. Der Unterrichtsminister habe eine Kommission »ernannt, die Vorschläge erstatten wird, um einer eventuellen Gefahr rechtzeitig vorznbengen. Re LoUerieschwiMer ia Preuße«. Aus Ber li-n wird gemeldet: Mach Abschluß der Untersuchung gegen die Lotderkebeamten Böhm und Schtbieä'w'ff'ei-n ist jetzt vcnr her StaatsanMalt^hast die -Älnklage wegen Betruges, wegen fchwe-nse fat&e&Tcf* '■twelTer Urkundenfnttchnng, wegcnc UrMMnvet- -nichttmg imd wegen falscher Bekundung erhoben wKtikM. Kelly Grosaveir« schreibt Memoiren. Bertragsabschluft wtthrmrd einer Prozeßpa-lse. Wie aus Leipziger Verlegerkreisen mitgetellt wird, hat Frau Nelly Grosavescu ihre Memoiren an eine der größten amerikanischen Verlegerfirmen um den Preis von 100.000 Dollar verkauft. Die «Memoiren, die eincst interessanten Blick in das Leben dewvielnmstrittcnon Frau geben, sollen in allen. Sprachen herausgegeben werden. Nunmehr erhebt aber eine deutsche Verlagssirma dqnMnfpruch auf Veröffentlichung der Memoiren mid beruft sich auf einen angeblich mündlich zustandegekommenen Vertrag, deH während des Prozesis^s m,it Frau Grosavescu int einer Pause abgeschlossen ivtorden fern soll. Die deutsche Finna droht nun mit der Klage. Die amerikanische Verla gsfirma soll sich verpflichtet haben, di^LÄbtznsgcschWe.der Frau Nelly Gvosavescü.in einer-noch nie dagtzwöftnen Auflage von e4ive>r M i lNöv^n Gxempkaren erscheine» z» lassen. Frau. Nelly Goosaveseu, die..gegenwärtig Mi ihrem Pater, dem gew^enonBeKirksm^K^v^p y wohnt,, hat sich noch nicht von ihrem LeÄew erholt Uftbi ist den ganzewTag über mit der Mfasfung ihrer Memoiren, die nunmehr bis zur Gänze ftrtiggestellt sind, beschäftigt. Frau Grosavescu empfängt keinerlei Besuche, so daß ein« Stellungnahme der Frau zu dem Streit um das BerHigsrecht. ihrer Memoiren Sitte nette MethÄie zur FWelluus der Baterschuft. Anthropologische Merkmale statt Blutprobe. Die in der letzten Zeit aufgekommene Anwendung Blutprobe zur .Feststellung der Vaterschaft bedÄrtete grundlegende Umwälzung der Gerichtspraxis auf diesem Rechtsgebiete. Gegen die Anwendung dieses neuen Beweismittels, zu dessen Gestattung nach einer Entscheidung des -Obersten Gerichtshofes niemand gezwungen werden kann, tvurden zahlreiche Stimmen laut, weil das Ergebnis eines solchen Bewoisverfahrens nur nega>dtzv Hst, d. h. es wird nur ststgestellt, daß der Beklagte mi-ch.t dvu PaE^-r des Kindes sein könne. Nnn hat ein Gericht ZmN 'Wstenmjal zu einer neuen Methode gegriffen, die vpn^^MEniv.--Kvs- Dr. Reche vertreten wird. ' 1 1 lPwf. Rech: behauptet nämlich, daß lcmchrvpiolo^ gischem Wege eine pos^-bvv« s-estgeMkt werden könne. Die Möglichkeit, «nf diesem ÄLege Verwandtschaft festzustellen, beruhe auf Idee Tatsache, daß jeder Mensch bestinrmte MorphivlvWHche, phMrol^ gische und psycholvtgrW« Eigenschaften vdn seinen Borfahren ererbe, die die Möglichkeit bieten, Mit Bestimmtheit eine Verwandtschaft abzuleiten. Me MchropokogisHe UntersuHungsmethode Acht von demselben GtrwÄgätWiken aus, der dem polizeilichen ,EnckeiMungsverfahixen, d!ev Weinaimten „Bertillag-e", zugrunde liegt^ .Durch Unitersuchung und Vergleich einer großen 'Zahl pon WerknvakeN wird die Zahl der in Betracht kommenden Herspnw derart eingeschränkt^ daß schließlich nur mehr, eine einzige jübrig bleibt. Gehören beispMlsweiseBlW.000 WwsHrN er»^ Blnt- 'grnppe an, so haben bloß 50.000! hievon den igteich^n „Papiklar wert", Von den 50.000 nur 10.000 bkesäbe Kopfforur, bloß 500 noch dieselbe Nase, nur M) drestÄe Ohrform, nur 20 noch denselben Schnitt der.Augen, nur /QQOQ€H»OQQQQQOPQQQQQQOQQeQQ®Qee «COOOQCOOOQOOOOOOOOOOOOCOOOCOQCQOOOCOOOOOCQCOOOO» Stveiimdvierrlg Friedhöfe... iGestern mußten wir melden, daß in Deutschland ,im Zeiträume von zweieinhalb Jahren der 42. jüdisch: Friedhof geschändet wurde. ' Kein Wort der Enchörmrg! über diese Untaten. Schrecklicher als das barbarische Wüten ans jZwischen Friedhöfen, das llmlegeir, Zerschlagen, Beschnnltzen. von Grabsteinen, das Verunglimpfen mit haßtoütigen Anschriften ist die tmurige Tatsache, daß irgendein Zeitgenosse die Idee ausgeheckt hat, das Judentum durch beit Guerillakrieg gegen seine Leicheirsteine zu treffen. In der Zeit des Berbrcuneus, Räderns, Riemenschnei-. dens aus deur lebeirdigeir Leib hat ein Sadist eimnal die schrecklichste aller Foltern ersolmen. Die „Folter der Koffnulrg'^. Der zum Martortvd Verurteilte wartete im Kelterverließ auf die entsetzliche Stunde der „verschärfte^ Hinrichtung". Da öffnete sich plötzlich das eiserne Tor des Kerkers. Keine Menschrnseele auf den Wendeltreppen zum Hof, auch das Tor des Hofes geöffnet. Offen stand der Weg ins Freie. Er ging hinaus. Langsam, erstaunt nur sich blickend, von Schritt zu Schritt in der Hoffnung gestärkt, daß ihm die Rettung winke. Mer drarrßen, hinter Bäumen versteckt, standen zrver Ordeirsbrüder, tauchterr plötzlich' auf, schlarrgeu die Arnre um den Urrglücklichen rurd sagten ihm: „Nein, geliebtes Menscheirkind, deiue S^ele bleibt nicht ung-erettet. Sie wird durch das "Feuer gereinigt werden.^ Und schon lvareir die Henker da, fesselten den D^lim guenteir von rreuem und führteil ihn nwler milden Zusprüchen der beiden Geistlicherr in die ArmesüirderzM. Eine derart .?na'isiz,'erte Folterung der jüdische? Psyche, ersonnen im >20. Jai'rhun^ert, ist die Bernnglirnpfuixg und Beschmutzung jüdischer Friedhöfe. Wir Judm sind ja < nicht die eiuzic-eu^ denen der Ort" Mendlkch vi^l bedeutet. Wer es »soll doch daran erinnert werden, daß für die Erhaltung der Frickhose unsere Vorfahren unter den schwersten Wdingungen und mit heroischen Anstrercgungen gewirkt haben. Ein leuchtendes Beispiel iist die Tat des Koppel Frankel in den Tagen lhev blutigen Judecwertreibung aus deM'Wetter Ghetto „Im Werd". Ms nach jener erschüttertlden Bittschrift, in welcher geschlldert ist, daß „Greifen .Arm nn Bein gebrochen", das Leben „gleichsamb als ein Straft", der Tod als Erlösung enrpstmden werden müsse, — als damals vor dein „Auszug", dem Spießrutenläuferr längs des Donaukanals aus jdep Stadt, das iGhetto geplürrdert Und in rasender Pogronüvut die Menschen gequält wurden, verließ Koppel Frmrkel sem gefährdetes Haus, seine gefährdeten Familienmitglieder, ging von Faimlielwater zu 'Faimilienvater, nahm ihm ciiicu Betrag ab, rannte zunt Magistrat, erlegte 3000 iGulden und bat unr einen Revers, toonach sich die Wiener verpflichteten, den Friedhof .unversehrt zu belassen, wenrc schon die GHetdobüvohner gxfyltevt, erschlagen, verjagt werden. Ter Revers wurde unterschrieben und eingehalten. Die Wiener Jnd^rsiedlUlnjg tvar vernichtet, aber der Friedhof in der .Setzgasse blieb erhalten. Eine jüdische Tat, würdig, durch ein Heldenepos vereinigt zu werden, diese Friedhossrettung durch Koppel Frankel in beit Tageic qualvollster Drangsalierungen. Mt Recht schrieb Theodor Herzl in seinen» „Judenstaal", dieser faustischen Blsivic von der geordneten.Wanderung der Jicden nach Palästina: „Am schverften wird uns der Mschicd von nuferen Gräber»r sein." In ein«: ivlliiderschülkeit Wiener Sage ist die Hei lg :>g der Leichname, die Sorge um ihre Bestattung verheer'ich:. In der S^ul'. die auf denc helitigen. Jndenplatzstand, hatten sich des Nachts die Juden selbst anlleibt, nur der. Taufe und den weiteren Folterungen zni entgehen, Pie bekanntlich vor der Judenverbrenmmg f(1T21h auf der fGänseiveide vor ftH gingen. Die Leichname würden auf deuwSchrndanger geschleift. Dort aber legte sich, wie die Legende erzähst, cit& Mauer schützend über die Toten, pm sie vor den lftmgrigen Rabeu zu bewahren. Und allabeEich leuchtete auf dem Kahlenberg ein heiliges Licht, solange, bis es .den überlebenden! Juden Möglich war, .unter dem Schutze der Nacht dle Leichen zu waschen, ür ihr Sterbehemd zu kleiden ^und zü bestatten » Eine Zeitepöche, in der diese systematischen Frixdhofsschändmrgen als politisches Kampfmittel, als' Dokument der Gesinnung, als Sinnbild der Mißachtung eines Volkes in dieser erschrecklichen Häufung fortgesetzt geübt werden, ist gebrandmarkt. ( ' Begreiflich, daß alle Nichtjuden/ die sich für die Gegrnlvart mitverantwortlich fühlen, mil! Empörung und Entsetzen diese Schandtaten verurteilen. Bedauernswert bie Jugend, die von Trähtziehern zu solch löbllchrni Tun augestiftel, ^erführt, für die Vollbringung belohnt wird. Wer die Wilder etwa von dem Friedhöfe zu Köln geseheir hat, die /das unglaubliche Wüten der Friedhofsschäuder an Grab- , steinen und Grabhügeln erkennear fassen, verhüllt sein Haupt . Er unterdrückt sein Persöulich.'s Herzleid, er will nicht an die Angehörigen denken, von denen so manch-r nicht minder getroffen ist. als damals am Tage des Wsterbens seines Vaters oder Bruders, seiner Maller oder Tvcht-r — er trauert um eine J'.>geicd, die sich zu. dieser im sinnigsten und doch eiltsttzllchsteic BcrunglAnpfur'g tz.rführcn lieh. Die Zeit ist mcs Ven Fugen. V- \