Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3038 (14.8.1927)
- Date
- 1927-08-14
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1(> Wien, Sonntag Wierev Morgenzeitung 14. August 1927 Ar. 3038 jetzt schon frei der .ttriti* gefunden hat. ge Neu mir recht. Kein brillantes, mit allen Aggredienzien geschickter Nomannmche herauHstafsiertes, auch kein technisch ciuivandsreies Buch. Aber sauber, wahrhaftig und gemütvoll. Wiener Juden von der Zeitwende, die letzten, wie sie noch Leopold Kompert sah. Im nutzeren Habitus recht vernachlässigte, aber innerlich noch sehr lresenhafte jüdische Menschen mit starker Seele. Sie ivurden von den Herren uttö Damen „Israeliten" abgelöst, die schon verflucht reich an Zrdilisationswcrten loaren, so sich an Bügelfalte, Krawatte, geborgtem Wiener Dialekt und dem Bedürfnis äußern, in den noblen Kreisen der anderen geduldet zu werden, um jeden Preis. Dann kamen. die politischen Streber, die Kobigigerln, die Jourjüdinnen, welchen der „Jargon", den Hichler seine Leute mit schöner und tapferer Konsequenz sprechen lätzt, weil er ihre Sprache ist, ein Greuel war, wie die Modepuppen gesetzteren Alters ihr Spiegelbild erschreckt, des Nachts vor dem Schlafengehen, wenn sie sich cntsgezogen und abgeschminkt haben. — Ich erwarte mit Interesse Hichlers nächstes Buch. OttoAbeles. I VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Zu GqiLirort^s GO. Geburtstag. Der Uebersetzer GalSrvorchhs, Leon Schalit, ist mit der Beendigung eines Buches iib.er Galsworthy beschäftigt, das zum GO. Geburtstag des englischen Schriftstellers im OÄover erscheinen soll. Das Buch wird eine erschöpfende Biographie deS Dichters sowie eine ausführliche Analyse seiner Werke geben und im Verlag Paul Zsolnay erscheinen. Von Schalit überseht, bringt der nämliche Verlag GalSworchys neuesten Ronmn „Schwanengesang" am' 1. September gleichzeitig mit ddr englischen Originalausgabe heraus. Eine neue Heuw-MovograpHk in italienischer Sprache hat Rodolfo Bottacchlar! bei FrateM Bocoa in Turin herausgegeben. Eine deutsche GesamrmiHkabe der Werke von G. H. r Wells veranstaltet der Paul Zsolnay-Verlag, Berlin-Wien, l Der in den nächsten Tagen erscheinende, gro^ngeleghe ' Roman des berühmten englischen Dichters „Menschen, Göttern gleich" eröffnet die Reihe seiner Gesammelten Werke in Einzelausgaben. Die Gesamtausgabe der Werke Pestalozzis. Die im Verlag von Walter de Gruyter in Berlin erschKnende, von Buchenau, Spranger und Stettbader herausgegebeuc erste vollständige Ausgabe sämtlicher Werre Pestalozzis wird in Ausführungen deS Preußischen Kultusministers an die Provinzralschulkollegien und die Regierungen alS die würdigste Ehrung im Gedenkjahr Pestalozzis bezeichnet BÜCHEREINLAUF. H. Dupuy-Mazuel: Der Schachspieler. Verlag Th. Knaur Nachf., Berlin W60. Heribert Grügvr: Liedersidel (Kinderlieder), gemalt von Johannes Grüger. Ostdeutsche Verlags-G. m. b. H., Breslau. A. S. M. Hutchinson: Das achte Wunder. Drei-Masken» Verlag, München. Else Rabe: Der Hasen (Roman). Volksverband .der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag, G. m. b. H., Berlin. F. C. Weitzkopf: Umsteigen ins 21. Jahrhundert. Mal'.k- Verlag, Berlin. Der -falsche Prinz. Leben und Abenteuer von Harry Domela. Malik-Verlag, Berl'.-n. Der Kftnij ital geweint Von Kurt NOiizer Die PrinjeAn, zekicidet in gerissenen gelben Samt, die Frisur zerstört von ihren Händen, die in Schreck und Schmerz hineingegriffen hatten, rvankte aus der Tür, der Helle des Saales, in den schmalen dämmerigen Gang, verwirrt und betäubt. Draußen stand die! Königin, eine üppige, blasse schöne Frau, und hatte gerade noch Zeit, das junge Mädchen an ihre hohe Brust zu drücken; dann mußte sie Maus. „Gemacht!" flüsterte sie nod) schnell. Dann ergriffen, viele Hände die Prinzessin, zogen sie fort, ins Licht der Hinterbühne, ins Konversationszimmer. Der Direktor küßt: iHe, man drückte ihr einen Strauß weißer Orchideen in dip Hand. Sie starrte alle an, als wären es Fremde, Geister, fiel in einen Sessel, ließ, diq Arme sinken, d^n Kopf hintübx.r fallen, wurde von eirwm seligen Lächeln verklärt und fagtP tcef seufzend: „Durch! Durch! Sie haben mich gerufen! Ge" siegt! Ach —" Die Friseurin kam und richtete ihr, die Frisur zur letzten l^ene. Es war gegen das Ende des vierten Akt^s. Dix. Gar- Äewbefrau band ihr den gelockerten Schuh. fest. Don Carlos reichte ihr das Glas Wasser, wonach sie lechzte. „Langfiwr, vorsichtig," sagte besorgt der Großinquisitor und legre fchue wei^: fette Hand auf ihren Arm. 'Die Prinzessin erholte sich Aus der Leidenschaft, dein 'Kummer der Eboli kehrte sie nun schnell zurück in die lächelnde 'Kühle der Barbara Lys, des jungen Mädchens, der Debütantin, die soeben berühmt geworden war, mit ein^m Schlage aus der Namenlosen Menge dev Eleven in die glänzercke Reche der ersten Komödianten versetzt. Six hörte nun und sah wieder Menschen und Dinge ringsum, spürte Plötzlich — voll Glück! — Neid und Mißgunst um sich, Bewurckerung der Männer, Haß und Liebe. Dort stand der junge Btzaß, in Wams und Barett, klirren) in Waffen, kindlich jung trotz grauer Perücke und wallendem Bart, und starrte sie verzückt an. Aber nein, jetzt suchte sie einen anderen, dem sie danken mußte, ihrem Lehrer und Meister Wo war er? Draußen stmid er, im Mantel des Königs, den Hut in der Hand, >im Schatten eines' Versatzstückes. Er sah zu ihr hinüber, in das helle Zimmer hinein; sie fühlte seinen Blick. Und so stand sie auf, schleppte ihr schweres Gewand, das sie mit unbeschreiblicher Anmut trug, über die, staubigen Bretter und ttat zu ihm ins Dunkel. Sie ergriff seine Hand mit ihren beiden heißen Händen und flüsterte ^twas. Er schüttelte den Kopf. ,Keinen Dank, Kind," sagte der alte König. „Ich tat's um meinetwillen. Aber du hast gesiegt, gewonnen. Morgen wirst duks lesen. Und so gebe ich dich heute frei, Parbara. Bis zu dieser Stunde meine Schülerin-'— bist du jetzt selbständig geworden. Ich habe dir nichts mehr zu geben, als vielleicht gelegentlichen Rat. Du bist fertig. Nun liegt es an dir, das Höchste zu erreicheir." ,Meister," sagte die Prinzessin und hob süne Hand auf. „Lassen Sie mich —" Ec entzog ihr seine kalten Finger. „Von heute ab „du", Barbara. Nicht länger sind wir Lehrer und Schülerin, jetzt sind wir Kollegen, gleichgestellte Künstler. Und darum darf ich dir auch heute sagen, was ich dir bisher nicht sagen durste. Heute können wir als freie Menschen zueinander reden; gestern warst du noch so etwas wie meine Hörige. Ich durfte meine Äigllung zu dir nicht mißbrauchen —" Ueber das Gesicht der Eboli zog ein böses, spöttisches Lächeln. ‘ „Ich beginne," sprach der König weiter, „mit der Beichte, daß ich nicht uneigennützig dir gegenüber war. Erst im Verlauf des Unterrichtes entdeckte ich-, daß etlv-as Großes in dir steckte. Anfangs — ich übernahm deinen Unterricht nur, weil du mich als Frau reiztest. Um mir heimliche Freuden zu machen, nahm ich dick) als Schülerin an. Ich habe böse Pläne verfolgt. Aber, Barbara, ich bezwang mich dennoch. Als ich dein Talent entdeckte, rvarst du gerettet. Nun warst du!nur noch Stoff, der: ich bildete. Meine Lxhrinstinkte überwältigten die anderen. Mein Ami hat dich beschützt. Wer jetzt, wo diese Schranke gefallen, wo ich nicht länger dein Lehrer bin, da kehren die alten Wünsche wigd^, nicht abgestorben, blutlos geworden in der langen Zeit, sondern so erstarkt, Barbara, so unwiderstehlich, Barbara. — O, Barbara, ich liebe dich." Sie sah ihm ins bleiche Gesicht, forschend, lauernd, bebend vor kalter Erregung. Sie studierte ihn, als machte sie ein Experiment. ,Höre!" sagte sie, leidenschaftlich in seine Züge starrend. „Höre! Auch ich habe zu beichten. Höre'. — Als ich vor zwei Jahren zu dir kam, fremd, arm, schon verdorben und beschmutzt von der Arbeit auf der Sommerschmiere, wo ich vier Monate lang, Abend für Abend alles, alles gespielt hatte, da wußte ich, daß kaum Hoffnung für mich, bestand, deine Schülerin zu werden. Mein Talent war nicht von der Art, daß es beim ersten Vorsprechrn herausbrach. Und mein ganzes Ziel warst du als Lehrer. Ich bewunderte dich maßlos, ich schätzte dich> als Künstler, dessen Denken dennoch im fertigen Spiel verschwand, dessen Intelligenz restlos.in Wort und Gebärde aufging. Du mußtest der ideale Lehrer sein! Als Mann warst du mir widerwärtig. Meine Fraueninstinkte schauderten vor deiner Art Männlichkeit." Sie erhaschte einen Seufzer. Wer der große Künstler wurde Plötzlich Schauspieler, gewann die Herrschaft über seine Mienen, und sie sah nur ein unbewegtes, blasses Gesicht. Fast verlor sie ihre Freude an dieser ihrer Szene. Wchm der Mitspieler nicht mitging, wieviel Nuancen verlor sie selbst dadurch! — Sie sah sich um. Sie waren allein auf ihrer Schattenrnsel. Von der Bühne her klang gedämpft und fern das Zwiegespräch der Königin und des Marquis. „-Sagen Sie Ihm, daß er für die Träume feiner Jugend Sott Achtung tragen, wenn er Mann sein wird." „Willst du mir meine Träume zerstören?" sagte der König leise. „Sind es doch," rief die Prinzessin lachend, „nicht Träume deiner Jugend! Du warst ssünszig, als ich achtzehnjährig zu dir kam. Ich kam und wußte, es war so gut wie hoffnungslos. Da beschloß ich, den Mann in dir zu bestechen! Durch den Mann wollte ich den Künstler gewinnen. Eitel seid ihr ja alle, kindlich-harmlos bei aller Intelligenz, allem Raffinement! Leichter zu fangen als!Mäuse mit Speck. Ihr fallt immer wieder herein, ihr lernt ja nichts aus euern Erfahrungen. Darauf baute ich meinen Plan. Ich sprach dir die Herv vor, so schlecht, wie ich sie im Kleinsten Wirtshaussaal nie gespielt habe; aber ich brachte Li-be und Sehnsucht dir dar, dich betetck ich an; ich schien verwirrt von dir, berauscht von deinems Auge, betört von deiner Nähe ... Du weißt nun, daß ich richtig gerechnet: du verliebtest dich in mich. Du gabst mir Stunden, täglich, kostenlos, UM dich an mir zu, erregen. Wäre ich nur Schülerin gewesen, du hättest, finich siirtgeschickt. Wer der Frau erlagst du! Ich zahlle mit dem Fluidum, das von mir ansging, du mit deiner Kunst. Ich verlor nichts und gewann alles, du gabst alles, und erhieltest nichts. Und heule..." „Heute?" fragte der König säst atemlos. „Nun, heute? Ta du meine Liebe spürtest, hat sie dich in zwei Jahren nicht bezwungen? Wenn ich dich heute mehr den:: je liebe, als freien Menschen dich frage, ob du nur gehören willst —" Sie lachte leise, wollüstig, warm. Er erzitterte. „Ich bin nicht stolz", flüsterte der König flehend. „Barbara, nicht stolz. Sei mein! Wenn nicht aus Liebe — o, id) bin nicht stolz — sei einmal mein aus Dankbarkeit! Ans Schuldgefühl! Ich bin gemein — vielleicht — sicher ich bin gemein und mahne eine Frau an Schuld. Barbara, ich habe dir zwei Jahre geopfert, ich habe dich zur Künstlerin gemacht, berühmt, herrlich. Nun zahle! Zahle mit einer Nacht, einer Stunde. Barbara, ich hätte es dir längst sagen können, ich hätte meine Macht als Lehrer, von ccm du abhingst, gebrauchen können,, ich hätte Bedingungen aller Art an meinen Unterricht knüpsem können! Barbara, ich wartete, bis du moralisch von mir frei wärest, bis dü als unabhängige Frau über dich entscheiden könntest! Ich habe ja in all den zwei Jahren geglaubt, daß du mich liebst. Und da war ich anstäridig! Anstänfiig wie ein Pfarramtskandidat, der wartet, bis die Frau sich ihm freiwillig schenkt. Weil ich gut, edel, großherzig war, deiue, Notlage nicht ausbeutele, bin ich nun der Betrogene? — Sei mein!" „Zu spät!" sagte.die Prinzessin. „Du konrmsi Pute zu spät. Jetzt bin ich frei von dir, airerkenne keine Pflicht, keine Schuld. Früher, hattest du da meine Hingabe verlangt, o, ich hätte nicht überlegt. Ich hätte dich mir um jeden Preis erhalten. Du hättest alles verlangen können. Was liegt an meinem Körper, loeitn ihn die Kunst als Opfer heischt! Hingeworfen hätte i'ch ihn dir! Llber heute, wo ich fertig bin, mein Ziel erreicht habe?! Nein, Freund und Meister, heute ist es zu spät!" ,-Gespielt!" rief der König. „Zwei Jahre mit mir gespiell!" ,Jch hab's von dir gelernt", erwiderte die.Prinzessin „Du hast gespielt", ssagtq der König :wch einmal. Und die Prinzessin antwortete wieder, mrlble und sanft: „Und gut, nicht wahr? Du mußt es zugeben. Mer eS ist ja mein Beruf und Leben. — Was Nullst du mir vorwerfen!" rief sie plötzlich heftig. „Ich bin schuldlos, nicht zu verdammen, zu beschimpfen! Verantwortlich, sieh dich um, ist das da!" Und sie beschrieb mit ihrer Hand einen Kreis über den ganzen Bühnenraum. „Das nicht", sagte der König. „Ich weiß. Dü liebst einen anderen." „Meinen Typ", antwortete die Priirzessin leise Und heimlich. „Ach, könntest du mein Vertrauter sein, mein Freund! Mein Typ ist Braß. Da sich ihn, den Lerma!! Unendlich zart und fein, biegsam, geschmeidig, Jüngling/ fast'Knabe, Ephebe im Erwachen seines Maimestums, Mospe, die eben sich öfftret/ unberührte Sehnsucht. — Ja, wir lieben uns, schon lange, lange. — Braß!" rief'sie hinüber, wip!Graf Lerma stand. „Braß, Braß!" Er kam langstun herbei, mit bösem Lächeln den König messend. „Sich hin", sagte die Prinzessin zu der alten Majestät. „Sieh ihn, den süßen Kimben,. den kleinen Tiger, meinen beißenden Liebling." Der König bedeckte seine Arigen. Mer er hatte iwchj gesehen, wie Lerina den Arm um deir Nacken dep Prinzessin! legte und ihr schamlos, ivild und roh in den! Ausschnitt des lKleides griff. Er hörte einen lustvollen Seufzer. Mer „Lernra!" rief es da gedämpft. ,-Lerma! .Lernia!" Es war der Inspizient. Das Stichwort des Mafen fiel. „Lerma, 'raus!" Der riß sich los. Er wandte sich noch einmal nur: Da stand der König ab gewandt, das Gesicht in seinen Hut gedrückt, seine Schulterir bebten, er schwankte als Mnde er im Sturm. Lerma sttirzte auf die Bühiw, er War eitel Triumph, er kormte sich nicht beherrschen, sein« Augen loderten, sein Mund bebte inr Glück befriedigter Mißgunst: In einem war er den: großen Schauspieler Mer: er nahm ihnk das Weib rveg! „Das ist teuflisch!" schrie er den .Freunden zü, mtflanemt, begeistert, gegen Vorschrift seiner triunrphierend. Er trat an die Rampe, er schleuderte es ins Publikuni hinaus, er sang seinen Triumph zur Galerie hinauf, riß eifersüchtig dem Souffleur bas Wort vom Mu-ndc: „'Der König hat geweint!" Und konnte sichWNt dem eiircmnml nicht genug tun, sah sich unr, vor Lust bebend, Seligkett in der Stimme, irief noch einmal: „Der König hat gewelM." Und eilte hinaus. Domingo rief: „Geivemt?" Und alle obeir auf der Bührre, in Licht und» Glanz, zpsmmnentretend, flüsternd, scheu, erschüttert, erstaunt 'und zioeifelnd, duiirpf, als wäre es eilt tödliches Geheimnis, wiederholten die ungeheuerlichen Worte in einer Frage, deren Scham plötzlich das ganze Haus befiel: „Der König hat gerveutt?"